Titel
Bismarck. Größe – Grenzen – Leistungen


Autor(en)
Kraus, Hans-Christof
Erschienen
Stuttgart 2015: Klett-Cotta
Umfang
330 S.
Preis
€ 19,95
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Wolfgang Elz, Historisches Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Als 1915 des einhundertsten Geburtstags Bismarcks gedacht wurde, war die Verehrung für den vormaligen Reichskanzler vielleicht auf ihrem Höhepunkt: Wer in den großen elektronischen Bibliothekskatalogen stöbert, erhält unter „Bismarck“ und „1915“ im Bibliotheksportal für Berlin und Brandenburg 372 Treffer, und selbst der Bayerische Verbundkatalog weist 234 Funde aus. Manches mögen Doppeleinträge sein, aber die Zahlen dokumentieren eindrucksvoll, wie sehr sich ein „Geist der Eintracht“[1] breitgemacht hatte, wie selbst Wilhelm II. zu Bismarcks Geburtstag formulierte, und damit zu einer Zeit, als es im Weltkrieg um den Erhalt des vermeintlichen Erbes des Reichskanzlers ging. Der kürzlich begangene zweihundertste Geburtstag hat auch nicht annähernd so viele Publikationen hervorgebracht: Zwar gab es in allen größeren Zeitungen einen pflichtschuldigen Artikel, und auch die eine oder andere Tagung fand statt. Zudem sind einige Biographien erschienen, was wohl nicht zuletzt auch der Tendenz zur verlegerischen Nutzung runder Jahrestage geschuldet ist.

Dabei war Bismarck nie ganz aus dem Blick der Historiker geraten, auch wenn die hagiographische Geschichtsschreibung nach ihrer Instrumentalisierung in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus ihre Bedeutung verloren hatte. Der ersten kritischen Biographie von Erich Eyck[2], die noch zu Exilzeiten verfasst war, folgte „Das Bismarck-Problem in der Geschichtsschreibung nach 1945“[3]: Wie war mit dem nach den Erfahrungen zweier Weltkriege und des Nationalsozialismus nun ganz anders zu beurteilenden Erbe umzugehen, wie waren die Rolle Bismarcks und die Folgen seiner Politik für die deutsche und europäische Geschichte einzuordnen? Ergebnis der entsprechenden Diskussion waren nun – gegen den damaligen Negativtrend der Biographik in der Geschichtswissenschaft – neben zahlreichen Einzeluntersuchungen und kleineren biographischen Arbeiten differenzierende umfangreiche Biographien mit ihren je eigenen Schwerpunkten, die auch alle zu hohen Auflagenzahlen gelangten: Lothar Gall[4] stellte das Revolutionäre an Bismarck in den Mittelpunkt und lotete Erfolg und Scheitern aus; Otto Pflanze[5] betrachtete sehr intensiv zum einen den psychologisch ergründeten Charakter seines Protagonisten und zum anderen dessen spätere Wirtschafts- und Sozialpolitik, in der er ihn im Kern gescheitert sah; schließlich versuchte Ernst Engelberg[6] noch in der Agonie der DDR, Bismarck in das „fortschrittliche Erbe“ des „Arbeiter- und Bauernstaates“ einzuordnen.

Auch diese Biographien sind selbst schon Geschichte, und die zunehmende Relativierung des Nationalstaates scheint im Zeitalter der Globalisierung dessen Begründung und damit auch die Person Bismarck in eine doch recht weit entfernte Vergangenheit zu entrücken. Heute darf man als Historiker allenfalls noch erwarten, dass der Name Bismarck und seine historische Person Schülerinnen und Schülern im Geschichtsunterricht kurz begegnen – viel mehr wird man in einer breiteren Öffentlichkeit vernünftigerweise nicht voraussetzen, da doch bereits 1998 in einer Meinungsumfrage 53 Prozent der befragten Deutschen nicht mehr so genau gewusst haben sollen, wer denn Bismarck war.[7]

Insofern ist die Bismarck-Biographie des Passauer Historikers Hans-Christof Kraus nützlich. Sie ist offenbar für einen breiteren Leserkreis und dementsprechend lesefreundlich geschrieben. Wo sie überhaupt Interpretationsgegensätze früherer Bismarck-Biographen andeutet, harmonisiert sie zwar nicht immer, sucht aber doch vermittelnde Wege und ausgewogene Urteile, ohne sich allzu lange in Details zu verlieren; sie streut vielfach wörtliche und damit gut illustrierende kurze Zitate von Bismarck ein und wirkt dadurch sehr lebendig; sie schlägt keine methodologischen Kapriolen, sondern geht durchweg konventionell vor, wenn sie die Person und deren Handeln immer im Mittelpunkt hält und alles, was sich in der damaligen Zeit entwickelte und veränderte, nur soweit erläutert, wie es zum Verständnis des Handeln des Protagonisten notwendig ist.

