B. Bannasch u.a. (Hrsg.): Rückkehrerzählungen

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Titel
Rückkehrerzählungen. Über die (Un-)Möglichkeit nach 1945 als Jude in Deutschland zu leben


Herausgeber
Bannasch, Bettina; Rupp, Michael
Erschienen
Göttingen 2018: V&R unipress
Anzahl Seiten
238 S.
Preis
€ 40,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Annette Wolf, Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow, Leipzig

Wie Maxim Biller kürzlich in seiner ersten Heidelberger Poetikvorlesung danach fragte, ob Deutschland ein Ort für jüdische Schriftsteller sei und im selben Atemzug emphatisch den deutschsprachigen Literaturbetrieb entlarvte[1], so nimmt auch der Sammelband von Bettina Bannasch und Michael Rupp die Motive jüdischer Autorinnen und Autoren, die nach dem Holocaust nach Deutschland zurückkehrten, in den Blick und analysiert gleichermaßen die deutsche Gesellschaft nach 1945. Somit schließt sich der Band an eine Remigrationsforschung an, die – teils in Weiterführung teils im Gegensatz zu dem seit den 1980er-Jahren entstandenen Forschungsfeld – die Symptomatik jüdischer Remigration untersucht und nicht bloß nach dem „Beitrag“ der Rückkehrer für den Aufbau einer demokratischen Nachkriegsgesellschaft fragt.

Dass der jüdischen Remigration nach 1945 eine eigentümliche Rolle in der Forschung zukommt, scheint insbesondere an einem zahlenmäßigen Missverhältnis zu liegen: Etwa 90 Prozent der deutschsprachigen Emigranten waren Juden oder von den Nationalsozialisten als Juden Verfolgte, es kehrten jedoch nur vier bis fünf Prozent von ihnen nach Deutschland zurück, während jeder Zweite der „politisch Verfolgten“ wiederkam.[2] Doch lässt sich darüber hinaus – zeitgenössisch wie in der historischen Forschung – ein Unbehagen bemerken, auf die spezifische Situation der jüdischen Rückkehrer einzugehen: „Nachdem sie als Juden ermordet worden sind, werden sie nun in einem posthumen Triumph zu Deutschen ernannt, deren Judentum zu betonen ein Zugeständnis an die antisemitischen Theorien wäre“[3], verwies Gershom Scholem auf dieses anhaltende Paradoxon.

Den Aufsätzen des vorliegenden Bandes ist die „interdisziplinäre Methode und die Beschäftigung mit literarischen Zeugnissen“ gemeinsam, die es ermögliche, „persönliche Haltungen, Bewältigungsstrategien und Ambivalenzen seitens der Remigranten“ (S. 10) herauszuarbeiten. Die elf Beiträge sind aus einem Kooperationsprojekt des Franz Rosenzweig Minerva Research Centers for German-Jewish Literature and Cultural History at The Hebrew University of Jerusalem und der Universität Augsburg hervorgegangen, das zum Ziel hatte, Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus der Geschichts- und Literaturwissenschaft in Austausch zu setzen.

JAN KÜHNE kontrastiert im einleitenden Beitrag die Überführung von Theodor Herzls Leichnam von Wien nach Jerusalem, wie sie 1949 tatsächlich stattfand, mit der durch den Schriftsteller Sammy Gronemann 1904 in der Kurzgeschichte „Theodor Herzls Heimkehr“ literarisch antizipierten Überführung, die vier Jahrzehnte zuvor dessen Zukunftsbedeutung bereits erkannte. Mit der Perspektive auf spezifisch zionistische Motive der Heimkehr legt Kühne eine Spur für den weiteren Band, die Narrative von Rückkehr und die Auseinandersetzungen um Heimat und Territorialfragen auf ihre verdrängten oder säkular verschobenen Implikationen zu befragen.

Die Mehrzahl der Aufsätze beschäftigt sich mit der Perspektive jener Intellektueller, die zwar nicht wieder in Deutschland lebten, aber in ihrem Werk die Entwicklung der deutschen Gesellschaft analysierten oder versuchten, die Debatte um die nationalsozialistische Vergangenheit mitzugestalten. Die Sojourners, die nur gelegentlich oder durch ihre Schriften nach Deutschland zurückkehrten, sind inzwischen eine etablierte Figur in der Remigrationsforschung und erweitern diese um ideengeschichtliche Fragen von Transfer und „cross-fertilization“. Dabei ist es bezeichnend, dass viele der im Band dargestellten Autorinnen und Autoren aus der Perspektive der Heimatlosigkeit, des Außenseitertums und der verweigerten Zugehörigkeit nicht nur ihre eigene Position und die Unmöglichkeit einer Rückkehr reflektierten, sondern auch Zukunftsvisionen für Deutschland oder Europa entwarfen. Dies gilt etwa für die Beiträge von VARUN F. ORT zu Hannah Arendt und MICHAEL LANGER zu Rudolf Kayser. MARGUERITE MARKGRAF untersucht Jean Amérys Verweigerung einer physischen Rückkehr, die er durch die Forderung einer Rückkehr zum Menschsein ersetzte, einer Würde, die nicht individuell wiederhergestellt werden könne, sondern der Anstrengung einer gesamten Gesellschaft bedürfe. Auch Margarete Susman setzte an die Stelle der Remigration etwas Anderes: eine Poetik des Exils, wie GERHILD ROCHUS in ihrem Beitrag zeigt, der auch eine „verweigerte Rezeptionsgeschichte eines jüdisch-weiblichen Denkens“ (S. 157) nachzeichnet.

