O. Linz: Studien zur römischen Ostpolitik im Principat

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Titel
Studien zur römischen Ostpolitik im Principat.


Autor(en)
Linz, Oliver
Erschienen
Hamburg 2009: Verlag Dr. Kovac
Umfang
VII, 308 S.
Preis
€ 78,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Udo Hartmann, Institut für Klassische Altertumskunde, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Während sich eine große Zahl von Arbeiten den Beziehungen zwischen Römern und Germanen widmet, fehlt für den zweiten Schwerpunkt der römischen Außenpolitik, das Reich der Arsakiden, bislang noch immer eine aktuelle Zusammenschau, die die Ergebnisse der zahlreichen Einzelstudien zusammenführt.[1] Linz sucht nun diese Lücke zumindest für die Kaiserzeit zu schließen. Seine Monographie, die überarbeitete Fassung seiner Potsdamer Dissertation, untersucht die Außenpolitik gegenüber dem östlichen Großreich vom 1. Jahrhundert v.Chr. bis zum Frieden von Nisibis unter Diocletian; der Schwerpunkt liegt auf der Zeit von Augustus bis Caracalla, die Abschnitte zur Republik und zum 3. Jahrhundert sind dazu nur als „Prolog“ bzw. „Epilog“ gedacht. Dabei sollen „Strukturen und Kontinuitäten der römischen Außenpolitik gegenüber den Parthern“ sowie „Hintergründe und Zäsuren“ herausgearbeitet werden (S. 3). Angehend von einer Kritik an Luttwaks These einer defensiven Grand Strategy Roms möchte Linz die „Außenpolitische Kultur“ der als aggressiv charakterisierten Ostpolitik aufzeigen. Die einzelnen Phasen der Beziehung beider Großmächte werden dazu in chronologischer Abfolge untersucht.

In seiner Einleitung (S. 1–8) betont Linz die besondere Stellung des Partherreichs für die Römer: Als einzig ernstzunehmende, dauerhafte machtpolitische Größe konnten die Parther als seriöser Vertragspartner gelten, waren zugleich aber auch „eine permanente Herausforderung“ für das römische Weltherrschaftsverständnis (S. 2). In seinen theoretischen Vorüberlegungen (S. 9–29) entwirft Linz ein Erklärungsmodel einer „Außenpolitischen Kultur“ aus den subjektiven Einstellungen und Werten der Akteure.

Im „Prolog“ „Die späte Republik“ (S. 31–54) gibt Linz einen Abriss der Beziehungen zwischen Rom und Parthien bis zum Feldzug Marc Antons, ohne die Details der Ereignisgeschichte genauer zu erörtern. Er konzentriert sich vielmehr auf die Haltung Roms gegenüber den Parthern: Von Anfang an betonten die Römer ihrer Vorrang und ihre Stärke; trotz der vertraglichen Festlegung der Euphratgrenze strebten ambitionierte römische Feldherren eine dynamische Expansion des römischen Herrschaftsraumes an. Militärischer Erfolg im Osten in der Nachfolge Alexanders sollte die virtus des Feldherrn im Wettbewerb der senatorischen Oberschicht unterstreichen; individueller und gemeinschaftlicher Ehrgeiz führte so zur römischen Aggressivität (S. 54). Nach der Niederlage von Carrhae wurden die Parther dann zur ständigen Herausforderung für Rom.

Im Hauptteil der Arbeit wird die Partherpolitik der Kaiser eingehend betrachtet, wobei auch die Details der Ereignisse genauer erörtert werden. Die Politik des Augustus und seiner Nachfolger bis Nero (S. 55–104) sei von einer generellen militärischen Zurückhaltung geprägt gewesen. Augustus habe indes die römischen Positionen durch die Einrichtung von Klientelreichen an der Nordwestgrenze Parthiens ausgebaut; die Rückgabe der Feldzeichen sei kein bloßer diplomatischer Erfolg, sondern Ergebnis einer von Augustus im Osten aufgebauten militärischen Drohkulisse gewesen; mit der propagandistischen Inszenierung dieser Rückgabe unterstrich Augustus seine virtus. Trotz des Verzichts auf offensive Erweiterung des Reiches im Osten habe Augustus die Parther nicht als gleichberechtigte Partner akzeptiert (S. 68). Auch das Euphrattreffen zwischen C. Caesar und Phraates V. sei nicht als Anerkennung der Gleichberechtigung beider Reiche zu werten (S. 76). Diese etwas einseitige These verkennt indes die Ambivalenz von faktischer Anerkennung der Parther als ein gleichstarker Gegner in einer zweigeteilten Welt und der propagandistischen Betonung der römischen Weltherrschaft; sie ist ohne genaue Erörterung der zeitgenössischen Stimmen, die die (zumindest annähernde) Gleichrangigkeit der Parther betonen (so Strab. 11,9,2 p. 515; Iust. 41,1,1. 7; vgl. Tac. ann. 15,13,2), nicht sehr überzeugend.

