A. Kirchhof: Frauen und Berliner Bahnhofsmission

Titel
Das Dienstfräulein auf dem Bahnhof. Frauen im öffentlichen Raum im Blick der Berliner Bahnhofsmission 1894-1939


Autor(en)
Kirchhof, Astrid Mignon
Reihe
Beitrage zur Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung 11
Erschienen
Stuttgart 2011: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
274 S.
Preis
€ 52,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mareike König, Deutsches Historisches Institut, Paris

Die Migration junger und sehr junger Frauen vom Land in die Großstadt wurde Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Massenphänomen. Die Großstadt versprach Arbeit als Dienstmädchen, ein beliebter Beruf auf Zeit, für den keine spezielle Ausbildung benötigt wurde. Auch war weder Anfangskapital noch ein Zimmer notwendig, wurden die Mädchen doch bei ihren Dienstherren mit Kost und Logis versorgt. Diese vermeintliche Einfachheit der Migration barg Chancen, aber auch Risiken, da eine soziale Absicherung beispielsweise ganz fehlte. Obwohl viele der jungen Frauen über ihre eigenen Netzwerke verfügten und sich im Wissen um eine Stelle auf den Weg machten, verlief der Aufenthalt dort – fremd und neu in der Großstadt mit nur wenig Erspartem – nicht immer wie geplant und erhofft: Kuppler und unseriöse Werber warteten schon auf den Bahnhöfen auf die Neuankömmlinge, um ihnen Stelle und Unterkunft zu versprechen, sie letztlich aber in Abhängigkeit zu bringen und teilweise in die Prostitution zu treiben. Um die ankommenden Frauen zu warnen, sie über die Großstadtgefahren aufzuklären und ihnen mit Rat, Essen und Unterkunft weiterzuhelfen, wurden Ende des 19. Jahrhunderts die christlichen Bahnhofsmissionen gegründet.

In ihrer kürzlich erschienenen Dissertation greift Astrid Mignon Kirchhof dieses Thema auf und thematisiert die protestantischen Missionen an den Fernbahnhöfen Berlins in der Zeit von 1894 bis zu ihrem Verbot durch die Nationalsozialisten im Jahre 1939. Ihr Zugriff auf das Thema ist auf den ersten Blick originell: Unter Verwendung des relationalen Raumbegriffs von Martina Löw[1] möchte Astrid Kirchhof verdeutlichen, wie die Frauen – und hier vorwiegend die Bahnhofsmissionarinnen – ihre Räume beeinflusst durch Reichtum, Wissen, Rang und Assoziation konstituierten und gegen wen sie diese Räume verteidigten (S. 25). Astrid Kirchhof gelingt es, dies an praktischen Beispielen zu veranschaulichen. Gleichzeitig gehen die Ergebnisse ihrer Studie jedoch weit über diese letztlich eher engführende Fragestellung hinaus. So wünscht man sich bei der Lektüre des sehr gut und flüssig geschriebenen Buches manchmal einen weniger konstruierten Aufbau, der die vielen Exkurse zum Beispiel zu den Lebensläufen zweier Bahnhofsmissionarinnen oder zu Plakaten, Leuchtreklame, Film und Radio besser integriert und manche Wiederholung vermieden hätte. Angesichts der Gesamtleistung des Buches ist diese Kritik jedoch nachgeordnet.

Die Arbeit ist neben der Einleitung in fünf Hauptkapitel gegliedert. Zunächst geht es um das weltanschauliche Konzept der Bahnhofsmission und ihre stereotype Vorstellung von „gefährdeten“ Frauen und „wandernden“ Männern, eine Vorstellung, zu deren Langlebigkeit die Bahnhofsmissionen entscheidend beigetragen haben. Das nächste Kapitel ist der praktischen Arbeit der Missionarinnen am Bahnhof gewidmet. Kapitel IV thematisiert das Vereinsleben und die überregionale Verbandspolitik, unter anderem anhand der Öffentlichkeitsarbeit und Werbetätigkeit. Das Ende der Bahnhofsmission in der Zeit von 1933-1939 wird in Kapitel V behandelt. Das letzte Kapitel schließlich bietet eine Zusammenfassung der Ergebnisse im Hinblick auf die Konstitution, Erhaltung und Beschränkung öffentlicher Räume.