Auch der Aufbau ist weitgehend konventionell: Im ersten Großkapitel „Persönlichkeit“ verfolgt Kraus die schwierige Kindheit, die in enger Anlehnung an Pflanze referiert wird, und führt über die recht wilden jüngeren Jahre Bismarcks und über seine Wendung im Zusammenhang der Wiedererweckungsbewegung in den Beginn der diplomatisch-politischen Laufbahn; hier kann Kraus aus seinem eigenen Forschungsschwerpunkt und damit als Kenner des Konservatismus der damaligen Zeit gut das Besondere an Bismarck herausarbeiten, der sich eben bald über den „Altkonservatismus“ seiner frühen engen Weggefährten hinweggesetzt und sein eigenes Politikverständnis entwickelt hat, das in den Zielen zwar konservativ blieb, die Methoden aber ganz undogmatisch den Zwecken unterwarf.

Das zweite Großkapitel unter der Überschrift „Größe“ beschreibt zunächst die Ereignisse vom Beginn der Ministerpräsidentschaft Bismarcks bis zur Reichseinigung – wen wundert’s, dass man hier nichts Neues liest, da die entsprechenden außen- und innenpolitischen Manöver doch wohl hundertfach beschrieben sind. Kraus rahmt dieses Kapitel ein mit Überlegungen über die Frage der „Größe“ Bismarcks, zu der er sich bekennt. Nun haben solche Überlegungen oft etwas Zwanghaftes, denn was man für die Größe eines Menschen halten mag, ist kaum objektiv fassbar, weil die betreffende Untersuchung ja weit mehr als nur eine Beschreibung vorhandener (oder fehlender) Fähigkeiten und Bedeutungen verlangt, sondern letztlich eben auch ein Werturteil impliziert.

Kraus bekennt sich zur Feststellung ebendieser „Größe“, relativiert dies aber durch das nächste Großkapitel, das mit „Grenzen“ überschrieben ist: Er sieht die Fehler und das schließliche Scheitern des Reichskanzlers in Kulturkampf und Sozialistengesetzgebung und betrachtet Bismarck auch wegen der überzogenen Annexion von 1871 und der Germanisierungspolitik gegenüber der polnischen Minderheit nicht unkritisch. Auch verschweigt er nicht die schwierigen Seiten der Persönlichkeit Bismarcks, die sich mit zunehmendem Alter versteiften.

Wohlwollend werden dagegen im letzten größeren Kapitel die „Leistungen“ Bismarcks beschrieben, von der Sozialgesetzgebung über die Verfassungsschöpfung und die Vereinheitlichungsmaßnahmen, dann vor allem aber für die Zeit nach 1871 in der Außen- und schließlich in der Bündnispolitik. Gerade bei der Außenpolitik scheint Kraus allerdings gelegentlich dem in der Schaffung von Bildern hochbegabten Bismarck ein wenig auf den Leim zu gehen, beispielswiese wenn er den „ehrlichen Makler“ von 1878 für ganz bare Münze nimmt. Ob Bismarck selbst bei der Schöpfung des Bildes die feine Ironie mitgedacht hat, dass der Makler, sei er noch so ehrlich, nicht aus Altruismus, sondern im Hinblick auf seine Courtage handelt, mag dahingestellt sein. Wenn man jedoch die vielen Stücke liest, die Bismarck gerade zur „Orientalischen Frage“ jener Zeit geschrieben hat, so wird deutlich genug: Es ging ihm darum, seine Geschäftspartner nur sehr vordergründig zu befried(ig)en; die Courtage bestand für Deutschland nicht in Territorialerwerb, aber sie war seiner Vorstellung nach dann vereinnahmt, wenn an der Peripherie ausreichend viel Konfliktpotential übrig blieb, das für den Fortbestand der Reibungen der anderen Mächte untereinander sorgte – und damit das Zentrum Europas einerseits entlastete und andererseits die Großmächte auf die Unterstützung Deutschlands angewiesen beließ. Vor diesem Hintergrund wird man auch Kraus’ Einschätzung, dass das folgende „System der Aushilfen“, die Bündnispolitik der 1880er-Jahre, besser war als Krieg, zwar selbstverständlich unterschreiben können; es hat aber eben nicht darauf gezielt, das Konfliktpotential nachhaltig zu beseitigen, das 24 Jahre nach Bismarcks Abgang in den Krieg führte, und es war wohl nicht eine „aktive europäische Friedenspolitik“, wie Kraus es an anderer Stelle charakterisieren will (S. 310) – wobei selbstverständlich die Antwort auf die hypothetische Frage offen bleiben muss, ob der Versuch einer solchen Beseitigung mehr als nur eine geringe Chance gehabt hätte.

