Der Untergang des Römischen Reiches

Der Untergang des Römischen Reiches

Veranstalter
Rheinisches Landesmuseum
Ort
Trier
Land
Deutschland
Vom - Bis
25.06.2022 - 27.11.2022

Publikation(en)

Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Der Untergang des Römischen Reiches Trier 2022 : wbg, ISBN 978-3-8062-4425-0 464 S. € 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Berg, Historisches Seminar, Leibniz Universität Hannover; Markus Leiber, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Die Ausstellung „Der Untergang des Römischen Reiches“ fand vom 25. Juni bis zum 27. November 2022 gleichzeitig im Rheinischen Landesmuseums Trier, im Museum am Dom und im Stadtmuseums Simeonstift statt. Sie steht in der Tradition der großen Ausstellungen zu Kaiser Konstantin aus dem Jahr 2007 und zu Kaiser Nero aus dem Jahr 20161: Während sich das Museum am Dom unter dem Titel „Im Zeichen des Kreuzes. Eine Welt ordnet sich neu“ der Bedeutung des Christentums für die Region Trier in der Spätantike und im Frühmittelalter widmet, behandelt das Stadtmuseum Simeonstift in „Das Erbe Roms. Visionen und Mythen in der Kunst“ die Rezeption des Römischen Reiches und seines Untergangs. Den übergreifenden Rahmen bietet die Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum, die zudem das gesamte Imperium und nicht nur das Rheinland, in einem Zeitraum von den Tetrarchen (ca. 284 n. Chr.) bis Iustinian (ca. 565 n. Chr.), in den Blick nimmt.2 Auf diesen Teil der Ausstellung wird sich die nachfolgende Rezension konzentrieren.

Der erste Raum der Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum widmet sich neuen Formen kaiserlicher Repräsentation und Verwaltungspraxis, die sich seit diokletianischer Zeit entwickelten. Diese lassen sich beispielsweise an zwei inzwischen als Zepterspitzen gedeuteten Glaskugeln nachvollziehen ebenso wie an einer Büste Kaiser Konstantins I. mit Perlendiadem anstatt eines „klassischen“ Kranzes, welche symbolisch die neuen monarchischen Institutionalisierungsformen des römischen Kaisertums verdeutlichen soll. Die neuen Entwicklungen in der Administration werden durch ein besonders gut erhaltenes Fragment des diokletianischen Höchstpreisedikts (CIL III Suppl. 1, p. 1914) veranschaulicht.


Abb. 1: Gleich zu Beginn werden die Besucher:innen von einem der wichtigsten Monumente des diokletianischen Herrschaftssystems begrüßt, einer Kopie der sogenannten „Tetrarchengruppe“.
(GDKE, Rheinisches Landesmuseum Trier, Foto: Th. Zühmer)

Daran anschließend liegt der Fokus im zweiten Raum auf der architektonischen Repräsentation römischer Kaiser in ihren Residenzen, wobei versucht wird, anhand von Überresten der Marmorverkleidung von Decken, Böden und Wänden des Trierer Kaiserpalastes einen Eindruck von der Pracht dieser Residenzen zu vermitteln.

Der dritte Raum setzt sich mit den Veränderungen im spätantiken Heerwesen auseinander. Dies geschieht unter anderem durch die Präsentation erhaltener Ausrüstungsgegenstände römischer Soldaten, etwa eines Paradehelms aus Berkasovo (im heutigen Serbien) und Überresten verschiedener Kettenhemden, die einen optischen Eindruck von den Veränderungen der Militärausrüstung geben. Daneben demonstriert der Grabstein des Hariulf (CIL XIII 3682), der als Leibwächter am Kaiserhof diente, die zunehmende Integration von „Barbaren“ in bedeutende militärische Positionen.

