Cover
Titel
Furcht und Befreiung. Wie der Zweite Weltkrieg die Menschheit bis heute prägt. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt


Autor(en)
Lowe, Keith
Erschienen
Stuttgart 2019: Klett-Cotta
Anzahl Seiten
592 S., 45 SW-Abb., 17 Farbtafeln
Preis
€ 30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Kemper, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unverkennbar findet die europäische und internationale Wegmarke „1945“ schon seit einiger Zeit wieder ein gesteigertes Interesse. Nur auf den ersten Blick zeichnet sich damit eine eigentümliche Entwicklung ab. Denn je mehr der Zweite Weltkrieg und seine Nachkriegszeit aus dem erinnerten Horizont rücken, umso größer erscheinen die Bemühungen, beides an die Gegenwart heranzuführen. Die Phasen, in denen das Jahr 1945 vorrangig als „Stunde Null“ oder als Ende einer grausamen Gewaltepoche galt, sind erinnerungspolitisch nachvollziehbar gewesen – aber sie sind genauso vorbei wie das europäisch-transatlantische 20. Jahrhundert. Je weiter wir uns von der Mitte des 20. Jahrhunderts entfernen und so unklar gleichzeitig die Signatur des 21. Jahrhunderts bleibt, desto ausgeprägter ist das Bedürfnis, die Ereignisse um 1945 in ein längerfristiges Deutungsmuster zu integrieren, das die Gegenwart mit den Auswirkungen einer vergangenen und scheinbar allgemein bekannten Epoche verbindet.[1]

Der freischaffende britische Historiker Keith Lowe, der schon 2012 in „Savage Continent“ den gewalthaften Kontinuitäten des Zweiten Weltkriegs nachgegangen war [2], bietet mit seiner aktuellen Monographie „Furcht und Befreiung“ eine beispielhafte Umsetzung für dieses Anliegen. Bereits das frühere Buch beeindruckte und irritierte mit seinem typologisierenden und psychologisierenden Vorgehen [3]; diesmal wählt Lowe eine für einen Historiker ungewohnt offensive sozialpsychologische Herangehensweise. Der deutsche Titel und Untertitel leitet etwas in die Irre, denn es geht Lowe in „The Fear and the Freedom. How the Second World War Changed Us“ um von ihm psychologisch gedeutete Grundkonstanten menschlicher Gemeinschaften, die er im steten Widerstreit sieht: Angst und (der Wunsch nach) Freiheit. Zwischen diesen beiden Konstanten bewegten sich Lowe zufolge im 20. Jahrhundert Nationen und gesellschaftliche Kollektive, womit sich für ihn auch die zahlreichen Nachkriegskonflikte, Utopien und Fragmentierungen bis in die Gegenwart erklären lassen. Lowe will zwar erzählen, „wie der Zweite Weltkrieg die Menschheit bis heute prägt“, so der deutsche Untertitel, der in anderen Rezensionen im Vordergrund steht.[4] Aber mindestens ebenso geht es dem Autor um „uns“, um das gesellschaftliche Gefüge der Gegenwart. Denn die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs und der mit ihm verknüpfte Holocaust bestimmten nicht nur unmittelbar individuelle Schicksale, sondern sie führten auch zu gesellschaftlichen Verwerfungen, die individuell und kollektiv bis in die Gegenwart reichten.

In Lowes konsequent durchgehaltener Dramaturgie werden in einem ersten Schritt die individuellen Lebenswege sichtbar: Durch jedes Kapitel leitet die Biographie eines Menschen, der nicht unbedingt prominent ist, aber Spuren in den Geschichtsbüchern hinterlassen hat. Dazu zählen etwa Ogura Toyofumi, der als einer der ersten Japaner über das Erlebnis der atomaren Zerstörung Hiroshimas schrieb und publizierte, oder der ehemalige US-Bomberpilot Garry Davis, der die Bewegung der „Weltbürgervereine“ mitbegründete, oder der Offizier Carlos Delgado Chalbaud, der in Venezuela zwischen 1945 und 1950 gleich mehrmals putschte. Von der einzelnen Person ausgehend zieht jeder Abschnitt in einem zweiten Schritt immer weitere Kreise, bis die historischen Phänomene oder Themen an die Gegenwart heranreichen und den Erzähler Lowe erkennen lassen: als Historiker, Europäer und Briten. Der Autor ist in seinem Vorgehen präzise und eindeutig. Er erklärt Geschichte, und er lässt in keiner Zeile seines Buches einen Zweifel daran aufkommen, dass er daran glaubt, aus der Geschichte lasse sich lernen. Lowes Grundlektion lautet: Freiheitsdrang gehört zur menschlichen Natur, und Nationalismus ist sein Feind. Das ist als Debattenbeitrag zur gegenwärtigen politischen Diskussion, in der diverse Instrumentalisierungen von Geschichte an der Tagesordnung sind, sicher legitim. Aber der in populärwissenschaftlichem Stil angebotene Beitrag muss gleichwohl daraufhin befragt werden, welches Geschichtsbild er selbst entwirft und mit welchen Deutungen und Methoden er dabei vorgeht.

