M. Behmer u.a. (Hrsg.): Das Gedächtnis des Rundfunks

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Titel
Das Gedächtnis des Rundfunks. Die Archive der öffentlich-rechtlichen Sender und ihre Bedeutung für die Forschung


Hrsg. v.
Behmer, Markus; Bernard, Birgit; Hasselbring, Bettina
Erschienen
Wiesbaden 2014: Springer VS
Umfang
464 S.
Preis
€ 49,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Leif Kramp, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI), Universität Bremen

Wenn sich Wissenschaftler forschend des Rundfunks annehmen möchten, stehen sie vor einer Vielzahl von Problemen. Wegen der sogenannten ‚endarchivischen‘ Verantwortung der Senderarchive müssen bei der Quellensuche im Regelfall die betreffenden Sender direkt angesprochen werden, da das Bundes- und die Landesarchivgesetze sowie das Gesetz zur Deutschen Nationalbibliothek den Rundfunkbereich in Deutschland von der staatlich organisierten Bewahrung von Kulturgut ausblenden. Umso relevanter ist die Kenntnis der Archivstruktur und der unternehmerischen Zugangsregeln der Rundfunkbetriebe. Wenigstens für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ist nun ein längst überfälliges Handbuch erschienen, das sowohl Archivführer sein möchte als auch einen Überblick über die denkbar vielgestaltigen Forschungsfelder zu Fernsehen und Radio verspricht.

Die Herausgeber Markus Behmer (Universität Bamberg), Bettina Hasselbring (Bayerischer Rundfunk) und Birgit Bernard (Westdeutscher Rundfunk) begründen ihre Motivation, den Sammelband gemeinsam mit zahlreichen Autoren aus den Archiven und der Forschung zu realisieren, mit einem großen Interesse seitens der Wissenschaft, sich mit dem Thema „Rundfunk“ zu beschäftigen. Verwiesen wird auf eine Umfrage, die von der Historischen Kommission der ARD im Jahre 2011 unter Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland durchgeführt wurde und die offenbarte, dass nicht nur in den Kommunikations- und Medienwissenschaften, sondern auch in vielen weiteren geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen Aspekte des Rundfunks in der Forschung eine Rolle spielen – bis hin zu Altertumswissenschaftlern, die wissen möchten, „in welcher Weise Archäologie in Fernsehsendungen präsentiert wird“ (S. 15), und damit Zugang zu Rundfunkarchiven benötigen.

Der Sammelband trägt den unbescheidenen Titel „Das Gedächtnis des Rundfunks“, wobei das „Gedächtnis“ hier bloße Archivmetapher bleibt. Eine – speziell für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Medienarchiven – aufschlussreiche Auseinandersetzung mit den kultur- und sozialwissenschaftlich entwickelten Konzepten des kulturellen, kollektiven oder sozialen Gedächtnisses in Bezug auf die archivierten Rundfunkquellen findet nicht statt, ein Bezug zu vorliegenden Arbeiten fehlt.[1] Der Band verfolgt dagegen vornehmlich ratgeberische Zielsetzungen: Er stellt die wesentlichen Archivstrukturen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland vor, gibt eine Einführung in die wesentlichen Quellengattungen, die von Rundfunkarchiven bewahrt werden, fächert typische Forschungsbereiche auf, die sich mit Rundfunk im konkreten und weiteren Sinne beschäftigen (von der Organisationsgeschichte, Rundfunkpolitik, -nutzung und Programmgeschichte bis zur biographischen Medienforschung, Baugeschichte, Technikgeschichte und Wirtschaftsgeschichte), und er diskutiert sowohl Perspektiven (neue Technologien) als auch Hürden (rechtliche Aspekte, Kommunikation) der Archivierung und der Archivnutzung. Dies ist in Einzelbeiträgen jeweils kompakt und in weiten Teilen für archivische Laien gut verständlich gelungen. Ergänzt wird der Textteil durch eine Adressliste einschließlich der Nennung von Ansprechpartnern in den unterschiedlichen Archivabteilungen der öffentlich-rechtlichen Sender und ein – für die Kommunikation mit Archiveinrichtungen – sehr aufschlussreiches Glossar sowie ein Abkürzungsverzeichnis.

Da sich das Handbuch offensichtlich als ein praxisbezogenes Hilfsmittel für verunsicherte Wissenschaftler versteht, liegt es nahe, dass der Band vornehmlich Grundlagen zu vermitteln versucht: Unterschiede in der Aufgabenbeschreibung (und damit Zwänge) des Archivs (bspw. Produktionsarchiv versus Historisches Archiv/Unternehmensarchiv), Besonderheiten der rundfunkbezogenen Quellengattungen, Rüstzeug für die praktische Archivarbeit etc. Damit bietet das Buch primär Hilfestellung in Bezug auf zwei von insgesamt vier Zugangsebenen: die Auffindbarkeit der Quellen und die Sichtung/Nutzung im Archiv. Etwas zu kurz kommen leider die für die Forschung und Lehre zentralen Aspekte der rechtlichen Einschränkungen bei Zugang und Nutzung von archiviertem Programmvermögen, die in dem vorletzten und verhältnismäßig kurzen Beitrag von Petra Witting-Nöthen (Westdeutscher Rundfunk) zwar kundig referiert, aber nicht in angemessener Tiefe und Differenziertheit problematisiert werden. Schließlich stehen Wissenschaftler wie Archivare gleichermaßen allzu häufig vor juristischen Problemfragen (nicht selten in rechtlichen Grauzonen), die der Zugänglichkeit und Nutzung von Archivalien im Wege stehen.

