C. Mick: Kriegserfahrungen in einer multiethnischen Stadt

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Titel
Kriegserfahrungen in einer multiethnischen Stadt. Lemberg 1914-1947


Autor(en)
Mick, Christoph
Erschienen
Wiesbaden 2010: Harrassowitz Verlag
Umfang
632 S.
Preis
€ 82,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Felix Ackermann, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)

Mit seiner Studie zur ostgalizischen Stadt Lemberg legt Christoph Mick eine lokale interethnische Beziehungsgeschichte Ostmitteleuropas vor. Sie umfasst drei Dekaden Stadtgeschichte vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zu den Folgen des Zweiten Weltkriegs. In diesem Zeitraum unterscheidet Mick sieben Herrschaftswechsel, die mehrfach von bürgerkriegsähnlichen Zuständen begleitet wurden und je zu einer Verschärfung nationaler Gegensätze führten. Während der Erste Weltkrieg noch die Formulierung von Ansprüchen auf die Stadt stimulierte und erste Kampfhandlungen zwischen Polen und Ukrainern um die Herrschaft ausbrachen, kam es im Zuge der sowjetischen und deutschen Besatzungsregime während des Zweiten Weltkriegs zu einer Radikalisierung weiter Teile der Stadtbevölkerung, die ein friedliches Zusammenleben zunehmend ausschloss und Aussiedlungsplanungen nach ethnischen Kriterien Vorschub leistete. Der zwischen 1941 und 1943 unter deutscher Herrschaft vollzogene Mord an den Lemberger Juden sowie die nach der sowjetischen Übernahme nach 1944 erfolgende gewaltsame Aussiedlung eines Großteils der Lemberger Polen führten zur endgültigen Auflösung des von Mick beschriebenen lokalen Beziehungsgeflechts. Terror, Deportation und Mord hatten das komplexe urbane soziale Gefüge gänzlich zerstört.

Neben der politischen, militärischen und städtischen Ereignisgeschichte richtet Mick sein Augenmerk vor allem auf die gegenseitige Wahrnehmung von Polen, Ukrainern und Juden. Sein erfahrungsgeschichtlicher Zugang stellt die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Ereignisse bewusst nebeneinander ohne eine Hierarchisierung vorzunehmen. Dieser Ansatz bietet Erklärungen für das Zusammenwirken von äußerer Gewalt in Form von unterschiedlichen Besatzungsregimes und den Eruptionen innerstädtischer Gewalt in Form von Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung oder auch in polnisch-ukrainischen Kampfhandlungen. Mick argumentiert überzeugend, dass die Erinnerung an zurückliegende Ereignisse die Wahrnehmung damals aktueller Ereignisse prägte und selbst wirkungsmächtig wurde, indem sie sinnstiftend für Ausschreitungen wurde. Der von ihm stark gemachte Begriff „Erfahrung“ betont, wie wenig es entscheidend war, dass die jeweilige Wahrnehmung mit anderen Wirklichkeiten in Einklang stand. Vielmehr weist Mick auf die Rolle jeweils national definierter Erinnerungskultur bei der wiederkehrenden Performanz des Vergangenen hin. Erst die ritualisierte Neuinszenierung des polnisch-ukrainischen Kriegs vom November 1918 im Laufe der 1920er- und 1930er-Jahre in Form von Gedenktagen und Denkmälern habe zu einer Verfestigung von nationalen Zuschreibungen geführt. Dieser Krieg gehöre zu Schlüsselereignissen, „die sowohl die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs retrospektiv veränderten als auch jeweils gegenwärtige Erfahrungsprozesse beeinflussten“ (S. 318).

