N. Frei u.a. (Hrsg.): Unternehmen im Nationalsozialismus

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Titel
Unternehmen im Nationalsozialismus. Zur Historisierung einer Forschungskonjunktur


Herausgeber
Frei, Norbert; Schanetzky, Tim
Erschienen
Göttingen 2010: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
222 S.
Preis
€ 15,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marc Buggeln, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Während parallel die Kontroverse um die Handlungsmöglichkeiten der Unternehmen im Nationalsozialismus zwischen Christoph Buchheim/Jonas Scherner und Peter Hayes in lange Zeit nicht mehr gehörter Schärfe ausgetragen wurde, versuchten Norbert Frei und Tim Schanetzky auf einer im Dezember 2009 in Jena ausgerichteten Konferenz das Thema zu historisieren.[1] Schon ein Tagungsbericht legte als Ergebnis jedoch nahe, dass eine Historisierung im Angesicht von „smoking guns“ wohl erst bedingt möglich ist.[2] Diesen Eindruck bestätigt der im Wallstein Verlag veröffentlichte Tagungsband nachdrücklich. Viele der Beitragenden waren und sind in den Debatten zu eingespannt, um bereits aus größerer Distanz sowohl den Gegenstand als auch ihre eigene Rolle zu historisieren.

Auch wenn darum eines der Hauptziele der Konferenz verfehlt wird, ist nichtsdestotrotz ein Band entstanden, der erste Spuren für weitere Debatten auszulegen vermag. Er umfasst zwölf kurze Beiträge von je zwischen fünf und fünfzehn Seiten Länge; zusätzlich sind auch die Diskussionen am Ende der jeweiligen Panels im Band dokumentiert. Insgesamt fällt auf, dass es sich in jeder Hinsicht um eine sehr deutsche Debatte handelte. Nicht nur ist mit Neil Gregor nur ein einziger nicht-deutscher Historiker im Band vertreten, auch die Beiträge kranken wie die bisherige Forschung daran, dass der Blick völlig auf NS-Deutschland beschränkt bleibt und keine Vergleiche mit der britischen, der US-amerikanischen oder der italienischen Rüstungsindustrie gezogen werden. Häufig gilt es deswegen ein großes Fragezeichen hinter Phänomene zu setzen, die als spezifisch nationalsozialistisch beschrieben werden. Eine international vergleichende Einordnung der Unternehmenspolitik bleibt damit die große künftige Aufgabe der Forschung.

Den in fünf Panels geordneten Beiträgen ist eine Einleitung von Norbert Frei vorangestellt. Bereits diese zeigt jedoch, dass auch die Tagungsausrichter nur bedingt zu einer Historisierung beitragen wollten. Denn im Beitrag von Frei steht nicht die historische Beurteilung geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisprozesse im Vordergrund, sondern vielmehr die Qualifizierung der damaligen Studien, um von hier ausgehend zukünftige Forschungsperspektiven zu benennen. Schon das recht überschwängliche Lob der Beiträge von Martin Broszat und Karl Dietrich Bracher aus dem Jahr 1969 zeigt dies. Am interessantesten ist aber sicherlich sein Vorschlag, dass man in Zukunft besser nicht mehr von der Wirtschaft im Nationalsozialismus, sondern von der Wirtschaft des Nationalsozialismus sprechen sollte. Er kritisiert damit die aus seiner Sicht inzwischen weitgehend hegemoniale Position, die von einem Primat der Politik im Nationalsozialismus ausgeht, aber gleichzeitig im Bereich der Wirtschaft selbst einen Primat der Ökonomie gegeben sieht. Frei sieht hingegen den Bereich der Wirtschaft so stark von politischen Motivationen durchdrungen, dass er die Behauptung von wirtschaftlicher Teilautonomie nicht für sinnvoll hält. Er hat mit dieser Kritik insofern recht, als dass beispielsweise die ebenfalls der „Mannheimer Schule“ zugerechnete Arbeit von Michael Ebi über die frühe Außenwirtschaftspolitik im Dritten Reich zu einseitig nur wirtschaftliche Aspekte diskutiert und politische Fragen zu weit marginalisiert.[3] Ganz recht hat Frei auch damit, dass die Bereiche Politik und Wirtschaft aufs engste miteinander verwoben waren. Aber sein Formulierungsvorschlag scheint mir letztlich doch in die falsche Richtung zu gehen, weil er ein zu einseitiges Beziehungsverhältnis nahelegt. Er evoziert die Vorstellung davon, dass der Teilbereich der Politik (der Nationalsozialismus) den Bereich der Wirtschaft dominierte. Dies ist jedoch irreleitend, weil Eigengesetzlichkeiten des wirtschaftlichen Bereiches bestehen blieben und der Bereich der Wirtschaft andererseits auch versuchte, auf den Bereich der Politik Einfluss zu nehmen, ohne dass es deswegen sinnvoll wäre, vom „Nationalsozialismus der Wirtschaft“ zu sprechen. Aus diesem Grund scheint mir der Formulierungsvorschlag zu sehr auf einen „Primat der Politik“ hinauszulaufen, während Frei doch an anderen Stellen des Aufsatzes dafür plädiert, die alte Dichotomie aufzuheben und viele Beispiele dafür aufführt – zum Beispiel aus dem Bereich der Wissenschaft –, die zeigen, dass diese Dichotomie Erkenntnisse eher verhindert.

