M. Sabrow u.a. (Hrsg.): Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945

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Titel
Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945.


Hrsg. v.
Sabrow, Martin; Frei, Norbert
Erschienen
Göttingen 2012: Wallstein Verlag
Umfang
376 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Hanna Schissler, Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig

Um es gleich vorweg zu sagen: „Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945“ ist ein kluges und inspirierendes Buch. In der Gedächtniskultur der Gegenwart spielen Zeitzeugen, die in Gedenkstätten, bei politischen Anlässen, in Rundfunk- und Fernsehdokumentationen und nicht zuletzt in Klassenzimmern auftreten, eine herausragende Rolle. Allgemein sind sich die Autoren und Autorinnen dieses Bandes darin einig, dass es der Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem war, in dem circa 100 Überlebende der Vernichtungslager auftraten, die Zeugnis über das Grauen ablegten, der die uns heute bekannte mediale Figur des Zeitzeugen hervorgebracht hat.

Das Buch enthält vier Teile: I. Zur Theorie des Zeitzeugen; II. Der Zeitzeuge avant la lettre (was soviel heißt wie: vor seiner Aufladung mit allen möglichen Bedeutungen und vor seiner Indienstnahme für Legitimationsbedürfnisse der Gegenwart); III. Der Zeitzeuge in der historischen Deutungskonkurrenz (was neben der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus die Erfahrungen der DDR und des Stalinismus einschließt); IV. Der Zeitzeuge als mediale Kunstfigur.

In der Figur des Zeitzeugen ist ein Versprechen enthalten: nämlich, dass der Prozess der Aneignung von Geschichte durch unmittelbares Erfahren möglich sei, so Martin Sabrow in seinem Aufsatz „Der Zeitzeuge als Wanderer zwischen zwei Welten“, in dem er die Stadien von Zeitzeugenschaft seit 1945 beschreibt. Der Zeitzeuge habe seit Ende der 1970er-Jahre in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewonnen, und zwar zunächst im Zuge der „oral history“, die sich gegen die strukturalistisch-abstrakte Geschichtsschreibung der Zeit gewandt habe. Die Aufladung der Zeitzeugenschaft mit Bedeutung und der Aufstieg des Zeitzeugen „zur eigentlichen Leitfigur des öffentlichen Geschichtsdiskurses nicht nur in Deutschland, sondern in der westlichen Welt überhaupt“ (S. 19) sei ein Phänomen der letzten Jahrzehnte. Diese „Zeitzeugenkonjunktur“ beruht, wie Martin Sabrow im Folgenden eloquent dargelegt (was würde man von ihm auch anderes erwarten?) „auf einer Charismatisierung von historischer Nähe und Unmittelbarkeit“, die in den „kulturellen Leitlinien unserer Gegenwart wurzelt“ ( S. 21). Der Zeitzeuge wird so zur Inkarnation der seit Ende der 1970er-Jahre vollzogenen Wendung „gegen das kommunikative Beschweigen der Vergangenheit“ (S. 14) und bietet seither emotionale Identifikationsangebote mit den Opfern von Gewalt, eine Art Katharsis und die Möglichkeit, sich aus dem Kollektiv der Schuldigen herauszulösen. Zeitzeugenschaft ist immer mit dem Opferstatus verbunden: „Ein bekennender Nazi, ein eifernder Kommunist taugen nicht als Zeitzeugen“ (S. 27).

Nicht mit der Vergangenheit, sondern mit der Zukunft beschäftigt sich Harald Welzer in seinem Beitrag „Vom Zeit- zum Zukunftszeugen. Vorschläge zur Modernisierung der Erinnerungskultur“. Welzer, ein Experte in der Funktionsweise autobiographischen Erinnerns, geht davon aus, dass Zeitzeugen nicht hilfreich für die „Entwicklung realistischer Geschichtsbilder“ seien. Zeitzeugnisse sind attraktiv in einer Gesellschaft auf der Suche nach Authentizität. Diese jedoch dürfte sich kaum im Erzählen der Zeitzeugen herstellen lassen, nicht zuletzt, weil das Erzählen im Kontext der Gegenwart stattfindet und weil sich im Erinnern und im über das Erinnerte Berichten, eine in der Vergangenheit liegende Wirklichkeit immer erneut überformt.

