W. Schmitz: Grundriss der Inkunabelkunde

Cover
Titel
Grundriss der Inkunabelkunde. Das gedruckte Buch im Zeitalter des Medienwechsels


Autor(en)
Schmitz, Wolfgang
Reihe
Bibliothek des Buchwesens
Erschienen
Stuttgart 2018: Anton Hiersemann
Anzahl Seiten
X, 420 S.
Preis
€ 169,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Charlotte Kempf, Stuttgart

Im Verlauf der letzten Jahre hat sich innerhalb der Inkunabelforschung viel bewegt: Das Typenrepertorium wurde digitalisiert[1], mit dem "Universal Short Title Catalogue" entstand eine neue und äußerst hilfreiche Datenbank für Drucke des 15. und 16. Jahrhunderts[2], das Verzeichnis zur "Material Evidence in Incunabula" wurde initiiert[3] und zahlreiche Monographien und Sammelbände sind erschienen.[4] Doch so genau und detailliert die Projekte und Studien auf diesem Gebiet auch sind, so bot bislang vorrangig das 1925 erschienene Werk Handbuch der Inkunabelkunde von Konrad Haebler[5], dem Säulenheiligen der Inkunabelforschung, einen Überblick über das gedruckte Buch im 15. Jahrhundert, zentrale Begriffe und grundsätzliche Entwicklungen. Das Buch erschien 1966 in einer zweiten und damit bislang letzten, allerdings gegenüber der ersten unveränderten Auflage, die 1979 nochmals nachgedruckt wurde.

Auch wenn Haeblers Werk grundlegende Aspekte erklärte und für Jahrzehnte ein Standardwerk blieb, ist die Inkunabelforschung, wie die eingangs angesprochenen Projekte und Veröffentlichungen zeigen, längst nicht mehr auf dem Stand von 1925. Wolfgang Schmitz nimmt mit seinem Grundriss der Inkunabelkunde die Herausforderung an, ein neues Überblickswerk vorzulegen. War zunächst geplant, Haeblers Werk zu überarbeiten und zu aktualisieren, so löste sich Schmitz von dieser Absicht und verfasste eine thematisch an Haebler angelehnte, inhaltlich aber eigenständige Monographie. Diese Entscheidung ist zu begrüßen, da Schmitz einzelne Aspekte vertiefen sowie neue Bereiche hinzufügen kann. Insgesamt ist Schmitz‘ Darstellung wesentlich detaillierter, um mehrere Kapitel erweitert und stützt sich auf unvergleichlich mehr Forschungsliteratur. So widmet er beispielsweise im Unterschied zu Haebler den Paratexten sowie Schriftarten jeweils ein eigenes Kapitel, geht auf Layout, Druckvarianten und Fragmente ein und behandelt etwa bei den Illustrationstechniken eines Buches nicht nur den Holzschnitt wie Haebler, sondern auch Buchmalerei, Metallschnitt, Kupferstich und Kartendruck. Selbst der Notendruck und der Druck auf Pergament werden thematisiert. Ergebnis ist ein mehr als doppelt so umfangreiches Werk, das hoffentlich eine ebenso lange Rezeption erfahren wird wie dasjenige von Haebler.

Die Wahl des Autors für ein solches Unterfangen eines neuen Grundlagenwerkes hätte dabei nicht besser sein können: Schmitz war jahrelang Mitarbeiter an der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln und wurde schließlich 1999 zum Direktor ebendieser Bibliothek ernannt. Im gleichen Jahr erfolgte die Ernennung zum außerplanmäßigen Professor. Zudem ging er zahlreichen Lehraufträgen nach. Schmitz kennt daher das Inkunabelwesen von Seiten des wissenschaftlichen Umgangs sowie der Vermittlung. Seine Expertise merkt man dem Buch an: Er beherrscht nicht nur souverän die Forschungslage, sondern benennt immer wieder konkrete Inkunabeln als historische Quellen für seine Ausführungen.

