Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden

Ort
Dresden
Veranstalter
Bundesministerium der Verteidigung <http://www.mhmbw.de>
Publikation
Pieken, Gorch; Rogg, Matthias (Hrsg.): Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr. Ausstellungsführer. Dresden : Sandstein Verlag 2011 ISBN 978-3-942422-69-7, 192 S., 230 meist farbige Abb. € 19,80.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Swen Steinberg, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden

Kaum eine Museumseröffnung wurde in den vergangenen Jahren mit solch hohen Erwartungen und einem bereits im Vorfeld derart breiten Medieninteresse erwartet und besprochen wie diejenige des Militärhistorischen Museums Dresden (MHM).[1] Das hatte vor allem zwei Gründe: Zum einen handelt es sich bei diesem Museum um die zentrale historische Ausstellung der Bundeswehr, die auch deren Geschichte und Traditionsbestand präsentiert. Zum anderen haben deutscher Militarismus und deutsche Expansionspolitik die europäische Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tiefgreifend geprägt. Nicht zuletzt deswegen wurde die Eröffnung des Museums mit Blick auf Architektur und Konzeption auch in der englischen und amerikanischen Presse rezipiert.

Die Institution eines „Armeemuseums“ hat in Dresden eine lange Tradition, die in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurückreicht und auch in der DDR Bestand hatte. 1994 fiel die Entscheidung, die seit 1990 als Militärhistorisches Museum Dresden bezeichnete Einrichtung zum „Leitmuseum“ im Museums- und Sammlungsverbund der Bundeswehr auszubauen. Dem folgte die Gründung wissenschaftlicher Gremien und schließlich 2001 die Ausschreibung eines Architekturwettbewerbs. Nach grundlegenden Umbauten steht das Haus seit dem 15. Oktober 2011 nun der Öffentlichkeit zur Verfügung. Auf der etwa 19.000 qm großen Ausstellungsfläche werden über 10.500 Exponate präsentiert.

Dass die überkommene, militärtechnisch orientierte Gestaltung der Dresdner Dauerausstellung nicht nur überarbeitet, sondern völlig neu konzipiert werden musste, wurde bereits am Beginn der Planungen deutlich. Eine Besonderheit bildete dabei die enge Korrespondenz zwischen inhaltlicher Gestaltung und architektonischer Veränderung des Gebäudes, die „Hand in Hand“ ging[2]: Das klassizistische Bauwerk – das Arsenalgebäude in der Dresdner Albertstadt, die zu den größten Kasernenanlagen des Deutschen Kaiserreichs gehörte – wurde regelrecht aufgebrochen. Daniel Libeskind, der den Architekturwettbewerb gewonnen hatte und das Gebäude gestaltete (im Innern gemeinsam mit dem Büro HG Merz), war der Überzeugung, „ein Raum muss geöffnet werden zum Nachdenken über Gewalt“.[3] Und in jenem sichtbar gemachten Nachdenken besteht der zentrale Ansatz des MHM, das keine klassische Waffenschau und ebenso wenig eine auf Event und Unterhaltung setzende Ausstellung präsentiert. Vielmehr wird das Militärische in Relation zur Gesellschaft gesetzt – eine „Kulturgeschichte der Gewalt“ soll erzählt werden, die den Menschen in den Mittelpunkt rückt.[4] Dieser breite Ansatz ermöglicht es, multiperspektivisch an das Thema heranzugehen und sozial- wie auch kulturgeschichtliche Dimensionen der deutschen Militär- und Gesellschaftsgeschichte hervorzuheben. Die vielfältigen, bis in die Gegenwart reichenden kritischen Fragen, die sich daraus ergeben, erweisen sich als gewinnbringend. Beim Gang durch die Ausstellung bleibt nicht der fade Beigeschmack, lediglich eine Institution der Sinnstiftung besichtigt zu haben, die man im „Leitmuseum“ der Bundeswehr vielleicht erwartet oder befürchtet. Doch so grundsätzlich und dabei auch überraschend die Herangehensweise an das Thema ist: Die allenthalben betonte „unkonventionelle Art“ der Ausstellung[5] verdient zumindest die Gegenfrage, ob Militärgeschichte – und insbesondere deutsche Militärgeschichte – im 21. Jahrhundert überhaupt noch unkritisch-technikzentriert präsentierbar wäre.

