H. H. Hahn u.a. (Hrsg.): Mythen und Stereotypen in Europa

Titel
Erinnerungsorte, Mythen und Stereotypen in Europa. Miejsca pamięci Mity i stereotypy w Europie


Hrsg. v.
Hahn, Hans Henning; Hein-Kirchner, Heidi; Suchoples, Jarosław
Erschienen
Breslau 2008: Atut
Umfang
293 S.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mathias Berek, Leipzig

Zugegeben, der Titel des Bandes macht es seinen Autorinnen und Autoren nicht einfach. Zum einen verspricht er zu viel: Die Beiträge diskutieren keine gesamteuropäische Dimension, sondern vor allem mittel- und osteuropäische Beispiele, mit Schwerpunkt auf Deutschland und Polen. Zum anderen bringt er gleich drei Begriffe ins Spiel, die als vielfach abgenutzt und dadurch kaum noch fassbar gelten: Erinnerungsort, Mythos, Stereotyp. Allerdings steht das einer Würdigung des Bandes nicht im Wege. Das erste Problem entstammt schlicht der Tatsache, dass der Sammelband Ergebnis einer Tagung mit dem Titel „Erinnerungsorte und Mythen in Europa. Das Beispiel Schlesien“ ist, die 2005 im polnischen Karpacz Górny stattfand. Und das Problem der verschwommenen „Modebegriffe“ (S. 12) wird von den Herausgeberinnen und Herausgebern selbst in zwei Beiträgen behandelt.

So betont Heidi Hein-Kircher in ihrem einleitenden Artikel zum „Verhältnis von 'Erinnerungsorten' und politischen Mythen“, man müsse diese Termini konkretisieren und „begriffsgenau“ (S. 12) verwenden, um sie weiter wissenschaftlich nutzbar machen zu können. Sie schlägt mit Etienne François und Hagen Schulze vor [1], Erinnerungsorte als „Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität“ (S. 15) zu verstehen, und schließt damit an die weite Definition von Pierre Nora an, nach der nicht nur Orte, sondern auch Metaphern, Symbole und Mythen dazu zählen (S. 16). Erinnerungsorte „rekonstruieren“ somit „das kulturelle Gedächtnis […] von sozialen Großgruppen“ und bilden eine historiographische „Metakategorie […], die sämtliche Einzelaspekte des kulturellen Gedächtnisses charakterisiert und all das umfasst, was Erinnerungskultur ausmacht.“ (S. 19) Nach dieser Definition sind „Erinnerungsorte“ also nicht mehr als Elemente oder Konkretisierungen von Erinnerungskultur. Auch die von der Autorin vorgeschlagenen, bei Klaus Große-Kracht und François entlehnten [2], „Topoi“ oder „Figuren“ (S. 19) der Erinnerung bleiben ähnlich unkonkret. Um einen weniger vagen Untersuchungsgegenstand zu bestimmen, widmet sie sich im Folgenden den politischen Mythen als „spezifische Ausprägung von 'Erinnerungsorten'“ (S. 21). Politischer Mythos meint also eine Teilmenge der Erinnerungsorte: Er erzählt wertend, vereinfachend und idealisierend bestimmte Geschichten über die Vergangenheit oder über Zeitgenossen. Insofern ordnen sich alle Beiträge des Bandes mehr oder weniger in eine historiographische Mythos-Forschung ein, die den Mechanismen nachgeht, mit deren Hilfe sich Menschen (unabhängig vom Wahrheitsgehalt) ihre Gegenwart und Vergangenheit erklären.