Auch die Kaiser der julisch-claudischen Dynastie setzten eher auf Diplomatie; mit der Entsendung parthischer Thronrivalen wurde aber auch von ihnen der Versuch unternommen, Parthien in den Status eines Klientelstaates zu überführen. Erst mit dem Armenienkrieg Neros und der Ostpolitik der Flavier ist für Linz eine eindeutige Zäsur gesetzt (S. 105–150): Nero schwenkte zu einem offenen Konfrontationskurs. Die Übereinkunft von Rhandeia wertet Linz nicht als Friedensvertrag, sondern eher als Waffenstillstand; zudem sei hier keine langfristige Lösung des Konfliktes um Armenien gefunden worden, da die Thronfolge nach Tiridates ungeklärt gewesen sei (S. 122f.). Der Kompromiss von Rhandeia sei von Nero und auch von Vespasian als revisionsbedürftig betrachtet worden. Die Flavier hätten eine offene Konfrontation langfristig vorbereitet; die Phase des „Kalten Krieges“ (S. 142) sei nur auf Grund der Bindung der Kräfte beider Reiche an anderen Standorten nicht zu einem heißen eskaliert. Trajans Partherkrieg wird so zur kontinuierlichen Fortsetzung der Politik der Flavier.[2]

Im Kapitel „Alternativen imperialer Politik: Trajan und Hadrian“ (S. 151–200) diskutiert Linz die verschiedenen Überlegungen zu den Zielen des Partherkriegs Trajans und nimmt schließlich eine dynamische Entwicklung an: Am Anfang des Krieges habe Trajan die armenische Frage endgültig durch Annexion klären wollen, dann habe sich die Zielstellung zu einem großen „Unterwerfungsplan für Gebiete östlich des Tigris und im Süden Mesopotamiens“ entwickelt (S. 168). Zu optimistisch schätzt Linz meines Erachtens die Erfolge Trajans bei der Sicherung der römischen Herrschaft in den aufständischen besetzten Gebieten im Jahr 116 ein: So bleibt die parthische Gegenoffensive des Arsakes für ihn ohne langfristige Folgen (S. 170f.); später konstatiert er gar, die Parther seien „im gesamten Krieg noch nicht wirklich in Erscheinung getreten“ (S. 177).[3] So war dann für Linz der Strategiewechsel Hadrians, der 117 die Truppen sofort hinter den Euphrat zurückzog, nicht so sehr der schwierigen militärischen Lage im Osten, sondern vor allem der wenig gefestigten Stellung des neuen Kaisers in Rom geschuldet. Hadrian habe aber die Herrschaftsansprüche auf die von Trajan erworbenen Gebiete nicht aufgegeben – eine These, die ohne sicheres Quellenfundament bleibt.[4]

Für Antoninus Pius konstatiert Linz einen erneuten politischen Schwenk, statt Hadrians „politischer Zurückhaltung“ habe er eine Politik der Stärke gegenüber den Parther präferiert, um Frieden zu erzwingen (S. 203); die späteren Antonine und die Severer seien ihm darin gefolgt (S. 201–242). Marc Aurel und Lucius Verus antworteten auf einen parthischen Angriff mit einer territorialen Machterweiterung östlich des Euphrats, um so zugleich ihre militärische virtus zu erweisen. Septimius Severus habe diese Politik kontinuierlich fortgesetzt. Sein zweiter Partherkrieg zielte nach Linz darauf ab, die Parther „mittelfristig als Machtfaktor“ auszuschalten (S. 231). Inwiefern die severische Außenpolitik zur Schwächung und zum Sturz der Arsakiden beitrug, erörtert Linz nicht.