Kritisch merkt Welzer an, wie durch eine auf den Holocaust fixierte Erinnerungskultur die erlebte Wirklichkeit des „Dritten Reiches“ „eigentümlich statisch und hermetisch“ erscheint (S. 37). Und hier kommt seine eigentliche These und auch sein politisches Anliegen zum Tragen: Vom Endpunkt der Vernichtung aus gedacht wird es schwerer, die Mechanismen der Ausgrenzung zu verstehen, die im Extremfall dann eben im Massenmord enden: „Wenn die um den Holocaust zentrierten erinnerungskulturellen Anstrengungen einen Sinn haben können, dann doch offensichtlich den, begreiflich zu machen, dass unter bestimmten Bedingungen sich nicht nur die bösen Menschen zu gegenmenschlichem Verhalten entscheiden, sondern auch die guten. Genau das konnten die Zeitzeugen mit ihren notwenig manichäischen Darstellungsweisen nie vermitteln“ (S. 39). In diesem Zusammenhang konstatiert Welzer, dass die Judenverfolgung in den dreißiger Jahren die Zustimmungsbereitschaft der nichtjüdischen Deutschen zum NS-Regime keineswegs behinderte, sondern beförderte, weil die nichtjüdischen Deutschen vielfältig von Enteignungen und Entrechtungen der jüdischen Deutschen profitierten. Die Fixierung auf das Holocaust-Gedenken in der bundesdeutschen Erinnerungskultur ermöglicht Distanz, und „dieser Abstand erspart es wiederum, Bezüge zwischen einer jeweils gelebten Gegenwart und einer rituell erstarrten Vergangenheitsbetrachtung herzustellen“ (S. 43).

Welzer zeigt auf, in welcher Weise sich die Erinnerungskultur seit den 1980er-Jahren durch das Hinzukommen neuer Opfergruppen verändert hat. Er plädiert für eine bessere Pädagogisierung der Genozidforschung. In diesem Zusammenhang wären ein paar kritische Anmerkungen zu den Institutionen, die weltweit Holocaust- und Genozidforschung für Lernsettings zur Verfügung stellen, angebracht gewesen. Stattdessen hält Welzer sie den Deutschen überraschenderweise als Beispiele gelungener Integration vor Augen.

Rainer Gries zeigt in seinem Beitrag „Vom historischen Zeugen zum professionellen Darsteller“, in welcher Weise Zeitzeugenschaft für filmische Darstellungen instrumentalisiert wird. Zeitzeugenschaft wird zu einer „besonders markanten Form der Personalisierung des Historischen“ (S. 50). Achim Saupe legt in seinem Beitrag „Kritik des Zeugen in der Konstitutionsphase der modernen Geschichtswissenschaft“ in kluger und differenzierter Weise dar, wie Zeugenschaft und Zeitzeugenschaft sich historiographisch und geschichtstheoretisch verankern lassen.

José Brunner zeigt, „dass Diskurse zur Zeugenschaft immer auch die Institutionen implizieren, in denen die Zeugen fungierten“ (S. 94), so passen sich die Zeitzeugen in ihrem „Zeugnis“ ganz automatisch den Erfordernissen an, wie sie in Museen oder Gedenkstätten, in den Medien, in politischen Debatten oder vor Schulklassen herrschen. Brunner legt dar, wie nach 1945 die Überlebenszeugen die Bühne betraten und schließlich zu medikalisierten Überlebenszeugen wurden, deren Reden wie Schweigen eine psychiatrische oder zumindest doch psychologische Bedeutung im Sinne von Verdrängung, Fixierung oder Traumatisierung beigemessen wurde (S. 97–98). Der Allgegenwart des Traumabegriffs steht Brunner skeptisch gegenüber.

