Sammelrezension: Therapeutisierung der Gesellschaft

Maasen, Sabine; Elberfeld, Jens; Eitler, Pascal; Tändler, Maik: Das beratene Selbst. Zur Genealogie der Therapeutisierung in den ‚langen‘ Siebzigern. Bielefeld : Transcript - Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis 2011 ISBN 978-3-8376-1541-8, 318 S. € 32,80.

Kuschey, Bernhard (Hrsg.): Ernst Federn. Sozialismus, KZ, Psychoanalyse und Sozialarbeit. Wien : Löcker 2012 ISBN 978-3-85409-626-9, 180 S. € 19,80.

Aichhorn, Thomas (Hrsg.): August Aichhorn. Pionier der psychoanalytischen Sozialarbeit. Wien : Löcker 2011 ISBN 978-3-85409-608-5, 198 S. € 19,80.

Freud, Anna; Aichhorn, August: „Die Psychoanalyse kann nur dort gedeihen, wo Freiheit des Gedankens herrscht“. Briefwechsel 1921–1949. Frankfurt am Main : Brandes & Apsel Verlag 2012 ISBN 978-3-86099-899-1, 554 S. € 39,90.

Rezensiert für H-Soz-Kult
Patrick Bühler, Pädagogische Hochschule Fachhochschule Nordwestschweiz, Solothurn

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts lässt sich eine zunehmende Medikalisierung der Gesellschaft beobachten, die auch vor der Schule nicht Halt gemacht hat.[1] Zwar erlangte die Gesundheit von Kindern schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine neue pädagogisch-medizinische Bedeutung – so zum Beispiel im Kampf gegen die Onanie –, seit dem späten 19. Jahrhundert nahm die Beschäftigung der Pädagogik mit den möglichen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen aber deutlich größere Ausmaße an und bekam ein ganz neues institutionelles Gewicht.[2] So wurde etwa die weltweit erste Schulzahnklinik 1902 in Straßburg eröffnet oder die Schweizerische Gesellschaft für Schulgesundheitspflege 1899 gegründet. Um die Jahrhundertwende wurden auch erstmals hauptamtliche Schulärztinnen und -ärzte eingestellt oder von Lehrerinnen und Lehrern Massenuntersuchungen an Schulkindern vorgenommen.[3] Mit der Medikalisierung der Gesellschaft ging auch deren Therapeutisierung einher. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stand nämlich nicht mehr nur allein die physische Gesundheit der Bevölkerung auf dem Spiel (etwa im Kampf gegen die Tuberkulose), sondern auch immer stärker deren psychische. „Das Zeitalter der Nervosität“ brach wiederum auch in der Schule an, die ebenfalls entschlossen zur „Errettung der modernen Seele“ schritt.[4] So kümmerten sich zur selben Zeit, in der die Jugendpsychiatrie entstand, unter anderem die neu eingerichteten Erziehungsberatungsstellen und die sich zu dieser Zeit als Fachrichtungen etablierende pädagogische Psychologie und Heilpädagogik um die kranke kindliche und jugendliche Psyche.[5] Die Medikalisierung und Therapeutisierung der Pädagogik – die sich nicht klar trennen lassen – führten zu einer wissenschaftlichen ,Normalisierung‘ und damit dazu, dass ,anormales‘ Verhalten von Kindern und Jugendlichen, das zuvor vornehmlich moralisch aufgefasst wurde, seit dem fin de siècle eben zunehmend auch pathologisch verstanden werden konnte. Und so kam es im 20. Jahrhundert zu einem rasanten Anstieg sowohl körperlicher als auch seelischer Gebrechen. ,Das Jahrhundert des Kindes‘ erwies sich als das Jahrhundert von „new risks, more risks, more risky risks“.[6]