Der „Epilog“ zu „Krise und Wandel im dritten Jahrhundert“ (S. 243–262) bietet einen sehr knappen Überblick zur Epoche der Krise sowie zu den Beziehungen zwischen Rom und der neuen Herrscherdynastie im Osten, den Sasaniden, bis zum Frieden von Nisibis. Hierbei stützt sich Linz vor allem auf die Forschungsliteratur, Quellen werden nur selten herangezogen. Dies ist sicher der schwächste Teil der Untersuchung, zumal diese Kurzbetrachtung der nach dem Machtantritt der Sasaniden gänzlich gewandelten Verhältnisse an der Ostgrenze wenig für den eigentlichen Untersuchungsgegenstand beitragen kann.[5] Im Fazit zur „Kultur der Ostpolitik“ (S. 263–280) betont Linz, dass Parthien für den Kaiser das zentrale Handlungsfeld blieb, auf dem er seine Stärke und militärische virtus in der Nachfolge Alexanders erweisen und die militärische Dominanz Rom symbolträchtig durchsetzen konnte. Die Außenpolitik sei nicht von einer kohärenten langfristigen Strategie oder von einem rein reaktiven Handeln, sondern von einer „Außenpolitischen Kultur“ der Expansion und der militärischen Gewalt gekennzeichnet gewesen, deren dominierendes militärisches Denken vom Ziel der offensiven Durchsetzung einer Weltherrschaftsideologie und der Hegemonie Roms bestimmt gewesen sei. Rom habe den Arsakiden daher nie eine Gleichrangigkeit zugestanden.

Linz zeichnet genau und prägnant die Entwicklung der römisch-parthischen Beziehungen nach, wertet dazu umfassend die griechisch-lateinische literarische Überlieferung aus und setzt sich gewissenhaft mit der Forschung auseinander. Der Leser erhält so einen guten Überblick über die Ereignisse an der Ostgrenze von Augustus bis Caracalla. Zudem liefert Linz zahlreiche treffende und interessante Überlegungen zu den Strategien und Zielen der Römer. Seine Darstellung kann den Rezensenten aber dennoch nicht überzeugen: Zum einen bleiben seine Detailanalysen in eher traditionellen Bahnen, nur selten finden sich neue Erkenntnisse, die nicht anderswo genauer nachzulesen wären; die Breite des Themas bedingt, dass Linz kaum in die Tiefe gehen kann. Epigraphische Zeugnisse aus der Region werden nur am Rande ausgewertet, die orientalische literarische Überlieferung bleibt ohne Berücksichtigung.[6] Zum anderen bedingt sein Fokus auf die römische Außenpolitik, dass Linz für die Ereignisse in Parthien weitgehendes Desinteresse zeigt. Ohne eine parthische Perspektive bleibt eine solche Untersuchung aber zu einseitig. Welche Zielvorstellungen die Arsakiden verfolgten, welche strukturellen Probleme und Zwänge ihr Agieren begrenzten, erörtert Linz nur am Rande. Unterschiedliche parthische Strategien gegenüber Rom zeigt er nicht auf. Unkritisch übernimmt Linz zudem die topischen römische Berichte über das Treiben am Arsakidenhof.[7] Seine Darstellung ist vom traditionellen Paradigma eines schwachen, instabilen Großreiches bestimmt, das von „fast permanenten“ Thronstreitigkeiten (S. 266) zerrissen worden sei. Für die Arsakiden nutzt er zumeist einen eher veralteten Forschungsstand.[8] Schließlich bietet Linz vor allem eine Erörterung der Ereignisse, strukturelle Fragen der Außenpolitik wie Formen der Diplomatie, Vertragsabschlüsse, die Bedeutung indirekter Herrschaft im Grenzraum, das Agieren der Vassallenkönige von Judäa bis in die Adiabene und die Elymais oder die Rolle des grenzüberschreitenden Fernhandels werden zwar immer wieder kurz angeschnitten, bleiben aber ohne eigene systematische Betrachtung.[9]

Linz hat eine gründliche Studie zur Außenpolitik der römischen Kaiser gegenüber den Parthern vorgelegt, die die Ereignisse griffig darstellt und pointierte Wertungen römischer Ziele, Wertvorstellungen, Handlungsmotive und Strategien vorlegt. Das Standardwerk zu den römischen-parthischen Beziehungen muss aber noch geschrieben werden.

