F. Nicht: Die „Stasi“ als Erinnerungsort

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Titel
Die „Stasi“ als Erinnerungsort im vereinigten Deutschland 1990–2010.


Autor(en)
Nicht, Frank Lothar
Erschienen
Umfang
359 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Elke Kimmel, Berlin

Angesichts der Popularität, die Filme wie „Das Leben der Anderen“ (Regie: Florian Henckel von Donnersmarck, 2006) erreicht haben und angesichts des bleibenden Interesses, dessen sich das Ende März 1990 endgültig abgewickelte Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bis heute erfreut, scheint es mehr als gerechtfertigt, dass sich eine wissenschaftliche Arbeit mit der Erinnerung an die „Stasi“ beschäftigt. Noch weiter gehend, sollte man sich eher wundern, dass dies bislang nicht geschehen ist, wird doch die Wahrnehmung der Stasi in erster Linie durch die Medien geprägt. Frank Lothar Nicht unternimmt in seiner Dissertation den Versuch, sich der Stasi als medialer Konstruktion zu nähern. Ganz ausdrücklich gilt sein Interesse nur am Rande dem Vergleich von historischem Apparat und dessen autobiografisch-literarischem Nachleben.

Die Einleitung dient der theoretischen Fundierung der umfangreichen Analyse. In diese sind neben Schulbüchern, Erinnerungsliteratur und fiktionaler Literatur auch Spielfilme aus den zwanzig Jahren nach der Wiedervereinigung eingeflossen. Auf knapp 80 Seiten erläutert Nicht seine Vorgehensweise und widmet sich insbesondere dem Konzept des Erinnerungsortes: Als solcher sei auch die Stasi zu sehen, die als ein „emotionsgeladener Kristallisationspunkt für Gegenwartsbefindlichkeiten“ bewertet werden könne.[1] Nachdem dies anerkannt sei, fehle es lediglich „an einem Weg für eine systematische Darstellung und der Darstellung selbst“ (S. 14). Nicht möchte diese Lücke mit einer qualitativen Analyse des heterogenen Quellenmaterials schließen.

Wie häufig in solchen Forschungsarbeiten, steht dieser erste Teil etwas unverbunden zum 230 Seiten umfassenden Hauptteil des Buchs. Dieser ist in zahlreiche Kapitel untergliedert, deren Titel für eine Dissertation ungewöhnlich ironisch anmuten: „Das fremde Stasi-Wunderland“ heißt eines (S. 87), „Die finstere Macht“ und „Die Hölle der Spießer“ (S. 112 bzw. S. 181) weitere und auch „Die perverse Stasi“ (S. 168) fehlt nicht. Hinter diesen Überschriften verbirgt sich die vage chronologisch angelegte Analyse des Stasibildes ab 1990, das sich bis 2010 fundamental veränderte bzw. um zahlreiche Attribute ergänzt wurde. Nicht zeigt, wie insbesondere seit dem Jahr 2000 reines Schwarz-Weiß-Denken von differenzierteren Darstellungen abgelöst wird.

Am Anfang des Untersuchungszeitraums, so Nicht, sei das Bild der „Stasi als Schicksal“ vorherrschend gewesen: Vor allem Betroffene wie Erich Loest[2] oder Jürgen Fuchs[3] beschrieben in ihren Erinnerungen den Apparat und ihr Ausgeliefertsein an diesen. Das nächste Kapitel ist mit „Stasi-Wunderland“ weniger bedrohlich überschrieben. Der Autor befasst sich darin eingehend mit der (eher unbekannten) Film-Satire „Die Wahrheit über die Stasi“ (Alexander Zahn, 1992), in der das MfS die eigenen Leute dazu abstellt, als Opposition aufzutreten, damit sich das Ministerium mit deren erfolgreicher Bekämpfung schmücken könne. Unter der Überschrift „Unsichtbarkeit bei Allgegenwart“ befasst sich Nicht erstmals eingehender mit der Analyse von Schulbüchern: Die darin gezeigten Organigramme sollten die bedeutende Rolle des MfS im Staatswesen der DDR verdeutlichen. In den von ihm untersuchten Romanen wird die Unsichtbarkeit und gleichzeitige Allgegenwärtigkeit der Stasi vor allem durch Schilderungen von Wohnungsdurchsuchungen visualisiert.

Besonders wirkungsmächtig ist sicherlich die Vorstellung von „Stasi-Seilschaften“ – nicht zuletzt dadurch, dass fiktionale Erzählungen über diese durch Veröffentlichungen über reale Begebenheiten gestützt werden. Dagegen seien Vorstellungen einer „finsteren Macht“ Stasi ebenso wie jene über den Spitzelapparat als „Monster und Satan“ vor allem in den ersten Jahren nach 1990 vorherrschend gewesen, verlören aber, so Nicht, mit zunehmender Kenntnis über den häufig banalen Alltag im MfS sowie über „die dumme Stasi“ an Deutungsmacht.

