V. Rosenberger (Hrsg.): Die Ideale der Alten

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Titel
Die Ideale der Alten. Antikerezeption um 1800


Hrsg. v.
Rosenberger, Veit
Erschienen
Stuttgart 2008: Franz Steiner Verlag
Umfang
199 S.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christiane Hackel, SFB 644 "Transformationen der Antike", Humboldt-Universität zu Berlin

Der von dem Erfurter Althistoriker Veit Rosenberger herausgegebene, mit einer Einleitung und erfreulicherweise auch mit einem Namen- und Sachregister versehene Band versammelt die Beiträge einer Tagung, die unter dem Titel „Antike(n)rezeptionen um 1800“ im Februar 2006 auf Schloss Friedenstein in Gotha stattfand. Es handelt sich um insgesamt zehn[1], zumeist kürzere Aufsätze, die in verschiedenen Fallbeispielen die von der Antike ausgehende Faszination auf Künstler, Wissenschaftler, Herrscher und Staatsmänner um 1800 schildern und die somit ein Spektrum unterschiedlichster Antiketransformationen präsentieren – allerdings mit dem Fokus auf den deutschen Sprachraum, da nur in drei Beiträgen Schlaglichter auf Frankreich bzw. Italien geworfen werden. Die konzeptionelle Schwäche des Bandes liegt darin begründet, dass er beliebige, jeweils für sich stehende Fallbeispiele versammelt, die zwar durch das gemeinsame Leitmotiv „Antikebegeisterung“ und den fokussierten Zeitraum um 1800 zusammengehalten werden, die aber keiner gemeinsamen übergeordneten Fragestellung verpflichtet sind, weshalb man am Ende etwas ratlos zurückbleibt, was den beabsichtigen Erkenntnisgewinn betrifft.

Volker Riedel problematisiert den 1805 von Goethe herausgegebenen Band „Winckelmann und sein Jahrhundert“, der zum einen bis dato unveröffentlichte Briefe Winckelmanns an seinen ehemaligen Studienfreund, den Juristen Hieronymus Dietrich Berendis enthält, sowie von Johann Heinrich Meyer, Karl Ludwig Fernow, Friedrich August Wolf und Goethe selbst verfasste Beiträge zur Kunstgeschichte des 18. Jahrhunderts und zu Winckelmanns Leben und Werk. Riedel betont, dass dieses Buch allerdings „nur bedingt als klassizistisch zu bezeichnen“ sei (S. 23), da die Ausführungen der beteiligten Autoren historisch angelegt seien, weshalb er es „Zwischen Klassizismus und Geschichtlichkeit“ – so der Titel seines Beitrages – verortet. Anders als Esther Sophia Sünderhauf, die dem Band Goethes die Wirkung zuschreibt, Winckelmanns Ruhm potenziert und dadurch seinen Namen in den Kanon der deutschen klassischen Nationalliteratur eingeschrieben zu haben[2], konstatiert Riedel eine geringe öffentliche Resonanz des Werkes (S. 27).

Im Frühjahr 1787 besuchten sowohl Johann Wolfgang von Goethe als auch Karl Philipp Moritz fast zeitgleich die Ausgrabungen in Pompeji. Dieser Besuch geriet für beide zu einem Schlüsselerlebnis, wenn auch mit unterschiedlichen Folgen. Renata Gambino stellt in ihrem Beitrag die diametralen Pompeji-Erfahrungen beider Autoren gegenüber: Währenddessen Moritz von der farbigen Lebendigkeit der die Wände und Fußböden der Villen von Pompeji schmückenden polychromen Fresken und Mosaiken fasziniert war, ebenso wie von den gefundenen Alltagsgegenständen, äußerte sich Goethe enttäuscht. Er vermisste „die Erhabenheit und Größe der Hinterlassenschaft der Griechen“ (S. 34f.). Erst 1827 wurde er durch die von Wilhelm Zahn angefertigten farbigen Reproduktionen der pompejischen Wandzeichnungen umgestimmt.

Frank Daubner fokussiert in seinem Beitrag einen weiteren wichtigen im Bannkreis der Antike stehenden Autor: Christoph Martin Wieland. Dieser stellt allerdings insofern eine Ausnahme dar, als er einen durchaus kritischen Blick auf die alten Griechen hatte. Wieland hatte durch seine Übersetzungen antiker Autoren und die Verarbeitung antiker Stoffe in seinen Romanen, diese einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Aufgrund seiner profunden Kenntnis der Antike vertrat er in seiner 1777 im „Teutschen Merkur“ veröffentlichten Schrift „Gedanken über die Ideale der Alten“, die er stilistisch überarbeitet 1794 unter dem Titel „Über die Ideale der griechischen Künstler“ wiederveröffentlichte, die Meinung, „daß die alten Griechen weder schöner noch sittlich besser waren als die heutigen Menschen“ (S. 47). Darüber hinaus argumentierte er gegen Winckelmann und Lavater, dass die griechischen Künstler ihre Werke nicht nach der Natur, sondern nach einer in der Phantasie erzeugten Idee gearbeitet hätten, wodurch er Winckelmanns Nachahmungspostulat aushebelte.

Marcus Becker macht auf sehr anschauliche und eindrückliche Weise sichtbar, dass die Antike bei ihrem Gebrauch unter Umständen auch verschwinden kann, indem er die verschiedenen Stufen des Transformationsprozesses einer antiken Skulptur bis hin zur Aufstellung einer nach ihr gefertigten Kopie im Kontext des seit 1781 vom Ehepaar von Brühl angelegten Landschaftsgartens im Seifersdorfer Tal bei Dresden dokumentiert.