Die Überschriften der sechs größeren Teile, die jeweils aus mehreren Kapiteln bestehen, beginnen mit den „Mythen und Legenden“ im und um den Zweiten Weltkrieg; sie führen über größtenteils bis heute wirksame „Utopien“ (Gleichheit, Minderheitenrechte etc.) zu den unmittelbaren Versuchen nach Kriegsende, die internationalen Zerklüftungen wirtschaftlich, politisch und rechtlich wieder auszugleichen („Eine ungeteilte Welt“). In der Logik von Einheit und Teilung folgen Abschnitte über die „Zwei Supermächte“, über „Zweihundert Nationen“ und schließlich zu „Zehntausend Fragmente[n]“, wo die Kapitel explizit bis in die Gegenwart reichen. Lowe kann nicht nur erzählen, sondern er verfügt auch gekonnt über eine der wichtigsten Fähigkeiten des historisch Forschenden: Er weckt Neugier und Begeisterung für einen Gegenstand, der vermeintlich „ausgeforscht“ ist, auch weil er nahezu alle Kontinente in seine Erzählung einbindet. Entsprechend folgt die Einleitung Lowes Erstaunen und seiner Begeisterung für die vertrackten Wirkungszusammenhänge, die der Zweite Weltkrieg langfristig entfaltete – ein mitunter nicht dramatisierungsfreies Vorgehen. Kein „anderer Konflikt in der Geschichte“ habe sich je auf eine größere Zahl an Menschen ausgewirkt, „ganze Gesellschaften [wurden] umgekrempelt“, und vor allem sei das Wort Freiheit „in aller Munde“ gewesen, aber der Krieg habe auch die „die Saat einer neuen Furcht“ ausgebracht (S. 16–18).

So sehr Lowes Anliegen ins Auge springt, umso besser ist es, dass er es auch transparent benennt: Er wolle „die bedeutsamen destruktiven und konstruktiven Veränderungen […] beschreiben, die der Zweite Weltkrieg in der Welt auslöste“ (S. 19), aber mehr noch versuche er, „einen Blick hinter die vordergründigen Geschehnisse und Entwicklungen zu werfen, um die mythologischen, philosophischen und psychologischen Auswirkungen des Krieges zutage zu fördern“ (ebd.). In der Tat gibt Lowe in vielen Passagen bekannte Kriegsende- und Nachkriegsgeschichte wieder, aber er bereichert die Perspektive mithilfe seines biographischen Zugangs, den er im Sinne seiner Erzählung mitunter radikal verallgemeinert und mit Erfahrungen anderer zusammenfasst. Der möglichen Kritik am Verfahren entgegnet er nonchalant vorab, Geschichtsschreibung erfordere immer „eine Abwägung zwischen dem Persönlichen und dem Universellen, und nirgendwo ist die Beziehung zwischen diesen beiden Sphären bedeutsamer als in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs“ (S. 20). Diesem Diktum folgend steht auch einer pars-pro-toto-Erzählung nichts mehr im Wege, wobei die Rezensentin hier vor allem mit dem fachwissenschaftlichen Gebiss knirscht und zugleich dem Buch eine breite Resonanz beim allgemeinen Publikum wünscht. Denn die gerade an diesen Leser/innenkreis gerichtete Botschaft, Geschichte dürfe nicht für irredentistische Bewegungen und für den Ausschluss von Minderheiten instrumentalisiert werden, leuchtet nicht nur ein, sondern ist genau jenes öffentlich eingreifende Vorgehen, das von den Geisteswissenschaften aktuell gefordert ist.