Mick erklärt den zunehmenden Antisemitismus mit der Wahrnehmung der jüdischen Bevölkerung während des Ersten Weltkriegs durch daraus resultierende rückblickende Zuschreibungen: Ukrainische und polnische Lemberger sahen in „den Juden“ pauschal Nutznießer, Kollaborateure und damit gemeinhin Verräter. Das habe zum Ausbruch des Pogroms Ende 1918 beigetragen. Durch den relativ weiten zeitlichen Rahmen kann Mick tradierte Muster aufzeigen, nach denen antijüdische Ausschreitungen auch in den 1930er-Jahren und im Juli 1941 abliefen. Dabei spielten besonders Gerüchte über angebliche Taten „der Juden“ eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung polnischer und ukrainischer Bürger. Eine Zusammenschau von Erstem und Zweitem Weltkrieg stellt auch den innerstädtischen Zusammenhang zwischen dem Pogrom 1918 und dem Pogrom zum Beginn der deutschen Herrschaft im Juli 1941 her, als Tausende Juden Opfer lokaler Gewalt wurden. Die Herrschaftswechsel verursachten entweder ein Machtvakuum oder sie schufen erst den Rahmen, in dem der Mob aktiv werden konnte. Die unauflösliche Feindschaft zwischen Polen und Ukrainern fand in den Juden einen gemeinsamen Feind. Und die Radikalisierung der Besatzungspolitik führte zu einer immer weiter reichenden Gewaltentwicklung auch unter den Einwohnern Lembergs.

Im Nachzeichnen des Pogroms vom Juli 1941 werden Stärken und Schwächen von Micks Ansatz besonders deutlich: Einerseits verdichtet er sein auf einer Vielzahl von administrativen, biographischen und publizistischen Quellen basierendes Material so, dass er unterschiedliche Wahrnehmungen der sowjetischen Herrschaft vom September 1939 bis zum Juni 1941 herausarbeiten kann. Mick zeigt die Bedeutung der noch während des deutschen Angriffs vollzogenen sowjetischen Massenexekutionen in Lemberger Gefängnissen sowie der folgenden deutschen Besetzung, unter der die Lemberger Juden gezwungen wurden, die Leichen öffentlich zu exhumieren. In Beantwortung der Frage, ob das Pogrom vom Juli 1941 von deutscher Seite gezielt ausgelöst und gesteuert wurde, stellt Mick unterschiedliche zeitgenössische und historiographische Positionen nebeneinander, vermeidet aber eigene Interpretationen. An dieser Stelle hätte sich eine stärkere Hierarchisierung von Wissen aber angeboten, um noch genauer abzuwägen, wie wichtig die Wahrnehmung einer angeblichen „Judäokomune“ unter sowjetischer Besatzung für die Dynamik der Ereignisse war.

Micks Entscheidung, Lemberg als „multiethnische Stadt“ zu beschreiben, ermöglicht es dennoch, die lokale Dynamik von Krieg, Gewaltfreisetzung und Nationalisierung nachvollziehbar zu machen. Wie Mick selbst bemerkt, trägt er aber durch seine strikte Aufteilung der Stadt in polnische, ukrainische und jüdische Bevölkerungsbestandteile selbst zu einer Nationalisierung bei. Auch im Rückblick gab es in Lemberg vor allem Polen, Ukrainer und Juden. Andere Aspekte wie Gender, soziale Position und Alter werden hingegen bewusst vernachlässigt. Dabei führt Mick selbst starke Argumente an, warum die drei Ethnien nicht gänzlich getrennte homogene soziale Gruppen waren: Es gab innerhalb der Gruppen große Differenzen, vor allem unterschiedliche politische Konzeptionen, die größten Einfluss auf die Positionierung zu den jeweiligen Herrschern hatten. Die Grenzen zwischen den Gruppen waren zumindest teilweise durchlässig. Mick analysiert die Muster von Konfessionswechseln, wobei mehr griechisch-katholische und jüdische Lemberger römisch-katholisch wurden als umgekehrt. Selbst wenn die Zahl von Übertritten insgesamt gering blieb, deutet sie darauf hin, dass die Konstruktion „der Polen“, „der Ukrainer“ und „der Juden“ als nationale Gruppen Widersprüche aufweist. Mick zitiert immer wieder „Polen jüdischen Glaubens“ bzw. „jüdischer Herkunft“ als wichtige Bürger der Stadt, deren Loyalität zum polnischen Staat lange unerschütterlich war und die doch als Juden wahrgenommen wurden. Er erwähnt römisch-katholisch – griechisch-katholische aber auch römisch-katholisch - jüdische „Mischehen“, deren Bedeutung er jedoch ebenfalls aufgrund ihrer geringen Zahl bezweifelt. Nun stellt sich aber die Frage, ob die Faktenlage nicht auch eine Folge dessen war, wie die Daten in den amtlichen polnischen Volkszählungen erhoben wurden, die von vornherein nur eine Nationalität vorsahen und 1931 ganz auf diese Kategorie verzichteten? Mick verwendet daher Statistiken religiöser Selbstwahrnehmung als weitgehend gleichbedeutend mit nationalen Zuschreibungen, obwohl er selbst darauf hinweist, dass ein Teil der griechisch-orthodoxen sowie jüdischen Lemberger noch 1921 als Nationalität Polnisch angaben. Dabei neigt Mick in seiner Analyse dazu, Ethnizität im Gegensatz zu Nationalität als feste Größe zu betrachten, die nicht gesellschaftlich konstruiert und in erster Linie das Selbstbild einer „imagined community“ sei. Doch war nicht auch in Lemberg Ethnizität situativ, flüchtig und variabel? Und handelten die Menschen im Mob wirklich in erster Linie als Polen und Ukrainer?

