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Titel
The Great Cold War. A Journey Through the Hall of Mirrors


Autor(en)
Barrass, Gordon S.
Erschienen
Stanford CA 2009: Stanford University Press
Umfang
484 S.
Preis
£ 22,50
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Werner Bührer, School of Education, Technische Universität München

An Gesamtdarstellungen des Kalten Krieges herrscht kein Mangel. Erinnert sei beispielsweise an die Werke von John Lewis Gaddis[1] und Bernd Stöver[2] oder an die 2010 unter der Herausgeberschaft von Leffler und Westad erschienene dreibändige "Cambridge History of the Cold War", die den „state of the art“ in diesem Feld markiert.[3] Was bietet das Buch des britischen Diplomaten, ehemaligen Chefs des Assessments Staff im Cabinet Office und Mitglied des Joint Intelligence Committee of the Cabinet demgegenüber Neues? Da sich Barrass weniger auf Archivrecherchen als vielmehr auf annähernd 100 Interviews mit Politikern, Militärstrategen und Geheimdienstmitarbeitern stützt, verspricht er insbesondere „eye-opening accounts of what was going on behind the scenes“ (S. 4): „We often had reliable information about what the Russians had done“, so beschreibt er die Schwierigkeiten seiner Tätigkeit für die britische Regierung, “but at times we were not sure of their motivation” (S. 3). Deshalb sei er sich oft wie in einem Spiegelkabinett vorgekommen, wo nichts so war wie es zu sein schien.

Warum brach der Kalte Krieg aus? Warum dauerte er so lange? Und warum endete er so und nicht anders? Diese drei großen Fragen dienen Barrass zugleich als Gliederungsprinzip der im Wesentlichen chronologischen Darstellung. Sie verleihen dem Buch nicht nur eine klare Struktur – es sind in der Tat wichtige, in der Forschung intensiv und kontrovers diskutierte Fragen. Überdies macht er es sich zur Aufgabe, einige „Legenden“ über den Kalten Krieg genauer unter die Lupe zu nehmen, etwa die Annahme, die Sowjetunion habe keine reale Gefahr dargestellt, oder die Schlussfolgerung, dass der Sieg des Westens auf die Härte Ronald Reagans zurückzuführen und Michael Gorbatschows Beitrag dagegen von geringerer Bedeutung gewesen sei.

Während Barrass erste Anzeichen einer drohenden amerikanisch-russischen Rivalität bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu erkennen glaubt, datiert er den eigentlichen Beginn des Kalten Krieges im Einklang mit der vorherrschenden Tendenz in der Forschung auf das Jahr 1917. Die Zusammenarbeit im Rahmen der Anti-Hitler-Koalition sei durch die politisch-militärischen Entwicklungen erzwungen worden, insofern war die spätere Konfrontation aus seiner Sicht unausweichlich: Innerhalb von sechs Monaten, zwischen Herbst 1947 und Frühjahr 1948, spalteten sich die ehemaligen Alliierten in zwei feindliche Lager – „and the members of each would be the source of endless headaches and occasional nightmares for their respective patrons“ (S. 53). Die Frage, ob der Kalte Krieg unvermeidlich gewesen sei, beantwortet der Autor folglich mit einem eindeutigen „ja“.

Der zweite und umfangreichste Teil beschäftigt sich mit der Frage, warum der Kalte Krieg so lange dauerte, obwohl es doch bereits seit Mitte der 1960er-Jahre, also noch vor dem Beginn der eigentlichen Phase der Entspannung, immer wieder entsprechende Versuche gegeben hatte. Das Scheitern der Entspannung erklärt Barrass mit den unterschiedlichen Erwartungen beider Seiten: „The Americans…wanted to use détente to achieve a lasting accommodation on the basis of the status quo, while the Soviets sought to use détente to create an atmosphere in which the Americans would come to accept the Soviet Union as an equal in world affairs” (S. 201). Die Ostpolitik Willy Brandts deutet er übrigens nicht, wie von manchen Kritikern unterstellt, als Kumpanei mit den Kommunisten; der Bundeskanzler habe vielmehr auf lange Sicht an eine Wiedervereinigung geglaubt – überhaupt sei seine Ostpolitik „far more Machiavellian“ gewesen als gemeinhin angenommen (S. 309).

Dass der Ost-West-Konflikt schließlich friedlich endete, erklärt Barrass unter Hinweis auf den uneinholbaren Vorsprung der USA in der Waffentechnologie und Ansätzen eines „neuen Denkens“ auf amerikanischer, vor allem aber auf sowjetischer Seite. Auf amerikanischer Seite wuchs das Vertrauen in die eigene Stärke bei gleichzeitigem Erkennen der Schwäche des Gegners. Auf sowjetischer Seite verbreitete sich unter Wissenschaftlern und Politikberatern die Einsicht, dass das eigene Wirtschaftssystem dringend reformbedürftig sei. Und in Gorbatschow reifte nach und nach die Überzeugung, dass die Sowjetunion den ideologischen Krieg verlieren werde – „because the ideology that underlay it was wrong“ (S. 332).

Das Buch befasst sich hauptsächlich mit den USA und der Sowjetunion, und zwar vor allem mit Politikern, Militärs und Angehörigen der Geheimdienste; Akteure etwa aus dem wirtschaftlichen oder dem kulturellen Milieu tauchen allenfalls am Rande auf. Die übrigen „Mitspieler“ aus West- und Osteuropa spielen eine eher untergeordnete Rolle. Das Faible des Autors für Geheimdienste verführt ihn mitunter dazu, den Äußerungen ihrer Mitarbeiter – insbesondere jenen des DDR-Spionagechefs Markus Wolf – etwas zu viel Bedeutung bzw. Wahrheitsgehalt beizumessen. Die größte Stärke des Buches liegt darin, dass es sich auf die wechselseitigen Perzeptionen und Fehlperzeptionen als entscheidende Antriebskräfte des Konflikts konzentriert. Das ist zwar beileibe kein neuer Aspekt in der einschlägigen Geschichtsschreibung, aber in dieser Dichte wurde er bislang nicht behandelt. Wer sich für diese Dimension des Kalten Krieges interessiert, dem sei diese flüssig geschriebene, durch einige Anekdoten zusätzlich aufgelockerte, dennoch auf der Höhe der Forschung argumentierende Darstellung empfohlen.

Anmerkungen:
[1] John Lewis Gaddis, Der Kalte Krieg. Eine neue Geschichte, (TB-Ausgabe) München 2008; vgl die Rezension der englischen Ausgabe: Jost Dülffer: Rezension zu: Gaddis, John Lewis: The Cold War. A New History. New York 2005, in: H-Soz-u-Kult, 01.04.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-2-001> (27.09.2011).
[2] Bernd Stöver, Der Kalte Krieg 1947-1991. Geschichte eines radikalen Zeitalters, München 2007; vgl. die Rezension von Wilfried Loth, in: H-Soz-u-Kult, 10.07.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-025> (27.09.2011).
[3] Melvyn P. Leffler / Odd Arne Westad (Hrsg.), The Cambridge History of the Cold War, 3 Bde., Cambridge u.a. 2010; vgl. die Rezension von Jost Dülffer, in: H-Soz-u-Kult, 28.06.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-2-234> (27.09.2011).

Zitation
Werner Bührer: Rezension zu: Barrass, Gordon S.: The Great Cold War. A Journey Through the Hall of Mirrors. Stanford CA 2009 , in: H-Soz-Kult, 11.10.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12518>.
Redaktion
Veröffentlicht am
11.10.2011
Beiträger
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Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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