Zwangsgemeinschaftliche Verflechtungen: koloniale Kontexte in nazideutschen Lagern

Zwangsgemeinschaftliche Verflechtungen: koloniale Kontexte in nazideutschen Lagern

Veranstalter
Ronald Hirte, Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora; Florian Wagner, DFG-Forschungsgruppe Freiwilligkeit an der Universität Erfurt; in Kooperation mit der Professur für Zeitgeschichte an der Universität Jena
Gefördert durch
DFG-Forschungsgruppe Freiwilligkeit
PLZ
99098
Ort
Erfurt
Land
Deutschland
Findet statt
In Präsenz
Vom - Bis
12.04.2024 - 13.04.2024
Von
Florian Wagner, Historisches Seminar, Universität Erfurt

Auch in den nationalsozialistischen Terrorstätten befanden sich Menschen aus den damaligen europäischen Kolonien. Mindestens 1.000 Menschen mit kolonialen Erfahrungen gerieten zum Beispiel in das System des Konzentrationslagers Buchenwald. Ihre Geschichte wurde bislang nicht erzählt. Diese deutsch-französische Tagung widmet sich ihrer Unterwerfung unter den Lagerterror und versucht einzelne Lebensgeschichten hinsichtlich der Frage von Freiwilligkeit und Zwang in autoritären Systemen zu rekonstruieren.

Zwangsgemeinschaftliche Verflechtungen: koloniale Kontexte in nazideutschen Lagern

Auch in den nationalsozialistischen Terrorstätten befanden sich Menschen aus den damaligen europäischen Kolonien. Mindestens 1.000 Menschen mit kolonialen Erfahrungen gerieten zum Beispiel in das System des Konzentrationslagers Buchenwald. Allein etwa 300 Frauen und Männer aus Algerien wurden nach Buchenwald und in seine Außenlager verschleppt. Lebensgeschichtliche Spuren dieser Menschen weisen auf die Vielheit von Völkern und Regionen, die von europäischen Staaten wie Frankreich, Großbritannien oder den Niederlanden beherrscht wurden. In Buchenwald befanden sich jedoch sowohl Kolonisierende als auch Kolonisierte. Ihre Unterwerfung unter den Lagerterror wirft mindestens sechs Fragekomplexe auf, welche auf ganz unterschiedlichen Ebenen mit dem Verhältnis von Zwang und Freiwilligkeit verbunden und in dieser Hinsicht zu analysieren sind:

1. Welche Forschungsfragen ergeben sich aus der Präsenz von Menschen aus kolonialen Kontexten in nazideutschen Lagern? Welche Quellen und Archive sind dafür einschlägig? Welchen Mehrwert hat die Beschäftigung mit ihnen für die Geschichte des Nationalsozialismus und die Geschichte es Kolonialismus? Welche Forschungsformate sind geeignet, um die transnationale Geschichte dieser Menschen zu rekonstruieren?

2. Viele der Inhaftierten kamen aus kolonialen Unrechtsregimen, welche einige von ihnen freiwillig mitgestaltet hatten und in welche andere hineingezwungen worden waren. Ungeachtet ihres Gegensatzes teilten Kolonisierende und Kolonisierte in Gefangenschaft aber meist ihre genuine Ablehnung Nazideutschlands. Sofern sie ihn überlebten, bestärkte sie der Lagerterror in ihrem gemeinsamen Antifaschismus? Konnte dieser Antifaschismus die Gegensätze zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten etwa nivellieren? Oder wurde die koloniale Hierarchie und die damit einhergehende Segregation auch in nazideutschen Konzentrationslagern reproduziert, und wenn ja, von wem? Welche Rolle spielten schließlich die gemeinsamen Lagererfahrungen für die langfristige Entwicklung der Beziehungen zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten?

3. Welche Gründe hatten die Kolonisierten, sich ihren europäischen Unterdrückenden „freiwillig“ anzuschließen, um gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen? Handelte es sich um ihre freiwillige Entscheidung oder wurden sie dazu verpflichtet? Oder erhofften sie sich Aufstiegschancen und Anerkennung in der kolonialen Hierarchie, wodurch äußere Zwänge und freiwilliges Handeln konvergierten? Solche Fragen wurden bereits gestellt, jedoch kaum hinsichtlich des gemeinsamen Schicksals von Kolonisierten und Kolonisierenden in Konzentrationslagern und in Kriegsgefangenschaft untersucht, auch wenn sich deren Selbstsicht auf freiwilliges Handeln durch die Verschleppung veränderte.

4. Welche Schlüsse zogen die Überlebenden aus ihren jeweiligen verschränkten Erfahrungen? Bewegte die Erfahrung des Terrors in Konzentrationslagern die Kolonisierenden dazu, ihre Kolonialpolitik oder gar den Kolonialismus an sich zu hinterfragen? Ist eine potenzielle Selbstkritik als „freiwillig“ zu bezeichnen? Wie erinnerten sich Menschen an den Naziterror, wenn sie nach 1945 in die Kolonialverwaltungen zurückkehrten oder sich neu verpflichteten? Änderten sie ihre Einstellung zur Kolonisation „freiwillig“ und trugen sie damit zur Transformation oder gar zur Abolition des Kolonialismus bei?

5. Wie gestaltete sich die Rückkehr der Überlebenden aus den Kolonien? Wohin kehrten sie zurück, und gingen sie freiwillig dorthin? Wie prägten der Naziterror und die Umstände der Rückkehr ins koloniale System die Erinnerung der Überlebenden? Unter welchen Einflüssen und Bedingungslagen „erinnerten“ sie sich und wessen Erinnerung wurde „gehört“?