Der zweite Teil des Buches beginnt mit Laura Jockuschs Beitrag „‚Jeder überlebende Jude ist ein Stück Geschichte‘. Zur Entwicklung jüdischer Zeugenschaft vor und nach dem Holocaust“. Jokusch zeigt, wie unmittelbar nach ihrer Befreiung jüdische Überlebende in vielen Ländern mit dem Aufzeichnen ihrer Erlebnisse begonnen haben. „Viele Fragestellungen und methodische Überlegungen zur Bedeutung und Rolle von Zeugen in der historischen Rekonstruktion des Holocaust [sind] bereits in den ausgehenden 1940er Jahren von den Überlebenden selbst entwickelt worden“ (S. 115). Allerdings: „Jüdische Stimmen fanden nur Gehör, sofern sie sich im Kontext weiterer Anti-Totalitarismus oder Anti-Faschismus Rhetorik verwenden ließen“ (S.143–144). Manche der Überlebenden passten sich in der Folge den diskursiven Erfordernissen der jeweiligen Gesellschaften an, andere verstummten und traten erst wieder seit den 1970er-Jahren in der Gestalt des „Zeitzeugen“ an die Öffentlichkeit.

Sybille Steinbachers Beitrag setzt sich mit den Anfangsjahren des Instituts für Zeitgeschichte und seiner Generierung von „Zeugenschrifttum“, meist von Funktionsträgern der Weimarer Republik und des Dritten Reiches, auseinander. Die Generation von Martin Broszat, Karl Buchheim, Helmut Heiber und Hans Mommsen wandte sich gegen diesen Zugang zur Zeitgeschichte, der auf Autobiographien und Memoiren von Funktionsträgern beruhte und von „moralisierenden Betrachtung(en) und nationaler Sinnsuche“ geprägt war (S. 152). Diese jüngere Generation bevorzugte einen betont sachlichen und strukturalistischen Zugang zur Zeitgeschichte, die auf die Funktionsweise des Dritten Reiches gerichtet war. Dieser Generation von Historikern waren Zeitzeugenaussagen zutiefst suspekt und jeglicher Subjektivismus in der Geschichtswissenschaft zuwider. Das hatte möglicherweise auch mit den Akzeptanzproblemen der noch jungen Zeitgeschichtsforschung in der Bundesrepublik zu tun. Steinbachers Fazit lautet: „Dass Faktenwissen in der formativen Phase der Zeitgeschichtsforschung nur so genannten Experten konzediert wurde, war in erkenntnistheoretischer Hinsicht ein Fehler“ (S. 156).

Es folgen interessante und lesenswerte Beiträge von Jolande Withuis über „Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges in den Niederlanden“ und von Hanna Yablonka über „Die Bedeutung der Zeugenaussagen im Prozess gegen Adolf Eichmann“, der sich mit der Geburt des Zeitzeugen im heutigen Sinne und der Bedeutung der Zeugenaussagen der Überlebenden des Holocaust für die israelische Gesellschaft befasst.

Der dritte Teil widmet sich dem Thema „Der Zeitzeuge in der historischen Deutungskonkurrenz“. Außerordentlich spannend ist hier Silke Satjukows Beitrag „‚Zeitzeugen der ersten Stunde‘. Erinnerung an den Nationalsozialismus in der DDR“, in dem Satjukow zeigt, in welch rigider Weise die Zeitzeugen zur Legitimationsbeschaffung des Regimes eingesetzt wurden. Widerständige Zeitzeugen, die anders erinnerten, als die Partei dies vorgab, wurden aufgefordert „ihre Version der Vergangenheit umgehend der ‚historischen Wahrheit‘ anzupassen“ (S. 218). Bedenkenswert ist Satjukows These, dass der offizielle Antifaschismus nur teilweise eine Entlastungsfunktion für die Menschen in der DDR hatte, dass er vielmehr durch die rituelle Indienstnahme der Zeitzeugen lediglich „die Möglichkeit der Schuld​abtragung in Aussicht“ gestellt habe (S. 221). Die Funktion der Zeitzeugen war es mithin, „in regelmäßigen Zeiträumen den ‚Gesellschaftsvertrag‘, der das Treue-und-Schutz-Gelöbnis zwischen Herrschern und Beherrschten einerseits und ein immerwährendes Schuldbündnis zwischen den Opfern und den Tätern andererseits miteinander verklammerte,“ (S. 223) immer wieder erneut zu bestätigen.