Die Medikalisierung und Therapeutisierung der Pädagogik lässt sich sehr gut an einem besonders aufschlussreichen und bislang nur wenig erforschten Aspekt der sogenannten Reformpädagogik studieren, nämlich an der der psychoanalytischen Pädagogik. So nahmen viele der psychoanalytischen Pädagoginnen und Pädagogen an ,reformpädagogischen‘ Kongressen teil, publizierten in ,reformpädagogischen‘ Zeitschriften und Reihen, unternahmen ,reformpädagogische‘ Versuche, bemühten die ,reformpädagogische‘ Rhetorik und rezipierten ,reformpädagogische‘ Literatur wie etwa Siegfried Bernfelds „Kinderheim Baumgarten: Bericht über einen ernsthaften Versuch mit neuer Erziehung“ (1921) zeigt oder von der ausgebildeten Lehrerin Anna Freud belegt ist. Die „analytische Pädagogin“ sei nämlich, wie ihr Vater im Dezember 1917 an Maria Montessori schreibt, eine ihrer Anhängerinnen.[7] Die Zwiesprache zweier der bekanntesten ,Pioniere‘ der psychoanalytischen Pädagogik ist nun erstmals zugänglich: der Briefwechsel Anna Freuds (1895–1982) und August Aichhorns (1878–1949). Wie viele ihrer psychoanalytisch-pädagogischen Kolleginnen und Kollegen waren Anna Freud und Aichhorn zuerst Pädagogen, bevor sie sich der Psychoanalyse zuwandten und sie erzieherisch fruchtbar machen wollten. Beide unternahmen auch ,reformpädagogische‘-psychoanalytische ,Schulversuche‘. Anna Freud war unter anderem an der ,Burlingham-Rosenfeld-Schule‘ beteiligt (1927–1932) (vgl. S. 79–81) und Aichhorn leitete ein Erziehungsheim (1918–1923) (vgl. S. 25–34). Der Untertitel ,Briefwechsel‘ des Bandes ist allerdings leicht irreführend. Hätte sich der Herausgeber Thomas Aichhorn, ein eminenter Spezialist der Geschichte der psychoanalytischen Pädagogik, tatsächlich allein darauf beschränkt, die Briefe zu publizieren, läge nämlich nur ein schmales Büchlein vor. Indem er aber die Briefe in ein „Narrativ“ (S. 16) einbettet, verfasst er gleichzeitig sowohl eine Art Doppelbiographie von Anna Freud und August Aichhorn als auch eine gelehrte Geschichte der psychoanalytischen Pädagogik, die ein großer Reichtum an Materialien wie unveröffentlichte Briefe, Dokumente und Photographien auszeichnet. So enthält der Band zum Beispiel auch das humorvolle „Protokoll der Sitzung“ des psychoanalytisch-pädagogischen Arbeitskreises im Sommer 1925 auf dem Semmering, an der unter anderen Anna Freud und Bernfeld teilnahmen, Aichhorn aber fehlte: „Nachdem der Vorsitzende die Anwesenheit von Zigarren, Zigaretten (Coronas), Erdbeeren mit Schlagobers, mannigfaltigen Nord- und Südfrüchten, Schokoladetorten, Konfekt und Polsterstühlen, demnach die Beschlussfähigkeit festgestellt hat, wird die Sitzung eröffnet. Der Vorsitzende gedenkt mit warmen Worten (die Versammlung erhebt sich von den Sitzen) des abwesenden Mitglieds Aichhorn“ (S. 57). Solche Sitzungen – die weniger seriösen wie die ernsthafteren – sind spätestens 1938 nicht mehr möglich. Die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik“ stellt ihr Erscheinen zum Beispiel schon 1937 ein. Nach 1933 müssen viele deutsche und österreichische Analytikerinnen und Analytiker emigrieren, der ,Anschluss‘ Österreichs zwingt schließlich fast alle der noch in Österreich verbliebenen Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker zur Ausreise; darunter bekanntlich auch Sigmund Freud und seine Familie. Aichhorn ist einer der wenigen Psychoanalytiker, die in Wien bleiben. Die Briefe nach 1945 führen eindrücklich vor Augen, gegen welch perfide Schikanen und juristische Hürden Anna Freud beim Versuch, ihr Eigentum wieder zu erlangen, zu kämpfen hatte und wie Aichhorn versuchte, ihr zu helfen.

