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Titel
Der vergessene Krieg. Korea 1950-1953


Autor(en)
Steininger, Rolf
Erschienen
München 2006: OLZOG Verlag
Umfang
247 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerhard Wettig, Kommen

Am Morgen des 25. Juni 1950 setzte das kommunistische Nordkorea starke Truppen gegen den Südteil des Landes in Marsch. Südkorea verfügte nur über schwache Einheiten, weil die Amerikaner am Ende ihrer Besatzungszeit keine größere Streitmacht zugelassen hatten, um einem befürchteten Angriffskrieg gegen den Norden vorzubeugen. Der Erfolg des Aggressors schien gewährleistet. Stalin, der in keinen Krieg mit den USA verwickelt werden wollte, war mit diesem Argument von Kim Il-sung zur Billigung und Unterstützung seines Vorhabens überredet worden. Man gehe kein Risiko ein; die Operation werde rasch mit der Eroberung des Südens beendet sein. Der nordkoreanische Parteichef konnte sich darauf berufen, dass Korea im Januar von Außenminister Acheson nicht zum Verteidigungsgürtel seines Landes gezählt worden war. Die Aussage hatte sich freilich auf den Fall eines globalen Konflikts bezogen, in dem sich die USA nicht hätten leisten können, einen Teil ihrer damals nur sehr wenigen Truppen dort einzusetzen. Als aber ein lokaler Krieg ausbrach, hielt es Präsident Truman für nötig, den Anfängen zu wehren, und schickte zur Überraschung Stalins nahezu sämtliche kampffähigen Verbände nach Korea. Diese brachten den Aggressor gerade noch zum Stehen und warfen ihn schließlich weit zurück.

Im Westen sah man den nordkoreanischen Angriff als Beginn einer Serie kommunistischer Aggressionsakte, die dann auch auf dem europäischen Schauplatz zu befürchten seien. Darauf war man militärisch nicht vorbereitet. Man hatte sich bis dahin darauf verlassen, dass die Schutzgarantie, welche die USA den Westeuropäern mit dem Nordatlantikvertrag gegeben hatte, die UdSSR abschrecken würde. Nunmehr jedoch erschien ein sowjetischer Angriff möglich, ja wahrscheinlich. Die kontinentaleuropäischen Verbündeten fürchteten, so wie im Zweiten Weltkrieg zunächst erobert und besetzt zu werden, ehe man mit einer Befreiung rechnen durfte – angesichts der zu erwartenden Zerstörungen und Schrecken eine furchtbare Aussicht. Daher wurde beiderseits des Atlantiks eine wirksame Verteidigung für erforderlich gehalten, die den Feind möglichst weit im Osten aufhalten könne. In Washington war man bereit, sowohl starke Streitkräfte aufzubauen als auch einige Divisionen auf dem europäischen Kontinent, d.h. vor allem in der Bundesrepublik, zwecks Verstärkung der Abwehrkräfte zu stationieren, verlangte aber, dass die einheimischen militärischen Ressourcen ausgeschöpft werden müssten. Es galt mithin, auch westdeutsche Verbände aufzustellen. Der prinzipielle Beschluss darüber machte den Weg frei für den Aufbau der NATO-Militärorganisation. Hinhaltender Widerstand in Frankreich führte jedoch dazu, dass die ersten Formationen der Bundeswehr erst 1956 aufgestellt wurden.

Die militärische Sicherheitswahrung war von da an eine entscheidende Komponente der westlichen Politik. Stalin, dessen Streitkräfte ein überwältigendes Übergewicht in Europa hatten, ohne jedoch auf einen Angriffskrieg gegen den Westen vorbereitet zu sein, reagierte mit einem massiven Aufrüstungsprogramm, das auf wirtschaftliche Bedenken keine Rücksicht nahm, um in wenigen Jahren eine total überlegene Kampffähigkeit zu erlangen. Wie im Buch nicht mehr ausgeführt wird, wurde auch die DDR, wo bis dahin nur Truppen für innerdeutsche Auseinandersetzungen aufgestellt worden waren, 1951 in die Pläne einbezogen. Nachdem die Westmächte, wie erwartet, auf Stalins Verhandlungsvorschlag nicht eingegangen waren, begann im folgenden Frühjahr die Umstrukturierung der ostdeutschen militärischen Verbände zu einer Koalitionsarmee erweiterten Umfangs (die zunächst noch als „Kasernierte Volkspolizei“ firmierte). Die wechselseitige Militarisierung des Kalten Krieges war, weltgeschichtlich betrachtet, das Hauptresultat des Korea-Konflikts.