Vorwiegend am österreichischen Beispiel zeichnet Heidemarie Uhl („Vom Pathos des Widerstands zur Aura des Authentischen“) auf, wie es zur Gleichsetzung von Zeitzeuge und Holocaustüberlebendem und der emotionalen Aufladung von Zeitzeugenschaft seit den 1980er-Jahren kam. Auch wenn der Prozess der offiziellen Indienstnahme komplexer war als in der DDR, so lässt sich auch für westliche Gesellschaften aufzeigen, in welcher Weise Zeitzeugen als Legitimationsbeschaffer eingesetzt wurden: Heidemarie Uhl hat Kritisches zur Betroffenheitspädagogik in österreichischen Schulen zu vermerken, wo ganz unbefangen eine „Geschichtsmoral“ verankert werden soll (S. 240), und sie fragt, ob „die erinnerungskulturellen Konventionen im Umgang mit den Zeitzeugen – Einfühlungs- und Empathiegebote – die kritische Auseinandersetzung mit der Schuldfrage“ abgelöst haben.

Filippo Focardi und Irina Scherbakowa steuern Fallstudien zur Rolle des Zeitzeugen in Italien und in Russland bei. In beiden Beiträgen lässt sich viel lernen über die Indienstnahme der Zeitzeugenschaft für die Legitimationsbedürfnisse der jeweiligen Länder.

Den vierten Teil eröffnet Judith Keilbach mit einem Überblick über die Art und Weise, in der Zeitzeugenberichte medial gespeichert und aufbereitet wurden.

Christoph Classen analysiert in seinem klugen Beitrag „Der Zeitzeuge als Artefakt der Medienkonsumgesellschaft“ die anhaltende Bedeutungsaufladung der Zeitzeugenschaft. Seine These ist, dass sich kommunikatives und kulturelles Gedächtnis längst vermischt haben und zeigt dies am Aufstieg des Holocaust-Paradigmas in westlichen Gesellschaften auf, in dessen Gefolge Schuld als der „zentrale Gründungsmythos Europas“ (Michael Jeismann) etabliert wurde. Classen fügt die mediale Aufladung der Zeitzeugenschaft überzeugend in die Identitäts- und Erinnerungsdiskurse der Gegenwart ein, mithin in die vielfältigen Versuche zu individuellen wie kollektiven Positionsbestimmungen in der Postmoderne. „Erinnerung […] ist subjektiv konnotiert und folgt somit dem Individualisierungs- und Autonomieversprechen der Konsumgesellschaft“ (S. 313). Jedem und jeder, die ein vages Unbehagen an der medialen Verwertung des Holocaust sowie an der emotional aufgeladenen Opferkultur der Gegenwart empfindet und diese zu verstehen bestrebt ist, sei der Aufsatz von Christoph Classen wärmstens empfohlen.

Scharf analysiert und glänzend formuliert ist Wulf Kansteiners Beitrag über die Geschichtssendungen des Zweiten Deutschen Fernsehens. Mit dem, was Dieter Deul den „Siegeszug des Gefühlsfernsehens über die teuflische Zeitgeschichte“ genannt hat (S. 333), geht Kansteiner rigoros ins Gericht. Kansteiner zeigt unter anderem, wie die Redakteure des ZDF mit ihrem Programmkonzept „die Zeugen zu benutzerfreundlich beschleunigten, beruhigende Normalität ausstrahlende Authentizitätshüllen“ reduzierten (S. 334), und wie durch die 2003 ausgestalte Sendung „Die Gefangenen“ die Soldaten „in den ultimativen Opferdiskurs des Holocaust-Paradigmas eingegliedert“ wurden (S. 334). Kansteiner analysiert meisterhaft die jeweiligen Subtexte der medialen Verwendung von Zeitzeugen: „Der Genozidzeuge [wurde] dem Zuschauer als ein Mensch wie du und ich ans Herz gelegt und blieb ihm so als Identifikationsfläche erhalten.“ Jedoch: „Die mediale Zurichtung des Genozidzeugen (verdichtet sich) ungewollt zu einer besonders problematischen Handlungsanweisung: Der mit gesundem moralischen Empfingen ausgestattete Normalbürger leistet keinen Widerstand, denkt sich seinen Teil und legt später weinend Zeugenschaft ab“ (S. 340). Zeitzeugen in den Geschichtssendungen des ZDF wurden im Laufe der Jahre immer stärker auf eine Bestätigung des Kommentators festgelegt. Für die Zuschauer, die seit Jahrzehnten durch den medialen Gebrauch der Zeitzeugen zur emotionalen Identifikation, zum Gruseln und zur moralischen Erhebung eingeladen wurden, ist in der Tat das Sterben der Zeitzeugen ein Verlust. Die Redakteure geben sich, so Kansteiner, jedoch alle Mühe, die entstandene Lücke mit Historikern zu füllen, und letztere hätten ihren Duktus dem Medium mittlerweile auch bereits besser angepasst. Trotzdem können professionelle Historiker und Historikerinnen die Lücke, die die Zeitzeugen für den emotionalen Haushalt des Fernsehpublikums hinterlassen, kaum füllen, denn – wie Kansteiner süffisant bemerkt – „ihre Auftritte [sind] von zu viel Hochdeutsch und emotionaler Distanz geprägt; Geschichtswissenschaftler weinen einfach nicht genug vor der Kamera“ (S. 353).

