Titel
Ernst Jünger. Eine Biographie


Autor(en)
Noack, Paul
Erschienen
Umfang
368 S.
Preis
DM 48,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Daniel Morat, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Ernst Juenger ist nicht erst mit seinem Tod im Februar diesen Jahres zu einer historischen Figur geworden. Wie kaum ein anderer Schriftsteller bewegte er sich zeitlebens an der Schnittstelle von Literatur und Politik, von Philosophie und Zeitkritik. Geboren noch im Deutschen Kaiserreich, gestorben erst nach der Wiedervereinigung, spiegeln die Wendungen seines Lebens auch die der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Vom 'Augusterlebnis' 1914 bis zum Antiparlamentarismus und politischen Irrationalismus der Weimarer Jahre war es vielleicht gerade seine radikale Antibuergerlichkeit, die ihn zu einem Repraesentanten weiter Teile des deutschen Buergertums machte, welche das Projekt der Weimarer Republik im "buergerlichen Selbsthass" (1) scheitern liessen. Im Dritten Reich dann spiegelte seine vorsichtige Distanzierung, seine elitaer-aesthetische Version der 'inneren Emigration' und sein Glaube, in den Diensten der Wehrmacht 'sauber' bleiben zu koennen, ebenfalls eine nicht nur im Buergertum, sondern auch im deutschen Adel weitverbreitete Haltung wider. In der Nachkriegszeit schliesslich gehoerte er zu denjenigen, die versuchten, durch das vorgeblich 'heilsame Beschweigen' des Geschehenen um ein Schuldeingestaendnis herumzukommen. Durch eine metaphysisch-religioese Umdeutung des Nationalsozialismus als Ausdruck eines vermeintlich 'planetarischen' Nihilismus versuchte er, die eigene 'anarchische' Haltung zu rehabilitieren und seinen Frieden mit dem Humanismus und dem europaeischen Gedanken zu machen, ohne sich dabei zur Demokratie bekennen zu muessen. (2) In den siebziger und achtziger Jahren wurde er durch seine esoterische Technikkritik und sein Bekenntnis zum Drogenkonsum zu guter Letzt sogar fuer eine 'postutopische Linke' anschlussfaehig, und passte sich als frueher Kuender des 'Posthistoire' in die postmoderne Theorielandschaft ein. (3) Gleichzeitig konnte er fuer die intellektuelle Neue Rechte zum Schutzpatron avancieren.

Juengers Leben waere also tatsaechlich in weiten Teilen als eine 'exemplarische Existenz' zu lesen, wie es sein Freund und Weggefaehrte Ernst Niekisch schon 1958 formulierte (4). Hier ist vielleicht auch der Grund zu suchen, warum Juenger trotz vehementer Anfeindungen und berechtigter Kritik schon bald nach Gruendung der Bundesrepublik von vielen Politikern hofiert und mit Preisen und Ehrungen ueberschuettet wurde, wobei vor allen Dingen seit der Wiedervereinigung die in den Festlichkeiten zu seinem hundertsten Geburtstag gipfelnden Bemuehungen immer deutlicher wurden, ihn endgueltig in das nationale Pantheon der 'grossen deutschen Dichter' einzugemeinden. Kein Begriff ist in den Nachrufen von diesem Fruehjahr haeufiger zu finden als der der 'Jahrhundertgestalt'.

Als solche nun versucht auch Paul Noack Juenger in seiner kein Dreivierteljahr nach dessen Tod vorgelegten Biographie zu portraetieren, in der er es sich zur Aufgabe macht, "die Linien eines grossen Lebens nachzuziehen" (S. 8). Doch die Juenger-Literatur geht heute bereits ins Uferlose. Eine neuere Dissertation macht nicht weniger als fuenf verschiedene Interpretationsgruppen in der Juenger-Forschung aus: eine klassisch-werkimmanent vorgehende, eine psychoanalytische, eine geistesgeschichtliche, eine ideologiekritische und eine poetologische. (5) Fast jeder Teilaspekt von Juengers Leben und Werk scheint bereits Gegenstand einer Spezialuntersuchung gewesen zu sein. Was kann hier eine neue Biographie hinzufuegen?

