M. Füssel: Der Siebenjährige Krieg

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Titel
Der Siebenjährige Krieg. Ein Weltkrieg im 18. Jahrhundert


Autor(en)
Füssel, Marian
Erschienen
München 2010: C.H. Beck Verlag
Umfang
127 S.
Preis
€ 8,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sandro Wiggerich, Institut für Rechtsgeschichte, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Militärgeschichte ist eine gespaltene Disziplin. Länger als andere Bereiche war die Erforschung des Krieges von einer ereignisgeschichtlichen Perspektive und dem Blick auf (militärische) Eliten bestimmt. Erst in jüngster Zeit wendet sich eine „neue Militärgeschichte“ den strukturellen Rahmenbedingungen, den Lebensumständen des einfachen Soldaten und den Auswirkungen des Krieges auf den Menschen zu. Dieser Gegensatz bestimmt auch Marian Füssels vorliegende Einführung in den Siebenjährigen Krieg. Der Göttinger Historiker vermeidet es dabei, sich auf eine einzige methodische Herangehensweise festzulegen. Sein Versuch, der Ereignisgeschichte „angemessen Rechnung zu tragen, ohne dabei jedoch strukturelle Rahmenbedingungen außer Acht zu lassen“ (S. 9), gelingt insgesamt gut. Bemerkenswert, wenngleich nicht ganz neu, ist zudem die globalgeschichtliche Herangehensweise, die bereits im Untertitel aufscheint. So prägte der Siebenjährige Krieg nicht nur als Dritter Schlesischer Krieg die Machverhältnisse in Europa bis weit in das 19. Jahrhundert, sondern stellte auch die Weichen für die weitere Entwicklung Nordamerikas (in einem gebräuchlichen, aber geographisch eigenwilligen Gegensatz: Nordamerikas und Kanadas, S. 20 und Kapitel IV) und Indiens. Die gemeinsame Betrachtung der unterschiedlichen Kriegsschauplätze erscheint daher lohnend.

Der kurze Band, der sich in zehn Kapitel gliedert, wird dem Anspruch der Reihe gerecht, Studierenden, Schülern und einem breiteren Publikum einen konzentrierten Überblick zu bieten. In den ersten zwei Kapiteln bereitet Füssel dem Kriegsgeschehen die Bühne: Auf jeweils etwa ein bis zwei Seiten stellt er die größeren und kleineren europäischen Kriegsparteien in ihrer Situation zu Beginn des Krieges dar. Ein Blick auf die Indianerstämme Nordamerikas und das indische Mogulreich erweitert die klassische eurozentrische Perspektive. Die Exposition vollendet sich im zweiten Kapitel, in dem Füssel mit Religion und Konfession, Verwaltungswachstum und Staatsverdichtung, Wirtschaftsdoktrin und Steuerpolitik sowie Prestigedenken und Kolonialherrschaft die wichtigsten Strukturbedingungen des beginnenden Krieges umreißt. Deren Analyse führt ihn dazu, den Kriegsausbruch als unkontrollierbare Folge einer „situativen Handlungsdynamik“ (S. 31) zu deuten. Dabei betont er in Auseinandersetzung mit traditionellen Deutungsmustern die globale Verflechtung der europäischen Mächte, spart jedoch Inder und Indianer zunächst weitgehend aus. An späterer Stelle greift er den strukturellen Rahmen dieser Akteure zwar knapp auf, jedoch werden gerade europäisch geprägte Leser Details zu den Verhältnissen in Übersee vermissen.

Im Folgenden bietet Füssel dem Betrachter das Geschehen auf den einzelnen Kriegsschauplätzen dar. Dabei ist erfreulich, dass er gerade bei den Konflikten in Nordamerika, in Indien und auf den Ozeanen einige Verbindungen aufzeigt. Obwohl die globale Bedeutung des Krieges damit deutlich wird, nimmt auch unter diesen Kapiteln das europäische Geschehen schon vom Umfang her eine herausgehobene Stellung ein. So gewinnt der Begriff des Weltkrieges zwar deutliche Konturen, der Siebenjährige Krieg erscheint jedoch weiter als ein sehr europäischer Konflikt. Dass der Krieg in Europa ein „Krieg der Schlachten“ (S. 32) war, spiegelt sich dabei auch in der Darstellung wider: Armee reiht sich an Armee, Gefecht an Gefecht und Schlacht an Schlacht. Die Verluste rechnen nach Tausenden, so dass der Leser leicht nachvollziehen kann, weshalb dieser Krieg zu den blutigsten Konflikten des 18. Jahrhunderts gezählt wird. Im finalen Akt des Krieges, den Friedensschlüssen von Paris und Hubertusburg, zeichnet Füssel nicht nur die umfangreichen territorialen Verschiebungen zwischen den Vertragsparteien nach, sondern geht auch auf die unterschiedlichen Rechtsvorstellungen von Europäern und indigenen Völkern ein, die bis in die heutige Völkerrechtslehre und die nationalen Rechte der ehemaligen Kolonien nachwirken. Zudem wird wiederholt der Einfluss nichtstaatlicher Akteure wie der britischen Ostindien- und anderer Handelskompanien deutlich, die auch bei den Vertragsverhandlungen ihre Interessen zu wahren suchten – angesichts der wachsenden Bedeutung international tätiger Nichtregierungsorganisationen ein Phänomen von überraschender Aktualität.

