J. Frohn: Literaturaustausch im geteilten Deutschland 1945–1972

Cover
Titel
Literaturaustausch im geteilten Deutschland 1945–1972.


Autor(en)
Frohn, Julia
Reihe
Forschungen zur DDR-Gesellschaft
Erschienen
Anzahl Seiten
496 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Kötzing, Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, Dresden

Was für ein ambitioniertes Projekt! Nicht weniger als eine Geschichte des deutsch-deutschen Literaturaustauschs von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zur Unterzeichnung des Grundlagenvertrags im Dezember 1972 verspricht der Titel von Julia Frohns Dissertation, die an der Humboldt-Universität zu Berlin entstanden ist. Um es gleich vorwegzunehmen: Selbstverständlich kann die Studie diesen Anspruch nicht vollends einlösen. Das weite Feld der deutsch-deutschen Literaturbeziehungen lässt sich auf 500 Seiten nicht komplett beackern. Selbst 5000 Seiten würden wahrscheinlich nicht ausreichen, um die gesamte Vielfalt von offiziellen (und inoffiziellen) Kontakten zwischen Schriftstellern, Verlegern, Börsenvereinen, Buchmessen, politischen Entscheidungsträgern und nicht zuletzt den Lesern in beiden deutschen Staaten zu schildern. Dass Julia Frohn sich trotzdem an das epische Thema gewagt hat, verdient Respekt, zumal ihr Buch eine bemerkenswerte Tiefe erreicht und in vielen Breichen neue Perspektiven eröffnet.

Wie schlägt man nun überhaupt eine Schneise durch die Vielfalt der deutsch-deutschen Literaturkontakte? Frohn hat sich gegen eine klassische, chronologisch erzählte Geschichte entschieden und ihr Thema stattdessen nach unterschiedlichen Aspekten aufgeteilt. Sie schildert im ersten großen Kapitel (S. 27–137) zunächst überblicksartig die Entwicklung des Buch- und Verlagswesens in Ost und West, den direkten Austausch von Druckwaren und schließlich den Handel mit Lizenzsausgaben – jeweils für den gesamten Untersuchungszeitraum. Die systematische Gliederung des Überblickskapitels hat einen großen Vorteil: Wer sich zielgerichtet (nur) für eines dieser Gebiete interessiert, findet schnell und präzise die passenden Informationen. Die Herangehensweise hat aber auch einen gravierenden Nachteil, zumindest für alle Leser, die sich grundsätzlich für das Thema interessieren und das Buch etwas altmodisch von vorne bis hinten lesen: Die Wiederholung der zeitlichen Abläufe führt zwangsläufig zu Redundanzen und Überschneidungen. Beim Lesen gewinnt man zudem den Eindruck, dass eine Verzahnung der Bereiche durchaus möglich gewesen wäre, zumal es Frohn durchweg gelingt, das kleinteilige und vertrackte Beziehungsgefüge der literarischen Kontakte aufzuschlüsseln, ohne die politischen Rahmenbedingungen aus dem Blick zu verlieren. Sie kann dabei auch auf eine breite Forschungsliteratur zurückgreifen, denn einzelne Aspekte der literarischen Beziehungen sind in den vergangenen Jahren bereits ausführlich bearbeitet worden.[1] Frohn fasst diese Ergebnisse aber nicht nur prägnant zusammen, sondern wirft mit ihrer Zusammenschau neue Schlaglichter auf den Literaturaustausch. Insbesondere für die Phase nach dem Mauerbau, in der die deutsch-deutschen Kontakte nur vermeintlich zum Erliegen kamen, zeigt sie auf, dass die politische Zäsur von vergleichsweise kurzer Dauer war und das Interesse an Literatur aus dem jeweils „anderen“ Deutschland danach wechselseitig zunahm. Insgesamt ist ihr ein inhaltsreicher und hervorragend lesbarer Überblick gelungen. Lediglich der Abschnitt zur Zensur (S. 71–82) ist etwas (zu) kursorisch ausgefallen. Man vermisst hier Hinweise auf die konkreten politischen Akteure im Hintergrund und deren Handlungsspielräume, ebenso wie zum geschichtlichen Wandel der Zensurmaßnahmen, die sich nicht als starres, unveränderliches System verstehen lassen. Für die Bundesrepublik hat Josef Foschepoth zudem bereits 2012 aufgezeigt, dass das Ausmaß der Post- und Literaturkontrolle auf westdeutscher Seite erheblich umfangreicher war als Frohn annimmt. Involviert waren Foschepoth zufolge westdeutsche Bundesbehörden sowie die Alliierten und deren Geheimdienste – eine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen Forschungsergebnissen wäre spannend gewesen.[2]

