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Titel
Transkulturelle Verflechtungen. Mediävistische Perspektiven


Autor(en)
Christ, Georg; Dönitz, Saskia; König, Daniel G.; Küçükhüseyin, Şevket; Mersch, Margit; Müller-Schauenburg, Britta; Ritzerfeld, Ulrike; Vogel, Christian; Zimmermann, Julia
Erschienen
Umfang
397 S.
Preis
€ 36,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kordula Wolf, Deutsches Historisches Institut in Rom

Im Zeichen postkolonialer Studien und gegenwärtiger, durch Migrations-, Flüchtlings- und Globalisierungsproblematiken bedingter Herausforderungen hat die Beschäftigung mit Transkulturalität und Verflechtung seit Längerem auch in der mediävistischen Forschung Konjunktur.[1] Die anhaltende konstruktive Auseinandersetzung mit Wolfgang Welsch und anderen (Kultur-)Theoretikern hat holistische Denkmodelle inzwischen obsolet werden lassen, während Phänomene ‚kultureller‘ Hybridität und Verflochtenheit verstärkt in den Mittelpunkt gerückt sind. Sich im Dschungel der vielfältigen fach- und sprachspezifischen Begrifflichkeiten einen Weg zu bahnen, ist angesichts unscharfer, sich in ihrem Bedeutungsspektrum oft überlappender Termini nicht einfach. Ebenso gilt es, durch ein Mit-, Neben-, Gegen- und Nacheinander gekennzeichnete Ver- und Entflechtungsprozesse nebst deren Ergebnissen, kurz: die omnipräsente ‚Uneindeutigkeit‘, in historischer Perspektive zu analysieren, ohne erneut mit konstruierten Dichotomien zu operieren oder sich in einer Aporie des Beliebigen zu verlieren. Mit diesen beiden Problembereichen setzt sich die kollaborativ von neun Mediävistinnen und Mediävisten aus den Fachbereichen Germanistik, Geschichts- und Islamwissenschaften, Judaistik, Kunst-, Architektur-, Wirtschafts-, Rechts-, Theologie- und Philosophiegeschichte verfasste Studie intensiv auseinander. Den Rahmen hierfür bot ein DFG-gefördertes Netzwerk (2012–2016), das sich im Anschluss an das SPP 1173 „Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“ konstituiert hatte.[2]

Es geht dem Autorenkollektiv mit dem vorgelegten Band um mehr als nur eine Einführung in das Themenfeld transkultureller Verflechtung, seine Forschungsgeschichte, Terminologie und Vielfalt. Denn auf der Grundlage von Quellenmaterial des 5. bis 15. Jahrhunderts (Texte, Bilder, Objekte) aus dem euromediterranen Raum wird zugleich eine ‚allgemeine‘ Mechanismen erfassende Typologisierung und Modellbildung angestrebt. Hierbei sollen über die bisherige Fokussierung auf synchrone Austausch- und Wandlungsprozesse auf der geographisch-sozialen Ebene hinaus ebenso diachrone Kulturbeziehungen, aber auch die zeitliche Mobilität und Gewachsenheit von Objekten und Abstrakta sowie die damit einhergehenden Rezeptionsprozesse erfasst werden (S. 78). Mit „Netzwerk“, „Gewebe/Textur“ und „rhizomatischem Geflecht“ präsentiert die Studie drei nicht hierarchisch aufeinander bezogene Strukturmodelle und berücksichtigt dabei Faktoren, die bei der Entstehung komplexerer Formen von Verflechtung in unterschiedlicher Weise aufeinander bezogen sind: Bewegung, Begegnung, Beziehungsräume (geographisch, zeitlich, sozial), Austausch, Wechselwirkungen, Wirkmächtigkeit verschiedener Aktanten, synchrone und diachrone Dynamiken. Alle drei Modelle unterscheiden sich wiederum voneinander in Bezug auf den Charakter ihrer Einzelelemente, ihre Entstehungsart und Entwicklungsdynamik sowie ihre Organisationsform. Sie zielen also auf eine eindeutigere Differenzierung zwischen auktorial geschaffenen und ungeplant-selbstorganisatorisch gewachsenen Beziehungen sowie zwischen den Auktor inkludierenden und exkludierenenden Beziehungsstrukturen (S. 220). In Anbetracht der Komplexität von Verflechtungsprozessen und der kontinuierlichen Dynamik von Entstehung, Modifikation und Zerfall von Verflechtungsformen sind diese Modelle mit all ihren Vor- und Nachteilen sicherlich hilfreich, um historische Analysen strukturell zu rahmen und gleichzeitig immer auch selbstreflexiv zu hinterfragen und zu justieren.

