E. Wintergerst: Die Ausgrabungen unter dem Niedermünster zu Regensburg III

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Titel
Die Ausgrabungen unter dem Niedermünster zu Regensburg III. Befunde und Funde der nachrömischen Zeit


Autor(en)
Wintergerst, Eleonore
Erschienen
München 2019: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
570 S.
Preis
€ 78,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Wozniak, Seminar für Mittelalterliche Geschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

Als der Prähistoriker Klaus Schwarz (1915–1985) im Jahr 1963 damit begann, die Kirche Niedermünster in Regensburg archäologisch zu untersuchen, war nicht abzusehen, dass die Ergebnisse erst 55 Jahre später der Forschung zur Verfügung stehen würden.[1] Zu verdanken ist die Präsentation der Befunde und Funde der nachrömischen Zeit Eleonore Wintergerst, die nun in der Serie „Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte“ die Grabungsergebnisse in zwei Einzelbänden vorgelegt hat. Eleonore Wintergerst, die durch ihre Dissertation zu Reihengrabfunden in und um Regensburg[2] als Spezialistin für das frühe Mittelalter in Bayern bekannt ist, bringt die notwendige Expertise für die nachträgliche Bearbeitung der Befunde mit.

Das im Bereich des ehemaligen Legionslagers gelegene Niedermünster in Regensburg bietet gerade für das Früh- und Hochmittelalter wichtige über Bayern hinausstrahlende Befunde. Die Ergebnisse der Ausgrabungen, die zu den größten Kirchengrabungen Deutschlands zählen, wurden hier auf zwei Bände verteilt: Der erste Band unter Mitarbeit von Arno Rettner enthält zunächst „Die Befunde der Völkerwanderungs- und Merowingerzeit“ (S. 22–33), die zusammengefasst „ein kleinräumiges und uneinheitliches Bild“ (S. 23) zeigen. So ist etwa die Datierung eines Palisadenwalls umstritten, und beim Grundriss eines Gebäudes mit wohl profaner Nutzung, welches mit den späteren Kirchenbauten in keinerlei Zusammenhang zu stehen scheint, muss von mindestens drei Räumen ausgegangen werden.

Im Kapitel „Die Befunde aus spätmerowingischer und karolingischer Zeit“ (S. 34–49) werden die Spuren des ersten Kirchenbaus (19,6 m lang, 10 m breit, 5,5 m langer Rechteckchor) präsentiert, der über verfallenen römischen Mannschaftsbaracken und Resten völkerwanderungszeitlicher Profanbebauung errichtet wurde. Die gefundenen Mauerreste sind von unterschiedlicher Qualität (Fundamente mit Fischgrätenmuster), und obwohl keine Fenster mehr erhalten sind, weisen verputzte/bemalte Kantenstücke (Kalkanstrich) auf abgeschrägte Laibungen hin. Nach einem Brand wurde der Kirchenbau erneuert und schließlich zur Stiftskirche umgebaut. Ein südlich gelegener Friedhof enthielt 86 Gräber. Die Toten (Männer, Frauen, Kinder) waren in der Regel in gestreckter Rückenlage beigesetzt. Die C-14-Daten weisen ins 7./8. Jahrhundert.

Im Abschnitt „Die Befunde aus ottonischer Zeit“ (S. 50–58) wird die ottonische Basilika beschrieben, für die der karolingische Vorgängerbau planmäßig abgebrochen wurde. Die dreischiffige Kirche mit östlichem Querhaus und drei Apsiden besaß ein 45 m langes und 18,5 m breites Langhaus. Von der ehemaligen ottonischen Kirche konnten Fragmente einer Chorschranke, vom Chorgestühl und von Altären dokumentiert werden. Der Kreuzgang schloss sich nördlich an. Die Bedeutung der Kirche liegt insbesondere in ihrer Funktion als Grablege des bayerischen Herzogs Heinrich I., des jüngeren Bruders des (späteren) Kaisers Otto I. Zu den in der Mitte des Querschiffes liegenden Grabbefunden zählen auch andere Personen aus Heinrichs Umfeld, wie seine Ehefrau Judith und deren Schwiegertochter Gisela von Burgund. An der Nordwand der Kirche findet sich zudem das Grab des Bistumspatrons Erhard. Gerade die Grabstätten wichtiger Persönlichkeiten – erinnert sei an die Befunde der ersten Frau Ottos I., Edgitha[3] – haben in den letzten Jahrzehnten viel Interesse erfahren, bieten sie als schmale Befundinseln doch oft einen sehr direkten Einblick in Bestattungsriten, aber auch in die Entwicklung von Wandputzen und zeitgenössischen Textilien.

Im Zentrum des folgenden Abschnitts „Die romanischen Befunde“ (S. 59–64) steht der romanische Neubau, für den um 1120 die ottonische Basilika abgebrochen wurde. Dieser Bau war nur unwesentlich größer, besaß kein Querhaus mehr, dafür zwei Türme. Spuren von zwei Feuern (1152, 1176), die diesen Neubau betrafen, sind bis heute zu sehen.
Während die Schwerpunktsetzung der Grabung auf älteren Schichten lag, werden im Band auch Befunde zum heute stehenden Kirchenbau und spätere Veränderungen dokumentiert. „Die gotischen Befunde“ (S. 65–70) betreffen vor allem die Ausstattung, Chorgestühl, Lettner, Erhardziborium, Judithhochgrab, Altäre und den Kreuzgang mit 20 spätmittelalterlichen Gräbern. Während die Kirchenmauern seit der Romanik unverändert blieben, wurde das Kircheninnere immer wieder baulich angepasst. Im Abschnitt „Befunde aus der Neuzeit“ (S. 71–74) werden die Ausstattung (Empore, Fatimakapelle, Erhardziborium), die Altäre (Kreuzaltar, Seitenaltäre), das Judithhochgrab u.a. beschrieben.

