R. Hilberg: Anatomie des Holocaust

Cover
Titel
Anatomie des Holocaust. Essays und Erinnerungen, hrsg. v. Walter H. Pehle u. René Schlott


Autor(en)
Hilberg, Raul
Erschienen
Frankfurt am Main 2016: Fischer Taschenbuch Verlag
Umfang
336 S.
Preis
€ 24,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Dieckmann, Fritz Bauer Institut, Frankfurt am Main

Die Vernichtung der Juden im deutsch beherrschten Europa war ein Prozess, so eines der zentralen Argumente Raul Hilbergs (1926–2007), der von 1933 bis 1945 nicht durch einen klaren Plan oder eine kalkulierte Strategie vorgezeichnet war, sondern einer „inhärenten Logik“ (S. 23) folgte, die zwingend vier Schritte beinhaltete: Man musste zuerst definieren, wer Jude sei, zweitens die Juden enteignen, sie drittens konzentrieren, um sie viertens schließlich ermorden zu können, durch Erschießungen in der besetzten Sowjetunion und durch Mord in den Vernichtungsstätten nach vorheriger Deportation.[1]

Wer hat an diesem Prozess teilgenommen? Hilbergs These lautet: „Die Vernichtung der Juden wurde von der organisierten [deutschen] Gesamtgesellschaft geplant und umgesetzt.“ „An der Spitze dieses historischen Feldzugs standen Bürokraten“, die allerdings nicht einer koordinierenden Instanz folgten oder in einem monolithischen zentralisierten Staat agierten, sondern in einem Unstaat, einem organisierten Chaos: die „Vernichtungsmaschinerie bestand aus [...] Ministerien, den Streitkräften, den Parteigliederungen und der Industrie“. Über diese vier in Anlehnung an Franz Neumanns Behemoth (1942/44) gewählten vier Säulen hinaus habe es jedoch letzlich „kein organisiertes Element der deutschen Gesellschaft [gegeben], das nicht auf irgendeine Weise in den Vernichtungsprozess eingebunden war“ (S. 49, 62, 72, 73).

Entscheidend für den Erfolg der Vernichtungspolitik in Deutschland und im deutsch beherrschten Europa sei gewesen, dass „die Bürokraten bestimmte Möglichkeiten und ‚Notwendigkeiten’ frühzeitig erkannten“, Eigeninitiative und Visionen entwickelten. Daher – so Hilberg in frontaler Abgrenzung zu Hannah Arendt – sei in dem Bösen nichts Banales zu finden. Der Bürokrat sei gerade nicht als „Rädchen im Getriebe“ zu verstehen, sondern sei „derjenige, der das ganze Getriebe in Gang hält“ (S. 91, 108). Die Täter hätten dem mörderischen Angriff „Sinn“ beigemessen und den ganzen Prozess als „Erlebnis“ erfahren.[2]

In sämtlichen Editionen seines Opus magnum schrieb er: „Die Vernichtung der Juden war kein Zufall. Als zu Beginn des Jahres 1933 erstmals ein Ministerialbeamter eine Definition der Bezeichnung ‚nichtarisch’ in einen Richtlinienerlass hineinschrieb, war das Schicksal des europäischen Judentums besiegelt.“[3]

Walter H. Pehle, der Raul Hilberg sehr nahe stand und dessen Werke als Lektor des S. Fischer-Verlags einem breiten deutschen Publikum zugänglich machte, und René Schlott, der an einer Biographie Hilbergs arbeitet, haben das Jahr 2016, in dem Hilberg 90 Jahre alt geworden wäre, zum Anlass genommen, bisher nur auf Englisch und etwas abseitig publizierte Texte auf Deutsch zu veröffentlichen. Die 13 ausgewählten Aufsätze aus den Jahren von 1965 bis 2004 sind zumeist überarbeitete Vorträge Hilbergs zu unterschiedlichen Anlässen: Forschungen, Kontroversen und Erinnerungen. Hilbergs Nachdenken über die in den 1950er- und 1960er-Jahren kursierenden Erklärungen für den Holocaust, seine Studien zur Reichsbahn, zur Ordnungspolizei, zu bestimmten Judenräten sowie das Problem, exakte Opferzahlen zu ermitteln, stehen im Mittelpunkt der Texte der ersten beiden Teile. Im dritten Teil finden sich Reise- und Archivberichte nach Deutschland, Polen und der Sowjetunion sowie ein Gespräch über seine eigene Forschungsentwicklung von 1986. Den Abschluss bildet ein Vortrag, den Hilberg im November 2004 in Yad Vashem hielt, in dem er sich mit der gesamten Entwicklung der Holocaustforschung auseinandersetzte, und zweierlei hervorhob: Es sei zum einen eine weit größere Forschungsanstrengung unternommen worden, als er es je für möglich gehalten habe. Zum anderen könne man es sich aber nicht leisten, in den Bemühungen nachzulassen, denn das Gesamtgeschehen sei immer noch nur sehr lückenhaft rekonstruiert (S. 322).

