K.-M. Mallmann u.a. (Hgg.): Karrieren der Gewalt

Titel
Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien


Hrsg. v.
Mallmann, Klaus-Michael; Paul, Gerhard
Erschienen
Umfang
IX, 282 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Carsten Dams, Dokumentations- und Forschungsstelle für Polizei- und Verwaltungsgeschichte an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, NRW

Ein neues Wort hält Einzug in die Geschichtswissenschaft: Die Täterforschung. Seit Brownings „ordinary men“, verstärkt durch die Goldhagendebatte und die umstrittene Wehrmachtsausstellung steht die Frage im Raum, wer den Holocaust und den Vernichtungskrieg in Osteuropa geplant und tatsächlich durchgeführt hat. Die Forschung hat in den letzten Jahren hierzu beeindruckende Ergebnisse vorgelegt und sich den konkreten Taten und den Tätergruppen zugewandt.[1]

Nun legen Mallmann und Paul erstmals eine Sammlung von Biografien von NS-Tätern der zweiten oder dritten Ebene vor, die zum Teil bisher selbst in Fachkreisen unbekannt gewesen sein dürften. Der Band setzt sich zusammen aus einer ausführlichen Einleitung der Herausgeber und insgesamt 23 Täterbiografien. Die Autoren sind zumeist Historiker, die durch ihre Forschungsarbeiten als ausgewiesene Spezialisten des SS- und Polizeiapparates gelten dürfen. Hierzu zählen neben Mallmann und Paul selbst, unter anderem Angrick, Birn, Linck, Matthäus, Orth, Pohl und Wildt. Zudem sind einige junge Historiker mit je einem Beitrag vertreten, die an einschlägigen Dissertationen arbeiten, wie Cüppers, Dierl und Hölzl. Alle Beiträge, dies sei hier vorangestellt, bewegen sich auf einem hohen Niveau und zeugen von den ausgezeichneten Quellen- und Literaturkenntnissen der Autoren.

Die in diesem Band vorgestellten Täter waren keine homogene Gruppe. Betrachtet man die Geburtsdaten, so fällt auf, dass der Großteil der Täter aus der so genannten Kriegsjugendgeneration entstammte. Doch nicht alle gehörten zu dieser Generation: Der jüngste entstammte dem Jahrgang 1915, der älteste war bereits 1885 geboren. Die soziale Herkunft der Täter war ebenfalls nicht einheitlich. Allerdings waren Mitglieder aus Familien des unteren Mittelstandes deutlich überrepräsentiert.

Die Schulbildung hingegen variierte erheblich: Von Tätern mit einfacher Volksschulbildung bis hin zu solchen mit abgeschlossenem Hochschulstudium waren alle Bildungsschichten vertreten. Weder der Besuch eines Gymnasiums, noch ein Universitätsstudium waren also geeignet, intellektuelle oder moralische Barrieren gegenüber dem Nationalsozialismus zu errichten. Im Gegenteil: Das politische Klima an den deutschen Universitäten war bereits seit Beginn der 20er-Jahre von Antisemitismus und völkischem Gedankengut beherrscht, so dass viele Jungakademiker in dieser Weise politisch sozialisiert wurden.

Viele der Täter waren bereits zur Zeit der Weimarer Republik in den Polizei- oder Militärdienst eingetreten. So war Heinrich Bergmann, den Birn (S. 47-55) vorstellt, 1923 zunächst zur Schutzpolizei gegangen, später zur Kriminalpolizei gewechselt. Im November 1941 wurde er Leiter der Kriminalpolizei beim Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Tallin und blieb dort bis September 1944. Nach dem Krieg schaffte er es 1955 beim Bundeskriminalamt wieder eingestellt zu werden. Diese personelle Kontinuität von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus bis in die Frühphase der Bundesrepublik war kein Einzelfall. Insbesondere im Bundeskriminalamt fanden sich viele leitende Kriminalisten des ‚Dritten Reichs’ wieder.[2] Auch Walter Nord, von Hölzl (S. 166-175) vorgestellt, war während der Weimarer Republik Schutzpolizist geworden. Im Gegensatz zu Bergmann wurde er Offizier der Schutzpolizei und war als Zugführer, Ausbilder und Fachlehrer für Polizei- und Strafrecht tätig. Diese Funktion behielt er im neuen Regime. In Polen und der Sowjetunion war Nord als Kompanieführer an zahlreichen Massenmorden beteiligt. Nach dem Krieg kurzfristig interniert, gelang ihm nach einigen Umwegen 1956 die Rückkehr in den Polizeidienst. Wie Bergmann wurde Nord in den 60er-Jahren von seiner Vergangenheit eingeholt, als die Justiz Ermittlungen anstrengte. Doch Nord verstarb 1961, bevor es zu Konsequenzen kommen konnte. Auch dem SS-Hauptsturmführer Georg Heuser, den Matthäus (S. 113-125) vorstellt, gelang eine überaus erfolgreiche Rückkehr in den Polizeidienst. Obwohl er die Gestapoabteilung beim Kommandeur der Sicherheitspolizei in Minsk leitete und dort eigenhändig an der Vernichtung der Juden beteiligt war, wurde er 1958 Leiter des Landeskriminalamts von Rheinland-Pfalz.