Recht früh gerät, Nicht zufolge, auch der Umgang mit den Oppositionellen, die die Stasi um jeden Preis bekämpfen und zerstören wollte, in den Blick. Der Autor analysiert hier insbesondere die Erinnerungen von Stasi-Opfern und den Spielfilm „Das Leben der Anderen“. Ab Mitte der 1990er-Jahre begannen sich die Schriftsteller und Filmemacher verstärkt für die Stasi-Mitarbeiter zu interessieren. Neben den grauen Behörden-Angestellten, den „Spießern“, seien dabei „Idealisten“ ebenso vertreten wie Karrieristen. Immer häufiger werde das Bild der „perversen Stasi“ – begonnen beim komplex-beladenen Klaus Uhltzscht aus „Helden wie wir“ (Thomas Brussig, 1995) bis hin zum einsamen Stasi-Mann im „Leben der Anderen“ – gezeichnet. Aber auch gemütliche Familienmenschen seien zu sehen – wie beispielsweise in der „Stille nach dem Schuss“ (Volker Schlöndorff, 2000).

Auch die Darstellung der Abwicklung der Stasi, des Aufbaus und der Arbeit der Stasiunterlagen-Behörde (BStU) fließen in Nichts Analyse ein. Ein bleibender Topos sei dabei die Mutmaßung, dass nicht alles, was man innerhalb der Behörde wisse, auch nach außen dringe – dass also zumindest einzelne Stasileute geschützt würden (S. 227). Die BStU selbst erscheine ebenso undurchdringlich wie vormals die Stasi, statt auf Verständnis träfen Geschädigte auf gelangweilte Sachbearbeiter (S. 236). Demgegenüber stehe die unheilvolle Macht der Akten, deren Inhalte immer noch verborgen seien – besonders deutlich bündele sich dies in den sagenumwobenen „Rosenholzdateien“. Dennoch könne man heute von einem durchaus differenzierten und keineswegs verharmlosenden Stasi-Bild sprechen, so Nichts Fazit.

Das Buch leidet unter eine Reihe von Mängeln. So ist es beispielsweise störend, dass der Gesamtkorpus der untersuchten Bücher und Filme nicht an einer Stelle konzentriert vorgestellt wird, sondern die einzelnen Sequenzen jeweils dann geschildert werden, wenn sie sich in die chronologische Abfolge einfügen. Das führt dazu, dass viele Sequenzen mehrfach skizziert oder zitiert werden, ohne dass der Leser einen Überblick über die jeweiligen Handlungen bekommen könnte. Hier wäre eine kommentierte Bibliografie und Filmografie im Anhang sinnvoller und hilfreicher gewesen.

Weiter ist zu beklagen, dass das Buch (immerhin gleichzeitig die Doktorarbeit eines Geschichtsdidaktikers) derart mit Rechtschreib- und Tippfehlern gespickt ist, dass man es fast an jeder beliebigen Stelle aufschlagen kann und zuverlässig auf einen solchen Fehler stößt. Der Lesefluss wird dadurch erheblich gestört. Genauso wenig Sorgfalt wurde auf die Abbildungen verwandt, deren Druckqualität so miserabel ist, dass sie kaum zu entziffern sind.

Hinzu kommen inhaltliche Schwächen. Gegen Nichts Entscheidung für eine qualitative Analyse ist kaum etwas einzuwenden, aber angesichts seines Forschungsgegenstandes wäre es sinnvoll gewesen, wenn er den Verbreitungsgrad und die Popularität seiner Quellen in die Analyse einbezogen hätte. Es dürfte unstrittig sein, dass „Das Leben der Anderen“ weit mehr Einfluss auf die Vorstellung von der Stasi hat als der Film „Die Wahrheit über die Stasi“. Diese Unterschiede werden bei Nicht jedoch nicht gewichtet. Weiterhin ist die Auswahl gerade der Spielfilme nur bedingt nachvollziehbar: Warum Nicht den Film „Good Bye, Lenin“ (Wolfgang Becker, 2003) in sein Sample mit aufgenommen hat – einen Film, in dem die Stasi kaum auftaucht –, bleibt sein Geheimnis. Ebenso rätselhaft ist die Wahl von „Sonnenallee“ (Leander Haußmann, 1999).

Insgesamt hätte man dem Band eine straffere Struktur gewünscht, denn – das soll nicht unerwähnt bleiben – an vielen Stellen bietet die Studie eine anregende Lektüre. Wichtiges verschwindet jedoch häufig hinter Wiederholungen und Nebensächlichkeiten. Das ist angesichts dessen, dass Nichts Thema nicht nur interessant, sondern auch für den weiteren Umgang mit der Behörde des Bundesbeauftragten relevant ist, wirklich bedauerlich.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu: Jens Gieseke, Die Stasi und ihr IM, in: Martin Sabrow (Hrsg.), Erinnerungsorte der DDR, München 2009, S. 96–106. Hier besonders S. 106: „Die Stasi ist ein Kristallisationspunkt der Erinnerung an das Beunruhigende der alltäglichen Diktatur – Geschichte ist sie deshalb noch nicht.“
[2] Erich Loest, Der Zorn des Schafes. Aus meinem Tagewerk, Künzelsau/Leipzig 1990.
[3] Jürgen Fuchs, Vernehmungsprotokolle. November ’76 bis September ’77, Reinbek 1978; ders., „und wann kommt der Hammer?“ Psychologie, Opposition und Staatssicherheit, Berlin 1990; ders., Magdalena. MfS Memfisblues Stasi Die Firma VEB Horch&Gauck – ein Roman, Berlin 1998.

Zitation
Elke Kimmel: Rezension zu: Nicht, Frank Lothar: Die „Stasi“ als Erinnerungsort im vereinigten Deutschland 1990–2010. Marburg 2011, in: H-Soz-Kult, 13.12.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18509>.
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13.12.2012
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