Im zweiten Teil ihrer Untersuchung verdichtet Frohn ihren systematischen Überblick durch exemplarische Fallstudien, die sich konkret mit der Veröffentlichung westdeutscher Literatur in der DDR (S. 139–233) bzw. ostdeutscher Literatur in der Bundesrepublik (S. 261–369) beschäftigen. Ergänzt wird die Darstellung durch einen kurzen Exkurs über die sogenannten „Parallelverlage“, die in beiden deutschen Staaten über eigene Verlagshäuser verfügten, aber meist weitgehend unabhängig voneinander existierten (S. 235–260). Diese drei Kapitel bilden zusammengenommen das eigentliche „Herzstück“ von Frohns Untersuchung, weil sie den Literaturaustausch nicht nur abstrakt als eine kulturelle Facette deutsch-deutscher Beziehungen beschreiben, sondern die individuellen Umstände erfahrbar machen. Dies betrifft vor allem die Motive und Wirkungsmöglichkeiten von Lektoren und Verlegern, ihre persönlichen Beziehungen untereinander und die manchmal abenteuerlichen Versuche, allen politischen Widrigkeiten zum Trotz ein Buch im jeweils anderen deutschen Staat zu veröffentlichen. Prominente Persönlichkeiten wie Siegfried Unseld, Johannes R. Becher, Ernst Rowohlt, Walter Janka, Klaus Wagenbach oder Fritz J. Raddatz rücken dabei in den Mittelpunkt.

Anhand des Aufbau-Verlages, der sich frühzeitig für die Publikation westdeutscher Autoren in der DDR einsetzte, illustriert Frohn beispielsweise die ambivalenten Versuche, zwischen den ideologischen Vorgaben der SED, wirtschaftlichen Interessen und literarischen Ambitionen abzuwägen – ein Balanceakt, der manchmal gelang, öfter jedoch scheiterte, weil keine Druckgenehmigungen erteilt wurden. Der immense Einfluss der SED-Kulturbürokratie auf den deutsch-deutschen Literaturaustausch liegt auf der Hand. Frohn zeigt aber darüber hinaus, dass es neben den exponierten politischen Funktionären und den Verlagsleitern innerhalb der ostdeutschen Verlage weitere einflussreiche Persönlichkeiten gab, die ihre Handlungsspielräume geschickt auszuloten wussten, zum Beispiel die literarischen Gutachter, die mit ihren Stellungnahmen eine Veröffentlichung fördern oder torpedieren konnten.

Auch auf westdeutscher Seite waren die literarischen Austauschbeziehungen nie frei von Spannungen, im Gegenteil: Westdeutsche Verleger, die sich für die Publikation von DDR-Schriftstellern engagierten, saßen häufig „zwischen allen Stühlen“. Auf westlicher Seite gab es große politische Vorbehalte gegenüber intensiven Kontakten in die DDR, auf ostdeutscher Seite drohten ideologische Grabenkämpfe mit der SED-Kulturbürokratie. Nur ein Beispiel hierfür ist der „Fall“ Klaus Wagenbach, den Frohn detailliert beleuchtet. Mitte der 1960er-Jahre unternahm Wagenbach den ambitionierten Versuch, einen Ost-West-Verlag zu etablieren, und erregte damit großes Misstrauen in der Bundesrepublik. Neben Werken von Günter Grass, Ingeborg Bachmann oder Hans Werner Richter gab Wagenbach auch Publikationen von Stephan Hermlin, Johannes Bobrowski und Wolf Biermann heraus – letzterer wurde ihm schließlich zum Verhängnis, da sich die SED nach der Veröffentlichung von Biermanns „Drahtharfe“ von Wagenbach distanzierte und ein Einreiseverbot gegen ihn verhängte. Ostdeutsche Schriftsteller und Verlage konnten danach kaum noch mit Wagenbach kooperieren.

