Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929–1956

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Ort
Neuhardenberg
Veranstalter
Gesellschaft "Memorial" Moskau und Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Kooperation mit der Stiftung Schloss Neuhardenberg <http://www.ausstellung-gulag.org>
Datum
01.05.2012 - 24.06.2012
Publikation
Knigge, Volkhard; Scherbakowa, Irina (Hrsg.): Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929-1956. Begleitband zur Ausstellung. Göttingen : Wallstein Verlag 2012 ISBN 978-3-8353-1050-6, 154 S. € 14,90.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Olga Kurilo, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Der „Gulag“ ist keine Neuentdeckung. Zu diesem Thema erschienen besonders in den vergangenen 10 bis 15 Jahren in Deutschland und Russland zahlreiche Monographien, Editionen und Sammelbände sowie einzelne Beiträge, die die Geschichte des Gulags aus der Erfahrungs- und Erinnerungsperspektive betrachten.[1] Oft wird das Thema allerdings auch im Rahmen der „Erforschung des Kommunismus“ behandelt. Die Trennung dieser zwei Forschungsbereiche ist fragwürdig (vgl. Katalog, S. 5). Museale Darstellungen gibt es vor allem in Osteuropa, zum Beispiel im „Lettischen Okkupationsmuseum“ in Riga, im „Museum der Okkupationen“ in Tallinn und im „Museum der Opfer des Genozids“ in Vilnius. An diesen Orten wird viel Wert gelegt auf die Darstellung der persönlichen und alltäglichen Gulag-Geschichte.[2]

Seltener wird der Gulag zum Thema eines deutsch-russischen Forschungs- oder Ausstellungsprojekts; die jetzige Ausstellung „Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929–1956“ ist in Deutschland wohl überhaupt die erste dieser Art. Die Zusammenarbeit zwischen der Stiftung „Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora“ und der Gesellschaft „Memorial“ besitzt einen besonderen Aussage- und Seltenheitswert – nicht nur dadurch, dass deutsche Besucher über die Gulag-Geschichte informiert und ihnen neue Sachzeugnisse aus russischen Beständen zugänglich gemacht werden. Die Geschichte des Gulags wird hier ergänzt durch die Betrachtung der Speziallager in der DDR. Man erhält die Möglichkeit, verschiedene politische Gewaltsysteme zu vergleichen, die in der Zwischenkriegszeit, im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit in Ost- und Westeuropa existierten. Im Vordergrund steht das Erinnern an die Opfer, während das Handeln der Täter geringere Aufmerksamkeit findet.

Die Ausstellung in Neuhardenberg (vom 20. August bis zum 21. Oktober 2012 wird sie im Schiller-Museum Weimar zu sehen sein) hat sich das anspruchsvolle Ziel gesetzt, die Geschichte des Gulags umfassend darzustellen. So beschränkt sie sich nicht auf die Auswahl eines Zeitraums, eines Arbeitslagers oder einer Gruppe von Häftlingen, sondern zeigt verschiedene Phasen des Gulag-Systems, unterschiedliche geographische Räume, Nationalitäten, soziale Gruppen und einzelne Biographien. Der hohe Anspruch der Initiatoren wird schon am gewählten Zeitrahmen deutlich, der in der Ausstellung sogar weiter gespannt ist als im Titel angekündigt – nämlich von der Oktoberrevolution bis zur Zeit nach der Perestrojka.