Ver- und Entflechtungen sind nicht getrennt voneinander zu denken. In diesem Zusammenhang betonen die Autorinnen und Autoren, dass Entflechtungen immer eine zuvor stattgefundene Verflechtung voraussetzen und weniger als Trennung und Distanzierung ursprünglich verflochtener Elemente in Erscheinung treten, sondern als „auflösende Neuordnung“ bis hin zur Vernichtung (S. 224). Ferner systematisieren sie zwischen einer (re-)strukturierenden, ordnenden und einer destrukturierenden, auflösenden Dimension von Entflechtungen. Dass man sich schließlich nur auf die Darstellung von Formen der Entflechtung in den Quellen beschränkt hat, ohne mit einer systematischen Analyse zu versuchen, die Vermutung zu untermauern, „dass nicht nur die historischen Bedingtheiten des Zerfalls von Komposita, sondern auch deren jeweiliger Verflechtungstyp beeinflussen, welche Formen der Entflechtung sie jeweils durchlaufen und welche Ergebnisse der jeweilige Entflechtungsprozess zeitigt“ (S. 224), ist aus Sicht der Rezensentin kein Manko. Denn diese Hypothese ließe sich wohl schon allein deshalb weder verifizieren noch falsifizieren, weil die drei Modelle „Netzwerk“, „Gewebe/Textur“ und „rhizomatisches Geflecht“ zum einen heuristischen Charakter haben, sodass die jeweilige Zuordnung bestimmter Verflechtungsphänomene immer perspektiven- und quellenbedingt ist, und zum anderen, weil sie Prozesse einschließlich deren Ergebnisse zwar bis zu einem gewissen Grad (verzerrt) abzubilden, aber als solche gar nicht zu erfassen vermögen. Das Vorhaben einer typenabhängigen Entflechtungsmodellbildung verbunden mit einer Ergebnisprognose wäre in diesem Sinne wohl von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wie problembehaftet letztendlich auch jede formelhafte Formalisierung, graphische Darstellung oder narrative Modellierung ist, um auf der Metaebene zu verallgemeinernden Aussagen zu gelangen, wird in dem Kapitel „Zwischen Formel und fuzzy – Möglichkeiten und Grenzen der Komplexitätsreduktion“ eingehend diskutiert. Es ist daher nur konsequent, abschließend keinen Vorschlag für ein allumfassendes Ver- und Entflechtungsmodell zu unterbreiten. Stattdessen wird ganz im Sinne „reflexiver Mediävistik“[3] ein „methodischer Dekalog“ (S. 301-303) präsentiert. Diesem kann man ohne Weiteres den Status eines unabdingbaren Handwerkskastens für künftige transkulturelle Verflechtungsstudien und – in leicht reduzierter Version – für historische Analysen ganz allgemein zugestehen, obgleich die genannten Einzelaspekte an sich nicht neu sind. Die eigentliche Herausforderung wird vielmehr darin bestehen, diesen Punktekatalog konsequent in der Forschungspraxis umzusetzen. Auch wenn also am Ende keine allgemeinverbindlichen Antworten auf die Frage gegeben werden (können), wie mittelalterliche Verflechtungsphänomene zu erfassen und darzustellen sind, wird die Leserin / der Leser durch das Ringen um eine angemessene Analyse und Präsentation mehrdirektionaler Prozesse, das sich wie ein roter Faden durch den Band zieht, nicht nur für viele Problematiken sensibilisiert, sondern auch mit unterschiedlichen Untersuchungsmöglichkeiten vertraut gemacht. Gerade in dieser Hinsicht zeigt sich hier das Plus einer interdisziplinären Zusammensetzung des Autorenkollektivs, kann doch eine Vielfalt an Quellen, Perspektiven und Ansätzen thematisiert werden, die ein einziger Autor wohl nur schwerlich hätte händeln können. Positiv hervorgehoben sei desweiteren, dass die Studie trotz der von Kapitel zu Kapitel wechselnden Autorschaften aufgrund fließender Übergänge, nicht-repetitiver Kurzzusammenfassungen und Querverweise insgesamt sehr synthetisch wirkt; die Kapitel sind so aufgebaut, dass man sie sowohl isoliert als auch bei fortschreitender Lektüre mit Gewinn liest. Entstanden ist alles in allem ein sehr lesenswertes Buch, das für Studium und Lehre eine kompakte, quellenbasierte Einführung in das Themenfeld transkultureller Verflechtung bietet und anhand unterschiedlichen historischen Materials immer wieder methodische Herausforderungen, Anknüpfungspunkte und Fragen der Operationalisierbarkeit diskutiert.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Dietlind Hüchtker / Kerstin S. Jobst (Hrsg.), Heilig. Transkulturelle Verehrungskulte vom Mittelalter bis in die Gegenwart, Göttingen 2017; Christian A. Neumann, Venedig und Aragon im Spätmittelalter (1280–1410). Eine Verflechtungsgeschichte, Paderborn 2017; Wolfram Drews / Christian Scholl (Hrsg.), Transkulturelle Verflechtungsprozesse in der Vormoderne, Berlin 2016; Wolfram Drews u.a., Monarchische Herrschaftsformen der Vormoderne in transkultureller Perspektive, Berlin 2015; Tillmann Lohse / Benjamin Scheller (Hrsg.), Europa in der Welt des Mittelalters. Ein Colloquium für und mit Michael Borgolte, Berlin 2014; Journal of Transcultural Medieval Studies 1ff. (2014ff.); Michael Borgolte / Matthias M. Tischler (Hrsg.), Transkulturelle Verflechtungen im mittelalterlichen Jahrtausend. Europa, Ostasien, Afrika, Darmstadt 2012; Wolfram Drews / Jenny Rahel Oesterle (Hrsg.), Transkulturelle Komparatistik. Beiträge zu einer Globalgeschichte der Vormoderne, Leipzig 2008.
[2]http://gepris.dfg.de/gepris/projekt/216374758 (28.11.2017)
[3] Ludolf Kuchenbuch, Reflexive Mediävistik. Textus – Opus – Feudalismus, Frankfurt am Main 2012, bes. S. 30–38.

Zitation
Kordula Wolf: Rezension zu: Christ, Georg; Dönitz, Saskia; König, Daniel G.; Küçükhüseyin, Şevket; Mersch, Margit; Müller-Schauenburg, Britta; Ritzerfeld, Ulrike; Vogel, Christian; Zimmermann, Julia: Transkulturelle Verflechtungen. Mediävistische Perspektiven. Göttingen 2016 , in: H-Soz-Kult, 06.12.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26945>.