Darauf folgend stellt der Themenraum „Rom und die anderen“ die wechselvollen Beziehungen zwischen Römern und „Barbaren“ in den Mittelpunkt, wobei insbesondere die Übernahme von Aspekten römischer Kultur durch Nicht-Römer betrachtet wird. Diese Prozesse werden vor allem anhand von Grabfunden beleuchtet, die sowohl germanische als auch römische Objekte enthielten. Daneben verdeutlicht auch der Fund eines persischsprachigen Amuletts in einem germanischen Grab die hohe Interkonnektivität der spätantiken Welt.


Abb. 2: Die Exponate im Raum „Rom und die anderen“ wurden an den sinnbildlichen Ufern von Roms „fließenden Grenzen“, Rhein und Donau platziert. Diese Flüsse trennen zwar das Imperium vom Barbaricum, es finden sich jedoch Objekte verschiedener kultureller Gruppen auf beiden Seiten der Ströme.
(GDKE, Rheinisches Landesmuseum Trier, Foto: Th. Zühmer)

„Die Bürgerkriege“ (Raum 5) stellen vor allem interne kriegerische Auseinandersetzungen als eine der Ursachen für den Untergang des Römischen Reiches dar. Begrüßt werden die Besucher:innen von einer animierten Karte des Reiches, die die zunehmenden militärischen Konflikte vor Augen führt. Abseits davon zeigen die Exponate auch, welche Auswirkungen derartige Auseinandersetzungen auf die Lebenswelt des spätantiken Römischen Reiches hatten. Der zweite Teil des Raumes hingegen widmet sich den magistri militum Stilicho, Aëtius und Ricimer: Hier wird der erste dieser drei zunächst durch das sog. Stilicho-Dipthychon zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn vorgestellt, danach durch die Bulla der Kaiserin Maria seine enge Verbindung zum Kaiserhaus hervorgehoben. Auf diese Weise wird nicht nur Stilichos militärische, sondern auch seine politische Bedeutung gezeigt.

Das Thema des sechsten Raumes ist die Plünderung Roms im Jahr 410 n. Chr. durch die Westgoten unter Alarich. Problematisch ist, dass sich ein destruktives Ereignis nur schwerlich anhand von Objekten darstellen lässt. Als Versuch, dies auszugleichen, wird unter anderem durch Musik, rot gefärbte Wände, das Hintergrundgeräusch knisternder Flammen und einen diese Flammen darstellenden roten Vorhang, der den Raum vom Nachfolgenden abtrennt, eine düstere Atmosphäre geschaffen. Gleichzeitig werden nur wenige Stücke ausgestellt, etwa ein Hortfund miteinander verschmolzener Münzen, der eindeutig auf die Plünderung Roms datiert werden kann.


Abb. 3: Durch eine beklemmende Raumstimmung wird versucht, die Objektarmut zu kaschieren, von der dieses historische Ereignis betroffen ist.
(GDKE, Rheinisches Landesmuseum Trier, Foto: Th. Zühmer)

Unter dem Titel „Die Macht zerfällt“ werden danach insbesondere zwei zentrale Akteure des römischen Westens in den Blick genommen, Kaiser Valentinian III. und der magister militum Flavius Aëtius. Dabei ist mit der Aëtius-Inschrift vom forum romanum (CIL VI 41389) erneut ein Ausstellungsstück zum ersten Mal außerhalb Italiens zu sehen.

Mit Raum 8 tritt auch ein neuer geographischer Bereich in den Blick der Ausstellung, das römische Nordafrika. Der Raum stellt dabei die enorme Bedeutung Nordafrikas als Kornkammer Roms dar und verdeutlicht den herben Schlag, den Rom mit der Eroberung dieser Region durch die Vandalen erhielt. Gleichzeitig wird vor Augen geführt, dass die römische Kultur auch nach der vandalischen Eroberung weiterhin existierte, beispielsweise über ein Mosaik einer römischen villa, das einen Vandalen als ihren Besitzer ausweist, sowie ein Notariatsdokument, das den Fortbestand römischen Rechts aufzeigen soll.


