B. Barth: Dolchstoßlegenden und politische Desintegration

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Titel
Dolchstoßlegenden und politische Desintegration. Das Trauma der deutschen Niederlage im ersten Weltkrieg 1914-1933


Autor(en)
Barth, Boris
Erschienen
Düsseldorf 2003: Droste Verlag
Umfang
624 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Patrick Krassnitzer, Centre Marc Bloch, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Konstanzer Habilitationsschrift von Boris Barth reiht sich in den aktuellen Trend der neueren mentalitäts- und kulturhistorisch inspirierten Weltkriegsforschung ein, die sich insbesondere einer kritischen Neubetrachtung der Mythologisierungen des Ersten Weltkrieges als kommunikativer symbolischer Deutungssysteme widmet.[1] Die klassische Forschung über die Dolchstoßlegende analysierte diese unter rein ideologiekritischen Gesichtspunkten um ihre Apologetik und politische Instrumentalisierung zu entlarven.[2] Im Gegensatz dazu unternimmt Barth den Versuch einer Rekonstruktion der höchst komplexen Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Dolchstoß-Topos, indem er dessen Genese, Funktion und Verbreitung innerhalb verschiedener gesellschaftlicher Submilieus des Deutschen Reiches (Konservatives Bildungsbürgertum, Armeeführung, Nationalprotestantismus, Völkisch-Rechtsradikale und Paramilitärs) untersucht, ohne allerdings dabei diese Erweiterung des Milieubegriffs methodisch ausreichend zu fundieren. Er zeigt auf diese Weise die im Titel angedeutete Pluralität der Dolchstoßlegenden auf, die in den skizzierten gesellschaftlichen Gruppierungen teilweise autonom entstanden, sich innerhalb dieser zur integrativen Selbstvergewisserung verfestigten und letztlich als verbindender Grundkonsens der ansonsten heterogenen rechten Republikgegner fungierten.

Obwohl der methodische Aufbau des Buches, die Vorbedingungen für die Genese der Dolchstoßlegenden bis weit in den Weltkrieg hinein zu verfolgen, im Kern überzeugt, wird dem Leser angesichts der Langatmigkeit und des Detailreichtums der Argumentation viel Geduld abverlangt. Trotz einer umfangreichen Materialbasis, insbesondere zahlloser Nachlässe und Zeitschriften und einer beeindruckenden Kenntnis der Sekundärliteratur synthetisiert Barth über weite Strecken Altbekanntes in epischer Breite. Erst ab Seite 212 beginnt die eigentliche Analyse der Dolchstoßlegenden im Kontext der Novemberrevolution. Zuvor breitet Barth aus, wie sich nach 1916 der Dualismus von "Front" und "Heimat" innerhalb der Armeeführung zum simplifizierenden Stereotyp angesichts des Scheiterns der totalen Indienstnahme einer komplexen modernen Industriegesellschaft für die Kriegsführung verfestigte. Anschließend skizziert er nacheinander die Ausdifferenzierung der Erfahrungsaufschichtung innerhalb des sich nach dem Scheitern der Frühjahrsoffensive 1918 auflösenden Frontheeres in Etappe, Stab und aktive Front, die Desintegration der bildungsbürgerlichen Schicht, die für Barth seltsamerweise nur aus Professoren zu bestehen scheint, die Kriegstheologie des Nationalprotestantismus, in der eine Niederlage ohne Verrat gar nicht denkbar war und die stetige Delegitimation des monarchischen Systems des Deutschen Reiches, das mit der Flucht des Kaisers kollabierte und im Lager der konservativen Monarchisten ein Vakuum hinterließ. Bei der Betrachtung der Revolution plädiert er für einen erweiterten Revolutionsbegriff, der diese als einen Prozess begreift, der im Juni 1917 mit dem rapiden Machtverfall der staatlichen Eliten einsetzt und erst im Ruhrkrieg 1920 sein Ende findet.

In den insgesamt stärksten Abschnitten des Buches über die Freikorps zeigt Barth wie sich aus diesen mittelfristig ein von der Armee unabhängiger ebenso antibolschewistischer wie antibürgerlicher Militarismus, den er als "paramilitärischen Nihilismus" bezeichnet, herausbildete. Dies galt insbesondere für die "Warlords" im Baltikum, die einerseits durch ihre brutalisierenden Erfahrungen im russischen Bürgerkrieg radikalisiert wurden und andererseits aus dem von der Regierung verordneten Rückzug eine eigenständige Dolchstoßlegende entwickelten. Damit bestätigt er die aktuell diskutierte These, dass weniger die eigentlichen Weltkriegserfahrungen, sondern vielmehr die Freikorpskämpfe und insbesondere der Baltikumeinsatz eine brutalisierende Wirkung auf die Veteranen entfalteten.[3] Im Zusammenhang mit dem Ruhrkrieg 1920 verweist er zu Recht auf den in der Literatur wenig berücksichtigten Aspekt, dass die Rote Ruhrarmee, die zu Beginn den im Ruhrgebiet stationierten Freikorps massive Niederlagen beibrachte, überwiegend aus ehemaligen Frontsoldaten der Arbeiterschaft bestand. Er interpretiert den Ruhrkrieg daher auch als einen "Aufstand der Frontsoldaten gegen die verhasste Armeehierarchie des Weltkrieges" (S. 279), die im Zusammenhang mit dem Kapp-Putsch wieder an die Macht zu kommen drohte.