Veit Rosenberger problematisiert am Beispiel des Bildprogramms der zwischen 1802-1804 von Christian Friedrich Tieck geschaffenen acht Gipsreliefs im „Gesellschaftszimmer“ des Weimarer Schlosses den Umgang mit antiken mythologischen und historischen Stoffen. Dazu umreißt er kurz die Überlieferungssituation bezüglich des mythologischen und historischen Wissens zur damaligen Zeit, fragt nach dem Interesse, das hinter der Indienstnahme der antiken Stoffe stand und kommt zu der Schlussfolgerung, dass die Bildthemen der Reliefs nicht aus didaktischer Absicht ausgewählt wurden, sondern dass der Rückgriff auf die Antike in erster Linie repräsentativen Absichten geschuldet war.

Der Beitrag von René Sternke gewährt einen kleinen Einblick in seine umfangreiche, fast 600 Seiten umfassende Dissertation, in deren Mittelpunkt der Archäologe Karl August Böttiger steht und die vor allem dessen Briefwechsel mit dem französischen Archäologen Desiré Raoul-Rochette und die Konstituierung des archäologischen Diskurses zum Gegenstand hat.[3] Felix Saure rekonstruiert in seinem Beitrag die von Wilhelm von Humboldt propagierte exklusive Nähe zwischen Griechen und Deutschen, die Humboldt zum einen in der Ähnlichkeit der Sprachen begründet sah und zum anderen in der analogen verfassungsmäßigen Grundstruktur beider Nationen, die eben beide nicht als politische Zentralmächte existierten, sondern als Kulturnationen, die verschiedene staatliche Gebilde umfassten. Saure verortet Humboldts Antikekonzept im zeithistorischen Kontext und verdeutlicht, dass es „als positives Gegenbild einer kritisch wahrgenommenen Gegenwart“ (S. 114) fungierte.

Mit Johann Gustav Droysen fokussiert Stefan Rebenich einen Historiker, der in seinen althistorischen Werken eine Aufwertung der bis dato immer als Verfallszeit interpretierten nachklassischen griechischen Geschichte vornahm, indem er die Eroberungszüge Alexanders unter dem Vorzeichen der nationalen Einigung interpretierte. Ebenso wie bei Humboldt ist auch bei Droysen unschwer die Zeitgebundenheit dieser Antikeaneignung, bei der Makedonien zur Parallele Preußens gerät, zu identifizieren. Auch die von Droysen entworfene Geschichte soll der Gegenwart als positives Gegenbild dienen, mit dem der Historiker seinen Zeitgenossen den Weg weisen möchte.

Bereichernd ist der Beitrag von Grazia Pulvirenti über die Ägyptenrezeption im 18. Jahrhundert. Er bringt zum einen in den Blick, dass es sich bei der Vorstellung von der Voraussetzungslosigkeit der antiken griechischen Kultur um eine Projektion handelt und macht andererseits sichtbar, dass es eine Antikenkonkurrenz gab, da um 1800 neben dem griechischen und römischen Altertum auch das alte Ägypten als Projektionsfläche für die eigenen Sehnsüchte fungierte und nicht ohne Wirkung geblieben ist, wie Pulvirenti vor allem am Beispiel der Freimaurer und anhand von Mozarts „Zauberflöte“ deutlich macht. Der letzte Beitrag widmet sich ebenfalls der Ägyptenrezeption und zwar der Indienstnahme des ägyptischen Altertums durch Napoleon Bonaparte. Ludwig D. Morenz zeigt anhand einer ikonographischen Interpretation des Bildprogramms des Titelkupfers im ersten Band der „Description de l' Égypte“ (1809), dass Napoleons Rekurs auf die Traditionen des alten Ägypten der Legitimation seiner Herrschaft dienen sollte.

Am Ende sei noch ein Plädoyer für den Begriff der „Antiketransformation“ angefügt, da sich auch die in diesem Band beschriebenen Phänomene mit ihm besser erfassen lassen als mit dem Terminus der „Rezeption“, der leicht übersehen lässt, dass es „die Antike“ als unveränderliches Referenzobjekt nicht gibt. Der Vorteil des Transformationsbegriffes liegt darin, dass er dem konstruktiven Charakter und der Zweipoligkeit dieses Vorgangs (bei dem eben nicht nur die Aufnahme- sondern auch die Referenzkultur modifiziert wird) Rechnung trägt, d.h. der Tatsache, dass in jeder Aneignung von Antike diese jeweils neu konstruiert, wenn nicht im Extremfall sogar zum Verschwinden (Markus Becker) gebracht wird.[4]

Anmerkungen:
[1] Das Inhaltsverzeichnis des Bandes ist im Internet auf der Verlagsseite einzusehen unter: <http://www.steiner-verlag.de/uploads/tx_crondavtitel/datei-datei/9783515090001_i.pdf>, (20.4.2009).
[2] Esther Sophia Sünderhauf, Griechensehnsucht und Kulturkritik. Die deutsche Rezeption von Winckelmanns Antikenideal 1840-1945, Berlin 2004, S. 2f.
[3] René Sternke, Böttiger und der archäologische Diskurs, Berlin 2008.
[4] Vgl. <http://www.sfb-antike.de/sfb-antike/Konzept2.html>, (20.4.2009).

Zitation
Christiane Hackel: Rezension zu: Rosenberger, Veit (Hrsg.): Die Ideale der Alten. Antikerezeption um 1800. Stuttgart 2008 , in: H-Soz-Kult, 27.04.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12324>.
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Veröffentlicht am
27.04.2009
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