Im Ausstellungsraum wird den Besuchern die Geschichte des Gulags in drei Phasen präsentiert: Vorgeschichte (1917–1929), Entstehung und Entwicklung (1929–1956, der Schwerpunkt der Ausstellung) sowie Niedergang und Verarbeitung (1960er- bis 1980er-Jahre). Im Begleitband dagegen sind vier Ausstellungsschwerpunkte genannt – „Von der Oktoberrevolution zum Gulag“, „Verfolgung und Deportation“, „Zwangsarbeit, Überleben und Sterben im Lager“, „Auflösung des Gulag-Systems und Gulag-Erinnerung“. Viel klarer als im Begleitband wird auch die übergreifende Entwicklungslinie in der Ausstellung gezeichnet: Die Wurzeln des Gulag-Systems lagen in den totalitären Machtansprüchen der frühen Sowjetmacht. Diese Ansprüche finden einen ästhetischen Ausdruck im Modell des Monuments der III. kommunistischen Internationale, das Wladimir Tatlin 1919/20 schuf und das die Besucher im Vorderraum der Ausstellung sehen können. Der für Petrograd geplante 400 Meter hohe Turm wurde aber ebenso wenig errichtet wie die von den Bolschewiken versprochene gerechte kommunistische Gesellschaft. Gegenüber von Tatlins Turm-Modell sind materielle Überreste des Gulags platziert, die das Ende des großen sozialistischen Projekts symbolisieren.

Die in der Ausstellung gezeigten Objekte, Fotos, Filmsequenzen und Texte führen vor Augen, dass Gewalt schon in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution als Mittel zur (vermeintlichen) Lösung politischer und sozialer Konflikte eingesetzt wurde – und zwar nicht nur in der Zeit des Bürgerkriegs, sondern auch im Kontext der liberalen Wirtschaftspolitik (NEP), als mit dem Solovetckij-Lager (1923) erst „der Prototyp und die Schule des Gulags“ entstand. Die Ausstellung betont die Kontinuität zwischen der Politik Lenins und Stalins, weniger die Differenzen. Stalin, der ab 1929/30 das Lagersystem schuf, übernahm demzufolge nicht nur die Weltanschauung der Oktoberrevolution, sondern erweiterte auch ihre Gewaltmethoden gegen innere Feinde.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das Gulag-System (1929–1956) vor allem als Erfahrungsraum der Häftlinge. Die Präsentation zeichnet die einzelnen Stationen der Gefangenen nach; sie thematisiert Verfolgung und Deportation, Untersuchungsgefängnis, Verurteilung und Strafe, Transport, Haftpraxis, Lagerpersonal, Arbeitsbedingungen, Hunger und Krankheiten, Freiräume und Kontakte, Sterben im Lager. In der Ausstellung sind auch auf Tonträgern festgehaltene Stimmen von Zeitzeugen zu hören. Konkrete politische Ereignisse dieser Zeit werden nur am Rande erwähnt. Sie treten hinter die Darstellung des Gulag-Alltags zurück, wodurch sich auch der Eindruck verstärkt, dass das Gulag-System ein eigenes, enges Universum neben der sonstigen Lebenswelt der Sowjetunion bildete – eine Parallelwelt, die den Besuchern des Landes unbekannt blieb. Dieser Charakter des Systems wird durch die grauen Farben des Ausstellungsraums unterstrichen. Die Farben und die Vitrinen, die eisernen Schränken eines Untersuchungsraums ähneln, korrespondieren auch mit der Beschreibung des Gulags als „Ort des Grauens“.[3] Die „graue“, sachliche, bewusst kühle Darstellung, die den monotonen Alltag der Häftlinge wiedergibt, lässt allerdings schwer die Höhepunkte des Gulag-Systems und ihre Differenzen in verschiedenen Zeitperioden erkennen, die Nicolas Werth in seinem Beitrag „Ein kurzer historischer Abriss über den Gulag“ in der Begleitpublikation deutlich herausstellt (S. 102-123). Die Konzentration der Darstellung auf die persönliche Ebene vernachlässigt manchmal den Blick auf die systematischen Deportationen ganzer Volksgruppen wie etwa der Russlanddeutschen, die im Ausstellungsteil „Frauen, Kinder und Nationalitäten“ fehlt.