Trotz einzelner kleiner Wiederholungen und zum Teil zu ausführlicher Zitate aus der Forschungsliteratur in einigen Kapiteln gelingt es Schmitz, den Leser zu fesseln, was auch an dem verständlichen und anschaulichen Sprachstil liegt. Sein Werk ist in sieben Kapitel aufgeteilt: Einleitung – Die Schriftträger – Vom Blatt zum Buch – Setzen und Drucken – Paratexte – Schrift und Type – Das Bild im Buch, womit dieser Aufbau grosso modo dem Prozess der Buchherstellung entspricht. Schmitz erläutert präzise den Prozess der Druckproduktion, geht auf Preisentwicklungen und die Entstehung von Zensurmaßnahmen und Privilegien ein oder stellt dar, in welchen europäischen Ländern welche Schriftart besonders verbreitet war.

Schmitz möchte keine Geschichte des Buches im 15. Jahrhundert schreiben (S. VIII) und wählt daher keinen im strengen Sinne chronologischen, sondern einen materialitätsgeschichtlichen Zugang für sein Thema. Dieser Zugang bietet sich für seinen Untersuchungsgegenstand hervorragend an, fokussiert er doch die Aspekte, die das Buch materialiter ausmachen: Schriftträger, Schriftarten, Prozess des Druckens und Setzens, Aufbau eines Buches oder seine Illustrationsmöglichkeiten etc.

Stärke des Buches ist, dass Schmitz stets deutlich macht, welche Elemente das frühe Druckzeitalter von der handschriftlichen Buchherstellung übernahm, wie sich dann das gedruckte Buch von der Handschrift zu lösen begann und schließlich mediale Elemente ohne Parallele zur mittelalterlichen Handschrift entstanden. Zu Beginn der Geschichte des gedruckten Buches greifen handschriftliche und gedruckte Elemente klar ineinander. Schon nach einigen Jahrzehnten emanzipierte sich aber das gedruckte Buch von der Handschrift, was nicht nur Auswirkungen auf das Medium des gedruckten Buches selbst, sondern auch auf die Produktion, die an der Buchherstellung beteiligten Berufsgruppen sowie die Vertriebs- und Verkaufswege hatte.

Großes Lob ist dem Verlag für die Gestaltung des Buches auszusprechen: Mit ansprechender Typographie, 58 schwarz/weiß- und 16 Farbabbildungen sowie einem angenehmen Schriftbild macht es Freude, das Buch zu lesen. Selbstverständlich hat diese Ausstattung auch ihren Preis. Mit 169 Euro liegt der Preis allerdings deutlich zu hoch für eine studentische Zielgruppe, der es als Grundlagenbuch dienen könnte. So wird das Buch vermutlich in der Hauptsache von Bibliotheken erworben werden anstatt von Studierenden, die Schmitz mit diesem Buch für ein in der universitären Lehre meist vernachlässigtes Thema hätte begeistern können. Dass das Buch aber von der Buchwissenschaft, der Geschichte, der Bibliothekswissenschaft und den Historischen Hilfswissenschaften rezipiert wird, sollte selbstverständlich sein.

Anmerkungen:
[1] Typenrepertorium der Wiegendrucke, https://tw.staatsbibliothek-berlin.de (30.08.2019).
[2] Universal Short Title Catalogue, https://www.ustc.ac.uk (30.08.2019).
[3] Material Evidence in Incunabula, https://www.cerl.org/resources/mei/main (30.08.2019).
[4] Aus der großen Fülle an Forschungsliteratur seien hier exemplarisch nur einige Titel der letzten Jahre genannt: Bibliothèque Nationale et Universitaire de Strasbourg (Hrsg.), Revue de la BNU. Gutenberg 1468–2018, Straßburg 2018; Lotte Hellinga, Texts in Transit. Manuscript to Proof and Print in the Fifteenth Century (Library of the Written Word 38 / The Handpress World 29), Leiden 2014; Christoph Reske / Wolfgang Schmitz, Materielle Aspekte der Inkunabelforschung. (Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens 49), Stuttgart 2017; Ulrich Johannes Schneider (Hrsg.), Textkünste. Buchrevolution um 1500. Begleitpublikation der Ausstellungen „Textkünste. Die Erfindung der Druckseite um 1500“, Universitätsbibliothek Leipzig, 07.10.2016–29.01.2017 und „Impressions premières – la page en révolution de Gutenberg à 1530“, Bibliothèque municipale de Lyon, 30.09.2016–21.01.2017, Darmstadt 2016.
[5] Konrad Haebler, Handbuch der Inkunabelkunde, Leipzig 1925.

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Veröffentlicht am
25.09.2019
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