Der Beitrag von Hans Henning Hahn wendet sich schließlich dem dritten Problem-Begriff des Titels, den Stereotypen, zu. In Anlehnung an Walter Lippmann versteht er unter Stereotyp eine wertende, verallgemeinernde Aussage über menschliche Gruppen und deren einzelne Mitglieder [3], die „von einer starken Überzeugung getragen wird“ (S. 240f.). Allerdings, und das merkt auch Hahn an, beruht jede menschliche Wahrnehmung, Erfahrung, Äußerung und Kommunikation notwendigerweise auf Verallgemeinerungen, auf Typisierungen, auf der Vereinfachung von gegebenen Sachverhalten unter einem Begriff. Hahn grenzt das Stereotyp vom Begriff dadurch ab, dass Begriffe auf Erfahrungen beruhten und anhand der Realität überprüf- und somit revidierbar seien, während Stereotypen hochgradig emotional aufgeladen und somit resistent gegen Argumente oder widersprechende Erfahrungen seien. Die so bestimmten Stereotype übten eine starke „Orientierungsfunktion“ in der Gesellschaft aus, sie dienten zur Integration der eigenen Gruppe wie zur Abgrenzung gegenüber anderen. Jede Gruppe und auch ganze Gesellschaften verfügten deshalb über einen „schwer zu durchbrechenden Stereotypenkonsens“ (S. 243f.). Politische Mythen (S. 250) seien ebenso wie jedes Wissen über die Geschichte (S. 239) in hohem Maße stereotyp. Die Verantwortung der (Geschichts-)Wissenschaft, so der anschließende Artikel von Jarosław Suchoples, bestehe darin, sich bei der Wahl seiner Gegenstände und bei der Untersuchung nicht von diesen Stereotypen leiten zu lassen. Gerade das Anerkennen positiver Stereotypen (zum Beispiel in der Forschung zu internationalen Beziehungen) verstelle oft den Blick auf interessante Themen, die mangels Problematisierung gar nicht als solche erkannt würden.

Gewissermaßen eingerahmt von diesen theoretisch-begrifflichen Klärungsversuchen der Herausgeberinnen und Herausgeber, befassen sich die anderen Beiträge des Bandes bis auf eine Ausnahme (Marcus Cordes zum Erinnerungsraum Landschaft) mit empirischen Fallbeispielen aus Mitteleuropa. Eine Auswahl sei hier erwähnt, da die Beispiele interessante Mosaiksteine zum Verständnis des abstrakten Phänomens kollektives Gedächtnis beitragen. So untersucht Benjamin Schäfer deutsche und polnische Reiseführer über die Stadt Poznań von der Gründung des wilhelminischen Kaiserreichs bis zum deutschen Überfall auf Polen. Sein Beitrag belegt plastisch, wie diese Mediengattung Deutungsschneisen in den touristischen Besuch der Stadt schlägt, die sie je nach Sichtweise entweder als ein Zentrum deutscher Ost-Kolonialisierung oder als Wiege Polens und der europäischen Christenheit interpretiert.

Die Tatsache, dass der „Osten“ in Deutschland nicht einfach nur eine Himmelsrichtung wie jede andere ist (S. 110), bildet auch die Grundlage der Beiträge von Ingo Wiwjorra und Thomas Ditt. Wiwjorra widmet sich den historiographischen Konflikten im 18. und 19. Jahrhundert zwischen slawo- und germanophilen Autoren um die Frage, ob, seit wann und wie weit westlich Slawen im Altertum gesiedelt hätten. Die Frage war stets verbunden mit nationalromantischen Raummythen und Volkstumstereotypen, also der Annahme einer „bruchlosen Kontinuität“ zwischen ur- und frühgeschichtlichen Bevölkerungen und modernen Nationen, wie sie sich in der Gleichsetzung von germanisch / deutsch und der Annahme der Existenz eines „Urslawentums“ (S. 88) findet. Die germanophilen Positionen erwiesen sich dabei als die deutlich aggressiveren und abwertenderen, und die von nur wenigen geäußerte Hoffnung, der Konflikt der Raummythen lasse sich über ein auf Recht und Staatsbürgerschaft fußendes Verhältnis zwischen „Slawen“ und „Deutschen“ lösen, wurde mit Ausgang des 19. Jahrhunderts zerstört.

Ebenfalls sehr lesenswert ist der Beitrag von Thomas Ditt zum „‚Ostrecht‘ als Mythos der Rechtswissenschaft“. Entstanden als Kolonialfach in Verbindung mit dem deutschen „Drang nach Osten“, geht die Disziplin von einer Einheitlichkeit der Rechtssysteme Ostmittel- und Osteuropas aus, die allerhöchstens zu Zeiten des Ostblocks bestand, wie Ditt nachweist. Der Hintergrund liege weniger in juristischen Tatsachen als vielmehr in einer in Deutschland bis heute verbreiteten Einstellung, die „den Osten“ als Einheit und mit Herablassung betrachte (S. 109). Ebenfalls mit der deutschen Polenwahrnehmung beschäftigt sich Anna Kochanowksa-Nieborak anhand der Lexikonartikel im deutschen Meyer von 1840 bis 1908, die einen klar negativen polnischen „Nationalcharakter“ zeichneten, um in Abgrenzung dazu den deutschen als positiven zu festigen.