Die Lektüre der Aufsätze ist erhellend, denn sie macht noch einmal in komprimierter Fassung deutlich, wie sehr Hilberg ein Leben lang sowohl strukturgeschichtlich als auch akteurszentriert gearbeitet hat. Er ist ohne Zweifel der wichtigste Pionier der Täterforschung, deren Themen und Kontroversen er in nuce allesamt vorweggenommen hat. Im Laufe der 1970er- und 1980er-Jahre dehnte Hilberg seine Forschungen über die deutschen Täter hinaus auf die jüdischen Opfer und die sogenannten Zuschauer (Bystander) aus. Schließlich sind Anfänge zu erkennen, manch andere Opfergruppen in die Analyse einzubeziehen.[4]

Hilbergs Studien basieren zum weit überwiegenden Teil auf deutschen Täterquellen, Gerichtsakten und Erinnerungen. Das hat einerseits sprachliche Gründe. Er las sein ganzes Leben lang fast ausschließlich deutsch und englisch, manches aus dem Polnischen oder Jiddischen wurde für ihn übersetzt. Andererseits spielte jedoch seine Einschätzung des Erkenntniswertes der unterschiedlichen Quellen eine entscheidende Rolle. Ähnlich wie Martin Broszat es Mitte der 1980er-Jahre in seiner Auseinandersetzung mit Saul Friedländer formulierte und Nicolas Berg es grundlegend für das Verhältnis zwischen deutschen und jüdischen Historikern herausgearbeitet hat, hielt Hilberg deutsche Quellen – vereinfacht ausgedrückt – für „objektiv“, jüdische Quellen für „subjektiv“, tabubehaftet und lückenhaft (S. 120–127, bsd. 199f.).[5] Jiddische und hebräische Quellen oder die Kenntnis der Sprachen der Gesellschaften in den besetzten Gebieten, so Hilberg in seinen Erinnerungen, würden nichts Wesentliches an der Darstellung aus deutschen Quellen ändern.[6]

So komponierte er zum Beispiel das gesamte Kapitel seines Hauptwerkes zu den Erschießungsaktionen der Einsatzgruppen in der zweiten Jahreshälfte 1941 fast ausschließlich aus den Ereignismeldungen der Sicherheitspolizei an das Reichssicherheitshauptamt. Er rekonstruierte hier nicht nur die Täterperspektive, sondern übernahm sie als Historiographie. Sowohl das Verhalten der nichtdeutschen Beteiligten (etwa Letten, Litauer, Ukrainer und Polen) als auch das Verhalten der jüdischen Opfer werden in der verzerrten Sichtweise von SS und Wehrmacht geschildert. So manche apologetische Nachkriegsaussage von NS-Tätern akzeptierte er leider unkritisch. Warum Hilberg etwa die weiterführende deutsche Forschung zur deutschen Besatzungsherrschaft in Osteuropa der 1990er-Jahre nur extrem selektiv zur Kenntnis genommen hat, wie eine Durchsicht der 2003 erschienenen Ausgabe verdeutlicht, ist mir unverständlich. Selbst die Edition des Dienstkalenders Heinrich Himmlers für 1941/42, der 1999 publiziert wurde, hat er nicht ausgewertet.

Hilberg wähnte sich allein auf weiter Flur. Das war er aber nicht. Philip Friedman, der 1955 Hilbergs Dissertationsausschuss angehört hatte, war wohl der produktivste Erforscher des Holocaust in den ersten Nachkriegsjahren und methodisch sehr skrupulös. Er vertrat von Beginn an einen umfassenden Ansatz, der Täter und jüdische Opfer integrieren sollte.[7] Hilberg berichtete, dass er von Friedman früh auf die Fülle der vor allem jiddisch- und polnischsprachigen Literatur seit 1945 hingewiesen worden sei, und tat das später mit den Worten ab, „dass sich diese Zeitzeugenberichte alle mehr oder weniger glichen“.[8]

