W. Hirch: Zeugen Jehovas während der SED-Diktatur

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Titel
Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas während der SED-Diktatur. Unter besonderer Berücksichtigung ihrer Observierung und Unterdrückung durch das Ministerium für Staatssicherheit


Autor(en)
Hirch, Waldemar
Erschienen
Frankfurt am Main 2003: Peter Lang/Frankfurt am Main
Umfang
430 S.
Preis
€ 68,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Schmidt, Theologische Fakultät, Abteilung Religionssoziologie, Universität Leipzig

Aus religionshistorischer Perspektive waren die 1990er-Jahre vor allem durch eine wissenschaftliche Analyse der Situation der evangelischen und der katholischen Kirche in der DDR bestimmt. In den letzten Jahren erschien nun auch eine beachtliche Reihe von Arbeiten zur Geschichte der Zeugen Jehovas (ZJ) in der DDR. Das Interesse lag dabei vor allem auf der Verfolgung dieser Religionsgemeinschaft und den staatlichen und geheimdienstlichen Repressionen, denen die ZJ seit 1945 ausgesetzt waren.[1] Zuletzt geschah dies in einer Verbindung von historischen und soziologischen Fragestellungen, wobei damit verstärkt die Binnenperspektive der ZJ in den Blick rückte.[2]

Waldemar Hirchs Arbeit steht in der Reihe dieser Forschungen und wurde als Dissertation an der Fernuniversität Hagen angenommen. Insgesamt muss jedoch festgestellt werden, dass der Titel der Arbeit mehr verspricht, als das Buch schließlich zu halten vermag. Wer hofft, etwas über Leben und Entwicklung der ZJ in der DDR zu erfahren, erkennt bald, dass der Untertitel die Arbeit deutlich dominiert: Außer einigen überblicksartigen Schilderungen verfolgt Hirch das Schicksal der ZJ fast ausschließlich aus der Perspektive des Ministeriums für Staatssicherheit. So liest man viel über Methoden und Ziele des MfS, erfährt allerdings wenig über die Zeugen Jehovas in der DDR.

Hirch stützt sich weitestgehend auf Akten des MfS, dazu auf Bestände des Bundesarchivs und des evangelischen Zentralarchivs. Zudem verwendet er veröffentlichte Literatur der ZJ und führte acht Interviews. In der Einleitung wird kein explizites Forschungsziel der Arbeit formuliert, stattdessen eine Skizzierung der grundsätzlichen Entwicklung der ZJ in der DDR und einige vorgreifende Einschätzungen zur sicherheitsdienstlichen Bearbeitung der Zeugen vorgenommen. Lediglich bei der Vorstellung des Kapitels zur „Christlichen Verantwortung“ detailliert Hirch einige seine Untersuchung leitende Fragen (S. 14). Die Darstellung des Forschungsstandes erfolgt ebenfalls recht knapp und bleibt meist auf wenige Inhaltsangaben begrenzt.

Das erste Kapitel gibt einen knappen Überblick über die Geschichte der ZJ und ihre Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime. Anschließend folgt ein Abschnitt zum „Staats-, Neutralitäts- und Glaubensverständnis der Zeugen Jehovas“. Darin erläutert Hirch grundlegende theologische Prämissen der ZJ und daraus resultierende Haltungen zu Politik und Staat.

Das zweite Kapitel beschreibt die Situation der ZJ in der SBZ/DDR bis 1950. Während dieser Zeit arbeitete die Religionsgemeinschaft formell legal, war aber gleichwohl etlichen Behinderungen unterworfen. Zudem beschloss das SED-Politbüro im September 1949 umfangreiche Maßnahmen, um die Tätigkeit der ZJ weiter zu erschweren. Hirch schildert die in diesen Jahren erfolgten Veranstaltungsverbote, Verhaftungen sowie Anschuldigungen in der Presse und auf lokaler Ebene.

Im dritten Kapitel widmet sich Hirch den Jahren 1950 bis 1990, in denen die Tätigkeit der ZJ nach deren Verbot am 31.8.1950 inoffiziell erfolgen musste. Noch im gleichen Jahr fand in Berlin ein „Schauprozess“ gegen neun Zeugen Jehovas statt, die wegen „Kriegs- und Boykotthetze“ sowie Verfassungsbruchs zu hohen, teilweise lebenslänglichen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Bis zur Mitte der 1950er-Jahre erfolgten zahlreiche weitere Verhaftungen, Prozesse und Verurteilungen. Hirch schildert detailreich die Bemühungen der Staatssicherheit, Informationen über die Tätigkeit der Zeugen Jehovas zu erlangen, und gleichzeitig die Versuche der ZJ, Literatur in die DDR zu schleusen und die interne Organisationsstruktur aufrecht zu erhalten. Ab 1966 gab es jedoch keine Verhaftungen mehr. Stattdessen wurden bei illegalen Treffen oder Literatureinschleusungen Ordnungsstrafen ausgesprochen und vermehrt so genannte „Vorbeugungsgespräche“ geführt. Diese Strategie wurde bis zum Ende der DDR verfolgt.

