T. Maurer u.a. (Hrsg.): Von Bologna zu ‚Bologna‘

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Titel
Von Bologna zu ‚Bologna‘. Akademische Mobilität und ihre Grenzen


Hrsg. v.
Maurer, Tina; Hesse, Christian
Erschienen
Basel 2011: Schwabe Verlag
Umfang
112 S.
Preis
€ 35,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Rasche, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Die Erschließung der Akten des kaiserlichen Reichshofrats, Wien

Das schmale Bändchen, hervorgegangen aus einem von den Herausgebern veranstalteten Panel im Rahmen der 2. Schweizer Geschichtstage zum Thema Grenzen, wirft viel mehr Fragen auf, als es zu lösen vermag. Das ist freilich schon im Allgemeinen kein Makel und im gegebenen Fall erst recht nicht, widmen sich doch seine fünf Texte einem akademischen Fundamentalprinzip, das Universitäten und Wissenschaften über die Jahrhunderte geprägt hat und mit der Deklaration von Bologna 1999 sogar Gegenstand der bislang größten supranationalen Universitätsreform geworden ist. Es scheint ein Merkmal des gegenwärtigen Reformzeitalters zu sein und entspricht wohl auch der abnehmenden Bedeutung der Geschichts- als Orientierungswissenschaft, dass historische Perspektivierung erst post festum geschieht und also nicht mehr als handlungsleitende Instanz, sondern schlimmstenfalls bloß noch als historisierendes Beiwerk ohne Gegenwartsbezug fungiert.[1]

Zumindest letzterem können die Herausgeber ihre mutigen und sehr lesenswerte Einführung entgegensetzen, mit der sie Aspekte, Facetten, Muster, Wirkungen, Wandlungen und Wahrnehmungen akademischer Mobilität vom Scholarenprivileg Friedrichs I. Barbarossas von 1155 oder 1158 für die Bologneser Rechtstudenten bis zu jener Deklaration von 1999 diskutieren. Sie stecken damit einen sehr weiten Rahmen ab, den die lediglich vier Fachbeiträge natürlich nur ganz punktuell ausfüllen können. Ein wichtiges Ergebnis ihrer Längsschnittbetrachtung ist wohl, dass die Definition der jüngeren Hochschulforschung, die akademische Mobilität als Wechsel von einer zu einer anderen Hochschule versteht, in historischer Perspektive eindeutig zu kurz greift.

Im Mittelalter war, wie Maximilian Schuh („Ingolstadt oder Italien? Möglichkeiten und Grenzen akademischer Mobilität im Reich des 15. Jahrhunderts“) zeigen kann, Mobilität Grundbedingung für die Aneignung akademischen Wissens. Es gab nur wenige Universitäten, und wer studieren wollte, musste reisen, weite Entfernungen und Grenzen überwinden, sich auf fremde Verhältnisse einlassen, selbst wenn, was die Regel gewesen sein dürfte, nur ein einziger Universitätsbesuch auf dem Plan stand. Schuh erörtert im Wesentlichen auf der Basis von Ingolstädter Befunden des 15. und 16. Jahrhunderts aus Matrikeln, Fakultätsakten, Briefen und Glossen in Handschriften aus dem universitären Umfeld, welche Faktoren – geographische, ökonomische, institutionelle oder soziale – die Wahl des Hochschulorts beeinflusst haben. Er schätzt die Bedeutung der sozialen Faktoren, also die Möglichkeit der Überwindung von Fremdheit durch Netzwerke vor Ort, höher ein als den in der Forschung stark betonten finanziellen Faktor. Von den „romantisierend verklärten Wahrnehmungen des fahrenden Scholarentums“ müsse man sich jedenfalls verabschieden. Schuhs eindrückliches Fazit lautet: „Die konkreten Konsequenzen akademischer Mobilität berührten den Einzelnen auf einer existentiellen Ebene“ (S. 45). Das ist gewiss der Grund dafür, dass Mobilitätserfahrungen von den Betroffenen intensiv wahrgenommen und verarbeitet worden sind. Deshalb sind die für die Frühe Neuzeit in weitaus größerem Umfang vorliegenden Selbstzeugnisse geradezu ideale Quellen für die Erforschung akademischer Mobilität. Diese Tatsache erlaubt es Marian Füssel („Grenzen erfahren. Räumliche Mobilität in Selbstzeugnissen protestantischer Studenten des 18. Jahrhunderts“), genauer hinzuschauen. Füssel bietet eine fein beobachtete Nahsicht auf Grenz- und Mobilitätserfahrungen, die vergleichend von der bisweilen beschwerlichen Reise über die Ankunft am Hochschulort, Wohnungssuche, Deposition, Immatrikulation, akademischer Sozialisation in Kleidung, Habitus, Lebensstil bis hin zur Einbindung in Netzwerke und Universitäten übergreifende Kommunikationsstrukturen handeln. Eigentlich geht es hier gar nicht um räumliche Mobilität, sondern um die damit verbundenen Anpassungsprobleme sozialer und kultureller Art. Mobilität sei von den Protagonisten als „Sozialisationsinstanz“ wahrgenommen worden. Das Überschreiten der kulturellen Grenzen habe sie mehr beschäftigt und geprägt als das der territorialen, resümiert Füssel und plädiert wie Schuh für eine akademische Mobilitätsforschung, die in diesem Sinne über die (notwendige) quantitative Analyse von Universitätsbesucherströmen hinausgeht. Das leuchtet ein und provoziert eigentlich die Frage, wie sich aus den Erfahrungen zwingend notwendiger Mobilität der Vormoderne in der Moderne eine Art Mobilitätsgebot für Lernende und noch mehr für Lehrende entwickelt hat, das auf den Hochschulwechsel abzielt. Mit anderen Worten: Wie und seit wann knüpfte sich an das uralte Phänomen der Mobilität die Frage der Universitätsreform? Dieses Problem, das ja eigentlich Bologna mit Bologna verbindet, lässt der Band offen, wobei man zugestehen muss, dass es beim gegenwärtigen Stand der Universitätsgeschichtsforschung wohl auch nicht so leicht zu lösen ist.[2]