Historiographisch interessant wird Lowes Darstellung wiederum, wenn er sein Erkenntnisinteresse an der „Beziehung zwischen Individuum und Gruppe“ (S. 20) formuliert. Anhand dieses Dauerthemas (nicht nur) des 20. Jahrhunderts entwirft Lowe ein interessantes Narrativ. Denn tatsächlich verbindet sich unsere Gegenwart mit dem 20. Jahrhundert durch den Grundkonflikt, wie sich der Anspruch des Einzelnen (bzw. einzelner Teile der Gesellschaft) auf Anerkennung und Repräsentation in einem Kollektiv verwirklichen lässt, wenn sich dessen kollektiver Charakter nicht auflösen soll. Die Mythen, mit denen etwa die Atombombe versehen wurde, waren dann (zeitweilig) kollektiv geglaubte Erlösungsphantasien, die Kriegserinnerungen der USA ein erster Schritt zum illusorischen Vollkommenheitsdenken und die Europäische Union ein Projekt kollektiver Erinnerungsverarbeitung, das nunmehr zerfalle. Lowe betont die zahlreichen gescheiterten Versuche nach 1945, die Welt zu einen, aber er verliert seine grundsätzlich positive Botschaft nicht aus den Augen. Schließlich seien etwa die Unabhängigkeitsbewegungen in den kolonisierten Ländern überwiegend gewalttätig gewesen, und neokoloniale Strukturen belasteten die entstandenen Nationen bis in die Gegenwart; gleichwohl lasse sich daraus lernen, dass „in unserer globalisierten Nachkriegswelt […] nichts und niemand mehr als wirklich unabhängig angesehen werden kann – ganz gleich, wie sehr wir uns das wünschen“ (S. 362). Es kann darüber gestritten werden, ob Lowe hier vehement moralisiert oder geschichtsphilosophische Breschen schlägt: Der Stringenz seiner Erzählung über die Gegenwart – denn darauf läuft jedes Kapitel hinaus – tut das keinen Abbruch.

Doch auch wenn sämtliche populärwissenschaftlichen Notwendigkeiten des Buches in Rechnung gestellt werden und seiner Botschaft ein Durchdringen zu populistischen Geschichtsdeutern sehr zu wünschen ist, bleibt Kritik. So ist das Buch wenig geeignet, um es in einem Durchgang zu lesen, denn das kapitelweise immer gleiche Vorgehen ist zwar eingängig, aber auf Dauer etwas ermüdend: Einzelschicksal, erste Verallgemeinerung, psychologische Deutung, Ausweitung des Grundkonflikts auf internationale Zusammenhänge, Heranführung an die Gegenwart. Widmet man sich dem Buch auf diese Weise, fällt wiederum sofort auf, dass sich unter den 25 explizit vorgestellten einzelnen Biographien gerade mal fünf Frauen finden. Auch aus geschlechterhistorischer Perspektive stellt sich somit ein gewisser Langeweile-Effekte des immer selben Dargebotenen ein: Denn die fünf Frauen tauchen in eben jenen Kapiteln auf, die entweder vom Kampf für Gleichberechtigung handeln oder von traumatischen Erlebnissen, die Frauen als Opfer zurücklassen. Petitessen, mag manch eine(r) denken, bei so einem großen narrativen Wurf. Aber Keith Lowe ist ein sehr guter Historiker und Erzähler, wie der Band unterstreicht. Insofern ist es schade, dass manche Vorentscheidungen letztlich doch einem recht konventionellen Geschichtsbild folgen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. meine Rezensionen zu Ian Buruma, ’45. Die Welt am Wendepunkt, München 2014 , in: H-Soz-Kult, 11.08.2015, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24208 (22.07.2019), und zu Martin Conway / Pieter Lagrou / Henry Rousso (Hrsg.), Europe’s Postwar Periods – 1989, 1945, 1918. Writing History Backwards, London 2019, in: H-Soz-Kult, 25.04.2019, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30418 (22.07.2019).
[2] Keith Lowe, Savage Continent. Europe in the Aftermath of World War II, London 2012; rezensiert von Jan-Henrik Meyer, in: H-Soz-Kult, 15.03.2013, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18758 (22.07.2019); dt.: Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943–1950. Aus dem Englischen übersetzt von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt, Stuttgart 2014.
[3] Siehe die Rezension von Jost Dülffer zur deutschen Ausgabe, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 9, 15.09.2015, http://www.sehepunkte.de/2015/09/27317.html (22.07.2019).
[4] Cord Aschenbrenner, Geboren aus Kanonen, in: Süddeutsche Zeitung, 10.06.2019, https://www.sueddeutsche.de/politik/zeitgeschichte-geboren-aus-kanonen-1.4481259 (22.07.2019); Thomas Speckmann, Der Zweite Weltkrieg hat unsere Gegenwart gestaltet, in: Neue Zürcher Zeitung, 11.06.2019, https://www.nzz.ch/feuilleton/keith-lowe-furcht-und-befreiung-wie-uns-der-weltkrieg-praegte-ld.1481364 (22.07.2019); Klaus Hillenbrand, Im Schatten der Katastrophe, in: taz, 20.07.2019, https://taz.de/!5609175/ (22.07.2019).