D. Watermann u.a. (Hrsg.): Stadtgeschichte auf Fotografien

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Titel
Stadtgeschichte auf Fotografien. Halle (Saale) im 20. Jahrhundert


Herausgeber
Watermann, Daniel; Feldmann, Susanne
Erschienen
Anzahl Seiten
276 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Springer, Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), Berlin

Um die Relevanz der Zeitgeschichte für Politik und Kultur einer bestimmten Stadtgesellschaft zu erfassen, also herauszufinden, welche Rolle insbesondere die Abgründe der deutschen Geschichte im aktuellen Diskurs der jeweiligen Stadt spielen, lohnt nicht selten der Blick auf die Selbstdarstellungen im Internet. Halle (Saale) ist da ein beredtes Beispiel.[1] Die Großstadt in Sachsen-Anhalt präsentiert dort unter “Stadtgeschichte/Chronik“ zwischen 1933 und 1945 keinen einzigen Eintrag, die 35 Einträge über die Jahre zwischen 1949 und Oktober 1989 beschränken sich – bis auf den 17. Juni 1953 – vor allem auf Baumaßnahmen. Der nationalsozialistische Terror oder die Deportation der jüdischen Bevölkerung werden ebenso wenig thematisiert wie die Rolle der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und des Ministeriums für Staatssicherheit – wer nach einem (selbst-)kritischen Blick auf die kommunale Zeitgeschichte Ausschau hält, sucht hier vergebens.

Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung erkennbar, die das Projekt „Stadtgeschichte auf Fotografien – Halle (Saale) im 20. Jahrhundert“ für die hallesche Stadtgesellschaft hat. 19 Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Forschungseinrichtungen der Stadt – darunter das Stadtmuseum, die Martin-Luther-Universität und die Franckeschen Stiftungen – präsentieren in gut lesbaren und reich bebilderten Texten einzelne Fotografien sowie deren Geschichte und liefern so zwar punktuelle, aber dennoch kritische Einblicke in Politik und Gesellschaft Halles zwischen Kaiserreich und Demokratie.

Zu Beginn der zwischen 8 und 16 Seiten umfassenden, chronologisch sortierten Texte steht jeweils die detailreiche Beschreibung eines „Hauptfotos“. Daran sind – mit je nach Autor:in und Fotografie sehr unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen – weitere Analysen geknüpft, ferner Kontextualisierungen, quellengeschichtliche Betrachtungen, Vergleiche mit anderen Aufnahmen oder Darstellungen zur Wirkungsweise der Bilder.

Thematisch fokussieren sich die Autorinnen und Autoren vornehmlich auf Fotografien, die anlässlich von Festen und Feierlichkeiten in der Stadtgeschichte Halles entstanden sind – elf der 20 Beiträge widmen sich derartigen Anlässen. Da die Fotografien hauptsächlich aus dem örtlichen Stadtarchiv stammen, spiegelt sich in der Auswahl wohl auch die dortige Bildüberlieferung – Aufnahmen aus privatem Kontext oder dem Alltag der Menschen dürften vermutlich seltener in das kommunale, vom Stadtarchiv verwaltete „Bildgedächtnis“ eingegangen sein.

Bei der Auswahl der Bilder gab es, so Daniel Watermann und Susanne Feldmann, die den Band im Auftrag des Stadtmuseums Halle, des Vereins für hallische Stadtgeschichte und des Stadtarchivs Halle herausgegeben haben, keine festgelegten Kriterien. Eine „besondere Bildkomposition“, ein „besonderer Entstehungshintergrund“ oder auch die „Relevanz des auf [den Fotos] überlieferten historischen Ereignisses für die Stadtgeschichte“ (S. 15) bildeten die Merkmale, nach denen die Fotos Eingang in den Band fanden.

Angesichts dieser eher unsystematischen Vorgehensweise bei der Bildauswahl ist es wenig überraschend, dass die zwanzig Texte auch keine theoretische, insbesondere keine fotohistorische Grundlage verbindet. Zwar verweisen Watermann und Feldmann in ihrer Einleitung auf die Forschungen der „Visual History“ und stellen die Aufsätze in den Kontext der Arbeiten von Gerhard Paul und Helmut Korte. Auch betrachten sie den Sammelband als Beitrag zur stadtgeschichtlichen Forschung, in der „bildwissenschaftliche Anregungen bisher kaum beachtet worden“ seien (S.11). Tatsächlich aber erfüllen die meisten der Aufsätze solche forschungstheoretischen Ansprüche kaum.

