C. Benne: Die Erfindung des Manuskripts

Cover
Titel
Die Erfindung des Manuskripts. Zur Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit


Autor(en)
Benne, Christian
Erschienen
Berlin 2015: Suhrkamp Verlag
Umfang
671 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Fabian Saner, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Universität Zürich

Wie und warum wurden (autographe) Manuskripte, denen noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts nach der Drucklegung keinerlei Wert mehr beigemessen wurde, zu dezidiert literarischen Handschriften, die die Auffassung und das Erscheinungsbild von Literatur insgesamt veränderten? Christian Benne beantwortet diese Frage anhand ausgewählter Texte der deutschen, englischen und französischen Literatur von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Studie legt eine Analyse der Geschichte, Theorie und Ästhetik literarischer Handschriften vor, die im Ergebnis ebenso originell wie bestechend die philosophische Reflexion des Autors Benne mit einer Geschichte der Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Literatur verknüpft.

In fünf Kapiteln entwickelt Benne sein kulturwissenschaftlich-philosophisch unterbautes Verständnis der literarischen Handschrift. „Die literarische Handschrift soll [...] nicht primär als Hilfsmittel für die Erstellung von Editionen, nicht als Projektionsfläche technischer Beschreibungsvorgänge, auch nicht als Mittel, um besser, tiefer, anders zu lesen und zu verstehen, betrachtet werden. Zwischen der Verabsolutierung sogenannter Materialität und der Askese reiner Interpretation gibt es einen dritten Weg [...].“ (S. 42) Dieser „dritte Weg“ liegt im materialgesättigten Durchdenken eines Themas, im „theoretische[n] Verständnis einer Praxis, die ihre Theorie schon enthält“ (ebd.), wie es Benne im Rekurs auf Peter Szondi und Norbert Elias postuliert. Die literarische Handschrift ist mehr als eine Vorform des gedruckten Buchs und weniger als eine vermeintlich ursprünglichere reine Niederschrift; sie wird vielmehr in der Rekonstruktion von Benne zu einem besonderen intermedialen Gegenstand, an dem sich unterschiedliche Interessen eines sich ausdifferenzierenden Felds von (Alt-)Philologen, Verlegern, Autoren und Lesepublikum entzünden.

Die philosophischen Beiträge zur Debatte von Gegenstand und Gegenständlichkeit in Hermeneutik (Schleiermacher, Dilthey), Phänomenologie (Ingarden, Heidegger), Zeit- und Gedächtnisphilosophie (Bergson und dessen Rezeption), Kritischer Theorie (Adorno, Benjamin), Sprach- und Literaturtheorie (Warren/Wellek, Davidson) sowie des angelsächsischen new criticism werden zielführend diskutiert. Benne bringt mit Nicolai Hartmann und Richard Hönigswald eine wissenschaftsgeschichtlich marginalisierte Perspektive ins Gespräch, „[die] gerade für Disziplinen wie die Literaturwissenschaft und andere Kunstwissenschaften höchst attraktiv sein müsste, weil sie viel mehr als das rein sinnlich Gegebene einerseits oder das rein Repräsentierte andererseits umfasst, mehr als das ,Wirklichkeitszeugnis‘ bzw. die Materie der Gegenstandserkenntnis“ (S. 123). So macht sich die Studie die Potenziale eines Denkens des Nicht-Identischen zunutze, die der „Autonomie des Kunstwerks innerhalb der Bedingungen geschichtlicher Darstellung“ (S. 154) im Sinne Hönigswalds gerecht werden.

Besonders aufschlussreich für ein solches Verständnis des literarischen Kunstwerks ist die Auseinandersetzung mit den Aporien des Materialitätsbegriffs, dessen Status als geisteswissenschaftliches Schlagwort der letzten beiden Jahrzehnte von Benne diskurskritisch ausgeleuchtet wird. In der Auseinandersetzung mit der französischen critique génétique, die in der Literaturwissenschaft das Bewusstsein für die Relevanz von Manuskripten und Materialien geschärft hat, wird literarische Gegenständlichkeit als Präsenz einer philologischen „Spur“ gefasst. Benne weist die Vorstellung zurück, literarische Gegenständlichkeit allein von der Stofflichkeit der Literatur (materielle Schriftspuren oder Textträger) herzuleiten. Vielmehr ist die Rolle dieser Stofflichkeit, ihre „kulturelle Signifikanz“ (S. 135), ein geschichtlich zu analysierendes Problem, zu dessen Lösung die Beschreibung technologisch gestützter medialer Zäsuren im Sinne Friedrich Kittlers nicht genügt.