Nicht diskutiert wird Situation, Umfang und Komplementarität der Sammlung und Bewahrung von Rundfunkarchivalien durch unabhängige Organisationen wie Museen oder (Hochschul-)Mediatheken. Hier finden sich in nicht unerheblichem Maße neben Mitschnittsammlungen auch – durch private Nachlassregelungen und Sammellust von Einzelpersonen – insbesondere Schriftgutüberlieferungen und Fotografien, aber auch Artefakte wie Teile von Studioeinrichtungen, Geräte, Kostüme oder Merchandising-Artikel aus der Fernseh- und Radiogeschichte, die in den Rundfunkanstalten selbst nicht (mehr) vorhanden sind. Zu nennen wären hier unter vielen anderen die Stiftung Deutsche Kinemathek in Berlin oder das von einem Verein betriebene Museum für Deutsche Fernsehgeschichte Wiesbaden.

Eine Leerstelle bleibt bis auf vereinzelte Hinweise die kritikwürdige, weil beliebige Kassationspraxis (Vernichtung/Löschung von Überlieferungen) in öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bis Anfang der 1980er-Jahre. Auf eine drohende Lückenhaftigkeit des Überlieferungsbestandes wird zwar in Bezug auf den Schriftgutbestand und auf Radioprogramme sowie das überlieferte DDR-Programmvermögen hingewiesen, nicht jedoch die in Teilen hitzige und langwierige Debatte um wiederholte Löschaktionen aufgegriffen, die maßgeblich von Fernsehfilmern und Rundfunkjournalisten, aber auch unter Beteiligung von Archivaren geführt wurde und unter anderem in die Initiative zur Gründung einer „Deutschen Mediathek“ mündete. Hierfür hätte es sich unter anderem bei der Frage nach den gegenwärtigen Herausforderungen und Unsicherheiten hinsichtlich neuartiger (digitaler) Quellen (Beitrag von Christian Schwarzenegger, Universität Augsburg) angeboten, einen Bezug zwischen früheren und aktuellen Archiv-Regeln und -Mentalitäten zu wagen, zum Beispiel um durch das Verstehen der Fehler der Vergangenheit gegen Kurzsichtigkeit und Ignoranz und für Weitsicht und Offenheit zu werben. Kurzsichtig erscheinen dagegen erstaunlicherweise die Herausgeber selbst, indem sie beiläufig behaupten, dass die Archive privater Anbieter als „sofern überhaupt vorhanden, (bislang) für Forscher/innen kaum zugänglich“ (S. 19) seien, was in dieser pauschalen Form freilich nicht zu halten ist, sondern vielmehr zumindest exemplarisch den Einschluss von Privatsenderarchiven erforderlich gemacht hätte.[2]

Auch hätte der Leser Vieles über ein Modell gelungener Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Rundfunkarchiv und den Forschern im DFG-Forschungsprojekt „Programmgeschichte des DDR-Fernsehens“[3] lernen können, doch fehlt dieses relevante Beispiel unter den exemplarischen Studien. Leider ist zudem einigen (wenigen) Beiträgen eine gewisse Schludrigkeit beim Zitieren und Bibliographieren zu attestieren. Nichtsdestotrotz: Der Band soll und kann Wissenschaftlern Appetit darauf machen, sich auf Radio und Fernsehen einzulassen – und dies nicht nur im engen Rahmen der Zielgruppe, die im Klappentext angegeben ist („Forschende, Dozierende und Studierende der Medien- und Kommunikationswissenschaft, Musik- und Kunstgeschichte sowie der Germanistik“), sondern in der vollen Breite geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschung. Das gelingt vor allem auch dadurch, dass die bislang weithin ungelösten strukturellen und insbesondere rechtlichen Probleme – Quellen der Frustration und Verunsicherung – hinter die Vermittlung von Basiswissen rundfunkarchivalischen Arbeitens und thematischen Einblicken in verschiedene Forschungsbereiche zurückgestellt werden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a.: Winfried Schulze, Wieviel Überlieferung braucht die Geschichte? Überlegungen zur Ordnung des Bewahrens, in: Andreas Metzing (Hrsg.), Digitale Archive – ein neues Paradigma? Marburg 2000, S. 15–35; Elena Esposito, Soziales Vergessen. Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft, Frankfurt am Main 2002; Martin Zierold, Gesellschaftliche Erinnerung. Eine medienkulturwissenschaftliche Perspektive, Berlin 2006; Leif Kramp, Gedächtnismaschine Fernsehen. Band 1: Das Fernsehen als Faktor der gesellschaftlichen Erinnerung, Berlin 2011.
[2] Leif Kramp, Gedächtnismaschine Fernsehen. Band 2: Probleme und Potenziale der Fernseherbe-Verwaltung in Deutschland und Nordamerika, Berlin 2011.
[3] Vgl. Rüdiger Steinmetz / Reinhold Viehoff (Hrsg.), Deutsches Fernsehen Ost. Eine Programmgeschichte des DDR-Fernsehens, Potsdam 2008; vgl. die Rezension von Christina Bartz, in: H-Soz-Kult, 17.10.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-4-053> (31.10.2014).

Zitation
Leif Kramp: Rezension zu: Behmer, Markus; Bernard, Birgit; Hasselbring, Bettina (Hrsg.): Das Gedächtnis des Rundfunks. Die Archive der öffentlich-rechtlichen Sender und ihre Bedeutung für die Forschung. Wiesbaden 2014 , in: H-Soz-Kult, 10.11.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19795>.
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Veröffentlicht am
10.11.2014
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