Mehr als die Hälfte der Täter waren in jungen Jahren durch rechtsextrem-völkische Gruppen sozialisiert worden. Ebenso war ein großer Teil der Täter bereits vor 1933 Mitglied der NSDAP geworden. Sie waren somit nicht Brownings „ordinary men“, sondern überzeugte, zum Teil früh radikalisierte, Nationalsozialisten. In ihrer Einleitung fassen Mallmann und Paul die verschiedenen Typen der Täter zusammen. Sie unterscheiden fünf Tätertypen:

1. Die Opportunisten. Ein solcher war beispielsweise der Befehlshaber der Ordnungspolizei in Kiew, Adolf von Bomhard, der von Dierl (S. 56-65) vorgestellt wird. Sie waren keine fanatischen Nationalsozialisten, sondern passten sich aus Karrieregründen an. Gleichwohl waren sie nicht frei von Rassismus und Antisemitismus.

2. Die Weltanschauungstäter. Dieser Typus verschrieb sich dem NS-Projekt der Neuordnung Europas unter rassischen Gesichtspunkten. Hierzu zählte der Führer des Einsatzkommandos 11a, Paul Zapp, der von Kwiet (S. 252-263) vorgestellt wird.

3. Die Exzesstäter. Sie benötigten keine Befehle, sondern ergriffen selbst die Initiative. Einer der extremsten Exzesstäter war Oskar Dirlewanger der von Stang (S. 66-75) beschrieben wird, in dem sich Alkoholismus und Sadismus mit rauschhaften Gewalterfahrungen verbanden.

4. Die Schreibtischtäter. Diesen Typus vertritt Gertrud Slottke, die von Kohlhaas (S. 207-218) vorgestellt wird. Slottke war eine einfache Angestellte im Judenreferat des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD in den Niederlanden. Dem Rang nach eine untergeordnete NS-Täterin, konnte sich Slottke aber weit gehende Entscheidungskompetenzen und Einfluss erarbeiten und so über Leben und Tod vieler niederländischer Juden entscheiden.

5. Die „Mischung aus Schreibtisch- und Direkttätern, aus Vordenkern und Vollstreckern“ (S. 18). Diese Form des Täters war die am häufigsten anzutreffende und oft charakteristischer als die vier vorangestellten Idealtypen. Am Beispiel Pallmanns kann Paul (S. 176-187) die Entwicklung eines solchen Täters aufzeigen, „der sich vom Befehlstäter über den Initiativtäter, der durch selbständige Taten den Vernichtungskrieg in Betrieb hielt, schließlich zum Exzesstäter entwickelte, der in reiner Willkür aus niederen Motiven Menschen zu Tode brachte“ (S. 18).

Auch die Nachkriegskarrieren der Täter werden von den Autoren berücksichtigt. Nur wenige setzten ihrem Leben 1945 selbst ein Ende. Einige nahmen eine neue Identität an. Die meisten versuchten hingegen in die bürgerliche Normalität zurückzukehren und machten - zum Teil durchaus erfolgreich - Karriere in der freien Wirtschaft. Hier wird deutlich, dass die meisten Täter nach dem Wegfall des NS-Gewaltmilieus grundsätzlich in der Lage waren, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Über die Hälfte der Täter, die den Krieg überlebten, wurden von alliierten oder deutschen Gerichten verurteilt. Allerdings verbüßten nur wenige ihre zum Teil hohen Strafen.

Zwei Anmerkungen zur Konzeption des Sammelbandes seien abschließend gemacht. Zwar ist es erfreulich, dass sich fast alle der Autoren an die magische Grenze von zehn Seiten gehalten haben, aber mitunter hätte man sich mehr Tiefe und Ausführlichkeit gewünscht. Möglicherweise wäre die Konzentration auf weniger Täter hier sinnvoll gewesen. Nicht ganz verständlich ist der Verzicht auf Fotografien. Sicherlich hat eine Porträtaufnahme keine wissenschaftliche Aussagekraft an sich, aber zur Veranschaulichung und Personalisierung hätte dies beigetragen. Nichtsdestotrotz bietet der Band von Mallmann und Paul einen ausgezeichneten Einstieg in ein Feld der Forschung, von dem – trotz der bereits gemachten Fortschritte – in den nächsten Jahren zahlreiche neue Impulse zu erwarten sind.

Anmerkungen:
[1] So z.B. Angrick, Andrej, Besatzungspolitik und Massenmord. Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941-1943, Hamburg 2003; Gerlach, Christian, Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944, Hamburg 1999; Kaiser, Wolf (Hg.), Täter im Vernichtungskrieg. Der Überfall auf die Sowjetunion und der Völkermord an den Juden, Berlin 2002; Paul, Gerhard (Hg.), Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche?, Göttingen 2003; Wildt, Michael, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002.
[2] Schenk, Dieter, Auf dem rechten Auge blind. Die braunen Wurzeln des BKA, Köln 2001.

Zitation
Carsten Dams: Rezension zu: Mallmann, Klaus-Michael; Paul, Gerhard (Hrsg.): Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien. Darmstadt 2004 , in: H-Soz-Kult, 29.06.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4515>.
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29.06.2004
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