Bennes Vorwurf an die medienhistorische Schule im Gefolge Kittlers lautet, wesentliche literaturhistorische Entwicklungen zu verkennen, weil sie die medientechnischen Übergänge ‚techno-logisch‘ verabsolutiert. Benne will demgegenüber verdeutlichen, dass literarischen Texten dort eine autonome Erschließungskraft zukommt, wo sie ihre medialen Bedingungen thematisieren wie zum Beispiel im beliebten Motiv der fiktionalen Herausgeberschaft von Romanen im 18. Jahrhundert. Die Rollen im Literaturbetrieb (Autor, Verleger, Leser), die Ausdehnung der literarischen Märkte und die medialen Funktionen (Speicher- und Zirkulationsfunktionen von Handschriften und Büchern) werden dort, wo die Literatur selbstreflexiv wird, auf ihre Interaktionsform und -fähigkeit und damit auf die Distribution von Sinn überprüft. Erst wo die Interaktionen immer wieder gelungen sind – und das heißt: wo aus einem Text ein Werk mit seiner Interpretationsgeschichte entstanden ist –, erhält der Begriff der literarischen Gegenständlichkeit praktikablen Sinn. Benne führt dies anhand von Lektüren zu Samuel Richardsons empfindsamem Briefroman Clarissa, zu Herder, Jean Paul, Goethe, Lavaters „Manuskripte für Freunde“ sowie zu Jean-Jacques Rousseaus bekritzelten und beschriebenen Spielkarten (und deren Konstellation mit den Rêveries du promeneur solitaire) vor. Als ,theoretische Praxis’ literarischer Gegenständlichkeit bezieht somit das zweite Kapitel eine eigenständige Position in den jüngeren Debatten über medien- und schrifttheoretische Fragen.

Das dritte und vierte Kapitel bilden den Hauptteil des Buchs. Hier werden die zentralen Wegmarken der literarischen Handschriftenkultur zwischen 1760 und 1830 umfassend in Bezug auf die gelehrten Diskurse der Zeit diskutiert. Benne diagnostiziert einen „Wandel der Authentizitätsauffassung“ (S. 166), den er als wichtigstes Scharnier zwischen älterer, noch von medialen (Speicher-)Funktionen mitgeprägter Manuskriptkultur und neuerer, literarischer Manuskriptkultur identifiziert. „Nach dem endgültigen Sieg des Buchdrucks als alleinigem Distributionsmedium muss die Handschrift weder länger Reinschrift sein noch für eine zirkulierende Fassung vorläufig abgeschlossen werden. Sie kann sich damit inhaltlich wie auch formal individualisieren.“ (S. 167) Ein historisch-genetisches Denken, wie es gemeinhin mit der Frühromantik in Verbindung gebracht wird, bildet hierfür die Voraussetzung.

Benne diskutiert die Vorstufen dieses Denkens in einer dichten Relektüre anthropologischer und ästhetisch-sprachphilosophischer Debatten und anhand des „Vergleichs der Künste“ in der deutschen Erkenntnis-, Sprach- und Kunsttheorie von Klopstock bis Humboldt. Besonderes Gewicht legt er dabei auf das Konzept des „gemachten Fragments“ bei Friedrich Schlegel: „Viele Werke der Alten sind Fragmente geworden. Viele Werke der Neuern sind es gleich bei der Entstehung.“ (S. 404) Die damit verbundene Aufwertung des Schreibprozesses gegenüber dem Druck und der Manuskripte gegenüber der Publikation ließ eine neuartige literarische Manuskriptkultur entstehen, in der Begriff und Praxis des literarischen Schreibens und des literarischen Werks zunehmend an die Hervorbringung („Emergenz“) und Aufbewahrung von Handschriften als Spuren des literarischen Prozesses geknüpft wurden. Einzellektüren zum europaweit rezipierten Phänomen der ,Bardendichtung‘ des Schotten Ossian, zu Friedrich Schlegel, zu Jean Paul und zu Balzac bieten die Umsetzung der theoretischen Einsichten in der philologisch-hermeneutischen Analyse. Besonders darin liegt der methodische Zugewinn von Bennes komparatistischem Ansatz.