Libeskinds Ansatz hat nicht nur dazu geführt, dass die Fassade des Gebäudes aufgebrochen wurde. Vielmehr zieht sich der als Aussichtsplattform zu begehende „Keil“ schräg durch das gesamte Gebäude, was eine Zweiteilung in Konzeption und Präsentation ermöglichte: Im mittleren, „zerschnittenen“ Teil des Gebäudes finden sich zwölf so genannte Themenparcours. Demgegenüber folgt die Präsentation im Altbau des Gebäudes, der architektonisch die Themenparcours flankiert, einem chronologischen Anspruch.[6]

Die Themenparcours ermöglichen einen je eigenen, durch Auswahl und Interesse geleiteten Zugang. Inszenatorisch zentral ist allerdings der Libeskind-Keil, besonders im vierten Obergeschoss. Dort bietet sich nicht nur ein Ausblick auf die Stadt Dresden, sondern Gewalt und Gesellschaft werden im Ausstellungsort kontextualisiert: Die über die Grenzen der Stadt hinaus bekannte Zerstörung vom Februar 1945 wird durch die Architektur des Keils zwar herausgehoben, aber eben nicht als abgeschlossen thematisiert. Vielmehr finden sich im Raum hinter dem Keil Exponate zu den durch deutsche Bombardements zerstörten Städten Wieluń und Rotterdam, die jeweils durch so genannte Doppelbiografien ergänzt werden. An dieser Stelle leistet das Museum einen Beitrag zur Dresdner und zugleich zur europäischen Erinnerungskultur.

In den beiden darunter liegenden Geschossen folgen der umfangreiche Themenparcours „Krieg und Gedächtnis“ sowie die Darstellung des Verhältnisses von „Politik und Gewalt“ bzw. „Militär und Gesellschaft“. Der letztere Bereich fächert verschiedene, oft ohne nähere Kenntnis nicht sichtbare Zusammenhänge auf, wie sie sich beispielsweise in Mode, Musik oder Sprache finden. Im ersten Obergeschoss werden dann „Formation der Körper“ und „Leiden am Krieg“ gezeigt; mit dem Thema „Tiere und Militär“ wird ein weiterer Aspekt herausgegriffen, der in den vergangenen Jahren ein zunehmendes Forschungsinteresse gefunden hat. Im Erdgeschoss schließlich werden „Militär und Technologie“ sowie „Schutz und Zerstörung“ vorgestellt – wie bei fast allen anderen Themenparcours in der Objektauswahl reduziert und exemplarisch, in der Präsentation teilweise erfrischend künstlerisch bis spielerisch.

Während der Rundgang durch die Themenparcours im Obergeschoss des MHM beginnt, geht der Besucher im Bereich der Chronologie entgegengesetzt von unten nach oben durch das Haus. In der Schwerpunktsetzung dieses Abschnitts erhält die jüngere Vergangenheit einen deutlichen Vorrang – ein Raum beinhaltet die Zeit des Spätmittelalters bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, ein nahezu gleich großer Raum die Zeit zwischen 1914 und 1945. Im größten Raum wird dann der Entwicklung ab 1945 nachgegangen – der Geschichte der Bundeswehr ebenso wie derjenigen der Nationalen Volksarmee (NVA). Die Exposition endet dabei nicht in der Gegenwart, indem beispielsweise Auslandseinsätze und humanitäres Engagement des Militärs gezeigt werden, sondern weist mit Fragen zur künftigen Rolle und Aufgabe der Bundeswehr darüber hinaus („Herausforderungen im 21. Jahrhundert“). In allen Räumen finden sich jenseits der Hauptlinie mehrere Stufen der Vertiefung, auf denen ausgewählte Themen und Fragen, auch mit Hilfe von Medienstationen, detaillierter betrachtet werden können. Ergänzt wird die Dauerausstellung durch zwei Außenflächen mit schwerer Militärtechnik der NVA und der Bundeswehr.

