Die Bedeutung von Modellen in den Sprach- und Literaturwissenschaften: Kontinuitäten – Brüche – Innovationen

Die Bedeutung von Modellen in den Sprach- und Literaturwissenschaften: Kontinuitäten – Brüche – Innovationen

Veranstalter
Karina Slunkaite und Benjamin Krautter
Gefördert durch
Graduiertenakademie Heidelberg
PLZ
69117
Ort
Heidelberg
Land
Deutschland
Findet statt
In Präsenz
Vom - Bis
10.10.2024 - 11.10.2024
Deadline
13.05.2024
Von
Benjamin Krautter, Germanistisches Seminar, Universität Heidelberg

Der Workshop "Die Bedeutung von Modellen in den Sprach- und Literaturwissenschaften: Kontinuitäten – Brüche – Innovationen" will die fachübergreifende methodische Breite des Modellbegriffs in Sprach- und Literaturwissenschaften schlaglichtartig ausleuchten, mögliche Spezifika ausloten und in ihrer Praxis kritisch diskutieren.

Für den zweitägigen Workshop am 10. und 11. Oktober 2024 an der Universität Heidelberg laden wir Nachwuchswissenschaftler:innen (Doktorand:innen und PostDocs) aller geisteswissenschaftlichen Disziplinen ein. Vorschläge für Vorträge (Deutsch/Englisch) erbitten wir bis 13. Mai 2024.

Die Bedeutung von Modellen in den Sprach- und Literaturwissenschaften: Kontinuitäten – Brüche – Innovationen

„Modelle sind allgegenwärtig“, diagnostizierte der Modelltheoretiker Bernd Mahr in einem Aufsatz von 2015: „Es gibt sie seit den Anfängen der menschlichen Kultur, in sehr verschiedenen Gestalten und Gebrauchsweisen“ (Mahr 2022 [2015], 16). So wie Modelle in Mathematik, Technik, Natur- und Sozialwissenschaften als unersetzlich gelten (vgl. etwa Frigg 2023, 1), der Modellbegriff in der Wissenschaftstheorie längst eingehend diskutiert wurde und wird (vgl. etwa Stachowiak 1973), so scheinen sich Modelle – Mahrs Befund sekundierend – inzwischen auch in der Beschreibungssprache und Analysepraxis von (digitalen) Geisteswissenschaften fest etabliert zu haben: Hier werden Modelle beispielsweise als „Grundbausteine“ von „literarischen Epistemologie[n]“ untersucht (Erdbeer 2023, 3), die Modellfunktion von visuellen Medien im Hinblick auf Metaphorologie oder Ikonologie erörtert (Huss 2019, 432), oder die Problemlösungskompetenzen von großen Sprachmodellen für Konstellationen ergründet, für die sie ursprünglich nicht trainiert wurden (vgl. etwa Pichler, Reiter 2024).
Die konstatierte Ubiquität von Modellen führt bekanntlich zu definitorischen Unschärfen – sowohl mit Blick auf Intension als auch auf die Extension –, auf die der US-amerikanische Philosoph Nelson Goodman schon in den 1970er Jahren pointiert hingewiesen hat: „Few terms are used in popular and scientific discourse more promiscuously than ‚model‘“ (Goodman 1976, 171). Das mag auch daran liegen, dass geknüpft an alltägliche Objekte (Modellhäuser, Modellflugzeuge etc.) ein natürlichsprachliches Grundverständnis von Modellen vorausgesetzt werden kann (vgl. Jannidis, Flanders 2019, 27). Lorenzo Magnani und Tommaso Bertolotti (2017: XI) haben den Modellbegriff im 'Handbook of Model-Based Science' entsprechend weit gefasst, als „something we use in order to gain some benefit in the understanding or explanation of something else, which can be called the target.“
Wie wirkt sich dieser Befund auf die sprach- und literaturwissenschaftliche Verwendung des Modellbegriffs aus? In der Sprachwissenschaft, in der der Modellbegriff unbestritten in vielen linguistischen Teildisziplinen – u.a. in der generativen Grammatik, der Interaktionslinguistik oder der Frame-Semantik – kaum wegzudenken ist, scheinen die Prämissen des Begriffs nur selten hinterfragt zu werden. Und das, obwohl Modelle vielfach nicht nur als theoretische und methodische Grundlage fungieren, sondern auch selbst zu linguistischen Untersuchungsgegenständen, bspw. in Form von sprachlichen Standards oder Normen, werden. Auch in der Literaturwissenschaft stellen sich ganz grundlegende Fragen: Welcher Stellenwert kommt Modellen, etwa verschiedenen Text- oder Autorschaftsmodellen, als Interpretament, Interpretandum oder Analyseinstrument in der Interpretationspraxis zu? Welche Rolle spielen hierbei Modellinterpretationen? Inwieweit besitzen literaturwissenschaftliche Konzepte wie Gattungen oder Epochen selbst Modellcharakter? Und welchen Stellenwert haben dabei literarische Texte, die bspw. als gattungskonstitutiv gelten können – man denke an Goethes 'Wilhelm Meister' und den Bildungsroman oder Lessings bürgerliche Trauerspiele.
Anschließend an die hier exemplarisch aufgeworfenen Fragen wollen wir auf dem Workshop die fachübergreifende methodische Breite des Modellbegriffs schlaglichtartig ausleuchten, mögliche Spezifika ausloten und in ihrer Praxis kritisch diskutieren. Dabei möchten wir die forschungspraktische Bedeutung des Modellbegriffs in Sprach- und Literaturwissenschaften anhand von drei Schwerpunkten erörtern:

(1) Modelle als Kontinuitätsstifter: Werden über Modelle, etwa mit Blick auf die Tradierung von Textgenres und -gattungen oder die Herausbildung und Verfestigung von Diskurstraditionen, forschungspraktische Referenzpunkte organisiert, die als kontinuitätsstiftend gelten können?
(2) Modelle als Kontrastfolie: Wodurch zeichnen sich Modelle in den Geisteswissenschaften aus? Welche Spezifika zeichnen sprach- oder literaturwissenschaftliche Modelle aus? Lassen sich verschiedene Modellbegriffe voneinander abgrenzen, möglicherweise sogar hierarchisieren und typologisieren?
(3) Das innovative Potential von Modellen: Inwiefern trägt die Modellierung und Modellbildung, etwa verschiedener Text-, Sprach- oder Interpretationsmodelle, produktiv zu innovativer Forschung im Bereich der Sprach- und Literaturwissenschaft bei? Besteht hier ein Zusammenhang mit kontinuitätsstiftenden Modellen?

Für den zweitägigen Workshop am 10. und 11. Oktober 2024 an der Universität Heidelberg laden wir Nachwuchswissenschaftler:innen (Doktorand:innen und PostDocs) aller geisteswissenschaftlichen Disziplinen zu Workshopbeiträgen ein. Die Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch.

Vorschläge für Vorträge erbitten wir mit einem Abstract von max. 400 Wörtern als PDF-Datei bis zum 13. Mai 2024 an benjamin.krautter@gs.uni-heidelberg.de und karina.slunkaite@rose.uni-heidelberg.de.
Kosten für Anreise und Übernachtung von externen Teilnehmer:innen können bis zu einer Summe von 250 Euro übernommen werden.

Wichtige Termine
13.05.2024: Einreichung des Abstracts (max. 400 Wörter)
27.05.2024: Benachrichtigung über Annahme
10.10. bis 11.10.2024: Workshop in Heidelberg

Literaturangaben
Erdbeer, Robert Matthias (2023): Literarische Modellforschung. In: Textpraxis. Sonderausgabe 7. Hg. von Stefan Descher, Eva-Maria Konrad und Thomas Petraschka, S. 1–7. DOI: https://doi.org/10.17879/19958492080.
Frigg, Roman (2023): Models and Theories. A Philosophical Inquiry. London/New York.
Goodman, Nelson (1976): Languages of Art. An Approach to a Theory of Symbols. Indianapolis/New York/Kansas City.
Huss, Till Julian (2019): Ästhetik der Metapher. Philosophische und kunstwissenschaftliche Grundlagen visueller Metaphorik. Bielefeld.
Jannidis, Fotis/Flanders, Julia (Hrsg.) (2019): The Shape of Data in Digital Humanities. Modeling Texts and Text-based Resources. London/New York.
Magnani, Lorenzo/Bertolotti, Tommaso (Hrsg.) (2017): Springer Handbook of Model-Based Science. Dordrecht/Heidelberg/London/New York.
Pichler, Axel/Reiter, Nils (2024): „LLMs for everything?“ Potentiale und Probleme der Anwendung von In-Context-Learning für die Computational Literary Studies. In: Book of Abstracts of DHd 2024, Passau, S. 1–4. DOI: https://doi.org/10.5281/zenodo.10698510.

Kontakt

benjamin.krautter@gs.uni-heidelberg.de; karina.slunkaite@rose.uni-heidelberg.de

Redaktion
Veröffentlicht am
Klassifikation
Weitere Informationen
Land Veranstaltung
Sprach(en) der Veranstaltung
Englisch, Deutsch
Sprache der Ankündigung