S. Wengle: Black Earth, White Bread

Cover
Titel
Black Earth, White Bread. A Technopolitical History of Russian Agriculture and Food


Autor(en)
Wengle, Susanne
Erschienen
Anzahl Seiten
309 S.
Preis
$ 29.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Immo Rebitschek, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die Geschichte der russischen Nahrungserzeugung füllt Regalkilometer. Jüngere Studien über Nahrungskonsum und die Kulturgeschichte des Essens und Trinkens haben eine für sich schon uferlose Forschungslandschaft nochmals bereichert.1 Umso ambitionierter erscheint da das Versprechen auf dem Buchdeckel von „Black Earth, White Bread“, eine techno-politische Geschichte der Landwirtschaft und auch der Nahrung in Russland vorzulegen. Was also gibt es noch auf diesem Gebiet zu entdecken?

Vorab: Wengles eigentliches Interesse gilt der postsowjetischen Zeit und der Frage, wie Russlands (Nahrungs-)Wirtschaft im 21. Jahrhundert zu typisieren sei: „Does Russia have a normal capitalist economy?“ (S. 29) Es ist ein politikwissenschaftliches Buch mit historischem Fundament. Dazu wagt sie eine tour de force durch das 20. Jahrhundert, um zu beschreiben, wie gewachsen ist, was sie als „agrofood-system“ in der russischen Geschichte bezeichnet. Ihr Brennglas ist die „Technopolitik“ (S. 8): Hierzu nimmt sie das Zusammenspiel von politischen Strategien und technologischem Wandel im Zusammenhang mit Nahrungsproduktion und -konsumption in den Blick. Das Buch versammelt quer durch die Epochen Hinweise dazu, wie Technologien den politischen Umgang mit Essen – von der Aussaat zum Konsum – beeinflussten und wie vice versa Politik durch Technologie (un-)möglich gemacht wurde. Vier Bereiche stehen dafür im Fokus: die politischen Strategien, die Produktionsverhältnisse, der Konsum und die Auseinandersetzung mit der Natur und ihren Ressourcen. Sie alle kreisen um die Akteure, die als Produzentinnen, Konsumenten oder Entscheidungsträger das System prägten und Russlands Verflechtungen mit der Welt ermöglichten.

Damit ist schon angedeutet, dass das Buch mehr Fragen aufwirft, als es in der Tiefe adressieren kann. Letztlich geht es der Autorin darum, Interdependenzen abzubilden. Das Buch soll zeigen, dass in Russlands „technopolitischen Regimes“ (S. 24) nicht ein dominanter, sondern zahlreiche (staatliche und nicht-staatliche) Akteure den Wandel eines Systems gestalteten, in dem Politik, Technologie und Nahrung zusammenliefen. Die Geschichte dieses Wandels und dieser Abhängigkeiten liest sich für Historiker allerdings frustrierend, weil der systemische Blick vor allem für das 20. Jahrhundert ohne analytischen Fokus auskommt. Handbuchartig schildert Wengle valide Zusammenhänge, ohne sich festlegen zu wollen, welche Interpretation im Vordergrund, welche Befunde im Mittelpunkt stehen.

Teil eins ist Russlands „Getreideproblem“ (S. 38) gewidmet und damit der Frage, wie Bauern motiviert oder gezwungen werden konnten, den maximalen Ertrag ihrer Arbeitskraft dem Regime zu überlassen. Was durchaus Stoff für eine monumentale Abhandlung über die Bauernfrage im 20. Jahrhundert liefert, handelt Wengle mit kompakten Einblicken zur Wertschöpfung, Landnutzung, Handelsbeziehungen und Subventionierung ab, um das Changieren zwischen Zwang und Anreiz in der Agrarpolitik zu illustrieren. Jedes der Mikrokapitel verknüpft etablierte Forschungspositionen – etwa jene über die komplementäre und existenzielle Funktion der Subsistenzwirtschaft im Kolchossystem – und verschafft so einen Überblick über den Versuch sowjetischer und russischer Entscheidungsträger, Getreide als Ressource nutzbar zu machen. Die Geschichte von Requirierung, Zwangskollektivierung, bäuerlicher agency und privaten Anbaupraktiken mündet in die Erkenntnis, dass es erst unter Putin und mit staatlich subventionierten Agroholdings gelungen sei, das Getreideproblem zu lösen. Diese Entwicklung ist plausibel in ihrer Chronologie, doch die historische Deutung bleibt aus. Zuweilen streut die Autorin markige Thesen ein, die das Buch aber nicht belegen kann: etwa, dass Putins Agrarreformen ohne die brutale Unterwerfung der Bauern im Zuge der Kollektivierung nicht möglich gewesen wären. (S. 213). Dass staatsfinanzierte Agroholdings auf den Ruinen der kollabierten Kolchoswirtschaft groß wurden, rechtfertigt nicht den Rückgriff auf solch grobe Kausalannahmen.