Im fünften Kapitel, den „Konsequenzen“, steht der Abschied vom „Linearitätsmythos“ der Schrift in seiner zivilisationskritischen Traditionslinie von Rousseau bis Marshall McLuhan im Zentrum. Ein Durchgang durch die (medien-)anthropologischen Theoriegebäude von Havelock, Ong, Goody, Flusser, Le Roi-Gourhan und die eher summarische Kritik Bennes an der Schriftlinguistik führen zu der Feststellung, dass der Schwachpunkt des Linearitätsmythos „in der Abstraktion ,der‘ Schrift vom Gegenstand, d.h. ihrer je konkreten Materialisation im vollen gegenständlichen Sinn“ (S. 599) liege. Die Kultur der literarischen Handschrift „zeigt zugleich, dass trotz des Gebots, jede ,Schrift‘ in jeder Handschrift oder jedem Druck für sich zu analysieren, historische Entwicklungen existieren, die Veränderungen im gegenständlichen Gesamtgefüge der Literatur anzeigen und deshalb im Zusammenhang studiert werden müssen“ (S. 600). Der literarische Text tritt in der literaturwissenschaftlichen Interpretation in einen Dialog mit den geschichtlich gewordenen Elementen materialer, inhaltlicher, stilistischer usw. Art, die sich ihr entgegenstellen. In diesem Zusammenhang geht Benne auf die Verwicklung von Edition und Interpretation ein, wie sie die textgenetischen historisch-kritischen Editionen seit dem 19. Jahrhundert hervorgebracht haben. „Interpretation ist der Text in seinem angenommenen und rekonstruierten Werkcharakter.“ (S. 623) Da weder der (edierte literarische) Text als Genese noch die Genese als Text dargestellt werden könnten, plädiert Benne ausgehend von der Diskussion editionsgeschichtlicher Probleme dafür, die ganz praktischen Fragen auch ganz praktisch zu lösen: Für unterschiedliche ,Leseszenen‘, die auf unterschiedlichen (philologischen, pädagogischen) Fragestellungen beruhen, sollen verschiedene Textpräsentationsmodi genutzt werden.

Diese interdisziplinären Lektüregänge führt Benne in der Analyse der Auswirkungen der digitalen Revolution auf unseren Umgang mit literarischen Texten und textuellem Wissen zusammen. Seine abschließende „Spekulation“ über „Digitale Gnosis und Apotheose der Schrift“ rückt die Gegenständlichkeit des Buchs im Zeitalter des digitalen „Überfluss[es] an Öffentlichkeit, eines Exzess[es] an Informationen in Echtzeit“ theoretisch und praktisch an die Stelle, die die Handschrift im 18. Jahrhundert einzunehmen begann. Das Buch als der „nicht weiter optimierbare Gegenstand menschlicher Selbstobjektivierung in allen ästhetisch-literarischen, philosophischen und allgemein intellektuellen Hinsichten, die (schrift)sprachliche Elemente enthalten“ (S. 650), verdanke dem Netz seine Zukunft – und das Netz dem Buch seine Vergangenheit. Zugleich behält die Philologie ihr Recht, weil sie kulturelle Traditionen je nach Bedarf zu verflüssigen oder zu vergegenständlichen vermag.

Der Versuch, die literarische Moderne im Hinblick auf eine Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit neu auszumessen, darf als geglückt bezeichnet werden, weil Benne seinen hohen philosophischen Anspruch nicht bloß statuiert, sondern im materialgesättigten Durchdenken einlöst. Forschungsdiskurse und Theorietrends der letzten Jahrzehnte in- und außerhalb der Literaturwissenschaft sind prägnant dargestellt und weiterführend diskutiert. Das macht die Studie nicht nur für die ästhetisch-kulturwissenschaftliche Diskussion zum anspruchsvollen Grundlagenwerk, sondern auch für eine geschichtlich (im emphatischen Sinne Szondis) argumentierende Analyse literarischer Texte.

Zitation
Fabian Saner: Rezension zu: Benne, Christian: Die Erfindung des Manuskripts. Zur Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit. Berlin 2015 , in: H-Soz-Kult, 28.06.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25781>.