Auf die letzten Jahre Bismarcks nach der Entlassung geht Kraus nur noch sehr kursorisch ein, um in einem Epilog noch einmal dessen Leistungen hervorzuheben, die trotz vorheriger Hinweise auf Fehler und Schwächen sein Bild Bismarcks prägen. Dazu gehören für ihn neben der Grundlegung der Sozialversicherung vor allem die Gründung Deutschlands als Nationalstaat und – als dessen Korrelat – die Bildung eines deutschlandweiten nationalen Bewusstseins. Inwieweit diese Nationalstaatsgründung von Kraus als etwas zu teleologisch gesehen wird und fast als Endstufe der Geschichte, ob mithin auch heute noch und in alle Zukunft die Nation der entscheidende Referenzrahmen für „die Deutschen“ bildet und bilden wird und inwieweit das Deutschland der Bismarckzeit – trotz gewisser Kontinuitäten – überhaupt noch sehr viel mit dem heutigen Deutschland zu tun hat oder sich nur in der gemeinsamen Bezeichnung „Nationalstaat“ erschöpft, kurz: ob die Vorstellung vom immer noch vorhandenen „Erbe“ Bismarcks nicht selbst ein Teil des Mythos ist, muss in einer Besprechung nicht beantwortet werden. Schließlich ist das eine Überlegung, die jeder Leser und jede Leserin für sich selbst anstellen mag.

Dass sich solche Fragen bei der Lektüre stellen, ist gar kein Mangel. Sie ergeben sich vielmehr daraus, dass eine erfreulich gut lesbare Biographie, die auch mit Urteilen nicht spart, immer zum Nachdenken anregt. Schließlich ist eine Person und sind auch die Leistungen einer Person nicht abschließend zu erfassen. Alleine schon deswegen lohnt es sich, dass das Angebot biographischer Lektüre zu Bismarck durch Kraus um ein weiteres Buch vergrößert worden ist.

Anmerkungen:
[1] Zit. in Robert Gerwarth, Der Bismarck-Mythos. Die Deutschen und der Eiserne Kanzler. München 2007, S. 38.
[2] Erich Eyck, Bismarck. Bd. 1–3, Erlenbach 1941–1944 (und weitere Auflagen).
[3] So der Titel eines historiographisch unverändert interessanten Bandes, den Lothar Gall 1971 herausgegeben hat und in dem Aufsätze aus den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengestellt sind.
[4] Lothar Gall, Bismarck. Der weiße Revolutionär, Frankfurt am Main 1980 (und weitere Auflagen).
[5] Nach verschiedenen früheren Arbeiten abschließend: Otto Pflanze, Bismarck and the development of Germany. Vol. 1–3, Princeton, NJ 1990–1992 (die deutsche Ausgabe in 2 Bänden: München 1997–1998).
[6] Ernst Engelberg, Bismarck. Bd. (1) –2, Berlin 1985–1990 (und weitere Auflagen).
[7] So Gerwarth (wie Anm. 1), S. 197.

Zitation
Wolfgang Elz: Rezension zu: Kraus, Hans-Christof: Bismarck. Größe – Grenzen – Leistungen. Stuttgart 2015 , in: H-Soz-Kult, 31.07.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23859>.
Redaktion
Veröffentlicht am
31.07.2015
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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