Mit dem Frieden endet die Darstellung des Krieges jedoch nicht: Füssel stellt die Frage nach der Kommunikation der Friedensschlüsse und rückt so das Erleben der Bevölkerung in den Mittelpunkt. Zwei komplementäre Kapitel sind der zeitgenössischen Erfahrung und Deutung des Krieges und den Erinnerungskulturen bis in die Gegenwart gewidmet. Dass Füssel seine Einführung nicht auf die traditionelle politische Geschichte beschränkt, sondern auf kleinem Raum die Möglichkeiten einer kulturgeschichtlichen Perspektive auf den Siebenjährigen Krieg vorführt, macht eine der größten Stärken des Bandes aus. Dabei zeigt er sowohl in Deutungen des Siebenjährigen Krieges als frühmoderner Medien- und virtueller Religionskrieg wie auch in Äußerungen eines aggressiven Nationalismus konsequent globale Parallelen auf. Der Rückgriff auf Selbstzeugnisse, die durchaus kritisch bewertet werden, bildet einen wohltuenden Kontrast zu den nackten Zahlen der vorhergehenden Kapitel. Bei der Analyse der Erinnerungskulturen in der öffentlichen wie auch in der privaten Sphäre kann Füssel aus seiner Arbeit zu Schlachtendarstellungen schöpfen. Darüber hinaus berücksichtigt er mit Historiographie und fiktionaler Literatur, Filmen und Musik eine Vielzahl weiterer Medien. Unverständlich bleibt dabei, dass lediglich zwei Ölgemälde das Kapitel illustrieren, die monochrom dargestellt und fast bis zur Unkenntlichkeit verkleinert sind. Hier hat der Verlag an der falschen Stelle gespart.

Der Epilog gibt nicht nur Ausblicke auf die nachteiligen ökonomischen Auswirkungen des Krieges, sondern verfolgt auch die These, dass dieser ein Motor der Globalisierung gewesen sei. Ein vorsichtiger Umgang mit dem Globalisierungsbegriff fällt dabei positiv auf, zumal etwa die verstärkte mediale Wahrnehmung durch die Zeitgenossen auch als eine vom Krieg unabhängige Entwicklung gedeutet werden kann. Die weitere These, dass der Siebenjährige Krieg in seinen vielfältigen Formen ein Labor der Moderne gewesen sei, verdient Zustimmung, nicht zuletzt da einige seiner Merkmale die Kriegsführung bis heute prägen. Es bleiben Details: Einige stilistische Eigenheiten, wie Tempuswechsel oder der gelegentliche Verzicht auf Prädikate, beeinträchtigen die Lesbarkeit kaum. Der reihenbedingte Verzicht auf Anmerkungen wird durch eine umfangreiche Bibliographie auf der Höhe der Zeit (der jüngste Eintrag teilt das Erscheinungsjahr des Bandes) mehr als ausgeglichen. Karten runden den Band nicht nur ab, sondern bieten eine wertvolle Orientierungshilfe, um auf den oft weniger bekannten außereuropäischen Kriegsschauplätzen nicht den Überblick zu verlieren. Schließlich muss die Konzeption des Werkes als Einführung und die damit verbundene Beschränkung des Umfanges auch inhaltlich Wünsche offen lassen. Füssel gelingt es jedoch durch seine dichte Erzählung, Neugierde zu wecken und zur weiteren Lektüre anzuregen – und erfüllt damit die wichtigsten Anforderungen, die man an eine solche Einführung stellen kann.

Zitation
Sandro Wiggerich: Rezension zu: Füssel, Marian: Der Siebenjährige Krieg. Ein Weltkrieg im 18. Jahrhundert. München 2010 , in: H-Soz-Kult, 15.04.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15511>.
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Veröffentlicht am
15.04.2011
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