Abb. 4: Die stilisierten Pfeilschäfte, die aus dem Boden ragen, weisen auf die Auseinandersetzungen hin, von denen auch Nordafrika nicht verschont blieb. Zudem zeigt sich hier, im Vergleich mit früheren Räumen, eindrucksvoll die fortschreitende Verdunklung der Ausstellung.
(GDKE, Rheinisches Landesmuseum Trier, Foto: Th. Zühmer)

Eine besondere Erwähnung verdient der Bereich mit der Überschrift „Das Christentum als neue Macht“, denn er fällt durch seine negative Darstellung des Christentums auf: Gleich zu Beginn befindet sich eine Aphroditedarstellung aus Athen, der ein Kreuz auf die Stirn gemeißelt wurde, wenig später ein Porträtkopf, dem von „Fanatikern“ (Zitat der Ausstellung) das Gesicht entfernt und durch eine Kreuzdarstellung ersetzt wurde. Über den Objekten ist ein Zitat aus dem Werk Ammianus Marcellinus’ (Amm. 22,5,4) angebracht, das autorentypisch ebenfalls ein negatives Licht auf die neue Religion wirft. Zwar ist es richtig, dass die Christianisierung des Römischen Reiches und auch Streitigkeiten der Christen untereinander von Gewalt begleitet waren; was die kaiserlichen Machthaber und Eliten dennoch dazu bewog, allmählich zu konvertieren, tritt jedoch deutlich hinter die einseitig-negative Darstellung zurück.

Unter dem Titel „Niedergang und Wandel“ werden im Anschluss die Transformationsprozesse nach der Herrschaftsübernahme „barbarischer“ Herrscher aufgezeigt. Dabei wird belegt, wie diese sich an römischen Lebens- und Herrschaftspraktiken orientierten, beispielsweise anhand einer Inschrift auf einem Wasserrohr, die Theoderich I. als Bauherren nennt und seinen Anspruch verdeutlicht, römische Kultur zu erhalten. Ebenso veranschaulicht eine mit christlichen Motiven geschmückte Silberkanne das Fortbestehen von Luxus und Kunstfertigkeit. Dabei greift der Ausstellungsraum unter dem Stichpunkt des Wandels auch das Beispiel „Trier“ wieder auf: Nicht nur stammt die erwähnte Silberkanne aus einem Trierer Fund, sondern auf dem Boden befindet sich auch eine begehbare Karte des spätantiken bzw. frühmittelalterlichen Trier, sodass sich die Veränderungen in der Besiedelungsstruktur nachvollziehen lassen.

Der letzte Raum der Ausstellung trägt den Titel „Das lange Ende“. Der Raum wird dabei von einem überdimensionierten, leeren, schwarzen Thron dominiert, der das Ende des westlichen Kaisertums symbolisieren soll. Ein ausgestelltes Diptychon eines Magistraten verdeutlicht jedoch, dass die kaiserliche Administration auch ohne Kaiser fortbestand. Zwei Stücke zeigen zwei der wichtigsten Protagonisten in den Auseinandersetzungen, die dem Ende des weströmischen Kaisertums folgten. Dabei handelt es sich einerseits um eine Replik des Grabes des Frankenkönigs Childerich, andererseits um ein (Original-)Mosaik des oströmischen Kaisers Iustinian, der umfangreiche Feldzüge zur Restauration imperialer Autorität im Westen unternahm.