An erster Stelle faellt auf, dass Noack praktisch kaum unbekanntes Material, etwa aus dem Nachlass, sichten konnte und so gut wie keine neuen Erkenntnisse zutage foerdert. Auch 'graue Literatur' wie etwa die Juengerschen Zeitschriftenartikel der 20er Jahre zitiert er praktisch nie nach dem Original. Die abgedruckten Photos und Bilddokumente kennt man in der Regel schon aus anderen Publikationen. Als Hauptschwaeche des Buches erscheint es allerdings, dass Noack praktisch ueberhaupt keinen theoretischen oder methodischen Rahmen und im eigentlichen Sinn auch keine praezise Fragestellung hat. In seinem Bemuehen, das Leben Juengers moeglichst umfassend nachzuzeichnen, beruehrt er durchaus alle wesentlichen Punkte, man kann sich als Leser aber des Eindrucks nicht erwehren, dass er dabei seltsam an der Oberflaeche bleibt. Seine Bewertungen sind sehr verhalten und seine theoretische Enthaltsamkeit laesst ihn im einzelnen nur schwach argumentieren. So konzediert er etwa in dem Abschnitt "Juenger und die Frauen" durchaus Juengers emotionale Bindungsschwierigkeiten. Bis zu dessen pathologischem Maennlichkeitswahn, wie ihn Bernd Weisbrod unlaengst unter dem Stichwort des 'maennlichen Fundamentalismus' herausgearbeitet hat (6), kann er aber nicht vorstossen. Es scheint fast, als scheue Noack die starke These und als wolle er es sich mit niemandem verderben.

Nun kann man sagen, dass diese Schwaechen bis zu einem gewissen Grade gerade auch die Staerken von Noacks Biographie sind. So versucht er nicht zu Unrecht, Ernst Juenger aus dem rein ideologischen Meinungsstreit zu befreien und jede Polemik in die eine oder andere Richtung zu vermeiden. Dabei gelingt es ihm durch eine einfuehlsame und angenehme Sprache durchaus, den 'Menschen Ernst Juenger' hinter dem Werk und seiner Rezeption hervorscheinen zu lassen. Zudem hat man hier zum ersten Mal die Gelegenheit, Ernst Juengers Leben in seinem Verlauf von Anfang bis Ende nachzuvollziehen. Doch insgesamt ist der Ton etwas zu versoehnlich, scheinen die Untiefen dieses Lebens nicht wirklich ausgelotet.

Auf diese Weise ist zwar keine schlicht apologetische Heldenverehrung entstanden, aber alles in allem ueberwiegt bei Noack doch die Sympathie fuer seinen Gegenstand, rueckt er Juengers Staerken und Errungenschaften staerker in den Vordergrund als seine Verfehlungen und spricht schliesslich von dem "Anspruch auf Achtung" (S. 332), den man Juenger nicht verwehren koenne. Somit erscheint Noacks Biographie beinahe wie ein verlaengerter Nachruf, mit dem erklaerten Ziel verfasst, Juenger "der Gruppe derer zuzugesellen, auf die ein Volk sich etwas zugute haelt" (S. 333). Doch dabei bleibt Juenger als 'exemplarische Existenz' im oben genannten Sinn groessten Teils unterbelichtet, wird weder sein Beitrag zur Barbarei dieses Jahrhunderts sichtbar, noch seine sich daran anschliessende aesthetische Weltflucht, in die ihm nicht wenige andere Deutsche folgten. Juengers Leben als 'Jahrhundertgestalt' muss eben in erster Linie politisch gelesen werden, um seinen Platz im nationalen und kulturellen Selbstverstaendnis der deutschen Gesellschaft bestimmen und verstehen zu koennen. Hier steht eine umfassende Biographie, die Juenger gleichsam als oeffentliche Person in den Mittelpunkt rueckt, noch aus.

Anmerkungen:
(1) Krockow, Christian Graf von: Von deutschen Mythen. Rueckblick und Ausblick, Muenchen 1997, S. 91.
(2) Vgl. dazu Laak, Dirk van: "Nach dem Sturm schlaegt man auf die Barometer ein..." Rechtsintellektuelle Reaktionen auf das Ende des "Dritten Reiches", in: Werkstatt Geschichte 17/1997, S. 25-44.
(3) Vgl. dazu: Niethammer, Lutz: Posthistoire. Ist die Geschichte zu Ende?, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 82-104.
(4) Vgl. Niekisch, Ernst: Gewagtes Leben, Koeln / Berlin 1958, S. 192.
(5) Gauger, Klaus: Krieger, Arbeiter, Waldgaenger, Anarch. Das kriegerische Fruehwerk Ernst Juengers, Frankfurt am Main u. a. 1997, S. 11.
(6) Weisbrod, Bernd: Kriegerische Gewalt und maennlicher Fundamentalismus. Ernst Juengers Beitrag zur Konservativen Revolution, in: GWU 49/1998, S. 542-558.

Zitation
Daniel Morat: Rezension zu: Noack, Paul: Ernst Jünger. Eine Biographie. Berlin 1998, in: H-Soz-Kult, 20.10.1998, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-382>.
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Veröffentlicht am
20.10.1998
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