6. Welchen Beitrag kann eine Beschäftigung mit der damaligen kolonialen Welt und ihrer spezifischen Präsenz in nazideutschen Lagern zu methodisch-theoretischen Debatten leisten? Wie kann sich mit Blick auf die Überlieferungen mehr den Perspektiven derjenigen angenähert werden, die verschiedene Formen des Kolonialismus erlitten haben? Wie groß war die Agency der Kolonisierten in diesem Kontext und lässt sie sich an der „Freiwilligkeit“ ihres Handelns messen? Welche Sachverhalte dieser verschränkten Geschichte eignen sich, um Verflechtungen zwischen Nationalsozialismus und Kolonialismus zu thematisieren? Und wo bestehen dabei Schwierigkeiten, gar Grenzen?

Ziel des zweitägigen Workshops ist es also, sich anhand konkreter lebensgeschichtlicher Beispiele über die komplexen Verschränkungen derartiger historischer Erfahrungen zu verständigen und über verschiedene methodische sowie theoretische Zugänge solcher Verflechtungsgeschichten auszutauschen.

Der Workshop mit ausdrücklichem Work-in-Progress-Charakter wird von der DFG-Forschungsgruppe Freiwilligkeit und der Gedenkstätte Buchenwald organisiert. Als Programmpunkt des 79. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald findet er in Kooperation mit den Professuren für Zeitgeschichte der Universitäten Erfurt und Jena am 12. April 2024 in Weimar-Buchenwald und am 13. April 2024 in Erfurt statt. Ein Schwerpunkt des Workshops liegt auf dem Lager Buchenwald und mit ihm verbundene Lebensgeschichten, ein weiterer auf den Erfahrungen der Algerier:innen, welche die größte Gruppe der Menschen aus kolonialen Kontexten in Buchenwald bildeten.

Organisation: Ronald Hirte (Weimar) und Florian Wagner (Erfurt)

Programm

Freitag / Vendredi, 12. April 2024, Weimar, Gedenkstätte Buchenwald, Tagungshaus

Vormittags Möglichkeit des individuellen Besuchs der Gedenkstätte Buchenwald / Matin: Visite (facultative et inividuelle) du Mémorial de Buchenwald

13.00 Uhr Ankommen, Einführung und Keynote / Bienvenue, Introduction et Discours d‘Ouverture
Begrüßung / Mots d‘Accueil: Christiane Kuller (Erfurt), Benjamin Stora (Paris), Jens-Christian Wagner (Weimar)

13.15 Uhr Einführung / Introduction: Ronald Hirte (Weimar) & Florian Wagner (Erfurt)

14.00 Uhr Keynote: Raffael Scheck (Colby College), Soldaten aus dem französischen Kolonialreich zwischen Kolonialismus und NS-Terror

15.30 - 17.15 Uhr Workshop Teil I / 1ère Partie: Annäherungen Nordafrika / Contexte Afrique du Nord
Chair: Agnès Arp (Erfurt)

15.30 Uhr Esther Möller (Berlin), Der Nahe Osten und Nordafrika als Orte der Flucht aus Europa während des Zweiten Weltkriegs
16.00 Uhr Avner Ofrath (Berlin), Algerische Beteiligung an der France Libre. Hintergründe, Motivationen und transnationale Verflechtungen
16.30 Uhr Belkacem Recham (Strasbourg), Prisonniers de Guerre de l’Afrique du Nord

17.15 - 18.15 Uhr Workshop Teil II / 2è Partie: Annäherungen Afrika / Contexte Afrique
Chair: Birgit Schäbler (Erfurt)

17.15 Uhr Amanda Werner (Jena), Verschränkte Erfahrungen. Französisch-Algerien und das KZ Buchenwald im Zweiten Weltkrieg. Ein Werkstattbericht
17.45 Uhr Marc Bouttens (Erfurt), Akteure aus Belgisch-Kongo im KZ Buchenwald. Ein Werkstattbericht

Samstag / Samedi, 13. April 2024, Erfurt, Universität, IBZ

9.30 - 11.15 Uhr Workshop Teil III / 3è Partie: Erinnerungen / Mémoires
Chair: Stefanie Middendorf (Jena)

9.30 Uhr Susann Lewerenz (Neuengamme), „Verflechtungen“: Bildungsarbeit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zu Biographien von Schwarzen Menschen und People of Color im Nationalsozialismus
10.00 Uhr Lena Engel (Erfurt), Frauen aus kolonialen Kontexten in NS-Zwangslagern. Ein Werkstattbericht
10.30 Uhr Jan Kuipers (Jena), Die französische NS-Opferorganisation FNDIRP und ihr Umgang mit dem Algerienkrieg. Ein Werkstattbericht

11.00 Uhr Abschluss, Ausblick und Stadtrundgang / Conclusion, perspectives, tour guidée

11.45 Uhr Jan Daniel Schubert (Erfurt), Die rassistischen Ausschreitungen von Erfurt 1975 – Pogromstimmung und Gewalt, der Widerstand algerischer Arbeitsmigranten und das Schweigen im Nachhinein. Ein Stadtrundgang in Kooperation mit Decolonize Erfurt

Nachmittags Möglichkeit des individuellen Besuchs der Gedenkstätte Buchenwald (im Rahmen des Begleitprogramms für den 79. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald) / À partir de 15 heures visite (facultative et individuelle) du Mémorial de Buchenwald à l’occasion du 75e anniversaire de la libération du camp de concentration de Buchenwald

Konzept und Organisation : Ronald Hirte (Weimar) & Florian Wagner (Erfurt)
Gefördert durch die DFG-Forschungsgruppe Freiwilligkeit und die Universität Erfurt

Kontakt und Anmeldung: rhirte@buchenwald.de

Kontakt

rhirte@buchenwald.de
florian.wagner@uni-erfurt.de

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