Der zweite Teil liefert einen Überblick über landwirtschaftliche Produktionsformen und thematisiert, welche Akteure den Aufzucht- und Anbauprozess verantworteten und zwischen Kolchose und Privatwirtschaft auf technologische Innovationsschübe reagierten. In diesem Komplex bündelt die Autorin wieder zahlreiche Entwicklungslinien. Innovationsschübe von der „Traktorisierung“ bis zum Einsatz von Gen-Scheren beeinflussten Wirtschaftsformen, Erträge und das Nahrungsangebot. Zeitgleich veränderten neue Produktionsweisen auch das ländliche Sozialgefüge: unter dem Druck der Kollektivierung, dann mit dem Niedergang der Kolchoswirtschaft und mit dem Influx von Saison- und Facharbeitern. Dieser Wandel ist wiederum eingebettet in eine Geschichte transnationaler Technologie- und Ideentransfers, in der die Sowjetunion ihre Autarkiebestrebungen ab den 1970er-Jahren zu Gunsten engerer Handelskooperation mit dem Westen hintanstellte.

In ähnlicher Weise sammelt Teil drei Entwicklungssprünge im russischen Nahrungskonsum, die mit der schrittweisen Einführung von Technologien zur Lagerung und Verarbeitung einhergingen. Sowjetische Konsumenten erlebten ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, wie sich das Nahrungsangebot in Qualität, Zusammensetzung und Verfügbarkeit verbesserte und dabei doch statusabhängig blieb. Auch Restaurantbesuche und westliche Produkte waren oftmals an Privilegien gebunden. Das Kapitel bietet interessante Schlaglichter auf die geographische und soziale Verteilung von Konsumprivilegien im Staatssozialismus, oder auch auf die wachsende Bedeutung industriell verarbeiteter Lebensmittel.

Teil vier widmet sich den Dynamiken im Verhältnis von Natur und Mensch. Hier geht Wengle mit einer klaren theoretischen Prämisse zu Werke, wonach Naturressourcen nicht immer einseitig ausgebeutet, sondern stetig modifiziert und im Laufe des 20. Jahrhunderts auch mit Blick für ihre Fragilität nutzbar gemacht wurden. Viehzucht und Getreideanbau in Russland folgten der Logik des Ertrags. Innovation in Zucht- und Saatguttechnologien waren aber eben auch Reaktionen auf Risiken durch mangelnde genetische Varianz. Dass diese Prozesse letztlich gefördert wurden, um Russlands Anspruch als Weltmarktführer über die eigenen Ressourcen zu zementieren, verknüpft die Autorin am Schluss wieder mit dem eigentlichen Thema des Buches: Putins Anspruch auf russische „Nahrungssouveränität“ (S. 70).

Das Buch ist vor der Totalinvasion Russlands in der Ukraine entstanden, doch fügt sich der Befund problemlos in die nationale und globale Realität des russischen Angriffskrieges: Ukrainisches Getreide wird zerstört und geraubt, während der Kreml sich als Versorger und Fürsprecher des globalen Südens inszeniert. Seit den frühen 2000er-Jahren strebte Putins Russland entsprechend nach Autarkie und zugleich nach mehr globalem Einfluss als Nahrungsproduzent. Dabei leistet Wengle hier erhellende Differenzierungsarbeit: Das russische Agrofood-System basiert auf internationalen Verflechtungen des Technologietransfers – aller Embargorhetorik und Gegensanktionen zum Trotz. Die Konsumkultur in Russland ist seit 2014 ostentativ patriotisch aufgeladen, folgt aber globalen Trends. Industriell verarbeitete Nahrungsproduktion fördert auch hier krankhaftes Übergewicht in der Bevölkerung, belastet die Umwelt und wird zum Kennzeichen für soziale Ungleichheit. Agroholdings und regionale Funktionseliten bilden Akteursallianzen, die erheblichen Einfluss auf die Politik und das soziale Profil eines ländlichen Raums nehmen, der in den 1990er-Jahren weitestgehend ausgeblutet war.

Knapp die Hälfte des Buches und der eigentlichen Analyse handelt von der Zeit nach 1991. Die andere Hälfte hat eher Handbuchcharakter. Die Autorin thematisiert darin lesbar Verflechtungen und Akteursbeziehungen, ohne diese in einen analytischen Zusammenhang zu stellen. Das Buch wäre also als Lektüresynthese für den Komplex von Technologie und Nahrung in der Geschichte Russlands brauchbar, doch wesentliche Forschungsarbeiten werden gar nicht rezipiert: ob zur kulturwissenschaftlichen Bedeutung des Nahrungskonsums und seiner geographischen Vielfalt, zur Nahrungspolitik oder zur strukturellen Anfälligkeit der russischen Landwirtschaft.2 Wengles Verdienst ist es, die Akteursvielfalt der Technopolitik sichtbar zu machen und uns für die Verflechtungen zu sensibilisieren, mit denen Russland seinen Anspruch auf Weltgeltung bis hin auf die Teller seiner Bürger durchzusetzen versucht. Für die historische Forschung bleibt das Buch eher eine Überblickslektüre und Anregung, noch weiter ins 21. Jahrhundert vorzustoßen.

Anmerkungen:
1 Alison K Smith, Cabbage and Caviar. A History of Food in Russia, London 2021; Stephen V. Bittner, Whites and Reds. A History of Wine in the Lands of the Tsar, Oxford 2021.
2 R.E.F. Smith / David Christian, Bread and Salt. A Social and Economic History of Food and Drink in Russia, Cambridge 1984; Nikolai M. Dronin / Edward G. Bellinger, Climate Dependence and Food Problems in Russia, 1900–1990. The Interaction of Climate and Agricultural Policy and their Effect on Food Problems, Budapest 2005; Elena A. Osokina, Our Daily Bread. Socialist Distribution and the Art of Survival in Stalin’s Russia, 1927–1941, Armonk 2001; Smith, Cabbage and Caviar.

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