Jedenfalls zeigt Franziska Rogger Kappeler („Über Grenzen gestoßen, nicht gezogen. Zur grenzüberschreitenden Mobilität der russischen Pionierinnen des schweizerischen Frauenstudiums“), dass es auch im 19. und frühen 20. Jahrhundert noch Mobilitätsmuster gab, die alternativlos waren. Sie schreibt mit Anteilnahme ebenfalls auf der Grundlage zahlreicher Selbstzeugnisse über die Motive und Mobilitätserfahrungen von circa 5.000 Frauen aus dem russischen Reich, die zwischen 1867 und 1914 die drei Schweizer Universitäten Zürich, Genf und Bern besuchten, die als erste Universitäten überhaupt das Frauenstudium zuließen. Lässt man einmal die Frage beiseite, ob die Frauen – im Wesentlichen wohl Medizinstudentinnen – tatsächlich in die Schweiz reisten, „um einen avantgardistischen Schritt in eine demokratischere Zukunft“ zu tun, so bleibt bemerkenswert, dass Kappeler diese Öffnung für das Frauenstudium bereits als ein Ergebnis konkurrenzhaften Wettbewerbs der drei Schweizer Universitäten deuten kann. Dadurch ergibt sich ein Anknüpfungspunkt zu dem letzen Beitrag dieses Bandes, in dem Chantal Vögeli aus der Schweizer Perspektive heutiger praktischer Hochschulplanung fragt: „Mobilität und Internationalisierung im Hochschulbereich: Option oder Überlebensstrategie?“ Ihre kundige Antwort ist eindeutig: Maßnahmen zur Steigerung der akademischen Mobilität, wie etwa der Bologna-Prozess oder das Studienprogramm ERASMUS, dienten der Internationalisierung der Hochschulen. Diese voranzutreiben sei unabdingbare Voraussetzung für die Teilnahme an einem von den amerikanischen Universitäten angestoßenen globalen, kommerziellen Wettbewerb um Forschungskapazitäten und Studenten, dem sich die europäischen Universitäten auf Dauer nicht verschließen dürften. Aus historischer Perspektive könnte man dazu sagen: Wettbewerb und tiefgreifende Ökonomisierung hat es ausgehend von den protestantischen Universitäten des 16./17. Jahrhunderts im deutschen Universitätssystem bereits bis ins 20. Jahrhundert hinein gegeben – mit durchaus zweischneidigen Ergebnissen.[3] Noch hat niemand einen Weg gefunden, wie man die guten Effekte eines solchen Universitätssystems nutzen kann, ohne die schlechten ertragen zu müssen. Mit Blick auf die Thematik dieses kleinen, gleichwohl inspirierenden Bandes stellt sich auch die Frage, inwieweit der Nutzen von akademischer Mobilität abnimmt, wenn überall alles gleich ist.

Anmerkungen:
[1] Dazu überaus lesenswert: Johannes Fried, Die Aktualität des Mittelalters. Gegen die Überheblichkeit unserer Wissensgesellschaft, Stuttgart 2002.
[2] Vgl. in diesem Zusammenhang wie zum Thema überhaupt die anregende kleine Studie von Rudolf Stichweh, Universitätsmitglieder als Fremde in spätmittelalterlichen und frühmodernen europäischen Gesellschaften, in: Marie Theres Fögen (Hrsg.), Fremde der Gesellschaft. Historische und sozialwissenschaftliche Untersuchungen zur Differenzierung von Normalität und Fremdheit, Frankfurt am Main 1991, S. 169–191.
[3] Vgl. etwa zu positiven Effekten der sich seit dem 17. Jahrhundert an den protestantischen deutschen Universitäten immer stärker durchsetzenden honorarpflichtigen Privatvorlesung Ulrich Rasche, Eine Bildungsreform aus dem Geiste der Privatvorlesung. Seit wann und warum es an deutschen Universitäten Vorlesungsverzeichnisse gibt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.12.2008; zu negativen Effekten der Ökonomisierung der institutionellen Strukturen: Ders., Die deutschen Universitäten zwischen Beharrung und Reform. Über universitätsinterne Berechtigungssysteme und herrschaftliche Finanzierungsstrategien des 16. bis 19. Jahrhunderts, in: Jahrbuch für Universitätsgeschichte 10 (2007), S. 13–33; ferner: Ders., Geschichte der Promotion in absentia. Eine Studie zum Modernisierungsprozess der deutschen Universitäten im 18. und 19. Jahrhundert, in: Rainer Christoph Schwinges (Hrsg.), Examen, Titel, Promotionen. Akademisches und staatliches Qualifizierungswesen vom 13. bis zum 21. Jahrhundert, Basel 2007, S. 275–351.

Zitation
Ulrich Rasche: Rezension zu: Maurer, Tina; Hesse, Christian (Hrsg.): Von Bologna zu ‚Bologna‘. Akademische Mobilität und ihre Grenzen. Basel 2011 , in: H-Soz-Kult, 06.06.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18227>.
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06.06.2012
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