In den folgenden Abschnitten widmet sich Barth der mentalen Verarbeitung der Niederlage und damit der Entfaltung und Wirkung der jeweiligen Dolchstoßlegende in verschiedenen rechten Submilieus der Nachkriegsgesellschaft. Erstens kompensierte demnach die annektionistische Mehrheit des Bildungsbürgertums die Revolution mit einer erfundenen Idealisierung der Vergangenheit vor 1914, was Barth als "invented memories" (S. 411) bezeichnet, sowie mit einer Hinwendung zu völkischen und raumstrategischen Visionen, während die Minderheit der "Vernunftrepublikaner" sich mit ihrer Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung mit der Niederlage nicht diskursbestimmend durchsetzen konnten. Zugleich entstand außerhalb der Gelehrtenwelt die einflussreiche neokonservative Intellektuellenschicht mit totalitären Dispositionen, die von Barth jedoch nur oberflächlich gestreift wird. Zweitens zeigt Barth, dass eine apologetische Version des Dolchstoßes den Minimalkonsens innerhalb der sonst zerstrittenen ehemaligen Armeeführung darstellte. Drittens haben die nationalprotestantischen Kirchenführer wie kaum eine andere Gruppierung neben der Generalität die Dolchstoßlegende als Selbstverständlichkeit propagiert. Viertens entwickelte sich aus dem ehemals alldeutschen Umfeld ein rechtsradikal-völkisches Submilieu, das sich nicht zuletzt mit Hilfe der durchaus instrumentellen Verbreitung einer antisemitischen Dolchstoß-Variation zu einer völkischen Fundamentalopposition entwickelte, die ab ca. 1927 in der nationalsozialistischen Bewegung aufgefangen wurde. Und fünftens bildeten die Freikorpsveteranen, die mit dem Baltikum und Annaberg über eigene Variationen der symbolischen Repräsentation verratener "Siege" verfügten, in der Stabilisierungsphase der Weimarer Republik ein von allen Parteien unabhängiges militaristisches Submilieu, das durch eine nihilistische Gewaltbereitschaft und einen radikalen Hass auf die Novemberrepublik zusammengehalten wurde. Allerdings deutet Barth hier auf lediglich einer Seite (S. 386) die bedeutende geschlechterspezifische Dimension der paramilitaristischen Variante des Dolchstoßes an und verpasst es damit, die nach wie vor innovativen Ansätze in Theweleits "Männerphantasien" in seinen Untersuchungskontext einzubeziehen.[4]

Im letzten Kapitel, das der gesamtgesellschaftlichen Erinnerungskultur an den Weltkrieg gewidmet ist, wird das Scheitern der zerrissenen Nachkriegsgesellschaft, eine allgemein akzeptierte und integrative symbolische Repräsentation der Kriegserinnerung zu etablieren, skizziert. Stattdessen standen sich zwei große gesellschaftliche Lager unversöhnlich gegenüber, zwischen denen die innergesellschaftliche Kommunikation über die Ursachen der Niederlage erfolglos abbrach, wodurch der Dolchstoßmythos im ausdifferenzierten rechten Lager endgültig zur Selbstverständlichkeit wurde.

Trotz eines kurzen Abschnittes, der unter dem Titel "Der Triumph des Nihilismus" (S. 540) dem Nationalsozialismus gewidmet ist, bleibt die durchaus eigenständige nationalsozialistische Weltkriegsmythologie seltsam unterbelichtet. Die NSDAP erscheint bei Barth lediglich als fast zufälliger Erbe verschiedener Strömungen des völkischen wie paramilitärischen Submilieus, aber nicht als selbstständiger Produzent und Agitator von Dolchstoßlegenden und radikalen Weltkriegsdeutungen.

Anmerkungen:
[1] z.B. Verhey, Jeffrey, Der „Geist von 1914“ und die Erfindung der Volksgemeinschaft, Hamburg 2000.
[2] v.a. Petzold, Joachim, Die Dolchstoßlegende, Berlin-Ost 1963 und Friedrich Frhr. Hiller von Gaertringen, „Dolchstoss“-Diskussion und „Dolchstosslegende“ im Wandel von vier Jahrzehnten, in: Ders.; Besson, Waldemar (Hgg.), Geschichte und Gegenwartsbewußtsein, Göttingen 1963, S. 122-160.
[3] Wirsching, Andreas; Schumann, Dirk (Hgg.), Violence and Society after the First World War (Journal of Modern European History 1), München 2003.
[4] Es mutet befremdend an, dass trotz der ansonsten sehr gründlichen Aufarbeitung der relevanten Sekundärliteratur Theweleits Buch nicht einmal im Literaturverzeichnis auftaucht. Theweleit, Klaus, Männerphantasien, 2 Bde., Reinbek 1980.

Zitation
Patrick Krassnitzer: Rezension zu: Barth, Boris: Dolchstoßlegenden und politische Desintegration. Das Trauma der deutschen Niederlage im ersten Weltkrieg 1914-1933. Düsseldorf 2003 , in: H-Soz-Kult, 14.05.2004, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3647>.
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14.05.2004
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