Daran schließen sich Betrachtungen der Funde (S. 77–121), eine „Archäologisch-historische Auswertung“ (S. 122–133) sowie die „Zusammenfassung“ (S. 134–140) an. Der abschließende „Katalog“ (S. 141–244) enthält eine Liste der Kleinfunde und der mittelalterlichen Werksteine, eine Liste nachrömischer Fundkomplexe ohne eindeutigen Befundzuweisung und eine Liste sicher römischer und vorgeschichtlicher Fundkomplexe. Auf die ausführliche Bibliografie folgen 112 teilweise farbige Tafeln.

Im zweiten Band sind insgesamt vier weiterführende Aufsätze zu finden: Peter Tureck und Stefan Achternkamp geben detailliert Einblick in die „Stuckfragmente aus dem Regensburger Niedermünster. Dokumentation der Befundbeobachtung“ (S. 257–308). Hinzuweisen ist dabei auf die teilweise polychrome Bemalung einiger Fragmente, die später mit weißer Schlämme überzogen wurden. Aufgrund ihrer Formen konnte eine Rekonstruktion als „Sitzende Figur mit Schlüssel“ vorgeschlagen werden, „vermutlich eines sitzenden Heiligen“ (S. 291). Andere Fragmente lassen Rekonstruktionen von Stucksarkophagen zu.

Insgesamt sind 1300 vorromanische Wandmalereifragmente geborgen worden. Anna Skriver berücksichtigt in ihrem Katalog „Die frühmittelalterlichen Wandmalereifragmente im Niedermünster“ (S. 309–424) alle diese Fragmente, um eine ganze Reihe von Rekonstruktionen der Malereien auf Friesen, Sockelfriesen, Fensterlaibungsflächen und -kanten bis hin zu Gesichtspartien von Heiligen oder Engeln vorzuschlagen. An Schriftresten kommt lediglich eine zeitlich nicht einzuordnende römische „II“ vor. Übersichtfotos der zeitlich und inhaltlich sortierten Fragmente verdeutlichen den immensen Arbeitsaufwand für diese Analysen.

In den drei Gräbern westlich des Altars in der Hauptapsis des ottonischen Kirchenbaus haben sich auch Textilreste erhalten. Tracy Niepold analysiert diese in einem mittlerweile „stark geschädigten und weit abgebauten Zustand“ (S. 427) vorliegenden Reste in ihrem Kapital „Die Textilfunde“ (S. 425–454). Aus dem Grab Heinrichs I. von Bayern stammen vorwiegend kleinere Fragmente, die zwei Gewebetypen zugordnet werden konnten. Obwohl aus dem Grab Giselas von Burgund großflächigere Fragmente stammen, macht deren hoher Verbräunungsgrad eine Beurteilung unmöglich; aus einem dritten Grab stammt immerhin ein rot und gelblich gemustertes Brettchengewebe aus Seide. Niepold resümiert, dass „im Falle der Bestattungen Heinrichs I. und Giselas […] das Fehlen jeglicher kostbarer Textilien ein auffälliger Umstand [ist].“ (S. 442). Abschließen geht Sascha Heckmann noch kurz auf ein „Panzerfragment aus Regensburg“ (S. 455–458) ein, welches den unteren Teil einer pteryx, eines flügelartigen Lederbesatzes an einem römischen Panzer (thorax), darstellt. Darauf ist das erhabene florale Element eines kalathos dargestellt. Als Datierung wird die claudische Zeit oder die späthadrianisch-frühantoninische Zeit vorgeschlagen.

Fazit: Die Epoche der Ottonen gilt gemeinhin als jene des Mittelalters mit den wenigsten überlieferten historischen Quellen. Vergleichbar dünn ist auch die archäologische Überlieferung. In den vergangenen Jahrzehnten wurden einige archäologische Fenster in diese Epoche aufgestoßen (Köln, Magdeburg, Quedlinburg), allesamt aus dem sakralen Kontext, zu denen sich nun die Regensburger Befunde gesellen. Sie vervollständigen unser Bild über die Begräbnispraxis zur Zeit der Ottonen. Darüber hinaus bieten die beiden Bände zahlreiche bemerkenswerte Funde des Frühmittelalters, zu denen die Stuckfragmente, die Wandmalereifragmente, die Textilfunde und die antiken Panzerfragmente eigene Darstellungen erhalten haben.

Anmerkungen:
[1] Auch die Befunde anderer vergleichbarer Grabungen wurden erst so lange Zeit nach den Grabungen veröffentlicht. Vgl. Rezension zu: Gerhard Leopold, Die ottonischen Kirchen St. Servatii, St. Wiperti und St. Marien in Quedlinburg. Zusammenfassende Darstellung der archäologischen und baugeschichtlichen Forschung von 1936 bis 2001, Petersberg 2011, in: H-Soz-Kult, 20.04.2011, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-15883 (16.10.2021).
[2] Eleonore Wintergerst, Neue reihengräberzeitliche Funde aus der Umgebung von Regensburg, Mikrofiche-Ausgabe 1996 (Bamberg, Diss. 1996).
[3] Vgl. Rezension zu: Harald Meller / Wolfgang Schenkluhn / Boje E. Hans Schmuhl (Hrsg.), Königin Editha und ihre Grablegen in Magdeburg, Halle (Saale) 2012, in: H-Soz-Kult, 10.04.2013, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-19368 (16.10.2021).

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20.10.2021
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