Das Verdienst der Ausstellung besteht vor allem darin, dass sie durch zahlreiche Dokumente, Fotos, persönliche Gegenstände und Erinnerungen ein komplexes Bild der Gulag-Insassen vermittelt, zu denen Kulaken, Intellektuelle, echte oder vermeintliche Kollaborateure, Kriminelle und NS-Verbrecher sowie Personen verschiedener sozialer Schichten, nationaler und religiöser Zugehörigkeit gehörten. Die Alltagswelt wird nicht nur als Arbeitswelt dargestellt – die Präsentation umfasst auch Freiräume und Kontakte der Gulag-Insassen zur Außenwelt (selbstgefertigte Heiligenbildchen, kleine Gedichtbände, Postkarten), ebenso die Aufstände in den Lagern 1953/54.

Im letzten Teil der Ausstellung wird die Aufarbeitung der Gulag-Geschichte in der Sowjetunion und im postsozialistischen Russland behandelt, die zunächst durch Chruščevs „Tauwetter“-Politik, dann durch Gorbačevs „Perestrojka“ ermöglicht wurde. Einen großen Beitrag dazu leisteten Aleksandr Solženicyns Werke „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ und „Archipel Gulag“, Samizdat-Publikationen sowie spätere Aktivitäten der 1988 gegründeten Gesellschaft „Memorial“, die Irina Ščerbakova im Begleitband beschreibt (S. 124-131). Dabei stellt sich die Frage, ob die Gesellschaft „Memorial“ die einzige Organisation in Russland ist, die sich mit der Erforschung und Aufarbeitung der Gulag-Geschichte beschäftigt. Welche Rolle spielten bzw. spielen dann die Gesellschaft „Demokratie“ oder die Ständige zwischenbehördliche Kommission der Stadtregierung Moskaus zur Wiederherstellung der Rechte der Rehabilitierten und Opfer politischer Repressionen? In diesem Kontext wäre es auch wichtig, die Wahrnehmung der Gulag-Geschichte im Westen zu reflektieren, wo die Beschäftigung mit dem Thema früher eingesetzt hatte als in Russland.

Für die angestrebte umfassende Darstellung der Gulag-Geschichte sind die Möglichkeiten der Ausstellung auf 400 Quadratmetern zu begrenzt und die Texte zu knapp. Dennoch lohnt sich der Besuch in Neuhardenberg, denn die Ausstellung gibt einen guten Überblick zum Gulag als Gegenwelt. Sie belegt den Erfolg einer internationalen Zusammenarbeit, die auch künftig von großer Bedeutung sein kann – für die weitere Erforschung der in vieler Hinsicht grenzüberschreitenden Gulag-Geschichte, der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts und der langfristigen gesellschaftlichen Verarbeitung dieser Gewalt.

Anmerkungen:
[1] Anne Applebaum, Der Gulag, Berlin 2003 (rezensiert von Wladislaw Hedeler, 9.12.2003: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-4-144> [1.6.2012]); Meinhard Stark, Frauen im Gulag. Alltag und Überleben 1936–1956, München 2003; Viktor A. Berdinskich, Vjatlag, Kirov 1998; Aleksandr I. Kokurin / Ju. N. Morukov (Hrsg.), Stalinskie strojki Gulaga 1930–1953. Dokumenty, Moskau 2005; Semen S. Vilenskij u.a. (Hrsg.), Deti Gulaga 1918–1956, Moskau 2002; Anna Kaminsky (Hrsg.), Erinnerungsorte an den Massenterror 1937/38. Russische Föderation, Berlin 2007.
[2] Siehe dazu: Volkhard Knigge / Ulrich Mählert (Hrsg.), Der Kommunismus im Museum. Formen der Auseinandersetzung in Deutschland und Ostmitteleuropa, Köln 2005 (rezensiert von Kristiane Janeke, 1.2.2006: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-1-068> [1.6.2012]).
[3] Dies in Anknüpfung an Gerd R. Ueberschär (Hrsg.), Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 2003, wo das Gulag-System allerdings nicht eigens berücksichtigt ist.

Zitation
Olga Kurilo: Rezension zu: Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929–1956, 01.05.2012 – 24.06.2012 Neuhardenberg, in: H-Soz-Kult, 09.06.2012, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-160>.
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09.06.2012
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