Anmerkungen:
[1] Veraltet, aber immer noch maßgeblich ist Karl-Heinz Ziegler, Die Beziehungen zwischen Rom und dem Partherreich, Wiesbaden 1964.
[2] Ob man allerdings die Notiz in Plin. epist. 10, 74 über angebliche Kontakte zwischen Decebal und Pakoros II. als Beleg für „Bündnisverhandlungen“ nehmen kann (so Linz, S. 145 ohne Quellenbeleg), ist höchst zweifelhaft. Der jüngere Plinius wollte die Räuberpistole, die ihm der entflohene Sklave Callidromus auftischte, jedenfalls nicht recht glauben, vgl. Udo Hartmann, Die Ziele der Orientpolitik Trajans, in: Robert Rollinger u.a. (Hrsg.), Interkulturalität in der Alten Welt, Wiesbaden 2010, S. 591–633, hier 599.
[3] Linz erwähnt nicht einmal den bei Fronto (princ. hist. 19, p. 212, 22–24) genannten parthischen Feldherrn Arsakes, der die Armee des Appius Maximus Santra vernichtend schlug, vgl. Thomas Gerhardt / Udo Hartmann, Ab Arsace caesus est. Ein parthischer Feldherr aus der Zeit Trajans und Hadrians, in: Göttinger Forum für Altertumswissenschaft 3 (2000), S. 125–142 (von Linz nicht genannt). Auch vertraut er zu sehr dem problematischen Bericht des Malalas (11, 3–6; insbesondere Malalas’ Notiz über eine Schlacht zwischen Trajan und Sanatrukes bleibt zweifelhaft).
[4] Linz (S. 186f.) zieht hier lediglich ein angebliches Cato-Zitat Hadrians in der Historia Augusta als Beleg heran (v. Hadr. 5,3), was sicher nicht authentisch ist, vgl. Jörg Fündling, Kommentar zur Vita Hadriani der Historia Augusta, Bd. 1, Bonn 2006, S. 414f. (von Linz nicht verwendet).
[5] Nicht herangezogen wurde Klaus-Peter Johne (Hrsg.), Die Zeit der Soldatenkaiser, Berlin 2008. Den Frieden von Nisibis datiert Linz einmal ins Jahr 299 (S. 261), einmal meines Erachtens korrekt ins Jahr 298 (S. 277).
[6] Nur zwei Beispiele: Der von Vologeses IV. in Edessa inthronisierte König Wa’el b. Sahru wird namentlich nicht erwähnt, als Beleg für den Eingriff verweist Linz lediglich auf Ziegler, Beziehungen; vgl. aus der vielfältigen neuen Literatur nur Andreas Luther, Elias von Nisibis und die Chronologie der edessenischen Könige, in: Klio 81 (1999), S. 180–198, bes. 189f. Die Inschriften aus Hatra zieht Linz nicht heran. König ‘Abdsemyā (Hatra Nr. 195; 223; 277; 290; 333; 341; 373) wird daher nur in der bei Herodian (3,1,3) überlieferten Form „Barsemios“ genannt (S. 222).
[7] Dass Musa und ihr Sohn Phraatakes den König Phraates IV. in einer eher topisch anmutenden Haremsintrige (Ios. ant. Iud. 18,42) ermordeten, ist z.B. nicht so sicher, wie dies Linz annimmt (S. 72), vgl. Irene Huber / Udo Hartmann, ‚Denn ihrem Diktat vermochte der König nicht zu widersprechen …‘ Die Position der Frauen am Hof der Arsakiden, in: Antonio Panaino / Andrea Piras (Hrsg.), Proceedings of the 5th Conference of the Societas Iranologica Europæa, Bd. 1, Milano 2006, S. 485–517, hier 495.
[8] Seine Informationen zur inneren Entwicklung basieren zumeist auf dem überaus problematischen Überblick von Klaus Schippmann, Grundzüge der parthischen Geschichte, Darmstadt 1980 sowie auf Margarete Karras-Klapproth, Prosopographische Studien zur Geschichte des Partherreiches auf der Grundlage antiker literarischer Überlieferung, Bonn 1988. So entgeht Linz (S. 209) etwa, dass Vologeses IV., Sohn des Miradates, 147/48 als Usurpator auf den Thron kam, was seine Aktionen gegen die Vasallenkönige in der Mesene (die Linz ohne den Beleg, die berühmte Herakles-Inschrift aus Seleukeia am Tigris, bespricht, S. 209) oder in Armenien in einem anderen Licht erscheinen lässt (sie müssen also nicht primär gegen Rom gerichtet gewesen sein; ob Vologeses einen Vorstoß nach Syrien plante, wie Linz, S. 211, vermutet, darf bezweifelt werden). Vgl. Hartmann, Ziele, S. 597f.
[9] Einige formale Punkte seien noch angemerkt: Bei parthischen Münzen (z.B. S. 58) und Inschriften aus Palmyra (z.B. S. 91, Anm. 387 u. 209, Anm. 1016) wird auf Belege aus den entsprechenden Editionen verzichtet. Im Quellenverzeichnis fehlen für eine Reihe von Werken die Originalausgaben (Cassius Dio, Historia Augusta, Iosephos’ Antiquitates Iudaicae, Malalas und Plutarch); für Diodor (zitiert S. 39) und die Epitome de Caesaribus (zitiert S. 136) gibt es gar keine Ausgabe. Ein Index wäre wünschenswert gewesen.

Zitation
Udo Hartmann: Rezension zu: Linz, Oliver: Studien zur römischen Ostpolitik im Principat. Hamburg 2009, in: H-Soz-Kult, 29.11.2010, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14685>.
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29.11.2010
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