Für die unmittelbar Betroffenen standen andere Folgen im Vordergrund. Die koreanische Bevölkerung musste in Folge wiederholter Vormärsche und Rückzüge die Kriegsfurie bis zur Neige auskosten. Es gab weitflächige Zerstörungen; über zwei Millionen Zivilisten verloren ihr Leben. Nachdem die USA Südkorea vor totaler Eroberung gerettet hatten, drangen ihre Truppen weit in den Norden bis stellenweise zur chinesischen Grenze vor. Die Amerikaner ignorierten Signale aus Peking, eine Beseitigung des kommunistischen Staates werde nicht geduldet werden. Daraufhin griff Mao Tse-tung auf Stalins Betreiben Ende November 1950 mit einem Millionenheer von chinesischen „Freiwilligen“ ein. Die Verbände der USA, die darauf nicht vorbereitet waren, wurden in ihrem Zusammenhalt erschüttert und stoben in aufgelöster Flucht davon – die größte Katastrophe der amerikanischen Militärgeschichte. Dem vom Oberbefehlshaber in Japan, McArthur, in dieser Krise mit dem Kommando betrauten General Ridgway gelang es jedoch, die Truppen tief im Süden neu zu formieren, die Lage durch eine wagemutige, glänzend durchgeführte Landungsoperation im Rücken des Feindes zu wenden und sich allmählich bis zur alten Grenzlinie zwischen Nord- und Süd-Korea vorzukämpfen.

Auch nach den Erfolgen Ridgways war klar, dass die chinesische Intervention keine Vereinigung Koreas unter westlichem Vorzeichen gestattete, wenn die USA am bisherigen Vorgehen festhielten. McArthur bemühte sich daher ab Dezember 1950 in Washington um die Genehmigung zum Einsatz von Atombomben auf chinesischem Gebiet. Nur wenn dort der Nachschub durch Zerstörung der Infrastruktur unterbunden werde, sei der Sieg zu erringen. In seiner Sicht konnten sich die Amerikaner das erlauben, denn die UdSSR hatte zwar im Sommer 1949 den ersten atomaren Test mit Erfolg durchgeführt, war aber nach wie vor nicht zu ernstlicher nuklearer Erwiderung in der Lage. Dennoch lehnte Truman ab: Das mit einer Eskalation verbundene Risiko einer Ausweitung des Konflikts erschien zu hoch. Als sich McArthur damit nicht abfinden wollte, entzog ihm der Präsident schließlich das Kommando, obwohl das angesichts der enormen Popularität des Generals in den USA ein innenpolitisches Wagnis war. Die Entscheidung machte den Vorrang der politischen Führung und der von ihr vertretenen Gesichtspunkte über militärische Überlegungen deutlich. Sie setzte ein Zeichen, dass der Gebrauch von Kernwaffen große Gefahren heraufbeschwor und den Krieg damit grundlegend veränderte. Um nicht abzusehende Weiterungen zu verhindern, verzichteten die USA auf die Wiederherstellung der Einheit Koreas unter westlichem Vorzeichen und fanden sich damit ab, dass die gebrachten materiellen und vor allem menschlichen Opfer – über 37.000 amerikanische und noch weit mehr südkoreanische Soldaten fielen im Verlauf der Kämpfe – lediglich einer Verteidigung des Status quo ante gegen den Aggressor dienten. Etwa entlang der früheren Trennlinie kam der Bewegungskrieg Mitte 1951 zum Stehen. Obwohl damit der Ausgang des Konflikts feststand, blieben die Verhandlungen über einen Waffenstillstand ohne Ergebnis. Stalin wollte die USA in Korea festhalten, um sie so weit wie möglich am Aufbau einer Militärmacht in Europa zu hindern. Erst nach seinem Tod konnte der für beide kämpfenden Seiten nutzlos gewordene Krieg beendet werden.

Rolf Steininger beschreibt die militärischen Vorgänge in Korea und die Entscheidungen in Washington sehr eindrücklich und stützte sich dabei wesentlich auf eigenes Aktenstudium in den USA. Die Entwicklungen im Beziehungsdreieck Moskau – Pjöngjang – Peking dagegen stellt er auf Grund einschlägiger Dokumentenpublikationen und Forschungsarbeiten anderer dar. Die westliche Annahme, dass Stalin hinter dem Überfall auf Südkorea stand, traf zwar zu, doch die Vermutung, er habe das als Auftakt zu einem weltweiten Angriff, vor allem auch auf dem europäischen Schauplatz, gedacht, entsprach der Wirklichkeit in keiner Weise. Er hatte Kim Il-sung erst zugestimmt, als ihm dieser glaubhaft versichert hatte, es werde sich um eine rasch zu beendende Aktion handeln, bei der Weiterungen nicht zu befürchten seien. Als die USA dann gleichwohl eingriffen, glaubte Stalin an ein Betrugsmanöver: Washington habe den Krieg provoziert, um eine Bedrohungshysterie zu erzeugen, die zur Vorbereitung einer künftigen Aggression gegen das sozialistische Lager den Widerstand im eigenen Land und bei den Verbündeten gegen eine Aufrüstung überwinde.

Rolf Steininger stellt den Korea-Krieg, dessen menschliche Tragödie und geschichtliche Bedeutung in der westlichen Öffentlichkeit weithin vergessen sind, in seinen verschiedenen politischen und militärischen Aspekten außerordentlich klar und übersichtlich dar. Das Werk ist sowohl dem Fachhistoriker als auch dem interessierten Laien wärmstens zu empfehlen.

Zitation
Gerhard Wettig: Rezension zu: Steininger, Rolf: Der vergessene Krieg. Korea 1950-1953. München 2006 , in: H-Soz-Kult, 23.11.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8599>.
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23.11.2006
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