Als gute Ergänzung zu diesem Briefwechsel hat Thomas Aichhorn einen Band zu August Aichhorn herausgegeben, der eine gelungene erste Einführung in dessen Werk bietet. Neben einem biographischen Abriss werden mehrere Arbeiten säuberlich kommentiert präsentiert, eine Bibliographie sowie das Verzeichnis von Aichhorns Schriften rundet diesen ebenso gründlich recherchierten wie aufschlussreichen Band ab. Neben dem ,Eröffnungsband‘ zu Aichhorn ist in derselben Reihe „Zur Geschichte der Sozialarbeit und Sozialarbeitsforschung“, die von Karl Fallend und Klaus Posch betreut wird und in der weitere Titel folgen werden, auch ein Band zu Ernst Federn erschienen, der wiederum dem sinnvollen Aufbau der Reihe folgt: Biographischer Abriss, kommentierte Artikel, Bibliographie und Werkverzeichnis. Ernst Federn (1914–2007) ist der Sohn des Psychoanalytikers Paul Federn, der das fünfte Mitglied der 1902 gegründeten Psychoanalytischen Mittwochsgesellschaft und zudem August Aichhorns Analytiker war. Der Untertitel des Bands „Sozialismus, KZ, Psychoanalyse und Sozialarbeit“ fasst die prägenden Einflüsse auf Federns Leben bündig zusammen. So enthält der Band zum Beispiel sein „Von König Laios zu Ödipus – Erinnerungen an eine Kindheit im Banne Sigmund Freuds“ (1987) sowie seinen „Versuch einer Psychologie des Terrors“ (1947). Die „Idee“ zu dieser „Arbeit“ entstand „anläßlich einer Begebenheit, die sicherlich nicht besonders geeignet ist, wissenschaftliche Gedanken zu konzipieren“, wie Federn ausführt, nämlich 1940 beim Strafexerzieren in Buchenwald (S. 33).

Was aus Anna Freuds, Aichhorns und Federns Versuchen später wurde, zeigt der Band „Das beratene Selbst“, der die „Therapeutisierung in den ,langen‘ Siebzigern“ untersucht. Der Sammelband beginnt mit der ,Vorgeschichte‘ dieser Entwicklung, der „Geschichte des Psychowissens im frühen 20. Jahrhundert“ (Uffa Jensen), um dann minutiös verschiedene der schillernden Facetten des ,Psychobooms‘ der 1970er-Jahre (Maik Tändler) wie die Familientherapie (Jens Elberfeld), Stress-Ratgeber (Patrick Kury), Selbstheilung im New Age (Pascal Eitler), Sexualtherapie (Annika Wellmann), therapeutische Arbeit mit Wachkoma-Patienten (Christian Hoffmann), Coaching (Boris Traue), Sozialtherapie (Marcel Streng) oder Selbsthilfegruppen (Barbara Sutter) unter die Lupe zu nehmen. Der Band wird von einer „Perspektivierung“ Sabine Maasens eingeleitet, die Beiträge werden jeweils durch „eine genealogische Notiz“ eingeführt. War der ,Psychoboom‘ Anfang der 1970er-Jahre noch vornehmlich politisch und emanzipatorisch, ist Therapie und Beratung – gleichgültig „ob es um Stress oder Sexualität geht, ob Psychoanalyse, Yoga oder Coaching gewählt werden“ – heute Teil einer „neoliberal regierten und neosozial organisierten Gesellschaft“ geworden, wie Maasen hervorhebt (S. 9, 17). Der Band untersucht diesen „strukturellen Wandel“, der sich in den 1970er-Jahren vollzieht, und liefert eindrückliche Belege für die These, dass seit der „diskursiv-institutionelle[n] Explosion von Therapie und Beratung“ um 1970 das „Verhältnis von Selbst und Gesellschaft“ fast nur noch durch einen simplen psychotechnischen Code „,Problem/Lösung‘ oder ,Krise/Bewältigung‘“ bestimmt werde, der das „Selbstmanagement“ beherrsche (S. 8, 9). Verglichen damit bereitet die Lektüre der ,altmodischen‘ Schriften der ,Gründergeneration‘ wie die Anna Freuds und Aichhorns sowie der Arbeiten Ernst Federns erst recht ein großes, geradezu melancholisches Vergnügen. Schließlich beschreibt der Band „Das beratene Selbst“ eindrücklich die „Refunktionalisierung“ von Therapie in einer „Beratungsgesellschaft“ (S. 13), in der „das Mehr an Beratung offenkundig nicht zu einem Weniger an Beratungsbedarf“ führte. Es scheint sich „dabei um einen sich selbstverstärkenden Prozess zu handeln“, wie Peter Fuchs schon 1994 lakonisch feststellte (zitiert nach Maasen, S. 21).

