L. Rada Nasser: Ces Marseillais venus d'Orient

Cover
Titel
Ces Marseillais venus d'Orient. L'immigration libanaise à Marseille aux XIXe et XXe siècles


Autor(en)
Rada Nasser, Liliane
Erschienen
Paris 2010: Editions Karthala
Umfang
255 S.
Preis
€ 24,34
Rezensiert für H-Soz-Kult
Frank Peter, Institut für Islamwissenschaft, Universität Bern

„Ces Marseillais venus d’Orient“ ist die überarbeitete Fassung einer Dissertation, die an der Universität der Provence eingereicht wurde. Die Autorin untersucht Migrationsbewegungen aus dem heutigen Libanon nach Marseille seit dem frühen 19. Jahrhundert. Die Historikerin Rada Nasser begann ihre Forschungen, die zur vorliegenden Publikation führten, in diversen Archiven in Marseille. Schon bald entschloss sie sich, ihre Quellenbasis durch Interviews zu erweitern. Die Grundlage der Studie bilden Interviews mit 82 Personen, die im Zeitraum von 1997–2004 durchgeführt wurden.

Im ersten Teil „Parcours migratoires“ (S. 21–91) werden die verschiedenen zeitlichen Kontexte der Migration beschrieben, die die temporäre oder dauerhafte Niederlassung in Marseille geprägt haben. Der Untersuchungszeitraum ist durch das Ende des Libanonkrieges (1990) begrenzt. Die Darstellung beginnt mit dem Ägyptenfeldzug Napoleons, in dessen Folge sich die ersten Flüchtlinge in Marseille niederließen. Die Gründung der ersten melkitischen griechisch-katholischen Kirche Europas in Marseille (1822) und die Aktivitäten der ersten libanesischen Handelshäuser in Marseille werden ebenso behandelt wie die Position Marseilles in der internationalen Schifffahrt und seine Beziehungen zum französischen Westafrika, ebenfalls ein wichtiges Ziel libanesischer Migranten. Im Zeitraum von 1900 bis 1943 sind die Gründung Libanons und die Einrichtung des französischen Mandats sowie die Erlangung der Unabhängigkeit 1943 von zentraler Bedeutung. In dieser Periode kommt es auch zur Ankunft von circa 11.000 armenischen Flüchtlingen, die über Syrien und Libanon nach Marseille gelangen. Über die Anzahl libanesischer Migranten in Marseille am Ende des ersten Weltkrieges liegen keine genauen Angaben vor. Dass es sich um eine kleine Gruppe handelte, gerade im Vergleich zu der zahlenstarken Gruppe italienischer Migranten, steht außer Frage. Die Unabhängigkeit des Libanon und später die der französischen Kolonien führt zu weiteren Migrationen, unter anderem von Libanesen, die für die französischen Streitkräfte in der Levante gedient hatten. In den 1960er Jahren kommen vor allem Studenten. 1975 werden in der Region Bouches-du-Rhône 1185 Personen gezählt, die „libanesischen Ursprungs“ sind. Im Zuge des Krieges verlassen Hunderttausende Libanesen ihre Heimat. Die Zahl der in Marseille registrierten Personen libanesischen Ursprungs beträgt 1990 dann 2870 (1982: 1464).

Der zweite Teil der Studie, „Une immigration invisible“ (S. 95–157), beginnt mit einer Darstellung der besonderen Beziehungen Frankreichs zum heutigen Libanon. Der bedeutende Einfluss französischer Bildungsinstitutionen in der Levante, die Protektion der Christen durch Frankreich und das anschließende Mandat des Völkerbundes werden als Faktoren beschrieben, die der Migration aus dem Libanon ihren besonderen Charakter verliehen haben. Der „privilegierte Status“ (S. 103) der Migranten, die sich häufig gar nicht als „immigrés“ sehen und in der Außenwahrnehmung nicht mit der problematischen Einwanderung aus dem Maghreb in Verbindung gebracht werden, überdauert auch den Verlauf des Bürgerkrieges und die Attentate gegen die französischen Soldaten im Libanon. Die Tatsache, dass die beruflichen Betätigungsfelder der Migranten (Schifffahrt, Hotelgewerbe, Handel und Dienstleistungen) sie meist deutlich von der Arbeitermigration aus dem Maghreb unterschieden, wird ebenso behandelt.

Die Frage der Identität(en) der Libanesen in Marseille steht im Mittelpunkt des letzten Teils der Studie (S. 161–220). Die Autorin betont, dass die „strukturelle Unsichtbarkeit“ (S. 147) der Migranten nicht mit der Auflösung spezifisch libanesischer Identitäten verwechselt werden dürfe. Die verschiedenen Konstellationen, in denen sich individuelle Biographien mit der Geschichte von Kollektiven und dem Libanon verbinden, werden hier anhand einiger Fälle exemplarisch nachgezeichnet. Die Rolle der Familie und kultureller wie auch kulinarischer Praktiken für Identitätskonstruktionen werden untersucht. Schließlich werden auch die konfessionellen und politischen Dimensionen der Identifikation als Libanese dargestellt.

Das Buch endet mit einem „Epilog“ (S. 221–223), in dem die Autorin in knapper Form ihre Begegnungen mit den Migranten bzw. ihren Familien reflektiert und einen Ausblick auf die Ereignisse nach 2004 bietet. Die Studie zeichnet ein detailliertes und oftmals faszinierendes Bild der Migration aus dem Libanon nach Marseille. Die Geschichte dieser Migrationen bleibt in der Studie isoliert und wird nicht an andere Forschungen zu Migration und Immigration angebunden, der Materialreichtum und die Präzision eröffnen jedoch neue Perspektiven.

Zitation
Frank Peter: Rezension zu: Rada Nasser, Liliane: Ces Marseillais venus d'Orient. L'immigration libanaise à Marseille aux XIXe et XXe siècles. Paris 2010, in: H-Soz-Kult, 27.09.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16419>.
Redaktion
Veröffentlicht am
27.09.2013
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. http://geschichte-transnational.clio-online.net/
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