Beim Durchschreiten der Räume wird den Besucher:innen der Ausstellung nicht verborgen bleiben, dass jeder Raum etwas dunkler beleuchtet ist als der vorherige – auf diese Weise soll der Übergang von der Antike in die mittelalterlichen „dark ages“ spürbar werden. Dieses klassische Narrativ des Untergangs begründet auch den größten Kritikpunkt an der Ausstellung, denn selbst wenn anhand vieler Objekte und Sachverhalte, zum Beispiel dem Fortbestehen römischer (Privat-)Rechtskultur im Vandalenreich oder dem Versuch der Instandhaltung römischer Wasserleitungen, die Kontinuitäten am Übergang von Spätantike zum Frühmittelalter betont werden, ist das Konzept derart omnipräsent, dass auch dadurch der Gesamteindruck nicht entkräftet wird. Zwar hilft dieses klassische Narrativ dabei, die komplexen Transformationsprozesse der Spätantike in eine für die breite Öffentlichkeit zugängliche, verständliche Form zu gießen, doch wird dadurch ein stark negativ gefärbtes Werturteil vorgegeben – das auch nicht immer der communis opinio der Forschung entspricht3 – und den Besucher:innen die Möglichkeit genommen, einen eigenen Eindruck dieser bewegten Epoche zu gewinnen.

Nichtsdestoweniger fällt das sonstige didaktische Gesamtkonzept angenehm auf: So sind die Räume in der Regel so eingerichtet, dass ihre Ausgestaltung die gewollte Aussage unterstreicht. Im Teil zu „Rom und die anderen“ beispielsweise wird mehrfach ein sinnbildlicher Fluss überquert, der Rhein oder Donau symbolisiert, an dessen Ufern die Ausstellungsobjekte den Austausch zwischen Rom und dem barbaricum verdeutlichen. Dabei bieten auch die erläuternden Texte ebenso wie digitale Angebote (bspw. animierte Landkarten) einen Überblick zu den historischen Sachverhalten, in welchen sich die präsentierten Objekte gut eingliedern.

Somit bleibt festzuhalten, dass die bereits beendete Ausstellung im Trierer Landesmuseum es vermochte, ein umfangreiches Thema wie den „Untergang“ Roms in seinen Teilaspekten anschaulich darzustellen. Dabei ist es gelungen, auch Ereignisse wie die Plünderung Roms zu veranschaulichen, die sich naturgemäß nur schlecht museal darstellen lässt. Dies ist in der Ausstellung einerseits durch die generelle „Stimmung“ des Raumes erreicht, andererseits durch die Präsentation der wenigen erhaltenen Objekte aus dem Zerstörungshorizont der Stadt Rom. Ähnliches gilt für Abstrakta wie den Aufstieg des sogenannten Heermeisterwesens, das durch das Stilicho-Diptychon oder die Bulla der Kaiserin Maria demonstriert werden kann, zwei Objekte, die die zunehmende Nähe der Heermeister zur kaiserlichen Dynastie verdeutlichen. Ebenso gilt es für die Aëtius-Inschrift (CIL VI 41389), die die öffentliche Zurschaustellung der Bedeutung des Heermeisters vor Augen führt. Ergänzt wird die Ausstellung durch einen hochwertigen Ausstellungskatalog von wbg Theiss, der die Exponate gut abbildet und dessen Beiträge von ausgewiesenen Expert:innen verfasst wurden.

Anmerkungen:
1 Eine Rezension der Nero-Ausstellung findet sich unter David Hamacher, Ausstellungsrezension zu: Nero. Kaiser, Künstler und Tyrann, 14.05.2016–16.10.2016 Trier, In: H-Soz-Kult, 05.09.2016, https://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/reex-130762 (27.01.2023).
2 Einen optischen Eindruck von den Ausstellungen vermittelt der Trailer des Bistums Trier: https://www.youtube.com/watch?v=QxaMUrWy0d4 (27.01.2023).
3 Für einen Überblick aktueller Tendenzen und Deutungsmuster in der Forschung bieten folgende Werke einen ersten Anlaufpunkt: Mischa Meier, Geschichte der Völkerwanderung. Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr., München 2019; Henning Börm, Westrom. Von Honorius bis Justinian, Stuttgart 2013; Guy Halsall, Barbarian Migrations and the Roman West 376–568, Cambridge 2007; Peter Heather, Der Untergang des Römischen Weltreichs, Stuttgart 2007.

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