Anmerkungen:
[1] Für einen Überblick vgl. Stephen Petrina, The Medicalization of Education: A Historiographic Synthesis, in: History of Education Quarterly 46 (2006), S. 503–531.
[2] Vgl. zum Beispiel Annette Miriam Stroß, Pädagogik und Medizin. Ihre Beziehungen in „Gesundheitserziehung“ und wissenschaftlicher Pädagogik 1779–1933, Weinheim 2000; André Turmel, A historical sociology of childhood. Developmental thinking, categorization and graphic visualization, Cambridge 2008.
[3] Vgl. Michèle Hofmann, Wie der Arzt in die Schule kam – Schulhygiene in Bern (1899–1952), in: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde 70, 4 (2008), S. 1–47, hier S. 2–8, 13. <http://www.bezg.ch/img/publikation/08_4/hofmann.pdf> (14.08.2012).
[4] Vgl. Joachim Radkau, Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler, München 1998; Eva Illouz, Die Errettung der modernen Seele. Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe, Frankfurt am Main 2009.
[5] Vgl. z. B. für die Entwicklung in Genf Martine Ruchat, Inventer les arriérés pour créer l’intelligence. L’arriéré scolaire et la classe spéciale. Histoire d’un concept et d’une innovation psychopédagogique 1874–1914, Bern u.a. 2003.
[6] Jeroen J. H. Dekker, Children at risk in history: a story of expansion, in: Paedagogica Historica 45, 1–2 (2009), S. 17–36, hier S. 18, 19.
[7] Siegfried Bernfeld, Kinderheim Baumgarten. Bericht über einen ernsthaften Versuch mit neuer Erziehung [1921], in: ders., Sozialpädagogik. Schriften 1921–1933, Weinheim, Basel 1996, S. 8–155 (= Sämtliche Werke in 16 Bänden, 11. Band); Sigmund Freud, Briefe 1873–1939, Frankfurt am Main 1960, S. 319.

Zitation
Patrick Bühler: Rezension zu: Maasen, Sabine; Elberfeld, Jens; Eitler, Pascal; Tändler, Maik: Das beratene Selbst. Zur Genealogie der Therapeutisierung in den ‚langen‘ Siebzigern. Bielefeld 2011 / Kuschey, Bernhard (Hrsg.): Ernst Federn. Sozialismus, KZ, Psychoanalyse und Sozialarbeit. Wien 2012 / Aichhorn, Thomas (Hrsg.): August Aichhorn. Pionier der psychoanalytischen Sozialarbeit. Wien 2011 / Freud, Anna; Aichhorn, August: „Die Psychoanalyse kann nur dort gedeihen, wo Freiheit des Gedankens herrscht“. Briefwechsel 1921–1949. Frankfurt am Main 2012, in: H-Soz-Kult, 12.11.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18364>.
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Veröffentlicht am
12.11.2012
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Michael Geiss und Joachim Scholz). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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