OFER WALDMAN entwirrt eine spezifisch deutsch-deutsche Konstellation, die sich um die 1987 von Christa Wolf gehaltene Laudatio für den Heinrich von Kleist-Preisträger Thomas Brasch entwickelte. Dabei legt er verschiedene Ebenen der Debatte frei: Wolf habe Braschs elf Jahre zuvor unternommene Flucht aus der DDR nur als „intergenerationellen Konflikt“ verstehen und den „implizierten, jüdischen Konflikt“ (S. 188) nicht sehen können. Über Braschs gegenläufige Erfahrung in der DDR ging jedoch auch der 25 Jahre ältere, in der deutschen Literatur sozialisierte und ihr sein Leben lang verbundene Marcel Reich-Ranicki hinweg. Die sich hier auftuende, spezifisch jüdische generationelle Disparität wird auch in anderen Beiträgen verhandelt, wenn es um die sogenannte „Zweite Generation“, Kinder von Holocaust-Überlebenden, geht.

SEBASTIAN SCHIRRMEISTER und YONATAN SHILO-DAYAN liefern erhellende Einsichten von Palästina/Israel aus über die deutsche Gesellschaft im und nach dem Krieg. Während Schirrmeister aufzeigt, wie Amos Oz‘ Roman „Ein anderer Ort“ von 1966 dem dominanten zionistischen Narrativ entgegenläuft und zugleich diverse Motive für die Rückkehr nach Deutschland ausleuchtet, geht es Shilo-Dayan um eine Gruppe linker, aus Deutschland stammender Emigranten in Palästina, die in der Monatsschrift „Heute und Morgen: antifaschistische Revue“ Zukunftsszenarien für ein antifaschistisches Nachkriegsdeutschland entwarfen. Wenngleich prominente Mitglieder der Gruppe, wie etwa Arnold Zweig oder Ernst Loewy, tatsächlich zurückkehrten, so zeigt Shilo-Dayans aufschlussreiche Analyse der aus diesem Umfeld stammenden Utopien für ein marxistisches, „anderes Deutschland“, wie bitter enttäuscht diese später wurden. Ähnliches gilt für den Literaturwissenschaftler Hans Mayer, der 1945 nach Deutschland zurückkehrte, ab 1948 an der Universität Leipzig lehrte und 1963 in den Westen ging. MICHAEL RUPP untersucht Mayers essayistische Auseinandersetzung mit dieser Rückkehr, im Zuge derer er sich stets noch als „Deutscher auf Widerruf“ verstand. Die „‘Heimkehr in die Fremde‘“ (S. 114) ermöglichte demnach eine ethnographische Perspektive, die auch zum programmatischen Ausgangspunkt für Mayers Kritik an fehlgeleiteter Aufklärung und dogmatischem Marxismus wurde.

Mit KATHARINA BAURS und ANNA ZACHMANNS Beiträgen rücken zudem Auseinandersetzungen um Rückkehr in den Romanen von Doron Rabinovici und Edgar Hilsenrath in den Blick, wobei sich die Autorinnen explizit mit den literarischen Formen und Stilmitteln beschäftigen, mithilfe derer eine „Identitätssuche“ oder die Thematisierung des Holocausts möglich wird. Dabei fällt die Kontinuität auf, mit der etwa der 1961 in Tel Aviv geborene, seit 1964 in Wien lebende Schriftsteller Doron Rabinovici bis in die 2010er-Jahre Dichotomien von „Heimkehr und Fremde“ oder „Etablierten und Außenseitern“ thematisierte.

Insgesamt wird in den skizzierten intellektuellen Auseinandersetzungen die Problematisierung einer Gesellschaft deutlich, die denjenigen, die sie als Juden vertrieben hatte, kaum Angebote für eine Rückkehr als Juden machte. Dass sich die Unwiederbringlichkeit eines zerstörten Lebenszusammenhanges nicht durch eine territoriale Rückkehr aufheben ließ, äußerte sich in grundsätzlichen Reflexionen über die Bedingungen eines Neuanfangs nach dem Zivilisationsbruch. Bei aller gleichzeitig noch verspürten Verbundenheit, die sich etwa in dem Festhalten an der deutschen Sprache oder Dialogangeboten zeigte, überwog die Position der Heimatlosigkeit, des Außenseitertums, aus der heraus Vergangenheit und Zukunft reflektiert wurden. Die einzelnen Aufsätze ermöglichen neue Bezüge, indem sie ihren Gegenstand sowohl zeitlich als auch geografisch mal aus der Nähe, mal aus der Ferne beleuchten. Damit liefert der Band für die Remigrationsforschung sowie für die Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland nach 1945 erhellende Ergänzungen, indem er bisher weniger beachtete Autorinnen und Autoren mit einbezieht oder vermittelt durch die Perspektive aus den Ländern der Emigration grundsätzliche Aussagen über die Bundesrepublik und die DDR ermöglicht. Zudem werden durch den Bezug auf die „Zweite Generation“ gesellschaftliche Langzeitfolgen von Flucht, Exil und Remigration sichtbar. Mit der Verschiebung von Untersuchungszeiträumen weg von der unmittelbaren Nachkriegszeit geraten die noch nach Jahrzehnten anhaltende Marginalisierung und die Aporien jüdischen Lebens in Deutschland in den Blick.

Anmerkungen:
[1] Maxim Biller, Wer nichts glaubt, schreibt, in: WELT, 23.06.2018, https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article178087386/Maxim-Biller-Wer-nichts-glaubt-schreibt.html (02.07.2018).
[2] Vgl. Marita Krauss, Heimkehr in ein fremdes Land. Geschichte der Remigration nach 1945, München 2001, S. 9.
[3] Zitiert nach Monika Boll / Raphael Gross, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), „Ich staune, dass Sie in dieser Luft atmen können“. Jüdische Intellektuelle in Deutschland nach 1945, Frankfurt am Main 2013, S. 9–20, hier S. 11.