Micks Analysekategorie „Erfahrung“ macht durch eine Vielzahl konkreter Lemberger Beispiele deutlich, dass das kollektive Gedächtnis nicht auf einer Metaebene kodiert wird. Es handelt sich nicht um Geschichte des Zweiten Grades. So zeigt Mick, dass Rezeptionsgeschichte immer auch Ereignisgeschichte ist und in bestimmten Konstellationen eine eigene Dynamik in der Gegenwart auslöst. Mick zeichnet diese Diskurse innerhalb der jüdischen, polnischen und ukrainischen Stadtbevölkerung sehr genau nach und benennt die Punkte, an denen sie als Projektionen in die Zukunft später symbolische, politische und militärische Wirkung entfalten. Dabei werden bestimmte Bürger der Stadt als Akteure erkennbar – allen voran einzelne Politiker, Gemeindevertreter, Schriftsteller, Journalisten, Vertreter des Klerus, Juristen, Wissenschaftler und Armeeangehörige. Mick weitet den zwischen ihnen konkret bestehenden Kommunikationsraum symbolisch auf die gesamte Stadt aus und schließt in diesen nachträglich alle Angehörigen der imaginierten Gruppen Polen, Ukrainer und Juden ein. Genau hier liegt die Grenze des Konzepts Erfahrung: Mick unterstellt die Existenz klar voneinander getrennter Gruppen und projiziert diese in die Vergangenheit. Obwohl er immer wieder darauf verweist, dass in Momenten des Machtvakuums vor allem kriminelle Gewalt freigesetzt wurde, ordnet Mick die Täter nachträglich in erster Linie national zu. Gleichwohl wissen wir über ihre Motivation und Selbstwahrnehmung in der Regel sehr wenig. Bei weiterführenden bzw. vergleichenden Studien zu kleineren Ortschaften der Region könnte die Bündelung in die Erfahrungsgruppen Polen, Juden und Ukrainer kritisch hinterfragt werden. Auch wäre der Fokus zukünftiger Arbeiten vielleicht noch stärker auf Mikroprozesse zu richten. Die Analyse einer Straße, eines Hauses und konkreter Familien würde es bei entsprechender Quellenlage ermöglichen, die Wahrnehmung einzelner Personen und nicht ganzer Gruppen nachzuvollziehen.

Mick kommt das Verdienst zu, den lokalen Analyserahmen einer multiethnischen Stadt abgesteckt zu haben. Dabei hat sich für Lemberg die Wahl des Untersuchungszeitraums als besonders fruchtbar erwiesen. Mick zeigt, dass die behandelten drei Dekaden nicht einem anhaltenden lokalen Bürgerkrieg gleich kamen. Die inneren Widersprüche und Konflikte wurden aber durch die beiden Weltkriege zugespitzt. Die bis 1939 anwachsenden Spannungen entluden sich dann vor allem durch die kurze Abfolge sowjetischer, deutscher und nochmaliger sowjetischer Besatzung.

Zitation
Felix Ackermann: Rezension zu: Mick, Christoph: Kriegserfahrungen in einer multiethnischen Stadt. Lemberg 1914-1947. Wiesbaden 2010 , in: H-Soz-Kult, 03.11.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15553>.