So mag es wie eine List der Geschichte anmuten, dass Hilberg sein prägendes Vierphasenschema von einem Überlebenden übernahm, nämlich von dem ungarischen Juden Rudolf Kastner (1906–1957), in dessen Affidavit vom 13. September 1945 es hieß: „The plan of operation was almost identical in all countries: First the Jews were marked, then separated, divested of all property, deported and then gassed”.[9]

Hilberg eignet sich in gewisser Weise zum Helden, weil er sich als Antiheld und lange verkannter Außenseiter gab. Der schlichten Heroisierung sollten wir jedoch nicht nachgeben; vielmehr wäre der beste Umgang mit Hilberg, ihn tatsächlich zu lesen, sich nicht von der Länge seines fundamentalen Werkes abschrecken zu lassen, das so grundlegend für die Holocaust-Forschung war und ist. Es gilt, dessen immense Reichweite auszuloten und über dessen Begrenzungen nachzudenken.[10]

Anmerkungen:
[1] Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Bd. 1, Frankfurt 1990, S. 56f.; vgl. ders., The Destruction of the European Jews, Third Edition, Bd. 1, New Haven 2003, S. 50. Pehle und Schlott haben einleitend in ihrer Skizzierung von Hilbergs Phasenmodell irrtümlich Enteignung ausgelassen und Deportation nach Konzentration eingefügt (S. 11). In seinem Resümee führt Hilberg allerdings sechs notwendige Schritte auf: Definition, Entlassung von Beschäftigten und Enteignung von Geschäftsbetrieben, Konzentration, Ausbeutung von Arbeitskraft und Aushungerung, Vernichtung, Beschlagnahme der persönlichen Habe (ders. Vernichtung, Bd. 3, S. 1067).
[2] Hilberg, Vernichtung, Bd. 3, S. 1061. Zum Verhältnis von Hilberg und Arendt sehr hilfreich: Ursula Ludz, In den Untiefen des Allzumenschlichen, in: HannahArendt.net. Zeitschrift für politisches Denken. Ausgabe 1/2, Bd. 6 (Nov. 2011), <http://www.hannaharendt.net/index.php/han/article/view/17/86> (25.08.2016).
[3] Hier zitiert nach Hilberg, Vernichtung, Bd. 3, S. 1115.
[4] Man vergleiche die „Nachbetrachtungen“ von 1985 mit den „Reflections“ von 2003 (Hilberg, Vernichtung, Bd. 3, S. 1068ff.; ders., Destruction, Bd. 3, S. 1065ff.). Interessant ist, dass Hilberg 2003 zusammenfassend Überlegungen unter der Überschrift „Neighbors“ ergänzte, nicht etwa „Bystanders“ (ebda., S. 1119–1126).
[5] Vgl. Martin Broszat / Saul Friedländer, Um die ‚Historisierung des Nationalsozialismus’. Ein Briefwechsel, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 36 (1988), S. 339–372; Nicolas Berg, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003.
[6] Raul Hilberg, Unerbetene Erinnerung. Der Weg eines Holocaust-Forschers, Frankfurt 1994, S. 97.
[7] Vgl. zu Friedman Roni Stauber, Laying the Foundations for Holocaust Research – The Impact of Philip Friedman, Göttingen 2010; Natalia Aleksiun, An Invisible Web. Philip Friedman and the Network of Holocaust Research, in: Regina Fritz / Éva Kovács / Béla Rásky (Hrsg.), Als der Holocaust noch keinen Namen hatte. Zur frühen Aufarbeitung des NS-Massennmordes an den Juden, Wien 2016, S. 149–166.
[8] Unerbetene Erinnerung, S. 200.
[9] The Kastner Report. Online einsehbar: <http://www.holocaustresearchproject.org/nazioccupation/kastner.html> (25.08.2016).
[10] Begleitend zu dieser Aufsatzsammlung kann sehr empfohlen werden: Jonathan A. Bush, Raul Hilberg (1926–2007) In Memoriam, in: Jewish Quarterly Review 100, 4 (2010), S. 661–688). Bush setzt sich in sehr fairer Weise mit einer ganzen Reihe von Mythen um Hilberg auseinander.

Zitation
Christoph Dieckmann: Rezension zu: Hilberg, Raul: Anatomie des Holocaust. Essays und Erinnerungen, hrsg. v. Walter H. Pehle u. René Schlott. Frankfurt am Main 2016 , in: H-Soz-Kult, 30.09.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26187>.