Von den zahlreichen sehr gelungenen Objektkombinationen sowie Objekt-Raum-Inszenierungen sei an dieser Stelle auf drei Exponate verwiesen, die die Komplexität des Themas „Gewalt und Gesellschaft“ besonders deutlich machen. Die reduzierte Präsentation ermöglicht hier eine individuelle Annäherung und inhaltliche Auseinandersetzung: Auf einer Balustrade des zweiten Obergeschosses findet sich eine Puppenstube, die das Londoner Mädchen Faith Eaton ‚tauglich‘ für den Zweiten Weltkrieg gemacht hatte – die Fenster sind verdunkelt, die Puppen haben Gasmaskentaschen umhängen, und im Garten des Häuschens ist ein Bunker installiert. Dies verweist nicht nur auf das Spektrum des Themenparcours „Krieg und Spiel“, dem die Puppenstube zugehört. Vielmehr verdeutlicht das Exponat den Ernst und die Konsequenzen militärischer Auseinandersetzung, die eben auch vor dem Kinderzimmer nicht haltmachten. Blickt der Besucher dann über die Brüstung der Balustrade, so schaut er in einen jener offenen Räume, die mit der inneren Umgestaltung entstanden sind. Und er sieht zugleich einen der Gründe, weswegen das Londoner Mädchen ihre Puppenstube veränderte: eine aus dem Erdgeschoss aufragende V2-Rakete, die vorrangig für den Beschuss Großbritanniens und speziell Londons entwickelt worden war. Die Rakete selbst ist dem Bereich „Militär und Technologie“ zugeordnet, steht also auf der unteren Ebene in einem zweiten Kontext, der nicht zuletzt auch auf die zivile Nutzung militärischer Technik verweist. Und sie deutet außerdem in das oberste Geschoss, in den ‚Libeskind-Keil‘ – auf den Zusammenhang von deutschem Bombenkrieg und der Bombardierung deutscher Städte. Doch dabei blickt der Besucher wiederum nicht nur auf die Rakete, sondern auch auf das Thema Zwangsarbeit im Konzentrationslager Mittelbau-Dora, das im Zusammenhang mit der V2-Rakete nicht fehlen darf. Ein Essnapf ist dort etwa zu sehen, in den Häftlingsnummern eingeritzt sind – die Waffe brachte den Tod nicht nur durch ihren rücksichtslosen Einsatz, sondern auch durch ihre nicht minder rücksichtslose Herstellung. Es sind multiperspektivische Inszenierungen wie diese, die das Thema Gewalt nachdrücklich aufschließen und die Ausstellung im MHM auszeichnen.

Erfüllt das Museum, das den kulturhistorisch-anthropologischen Ansätzen der neueren Militärgeschichte folgt, demnach inhaltlich wie auch inszenatorisch die hohen Ansprüche, mit denen es erwartet wurde, so sei abschließend auf zumindest zwei kritische Punkte hingewiesen. Zum einen betrifft dies die Menge der Exponate, die – jenseits der vielen Geschichten von und um Gewalt, die richtigerweise erzählt werden – im chronologischen Teil einer strikteren Auswahl bedurft hätte. Dass das MHM als „Leitmuseum“ der Bundeswehr über eine entsprechende Sammlung verfügt, steht außer Frage. Eine strengere Auswahl wäre aber der inhaltlichen Kontextualisierung der bisweilen außergewöhnlichen Exponate zugute gekommen, die in den übergroßen Vitrinen der Seitenflügel zum Teil mehr verstaut als präsentiert wirken. Vor allem im letzten chronologischen Teil, der die Zeit nach 1945 umfasst, geht nicht zuletzt aufgrund dieser überbordenden Darbietung von Exponaten der grundlegende Zusammenhang von Gewalt und Gesellschaft teilweise verloren oder erschließt sich nur schwer. So werden die kritischen und kontroversen Themen auch nur bis 1945 offensiv behandelt – bzw. für die Zeit danach lediglich mit Blick auf die NVA. Im Bereich der Bundeswehrgeschichte wirken sie dagegen eher versteckt, nur halb erzählt oder gar abwesend. Dies betrifft etwa Fragen des Wehrersatzdienstes, die allzu knappe Darstellung des westdeutschen Umgangs mit militärischen und symbolischen Traditionen oder die gesellschaftlichen wie politischen Diskussionen um Auslandseinsätze.