Ralf Ahrens betont in seinem Beitrag, dass die Anklagebegründungen in den Nürnberger Prozessen gegen Vertreter der Wirtschaft zu stark an Verschwörungsvorstellungen geknüpft und für die weitere Forschung dadurch eher hinderlich waren. Demgegenüber hält er Franz Neumanns „Behemoth“ (1942/44), welches auch von der Anklagebehörde genutzt wurde, für ein differenziertes und noch heute interessantes Werk, insbesondere weil dort festgehalten wird, dass im Dritten Reich bis zum Schluss ein im Grundsatz privatkapitalistisches System bestehen blieb. Deswegen existierte auch weiterhin unternehmerisches Rationalverhalten, allerdings bei einem gleichzeitigen – und von Neumann zu wenig betonten – dramatischen Verfall moralischer Verhaltensstandards.

Jörg Osterloh kommt in seinen Ausführungen zu dem Ergebnis, dass die unternehmensgeschichtlichen Arbeiten von DDR-Historikern wenig Erkenntnisgewinn beinhalten, weil sie zu stark von den geschichtspolitischen Interessen der SED dominiert worden wären. Der Beitrag geht dabei jedoch zu weitgehend von einem bis ins Kleinste durchsetzungsfähigen totalitären Staat aus. Die stärker gesamtwirtschaftlichen Arbeiten, etwa von Dietrich Eichholtz und Lotte Zumpe, zeigen ja, dass die Direktiven eben nicht bis ins Detail gingen und einigen Raum für auch heute noch interessante Forschung ließen.[4] Zu fragen bleibt darum, warum die unternehmenshistorischen Arbeiten gegenüber den gesamtwirtschaftlichen Analysen in der DDR so deutlich abfielen.

Carola Sachses Blick auf die Primat-Diskussion zwischen Timothy Mason und drei DDR-Historikern und ihre Langzeitwirkung ist stark biographisch geprägt. Sie vermerkt, dass sich bei ihr „allergische Symptome“ (S. 50) beim Lesen der alten Texte einstellen würden. Leider bleibt sie jedoch bei einer sehr kurzen Diskussion der Texte und verzichtet ganz auf die Darstellung der anschließenden Beiträge in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren. Stattdessen betont sie, dass die stark dichotomisch argumentierende Primat-Diskussion mit Ian Kershaw spätestens 1985 als hinderlich erkannt worden wäre und in der Berliner Arbeitsgruppe, an der sie beteiligt war, überhaupt keine Rolle mehr gespielt hätte. Dem könnte man mit einem im Buch vertretenen Diskussionsbeitrag von José Brunner entgegnen, ob hier Geschichte nicht zu sehr als linearer Erkenntnisfortschritt gedacht wird und in den alten Debatten vielleicht auch spannende Fragen diskutiert wurden, die heute nicht unbedingt gelöst, sondern nur noch selten verhandelt werden. So liegt heute der Fokus ganz eindeutig darauf zu ermitteln, inwieweit die Unternehmen in ihren jeweiligen Feldern eigenständig handeln konnten oder starken Zwängen des Staates ausgesetzt waren. Die in der Primat-Diskussion sehr viel zentralere Frage, ob Unternehmen und die Wirtschaftsverbände nicht auch Einfluss auf das Handeln des NS-Staates nahmen, ist hingegen fast gänzlich in den Hintergrund gerückt.

Tim Schanetzky ist noch am stärksten um die Historisierung der Debatte bemüht. Er stellt fest, dass die Abwehrfront der Unternehmen in den 1970er-Jahren gegenüber allen Anschuldigungen moralischer Schuld noch sehr fest stand. Diese gerät erst ins Wanken, als sich die „Neuen Sozialen Bewegungen“ in den 1980er-Jahren für das Thema zu interessieren begannen. Schanetzky breitet dies anhand des Streits um zwei Studien zur Unternehmensgeschichte von Daimler-Benz Mitte der 1980er-Jahre aus.[5] Er betont dabei die Schwächen beider Studien, hält aber auch fest, dass die „lebhafte Kampfsituation“ – eine schöne Wehler-Adaption – der 1980er-Jahre dazu geführt habe, dass die Unternehmensgeschichte insgesamt kritischer geworden sei und die vorher dominante „Festtagshistorie“ an Bedeutung verloren habe.