Im abschließenden vierten Kapitel stellt Hirch die Arbeit der „Christlichen Verantwortung“ (CV) vor. Unter diesem Namen erschien ab 1965 ca. zweimonatlich eine Zeitschrift, die es sich offiziell zum Ziel gemacht hatte, über die „religiöse Strategie und Taktik“ der ZJ zu berichten, deren „fortdauernden Antikommunismus [...] ans Licht zu bringen und einen Weg zu weisen, der frei ist von religiösem Irrtum und politischem Missbrauch“ (zitiert auf S. 238). Die Zeitschrift wurde in einer Auflage von bis zu 6.000 Exemplaren hergestellt und an die Adressen von bekannten Zeugen Jehovas, aber auch an öffentliche Institutionen und kirchliche Einrichtungen verschickt. Hirch beschreibt die CV als „Oppositionsorgan des MfS“ (S. 197) und schildert umfänglich deren Aufbau und Entwicklung. Sein besonderes Interesse gilt dabei den jeweils leitenden CV-Mitarbeitern, deren Finanzierung und Anleitung durch das MfS und den diversen Versuchen, über die CV Einbrüche ins Lager der ZJ zu lancieren.

Zusammenfassend konstatiert Hirch einen geringen Einfluss all dieser Maßnahmen. Die Mitgliedszahlen, die trotz zeitweiliger Rückgänge zu Beginn wie Ende der DDR ca. 20.000 betrugen, seien nie dauerhaft gesenkt worden. Auch konnte „der überwiegende Teil der Zeugen Jehovas [...] von der CV-Argumentation weder erreicht noch überzeugt werden“ (S. 406). Dagegen hätte außerhalb der ZJ die Propaganda gefruchtet. „Hier ließen sich zumindest ein Teil der ‚religiösen Konkurrenz’, aber auch ehemalige Zeugen Jehovas, von der tendenziösen und unsachlichen Kritik durch CV informieren“ (S. 407).

Vor allem im Vergleich mit der bisher erschienenen Literatur zum Thema fällt ein Fazit nach der Lektüre leider ernüchternd aus. Waldemar Hirchs Arbeit bietet inhaltlich wenig Neues. Das Buch weist einen vorwiegend deskriptiven Charakter fast ohne theoretische Bezüge oder systematisch verfolgte Fragestellungen auf, Bezugnahmen auf die bisher erschienene Forschung erfolgen sehr selten. Durch die Konzentration auf die Arbeit des MfS kommt eine überzeugende Einbettung der jeweiligen Strategien und Vorgänge in politische Rahmenbedingungen viel zu kurz.

Das Lesen wird zudem erschwert durch einen teilweise umständlichen Stil, fehlerhafte Grammatik und mangelhaftes Layout. Im Text fehlt eine Nummerierung der Kapitel, die Abschnitte sind nicht immer stringent aufgebaut. Das Kapitel zur CV hätte eine gestraffte Darstellung gut vertragen, wie auch etliche Zitate in kürzerer Form ausgereicht hätten und das teilweise umfangreiche Zahlenmaterial in Tabellenform zugänglicher präsentiert werden könnte.

Inhaltlich scheint vor allem Hirchs Einschätzung der Stellung des MfS diskussionswürdig. Hirch schreibt dem MfS „ganz eindeutig [...] die Führung“ bei den „Unterdrückungs- und Verfolgungsmaßnahmen“ gegen die ZJ zu (S. 401). Andererseits wird das MfS als „direktes Ausführungsorgan der SED“ eingeführt (S. 11). Zudem legt Hirch dar, wie das MfS ab Mitte der 1960er-Jahre nur noch Ordnungsstrafen verhängte und begründet dies damit, dass „von den DDR-Gerichten keine Haftstrafen mehr [...] ausgesprochen wurden“ (S. 166). Eben jene Gerichte werden aber später als dem MfS „untergeordnet“ charakterisiert (S. 401).

Trotz aller Kritik bleibt es Hirchs Verdienst, eine Fülle an Quellen aufgearbeitet zu haben, die die geheimdienstliche Verfolgung der ZJ in der DDR belegen und die Vielfalt der dabei angewandten Methoden verdeutlichen. Interessante Ansätze ergeben sich zudem in den Passagen, in denen Hirch die Auswirkungen der staatlichen Politik auf das Bild der ZJ in der Gesamtgesellschaft andeutet. Denn nicht zuletzt die mindestens desinteressierte Haltung weiter Teile der Bevölkerung mag die Lage der ZJ in der DDR verschärft haben. Hirchs Charakterisierung von gegen die ZJ demonstrierenden Personen als „Pöbel“ (S. 79f.) mag dabei zwar emotional verständlich sein; sie taugt allerdings nicht als wissenschaftlich brauchbare Kategorie. So bleibt nicht nur in diesem Punkt auch weiterhin Raum und Bedarf für eine analytisch und empirisch fundierte sozial-historische Forschung.

Anmerkungen:
[1] Einen guten Überblick zu gegenwärtigen Forschungsperspektiven bietet der Sammelband Besier, Gerhard; Vollnhals, Clemens (Hgg.), Repression und Selbstbehauptung. Die Zeugen Jehovas unter der NS- und der SED-Diktatur, Berlin 2003. Vgl. dazu auch die Rezension von Anke Silomon bei H-Soz-Kult vom 25.11.2003, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-4-113>.
[2] Schmidt, Robert, Religiöse Selbstbehauptung und staatliche Repression, Berlin 2003.

Kommentare

07.02.2005
Re: W. Hirch: Zeugen Jehovas während der SED-Diktatur
Von Waldemar Hirch
>>> ...

17.06.2005
Re: W. Hirch: Zeugen Jehovas während der SED-Diktatur
Von Waldemar Hirch
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Zitation
Thomas Schmidt-Lux: Rezension zu: Hirch, Waldemar: Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas während der SED-Diktatur. Unter besonderer Berücksichtigung ihrer Observierung und Unterdrückung durch das Ministerium für Staatssicherheit. Frankfurt am Main 2003 , in: H-Soz-Kult, 01.12.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4775>.
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01.12.2004
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