Cover
Titel
The Oxford International Encyclopedia of Peace.


Hrsg. v.
Young, Nigel
Erschienen
Umfang
4 Bände, insgesamt 2848 Seiten
Preis
$ 520.-
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Thorsten Bonacker, Zentrum für Konfliktforschung, Philipps-Universität Marburg

Kenneth Boulding, einer der Gründerväter der modernen Friedens- und Konfliktforschung, hat 1963 in einem Essay die Frage gestellt: „Is peace researchable?“[1] Die Frage war keinesfalls rhetorisch gemeint. Vielmehr versuchte Boulding gegen die realistische Dominanz der Internationalen Beziehungen deutlich zu machen, dass Frieden mehr ist als die Abwesenheit von Krieg und dass der Weg zum Frieden ebenso wie der zum Krieg mit sozialwissenschaftlichen Methoden versteh- und erklärbar ist. Frieden und Krieg sind mithin keine Naturzustände, sondern Zustände sozialer Systeme. Die Erforschung der Bedingungen, die zu Frieden führen und ihn sichern, bedarf, so Boulding, einer interdisziplinären Perspektive und einer angemessenen Methodologie, die es zu entwickeln gälte.

Seitdem ist in Sachen Friedensforschung viel passiert. Nicht nur sind weltweit renommierte Forschungsinstitute und eine Vielzahl von Studiengängen und PhD-Programmen entstanden und die Friedensforschung damit global als Profession institutionalisiert worden. Auch das wissenschaftliche Wissen über Krieg und Frieden ist auf einem Stand, der es erlaubt zu sagen, dass wir sehr gute Kenntnisse darüber haben, warum Kriege ausbrechen, was zu ihrer Verhinderung getan werden muss und wie Frieden erhalten werden kann. Und trotz der jüngsten Kriege und gewaltsamen Auseinandersetzungen hat – auch dies kann man aus den hier zu besprechenden Bänden lernen – die Zahl der Kriege und die Zahl der Kriegstoten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs abgenommen.

Insofern ist es folgerichtig, dass dieses Wissen der Friedensforschung systematisiert und gebündelt zusammengetragen wird, nicht zuletzt auch, um Entscheidungsträgern das deutlich zu machen, was in Diderots Encyclopédie 1751 bereits unter dem Eintrag zu Frieden stand, dass nämlich dann, wenn die Vernunft die Nation regiert, diese sich nicht mehr wie eine wilde Bestie verhalten wird (Band IV, S. 500). Dieser Eintrag findet sich in der vorliegenden Enzyklopädie im Anhang, der zentrale Dokumente der Ideen- und Realgeschichte des Friedens versammelt – darunter neben dem Briand-Kellog-Pakt von 1928 beispielsweise die Genfer Konvention von 1949, den Atomwaffensperrvertrag von 1968, die KSZE-Schlussakte von 1975, die Earth Charter aus dem Jahr 2000 und – sicherlich nicht ganz unumstritten – die Erklärung zur Schutzverantwortung der Internationalen Gemeinschaft (Responsibility to Protect), die auf dem World Summit der Vereinten Nationen 2005 verabschiedet wurde.