Falls man derartige übergeordnete Fragestellungen und Erkenntnisse nicht vermisst, lässt sich der Band jedoch durchaus als Fundgrube für interessante Bildbestände, spannende „Foto-Geschichten“ und als Anschauung für einen kritischen Blick auf lokale Fotoüberlieferungen lesen. Hervorzuheben sind zunächst vor allem diejenigen Beiträge, in denen die Fotografinnen und Fotografen bekannt sind und die Entstehungsbedingungen besonders gut analysiert werden können. So stellt Antje Seeger den lange in Halle tätigen Berufsfotografen und -funktionär Ernst Motzkus anhand einer Aufnahme vor, die den unter großer Beteiligung der Bevölkerung und unter freiem Himmel stattfindenden „Dank- und Bittgottesdienst“ zu Beginn des Ersten Weltkriegs zeigt. Mit seinen Fotografien lieferte er Einblicke in das bürgerliche Leben der Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Erik Neumann widmet sich in seinem Beitrag dem Fotografen Walter Danz, der eine Generation nach Motzkus vor allem als Bildreporter für die örtlichen Zeitungen in der Stadt unterwegs war. Ausgehend von einer Straßenszene, auf der der Fotograf als Schatten abgebildet ist, analysiert Neumann „Momente des Alltags“ in den Jahren 1934 bis 1939. Seiner Ansicht nach sehe man ihnen „nicht direkt an, dass sie vor dem gesellschaftlichen Hintergrund des Nationalsozialismus aufgenommen wurden“ (S. 110). Trotzdem spiegeln manche Bilder diesen Hintergrund, wie Neumann anhand einer Aufnahme von Reparaturarbeiten an Straßenbahnschienen analysiert. Da die Nationalsozialisten den Kraftfahrzeugverkehr bevorzugt und in Halle nur ein einziges neues Gleis – nicht zufällig zu einem Rüstungsbetrieb – verlegt hätten, dokumentiere die so scheinbar alltägliche Aufnahme durchaus deren Herrschaft im Alltag (vgl. S. 119). Angesichts der aufmerksamen Analyse überrascht allerdings, dass Neumann bei einem Bild von „Schlachtenbummlern“ während eines Handball-Endspiels (vgl. S. 120) offenbar das Abzeichen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) am Revers eines sportbegeisterten Mannes übersehen hat – ein Detail, das geradezu den Mittelpunkt des Bildes bildet und besonders eindringlich den „ganz normalen“ Alltag im Nationalsozialismus veranschaulichen kann.

Eine besonders beeindruckende Serie von Bildern stammt von mehreren US-amerikanischen Soldaten. Unmittelbar nach der Eroberung Halles 1945 fotografierten die Soldaten Frauen und Jugendliche, die – etwa wegen Lebensmitteldiebstahls – in den letzten Wochen der NS-Herrschaft zum Tode verurteilt worden waren und bis zur Befreiung in ihren Zellen auf die Hinrichtung warten mussten.

Gewinnbringend zu lesen sind jene Texte, in denen die Überlieferungs- und Wirkungsgeschichte einzelner Fotografien nachvollzogen wird. So schildert Ute Fahrig den spannenden Weg, auf dem Aufnahmen von einer Demonstration während des Aufstands am 17. Juni 1953 fast 50 Jahre nach dem Ereignis in die Öffentlichkeit der Stadt gerieten (vgl. S. 169–172). Eine noch verschlungenere Reise hat eine Atelierfotografie von 1908 hinter sich, die eine für Halle bedeutende jüdische Familie mit allen Zeichen „typischer“ Bürgerlichkeit jener Zeit zeigt (vgl. S. 86). Cornelia Zimmermann stellt diese und weitere Aufnahmen vor, die zu den wenigen Zeugnissen jüdischen Lebens in Halle zählen.

In seinem Text über den „Panzerzug der Leuna-Werke“ beleuchtet Michael Schmitt ein besonders erstaunliches Beispiel für die Wirkungsmacht von Fotografien. Am 30. März 1921 posierten zwei Polizisten für ein Foto vor einer Lok und zwei Waggons, die kommunistische Aufständische zuvor umgebaut, mit gegen die Sozialdemokraten gerichteten Parolen angemalt und – letztlich wirkungslos – in den militärischen Auseinandersetzungen der frühen Weimarer Republik eingesetzt hatten (vgl. S. 59). Die Aufnahme wurde nach 1945, nachdem man die Polizisten wegretuschiert hatte, zu einer Bildikone der sozialistischen Erinnerungskultur in Halle. 1971 ließ die SED sogar einen Nachbau des Zuges als Denkmal errichten und ein Jahr darauf erhielt der kubanische Staats- und Parteichef Fidel Castro bei seinem Besuch in der Stadt ein Modell des Zuges.

Einige Texte des Bandes nutzen allerdings das ausgewählte „Hauptfoto“ nur als Anlass für eine Darstellung des jeweiligen Themas – die Fotografie dient in solchen Fällen eher als Illustration denn als Quelle. So stellen Claus Veltmann und Claudia Weiß, ausgehend von einem Foto des Festumzugs zur 1.000-Jahr-Feier Halles 1961, die Rezeption des Theologen, Pädagogen und Dichters August Hermann Francke in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) vor. Danny Weber beschreibt die Beziehungen des Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker zur Leopoldina-Akademie und bezieht sich dabei auf eine Aufnahme einer Medaillenverleihung. Axel Rüdiger zeigt ein Foto des „Eierattentats“ in Halle 1991, bei dem Bundeskanzler Helmut Kohl von Mitgliedern der Jungsozialisten (Jusos) beworfen worden war, und analysiert das Geschehen auf dem Marktplatz als „symbol-politisches Ereignis“ (S. 258–269).

Der Sammelband bietet somit interessante Einblicke in die hallische Stadtgeschichte. Leserinnen und Leser, denen diese Geschichte nicht so vertraut ist, hätten sich möglicherweise eine einleitende Überblicksdarstellung gewünscht. Auch Vergleiche mit anderen Städten, etwa bei dem von Daniel Watermann vorgestellten Besuch Kaiser Wilhelms II. 1903 oder der von Kirsten Angermann – mithilfe des einzigen Farbfotos des Bandes – präsentierten Stadterneuerung in den 1980er-Jahren, wären für Forschungen, die über die Stadt Halle hinausgehen, sicherlich von Vorteil gewesen. Nichtsdestotrotz kann der Band auch für andere Stadtöffentlichkeiten, die sich der Geschichte ihres Bildgedächtnisses annehmen wollen, zur Orientierung dienen.

Anmerkung:
[1] Vgl. im Folgenden die entsprechenden Seiten unter https://www.halle.de/de/Kultur/Stadtgeschichte/ (01.07.2021).

Redaktion
Veröffentlicht am
13.07.2021
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