Interessante Quellen hat Christian Lotz für seinen Beitrag über die „Landsmannschaft Schlesien in den westdeutschen Diskursen um Flucht und Vertreibung“ erschlossen. Die Archive und Sitzungsprotokolle dieses Vertriebenenverbands erlauben einen faszinierenden Blick in angewandte Erinnerungspolitik. So wurden zur Erhaltung der Legitimation der Organisation über die Jahre immer grotesker nach oben frisierte Mitgliederzahlen veröffentlicht und mit organisatorischem und finanziellem Druck die erinnerungspolitische Behandlung der Themen Flucht, Vertreibung und Schlesien innerhalb des Verbands im Sinne des Vorstands vereinheitlicht (S. 133). Dessen Ziel war im Gegensatz zu den vor allem an der Erinnerung an ihre jeweiligen Herkunftsorte interessierten „Heimatgruppen“ vor allem ein politisches: Grenzrevision und Rückkehr. Lotz konstatiert einen „erinnerungspolitischen Sog“ (S. 127), den die Landsmannschaft dadurch ausgelöst habe, dass jedes Reden über Schlesien politisiert wurde. Die Begriffe „Schlesien“ und „deutsche Ostgebiete“ wurden so laut Lotz „von den Landsmannschaften argumentativ besetzt und eine abwägende, reflektierende Beschäftigung mit deutscher Geschichte im Osten Europas sowie mit Flucht und Vertreibung erheblich erschwert.“ (S. 137) Es bleibt aus Sicht des Rezensenten allerdings fraglich, ob es überhaupt Aufgabe von Erinnerungskultur und -politik sein kann, abzuwägen und zu reflektieren. Erinnerungskultur bleibt ob ihrer essenziellen Bedeutung für den Gruppenzusammenhalt stets ein Gegenstand politischer Auseinandersetzung.

Ebenfalls mit Schlesien beschäftigen sich die Artikel von Dagmara Margiela und Andrzej Michalczyk. Erstere liefert ein plastisches Beispiel für die Gegenwartsbedeutung von Geschichte anhand der Konstruktion einer niederschlesischen Regionalgeschichte in der Gazeta Wyborcza, die sowohl die Herkunft vieler Bewohner aus dem polnischen Osten als auch die ehemaligen (deutschen) Bewohner einbezieht. Letzterer beschäftigt sich mit oberschlesischer Regionalidentität, die nur wegen fehlender Intelligenzschicht und starkem deutschen wie polnischen Assimilationsdrucks nicht zur nationalen Identität wurde.

Zusammengefasst liefert der Band einige sehr interessante Belege und Beispiele für eine interdisziplinär-kulturwissenschaftliche Erforschung politischer Mythen und Erinnerungskulturen. Leider wird dieses Verdienst des Buches durch die teils fehlerhafte Druckvorbereitung getrübt. Zwar sparen – bedauerlicherweise – mittlerweile unzählige Verlage das Lektorat ein, dennoch muss eine Rezension meines Erachtens auch weiterhin unvollständige Fußnoten und mehr als sporadisch vorhandene Tippfehler beklagen.

Anmerkungen:
[1] Etienne François / Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. I, München 2001, vgl. die Rezension von Jan-Holger Kirsch: Francois, Etienne; Schulze, Hagen (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte I. München 2001, in: H-Soz-u-Kult, 18.06.2001, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=572>. (20.02.2010)
[2] Klaus Große Kracht, Erinnerung à la carte. Rezension zu Etienne François / Hagen Schulze: Deutsche Erinnerungsorte, in: IASL, <http://www.iaslonline.lmu.de/index.php?vorgang_id=2103> (20.02.2010); Etienne François, Pierre Nora und die »lieux de mémoire«, in: Pierre Nora (Hrsg.), Erinnerungsorte Frankreichs, München 2005, S. 5, vgl. die Rezension von Manfred Kaluza: Nora, Pierre (Hrsg.): Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, in: H-Soz-u-Kult, 27.07.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=7795> (20.02.2010).
[3] Walter Lippmann, Public Opinion, New York 1922.

Zitation
Mathias Berek: Rezension zu: Hahn, Hans Henning; Hein-Kirchner, Heidi; Suchoples, Jarosław (Hrsg.): Erinnerungsorte, Mythen und Stereotypen in Europa. Miejsca pamięci Mity i stereotypy w Europie. Breslau 2008 , in: H-Soz-Kult, 01.04.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11172>.
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01.04.2010
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