Die von Nigel J. Young herausgegebene vierbändige Enzyklopädie soll auf über 2800 Seiten zusammentragen, was wir über den Frieden wissen, was unter Frieden in unterschiedlichen Disziplinen verstanden wird und wie sich Friedensforschung institutionell entwickelt hat. Das Ziel bestand darin, „to create an up-date, well-documented, authoritative reference work – independent of outside political or religious links“ (Band I, S. XXV). Dieses Ziel ist zweifellos erreicht worden – mehr noch: Vor uns liegt ein zwar schwergewichtiges, aber sehr gut les- und brauchbares Werk, das zeigt, wie man auch im Wiki-Zeitalter noch sinnvolle Gesamtdarstellungen eines Forschungsfeldes zwischen Buchdeckeln konzipieren kann. In über 850 Einträgen werden Kernthemen der Friedens- und Konfliktforschung so aufbereitet, dass sie auch für diejenigen, die sich erstmals damit beschäftigen, warum es zu Konflikten kommt und wie Gewalt verhindert werden kann, gut verstehbar sind. Liest man die Einträge zu „Conflict Resolution“ (von Dennis Sandole und Louis Kriesberg), zu „Conflict vs. Peace Studies“ (von Hugh Miall) und zu „Conflict Transformation“ (von Ho-Won Jeong), so erhält man eine hervorragende Einführung in das, was heute unter Friedens- und Konfliktforschung verstanden wird. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass es dem Herausgeber – mit dem gesamten editorial board – gelungen ist, gerade für die zentralen Einträge renommierte Kolleginnen und Kollegen zu finden, die auf ihre eigene, langjährige Forschung zugreifen können. So hat beispielsweise Johan Galtung Einträge zu Gewalt und Frieden verfasst, der Beitrag zum Demokratischen Frieden stammt von Bruce Russett, der über Friedensverträge von Christine Bell. Mit Louis Kriesberg, Herbert Kelman, William Zartman, Chadwick Alger oder Håkan Wiberg sind Forscher dabei, die selbst maßgeblich dazu beigetragen haben, Friedensforschung weltweit als interdisziplinäres Forschungsfeld zu etablieren.

Eine ausgesprochene Stärke der Enzyklopädie besteht in den jeweiligen Querverweisen zwischen den Artikeln, die es ermöglichen, sich einen thematischen Zusammenhang zu erschließen. Die Literaturhinweise am Ende jedes Eintrags sind ebenfalls sehr hilfreich, ebenso wie das ausführliche Register am Ende des vierten Bandes. Einzelne Artikel eignen sich hervorragend dafür, Studierenden einen Einstieg in ein Thema zu geben. So gelingt es beispielsweise den verschiedenen Beiträgern zum Begriff „Civil Society“ – allen voran April Carter und David Last – einen konzisen Überblick über das Konzept der Zivilgesellschaft zu geben. Exemplarisch sieht man hier auch, dass viele Beiträge versuchen, ideen- und realgeschichtliche Perspektiven zu vereinen. Zivilgesellschaft ist im Kontext der Friedensforschung beides: ein theoretisches Konzept, das es erlaubt, Frieden nicht nur vom Staat her zu denken und Frieden auf das Gewaltmonopol zu reduzieren, und eine gesellschaftliche Sphäre, die sicherstellt, dass Konflikte ohne die staatliche Androhung von Zwangsmaßnahmen friedlich geregelt werden können.

Am Eintrag über Zivilgesellschaft wird auch deutlich, dass die Enzyklopädie auch in einer anderen Hinsicht in der Tradition der „Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers" steht: Frieden ist der Aufklärung und einem daran anschließenden liberalen Verständnis zufolge nicht ohne die Verwirklichung von Rechten denkbar. Anders gesagt: Das Mehr des Friedens gegenüber der Abwesenheit von Gewalt beruht in erster Linie darauf, dass fundamentale Menschenrechte gesichert sind. Insofern durchzieht die Enzyklopädie eine Trias von Frieden, Menschenrechten und Demokratie. Deutlich gesagt wird dies in dem Einleitungsessay von Nils Petter Gleditsch, in dem der in den letzten Jahren stark diskutierte Zusammenhang von Demokratie und friedlicher Außenpolitik aufgegriffen wird. Mit Blick auf die kritischen Stimmen in dieser Debatte, die den liberalen Frieden als Ausdruck einer globalen Dominanz des Westens betrachten, hält Gleditsch fest, dass der Siegeszug des Liberalismus mit einer Reduzierung gewaltsamer Konflikte einherging, ohne zu verkennen, dass es Anzeichen dafür gibt, dass dieser Siegeszug angesichts eines Rückfalls einiger Staaten in die Autokratie und angesichts der wirtschaftlichen Macht nicht-demokratischer Staaten wie China bald vorbei sein könnte.