Hanno Loewy befasst sich mit der Art und Weise, wie sich Spielfilme seit den 1940er-Jahren mit den Überlebenden der nationalsozialistischen Massenvernichtungen auseinandersetzen. Dabei hat er Bedenkenswertes zur filmischen Darstellbarkeit überhaupt wie insbesondere zu den Filmen von Steven Spielberg und Claude Lanzmann zu sagen. Sein Beitrag ist informativ und äußerst lesenswert.

Alle Beiträge setzen sich kritisch und differenziert mit der Bedeutung von Zeitzeugen für die Zeitgeschichte und die Kultur der Gegenwart auseinander. Das ist hervorragend und auf vielseitige Weise gelungen. Wenn es überhaupt etwas Kritisches zu diesem Buch anzumerken gibt, dann ist es vielleicht dieser Gedanke zum Schluss: Die Bedeutung, die die Zeitzeugen seit Ende der 1970er-Jahre für die Geschichtskultur erhalten haben, geht einher mit einer überfälligen methodischen Revolution der Geschichtswissenschaft, nämlich der Verabschiedung von objektivistischen Geschichtsnarrativen und der Hinwendung zu perspektivischem und relativierendem historischen Denken, das den Forschenden einbezieht (Heisenberg Prinzip!). Diese methodologische Revolution ist nicht zuletzt auch der Subjektivierung der Geschichte durch die Zeitzeugen zu verdanken, die ja auch nichts weiter tun als ihren Platz in der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Gegenwart, in der sie jeweils leben, zu finden und das vor dem Hintergrund unsäglichen Leidens und vielfacher Verwicklungen. Was sich daraus für unser Wissen und unseren Umgang mit der Vergangenheit und für die Geschichtswissenschaft ergibt, die ja eben auch die Aufgabe hat, persönliche Zeugnisse zu „brechen“, wie Reinhard Sieder das ausgedrückt hat[1], das heißt sie an objektivierbaren Informationen zu messen, genau das zeigt dieser Band in nachgerade beispielhafter Weise. Historiker und Historikerinnen haben oft eine ziemlich undankbare Aufgabe. Es ist natürlich viel erhebender, in den bewegenden Darstellungen des Benjamin Wilkomirski über den Holocaust zu schwelgen, als in klarer und sachlicher Nüchternheit aufzuzeigen, dass sich hier ein gewisser Bruno Dösseker aus welchen Gründen auch immer in das Zentrum des Leidensnarrativs der westlichen Welt hineingeschrieben und dafür jede Menge Preise erhalten hat.

Anmerkung:
[1] Reinhard Sieder, Was heißt Sozialgeschichte? Brüche und Kontinuitäten in der Aneignung des Sozialen, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 1 (1990), Heft 1, S. 25–48.

Zitation
Hanna Schissler: Rezension zu: Sabrow, Martin; Frei, Norbert (Hrsg.): Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945. Göttingen 2012, in: H-Soz-Kult, 12.06.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19540>.
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12.06.2013
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