Astrid Kirchhof zeigt, dass die Fernbahnhöfe mit ihren Cafés und Geschäften als Raum kein geschlossener Mikrokosmos waren, sondern in Wechselwirkung mit den umliegenden Stadtbezirken zu betrachten sind. Oftmals verließen die Missionarinnen den Bahnhof mit den ortsfremden jungen Frauen, um diese zu ihrem Aufenthaltsort zu begleiten. Die Hauptzahl der Missionarinnen war ehrenamtlich tätig. Ihre Uniform oder eine Armbinde wies sie als zur Bahnhofsmission zugehörig aus, „entsexualisierte“ sie in gewisser Weise, so dass ihr öffentliches Auftreten sichergestellt wurde. Die Aktivitäten der Bahnhofsmissionarinnen zeigen auch, so schlussfolgert Kirchhof überzeugend, dass die Trennung in eine private und eine öffentliche Sphäre, bei der Frauen und Männern jeweils ein Bereich zugeordnet wird, „wenig tauglich ist“ (S. 252).

Viele der Frauen kamen aus Nächstenliebe zur Bahnhofsmission, weil sie Menschen in Not helfen wollten, aber auch um einer Beschäftigung außerhalb des Hauses nachgehen zu können und somit Abwechslung in ihr Leben zu bringen. Gerade das Ehrenamt machte es den verheirateten Frauen überhaupt erst möglich, sich Räume zu verschaffen und Bahnhofsmissionarin zu werden, da die Ehemänner einer bezahlten Tätigkeit eher nicht zugestimmt hätten. Von den Frauen wurden zahlreiche Qualifikationen verlangt: Neben der Ortskenntnis sollten Fremdsprachenkenntnisse und wenn möglich auch juristische, medizinische, psychologische und seelsorgerische Kenntnisse vorhanden sein (S. 68).

Das fürsorgerische Hauptaugenmerk der Bahnhofsmission lag auf jungen, ländlichen Zuwanderinnen, die nach Berlin kamen, um eine Anstellung zu suchen, aber auch allein reisende Kinder, blinde Reisende oder Mütter mit Babys wurden betreut, denn oftmals ging es nur darum, Umsteigehilfe in den nächsten Zug zu leisten.

Es blieb aber nicht nur bei der Arbeit direkt am Bahnhof: An die angekommenen Frauen vom Lande, deren Adresse man sich notiert hatte, wurden auch Einladungen und Anschreiben verschickt. Diese Aktionen führten jedoch nur bei unter 2 Prozent der Angeschriebenen zu einer Antwort. Astrid Kirchhof schließt daraus, dass die Angebote der Bahnhofsmission in diesen Fällen an den realen Arbeits- und Lebensverhältnissen der Frauen vorbeigingen. Die Berliner Missionen schafften für die Dienstmädchen zwar einen Raum aus Schutz, Kontrolle, Hilfeleistung und Überwachung, doch die so betreuten Frauen wurden durch diese Maßnahmen auch in ihrer Freiheit beschnitten.

Eine weitere Interpretation für die geringe Anzahl der Rückmeldungen wäre jedoch, dass die Frauen auch andere Mittel und Wege fanden, um sich zu helfen, und sich so Räume außerhalb der Bahnhofsmission schufen, in denen sie sich freier bewegen konnten. Damit ließe sich auch die Bilanz am Ende des Buches in Bezug auf Macht und Größe der geschaffenen Räume etwas abmildern. Sicherlich, die von den verschiedenen Frauengruppen konstituierten Räume waren „stark begrenzt“(S. 213), bis sie mit dem Verbot der Bahnhofsmissionen unter den Nationalsozialisten dann ganz wegfielen. Doch zeigen autobiographische Zeugnisse beispielsweise bei Dienstmädchen, dass sie ihre Situation oftmals weniger eingeschränkt sahen, als es uns aus der heutigen Sicht erscheinen mag.

Anmerkung:
[1] Martina Löw, Raumsoziologie, Frankfurt am Main 2001.