Die liberale Trias von Menschenrechten, Frieden und Demokratie zielt aber nicht nur auf das Außenverhalten von Demokratien, sondern auch darauf, dass in Staaten, in denen eine unabhängige Zivilgesellschaft existiert und in denen Grundrechte durchgesetzt sind, Konflikte zwischen Gruppen ohne Androhung von Gewalt ausgetragen werden können. Nur diese implizite Annahme rechtfertigt, warum in den vier Bänden Protest- und sozialen Bewegungen so viel Raum gegeben wird. Natürlich gilt dies insbesondere noch einmal für Friedensbewegungen, denen viele länderspezifische Einträge gewidmet sind. Aber auch zur Landlosenbewegung, natürlich zur Frauenbewegung, zur chinesischen Studentenbewegung wie zur transnationalen Zivilgesellschaft und zu NGOs wie Greenpeace und Amnesty International finden sich Artikel. Protestbewegungen und NGOs werden hier allgemein als kollektive Akteure verstanden, die versuchen, Rechte durchzusetzen und die damit einen Beitrag zum Frieden leisten. Darüber hinaus legt die Enzyklopädie auch einen Schwerpunkt auf die Bedeutung ziviler, nicht-gewaltsamer Konfliktbearbeitung – etwa mit Beiträgen zu zivilem Ungehorsam, zivilgesellschaftlichen Friedensinitiativen und NGOs aus dem Feld der Konfliktbearbeitung (wie International Alert) und sehr gelungenen Beiträgen zu Civilian Peacekeeping von Timmon Wallis und zu Peacebuilding von Cristina Jayme Montiel und von Manuel Fröhlich.

Interessant ist zu sehen, welche Konflikte in der Enzyklopädie den größten Platz einnehmen. Sie lassen sich zweifellos als Schlüsselkonflikte für die moderne Friedens- und Konfliktforschung bezeichnen – nicht nur in Bezug auf ihre Bedeutung für den Wandel des Konfliktgeschehens und für die Entwicklung von Ansätzen zur Friedenssicherung und -erhaltung, sondern auch in Bezug auf die politischen Debatten und den friedenspolitischen Aktivismus, der immer ein Teil der Friedensforschung war. Neben dem Ost-West-Konflikt und den beiden Weltkriegen sind dies die Konflikte zwischen Israel und den Palästinensern bzw. den arabischen Nachbarstaaten, Südafrika, Nordirland, Vietnam und die Konflikte rund um den Zerfall Jugoslawiens. Der Umstand, dass es den Beiträgern fast ausnahmslos gelungen ist, eine wohltuende und notwendige Distanz zum Konfliktgeschehen einzunehmen, ist nicht zu unterschätzen. Auch dies ist einer der großen Vorzüge der Enzyklopädie.

Dass die für die Friedens- und Konfliktforschung charakteristische Balance zwischen Distanz und Engagement, zwischen Forschung und Politik nicht immer einfach ist, zeigt die Geschichte des „Center for Research on Conflict Resolution“ der University of Michigan. Wie David Singer in seinem aus der Binnenperspektive verfassten Beitrag zeigt, ist das Mitte der 1950er-Jahre ins Leben gerufene Center zum einen ein exzellentes Beispiel für die Notwendigkeit interdisziplinärer Kooperation auf dem Gebiet der Friedensforschung. Zum anderen aber scheiterte es nicht zuletzt an der eigenen politischen Inkompetenz, wie Singer hervorhebt. 1971 wird es auf Betreiben des konservativ ausgerichteten Political Science Departments geschlossen (Band I, S. 253f.).