Neil Gregor bemüht sich um eine Historisierung der Entwicklung der letzten zwanzig Jahre. Als Fazit aus der aktuellen Forschungskontroverse schlägt er die abgewandelte Marx-Formulierung vor, „dass die Unternehmen des ‚Dritten Reiches‘ ihre eigene Geschichte machten, aber sie machten sie nicht unter selbstgewählten Umständen“ (S. 88). Abschließend vermutet er, dass auch die kritische Unternehmensgeschichtsschreibung nur bedingte Veränderungen in den Unternehmen selbst hervorgerufen habe, sondern dass diese mit „kalte[m] Pragmatismus“ (S. 93) deren Ergebnisse zu ihren Gunsten gewendet hätten.

Cornelia Rauh betont die Schwierigkeiten, Bürgertumsforschung und Unternehmensgeschichte zum Nationalsozialismus zusammenzubringen, wobei insbesondere fehlende Quellen eine Rolle spielten. Insgesamt plädiert sie dafür, stärker als bei Buchheim und Scherner die Gefahren von Willkür und Bestrafung für Unternehmer zu betonen. Jonas Scherner legt noch mal nachdrücklich seine Position im aktuellen Streit dar. Überzeugend argumentiert er, dass die Unternehmen erhebliche Handlungsspielräume besaßen und der nationalsozialistische Staat gegenüber den Unternehmen vielmehr auf Anreize denn auf Zwang setzte. Dieter Ziegler betont den raubwirtschaftlichen Charakter des Dritten Reiches, der gerade bei der Enteignung ‚jüdischen‘ Besitzes sichtbar geworden sei und zu einem völligen Verfall von Kaufmannsmoral geführt habe. Abschließend betont er, dass aus seiner Sicht ein behutsameres Vorgehen für den NS-Staat von Vorteil gewesen wäre, weil durch die Brutalität viele Geschäftsverbindungen durchschnitten worden seien, die für die deutsche Wirtschaft von erheblicher Bedeutung hätten sein können.

Zusammenfassend bietet der Band einen guten Überblick über den Stand der Diskussion zum Verhalten von Unternehmen und Unternehmern im Nationalsozialismus. Für eine Historisierung der Debatten vermögen die Beiträge jedoch bestenfalls erste Hinweise zu geben. Die Kürze der Beiträge ermöglicht zwar einerseits einen schnellen Einblick und eine Konzentration auf wenige Hauptthesen, andererseits bleibt dadurch vieles auch unausgeführt. Insgesamt dürfte der Band darum insbesondere für Einsteiger in die Fragestellung interessant sein, weil zentrale Punkte in komprimierter Form und auf dem aktuellen Stand zusammengefasst werden.

Anmerkungen:
[1] Peter Hayes, Corporate Freedom of Action in Nazi Germany, in: GHI Bulletin 45 (Fall 2009), S. 29-42; Christoph Buchheim/Jonas Scherner, Corporate Freedom of Action in Nazi Germany: A Response to Peter Hayes, in: ebd., S. 43-50; Peter Hayes, Rejoinder, in: ebd.: S. 52-55.
[2] Tagungsbericht von Ulrike Schulz Unternehmen im Nationalsozialismus. Zur Historisierung einer Forschungskonjunktur. 10.12.2009 – 12.12.2009, Jena, in: H-Soz-u-Kult, 22.02.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3005> (17.11.2011).
[3] Michael Ebi, Export um jeden Preis. Die deutsche Exportförderung 1932-1938, Stuttgart 2004.
[4] Dietrich Eichholtz, Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft, Bde. I und II, Berlin (Ost) 1969 und 1985; Helga Nussbaum / Lotte Zumpe (hrsg. im Auftrag des Instituts für Wirtschaftsgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, Berlin), Wirtschaft und Staat in Deutschland. Eine Wirtschaftsgeschichte des staatsmonopolistischen Kapitalismus in Deutschland vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1945. In 3 Bdn. Band 3: Lotte Zumpe, Wirtschaft und Staat in Deutschland 1933–1945, Vaduz 1980.
[5] Hans Pohl / Stephanie Habeth / Beate Brüninghaus, Die Daimler-Benz AG in den Jahren 1933 bis 1945, Stuttgart 1986; Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts (Hrsg.), Das Daimler-Benz-Buch. Ein Rüstungskonzern im ‚Tausendjährigen Reich‘, Nördlingen 1987.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.11.2011
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