Als weiterer Kritikpunkt sei auf die bisweilen schwierige Kombination von Objekten und moderner künstlerischer Annäherung in den zwölf Themenparcours verwiesen. Teilweise ist diese Kombination sehr gelungen – etwa bei Carsten Nicolais „Masseblock“: In einem 30 Meter langen, vollplastischen Diorama wird eine Division gezeigt; der Inhalt dieses Begriffs wird durch den optischen Eindruck der schieren Masse von 13.000 Soldatenfiguren deutlich. Gleichzeitig, und dies ist die damit verbundene interessante Annäherung an solche Größenordnungen, war das die Zahl der Soldaten, die im Ersten Weltkrieg im Durchschnitt in 48 Stunden starb. Andererseits wird vor allem im Bereich „Zerstörung“ durch die Atomblitz-Installation „The Hiroshima Thank You Instrument“ von Ingo Günther eine Wirkung verstärkt, deren Botschaft durch die Anordnung der Objekte – Geschosse und Bomben aus verschiedenen Zeitepochen ‚regnen‘ von der Decke auf den Besucher herab – bereits mehr als eindeutig dargestellt ist. Und gerade solche ‚Überinszenierungen‘ bzw. ‚Überwältigungen’ verbieten sich in einem zeitgemäßen Museum eigentlich[7], erschweren oder verhindern sie doch die individuelle Annäherung an ein Thema. Ähnlich wie in anderen historischen Ausstellungen der letzten Jahre ist hier die Tendenz erkennbar, dass die Kuratoren die Kraft der Exponate und Rauminszenierungen offenbar für unzureichend halten und bei Künstlern gewissermaßen ‚Verstärkung’ suchen.

Jenseits dieser Kritik ist festzuhalten: Die neue Präsentation im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr ist eine sehenswerte Schau, die aufgrund der Fülle an Themen und Exponaten zum mehrmaligen Besuch einlädt. Zu wünschen bleibt, dass die im Zentrum stehende Gewalt und der Umgang mit ihr zu einer historisch informierten gesellschaftlichen Debatte anregen. Das Potenzial hierfür hat die neue Dresdner Dauerausstellung in jedem Fall.

Anmerkungen:
[1] Siehe dazu auch Alexandra Kaiser, Gestorben wird immer. Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr öffnet in Dresden mit einer neuen Konzeption, Oktober 2011, online unter <http://www.zeitgeschichte-online.de/md=MHM-Ausstellung> (12.1.2012).
[2] So Matthias Rogg, der Direktor des MHM, beim Presserundgang am 11.10.2011.
[3] Matthias Rogg beim Presserundgang am 11.10.2011.
[4] Manfried Rauchensteiner, Von Beiräten, Hofräten und anderen Menschen, in: Gorch Pieken / Matthias Rogg (Hrsg.), Militärhistorisches Museum der Bundeswehr. Ausstellung und Architektur, Dresden 2011, S. 11-15, hier S. 13.
[5] Matthias Rogg, Ein Wort vorweg, in: ebd., o.S.
[6] Siehe als Übersicht den „interaktiven Museumsplan“ unter <http://www.mhmbw.de/index.php/museumsplan> (12.1.2012).
[7] Vgl. hierzu Karl Heinrich Pohl, Wann ist ein Museum „historisch korrekt“? „Offenes Geschichtsbild“, Kontroversität, Multiperspektivität und „Überwältigungsverbot“ als Grundprinzipien musealer Geschichtspräsentationen, in: Olaf Hartung (Hrsg.), Museum und Geschichtskultur. Ästhetik – Politik – Wissenschaft, Bielefeld 2006, S. 273-286; auch online unter <http://www.zeithistorische-forschungen.de/Portals/_ZF/documents/pdf/Pohl-Museum.pdf> (12.01.2012).

Zitation
Swen Steinberg: Rezension zu: Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden, Dresden, in: H-Soz-Kult, 14.01.2012, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-152>.