Das Verhältnis zwischen Politik und insbesondere dem Staat und der Friedensforschung war und ist bis heute Anlass zu Kontroversen, über die man auch in einigen Beiträgen etwas erfährt. Dies gilt nicht nur für die US-amerikanische Friedensforschung, sondern auch, wie Wiberg zeigt, für die skandinavische und für die deutsche Friedensforschung. Gerade hierzulande war die Debatte in den 1970er- und 1980er-Jahren über das Selbstverständnis der Friedens- und Konfliktforschung sehr intensiv.[2] Dabei wurde auch über die Frage gestritten, wie staatsnah und wie institutionalisiert die Friedensforschung sein darf. Hintergrund war unter anderem ein von Krippendorff [3] verfasster Essay, in dem er die Kritiklosigkeit westlicher Friedensforscher gegenüber ihren eigenen Regierungen anprangerte und dies als Ausdruck einer auf Interessen basierten Forschung betrachtete. Die Tatsache, dass es in der Bundesrepublik bis weit in die 1990er-Jahre dauerte, bis die Friedens- und Konfliktforschung an den Universitäten institutionalisiert wurde, ist auch eine Folge dieser Angst vor Vereinnahmung. Wie tief diese Angst offenbar bei einigen immer noch sitzt, ist an dem Beitrag von Martin Jung ablesbar, der leider mit zahlreichen suggestiven Formulierungen gespickt ist und wenig Erhellendes zur Diskussion um die Freiheit von Forschung und Lehre beiträgt. In offenkundiger Unkenntnis der Prinzipien der staatlichen, aber auch privaten Forschungsförderung in Deutschland scheint der Verfasser zu unterstellen, dass die Annahme von Fördermitteln Forscher und Forscherinnen grundsätzlich schon korrumpiert. Der größten Forschungsinstitution in Deutschland, der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, zu bescheinigen, sie habe ihre Unabhängigkeit verloren (Band IV, S. 107), zeugt in jedem Fall eher von ideologischer Voreingenommenheit als von Sachkenntnis. Angesichts des renommierten Publikationsortes ist dieser Beitrag mehr als ärgerlich.

Die Enzyklopädie enthält neben vielen Sachbeiträgen schließlich auch eine Reihe von Einträgen, die sich mit dem institutionellen Feld der Friedensforschung selbst beschäftigen. Brauchbar sind die Bände nicht zuletzt auch, weil sie Hinweise auf die wichtigsten Zeitschriften und Institutionen enthalten, auch wenn man hier, wie auch an anderen Artikeln eine Dominanz der westlichen Perspektive erkennt. Zudem schlägt sich auch der vor allem für die Vereinigten Staaten charakteristische religiöse Entstehungszusammenhang der Friedensforschung nieder – ablesbar an den zahlreichen Artikeln zum Friedenspotential unterschiedlicher Religionen oder religiös inspirierter Friedensinitiativen sowie an der mehrfach herausgestellten Bedeutung religiöser Autoritäten wie dem Dalai Lama, der im Übrigen das Vorwort der Enzyklopädie verfasst hat.

Insgesamt also handelt es sich ohne Frage um ein ambitioniertes Projekt, für dessen hervorragende Umsetzung man dankbar sein muss. Dass die Auswahl der Schlüsseldokumente mit dem Eintrag zum Stichwort Frieden in der Encyclopédie beginnt, unterstreicht auch das Anliegen von Herausgeber und Beitragenden, Friedens- und Konfliktforschung als Projekt der Aufklärung zu verstehen – verbunden mit der Hoffnung, dass Kant mit seiner Annahme, der moralische Fortschritt der Menschheit werde „bisweilen unterbrochen, aber nie abgebrochen sein“ [4], Recht behalten wird.

Anmerkungen:
[1] Kenneth E. Boulding, Is Peace Researchable?, in: Background, Jg. 6, Nr. 4, (1963)S. 70-77.
[2] Thorsten Bonacker, Forschung für oder Forschung über den Frieden? Zum Selbstverständnis der Friedens- und Konfliktforschung, in: Peter Schlotter / Simone Wisotzki (Hrsg.), Friedens- und Konfliktforschung, Baden-Baden 2011, S. 46-78.
[3] Ekkehart Krippendorff, The State as a Focus of Peace Research, in: Ghanshyam Pardesi (Hrsg.), Contemporary Peace Research, Brighton 1982, S. 156-175.
[4] Immanuel Kant, Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis, in: Kant Werke, hrsg. von Wilhelm Weischedel, Band VI, Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik, Darmstadt 1983, S. 127-172, hier: S. 167.

Zitation
Thorsten Bonacker: Rezension zu: Young, Nigel (Hrsg.): The Oxford International Encyclopedia of Peace. Oxford 2010 , in: H-Soz-Kult, 04.11.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14415>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.11.2011
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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