Dies sind nur einige wenige Beispiele aus Frohns Untersuchung. Viele weitere Fallstudien, an denen sie die Spannbreite der literarischen Beziehungen aufzeigt, ließen sich ergänzen. Insgesamt fußt die Arbeit auf einer breiten Quellenbasis, die staatliche Überlieferungen ebenso berücksichtig wie private Korrespondenzen aus den Verlagsarchiven. Insbesondere für die dezentralen Strukturen in der Bundesrepublik hat Frohn diverse Verlagsarchive durchforsten müssen – ohne Frage ein immenser Aufwand. Gleichwohl vermisst man in ihrer Darstellung eine Ebene, die für das Gesamtbild wichtig gewesen wäre, nämlich die der involvierten Bundesministerien auf der westdeutschen Regierungsseite. Anders als Frohn schreibt (S. 25), sind diese Akten – nach Ablauf einer 30jährigen Sperrfrist – durchaus im Bundesarchiv in Koblenz zugänglich, lediglich die Unterlagen des Verfassungsschutzes und des Bundesnachrichtendienstes sind für die Forschung gesperrt oder nur teilweise einsehbar. In den Korrespondenzen des Kanzleramtes, des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen, des Innenministeriums oder auch das Verteidigungsministeriums wären sicher interessante Einschätzungen zu finden gewesen. Wahrscheinlich hätte sich dadurch kein grundlegend verändertes Bild ergeben, aber gerade die Hintergründe markanter politischer Konfliktfälle auf westdeutscher Seite, wie zum Beispiel der „Ballonaffäre“ im Rowohlt-Verlag (S. 296f.), könnten mit diesen Unterlagen möglicherweise besser erklärt werden.

In ihrem abschließenden Resümee bündelt Frohn die wesentlichen Ergebnisse ihrer Untersuchung. Sie widersteht dabei zum Glück der Versuchung, die Vielfalt der aufgezeigten Beziehungen auf vereinfachende, allgemein gültige Thesen zu reduzieren. Die heterogenen literarischen Beziehungen, die sie – vor allem auf Ebene der Verlage – nachzeichnet, wurden stark von individuellen Persönlichkeiten geprägt. Sie erschließen sich daher auch am ehesten durch eine genaue Berücksichtigung des Einzelfalls, um die Vielfalt der Motive umreißen zu können. Was sich in den literarischen Beziehungen gleichwohl universell zeigt, ist das bis in die 1960er-Jahre hinein weit verbreite „gesamtdeutsche“ Denken bei vielen Verlegern, die der politischen Teilung zum Trotz mit einem nationalen Literaturverständnis agierten. Die gemeinsame Sprache ließ sich nicht teilen. Frohns Arbeit ist damit ein wesentliches Puzzlestück zu einer „asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte“ im Sinne Christoph Kleßmanns. Auf dessen gedankliche Vorarbeiten bezieht sich die Studie zwar an keiner Stelle explizit, sie steht aber gleichwohl in dessen Tradition.

Anmerkungen
[1] Vgl. u.a. Simone Barck/Martina Langermann/Siefgried Lokatis, „Jedes Buch ein Abenteuer“. Zensur-System und literarische Öffentlichkeiten in der DDR bis Ende der sechziger Jahre, Berlin 1997; Roland Berbig (Hrsg.), Stille Post. Inoffizielle Schriftstellerkontakte zwischen West und Ost, Berlin 2005.
[2] Vgl. Josef Foschepoth, Überwachtes Deutschland. Post- und Telefonüberwachung in der alten Bundesrepublik, Göttingen 2012; vgl. Dominik Rigoll: Rezension zu: Foschepoth, Josef: Überwachtes Deutschland. Post- und Telefonüberwachung in der alten Bundesrepublik. Göttingen 2012 / Waske, Stefanie: Nach Lektüre vernichten!. Der geheime Nachrichtendienst von CDU und CSU im Kalten Krieg. München 2013, in: H-Soz-Kult, 09.04.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19111> (06.07.2015).