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Titel
Laute, Bilder, Texte. Register des Archivs


Hrsg. v.
Lüdtke, Alf; Nanz, Tobias
Erschienen
Göttingen 2015: V&R unipress
Umfang
137 S., zahlr. Abb.
Preis
€ 29,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephanie Sarah Lauke, Kunsthochschule für Medien, Köln

Der französische Philosoph Michel Foucault hat den Begriff ‚Archiv‘, wohlgemerkt im Singular, im Jahr 1969 als „Gesetz dessen, was gesagt werden kann“[1] bestimmt. Dieses Gesetz wird vom Diskurs geschrieben und beständig verändert. Eine Möglichkeit der Modifikation des Diskurses besteht darin, auch das, was nicht gesagt werden kann, zu adressieren. Wie aber lässt sich das Ungesagte durch das Archivarische, den Umgang mit Archiven, zugänglich machen? Die Herausgeber des Sammelbandes „Laute, Bilder, Texte. Register des Archivs“ beabsichtigen diese Frage durch die „Erweiterung des Archivarischen um neue Blick- und Handlungsfelder“ (S. 16) zu beantworten. Den Fokus dieser neuen Blickfelder bilden die Alltagsgeschichte, indigene Kulturen und immaterielle Überlieferungen, als neue Handlungsfelder werden subalterne Positionen, informelle Praktiken und neue Akteur/innen betrachtet. Das Scharnier dieser beiden Felder stellen die Medialität und Materialität von Archivalien dar, die in kasuistischen Untersuchungen die epistemische Ambivalenz des Archivs, im Foucault’schen Sinne, offenlegen.

Der Band versammelt sechs Beiträge, die Archivalien und Archivpraktiken nationaler als auch interkontinentaler Archive in Einzelstudien untersuchen. Die Reihenfolge der Beiträge orientiert sich am Entstehungszeitraum der Archivalien, beginnend mit dem Jahr 1918, und bereichert die gängigen Archivpraktiken wie Erschließung, Präsentation und Nachnutzung um marginalisierte Praktiken. Gerahmt werden die Beiträge durch einen in die Archivthematik einführenden Aufsatz und einen abschließenden Kommentar zum Archivbegriff.

In ihrer Einführung erläutern die Herausgeber Alf Lüdtke und Tobias Nanz die strukturellen, technischen und medialen Zäsuren, durch die sich die Praktiken öffentlicher und formeller Archive, im Plural verstanden als Repositorien, von der Neuzeit bis in die Gegenwart gewandelt haben. Die These, dass diese Transfer- und Transformationsprozesse mitunter auch Räume für Entscheidungen, Umdeutungen und „Eigenmacht, wenn nicht eine faktische Umkehrung hierarchischer Ansprüche und Vorgaben“ (S. 12) schaffen, leitet zu den Einzelstudien über.

Die Kulturwissenschaftlerin Britta Lange bezieht sich in ihrem Beitrag auf drei Schellackplatten mit Sprachaufnahmen der indischen Kriegsgefangenen Mohammed Hossin und Mohammed Hanif aus dem Jahr 1918. Sie wurden im sogenannten Halbmondlager in Wünsdorf bei Berlin im Auftrag der Preußischen Phonographischen Kommission für sprachwissenschaftliche Zwecke angefertigt. Indem Lange die Herstellungsgeschichte und Bedeutungen dieser in einem kolonialen Archiv (das inzwischen an das Berliner Lautarchiv übergegangen ist) befindlichen Tonaufnahmen Schicht für Schicht offenlegt, entfaltet sie die These, dass Hossin und Hanif nicht nur als Studienobjekte, sondern aufgrund der Medialität der Schellackplatten auch als Subjekte aus einer „subalternen Position“ (S. 36) sprechen. Am Beispiel einer schwarzweißen Bildpostkarte aus dem Jahr 1930, in der sich politische Akteur/innen aus Dresden-Pieschen selbst inszenierten, stellt der Kurator Wolfgang Hesse die verbreitete Bildästhetik der Arbeiterfotografie während der Weimarer Republik infrage. Mithilfe der ikonologischen Bildanalyse sensibilisiert er für das medienkompetente Sendungsbewusstsein der abgebildeten Personen, das in den Fotografien von Arbeiterfotograf/innen eine Leerstelle markiert.

Die darauf folgenden drei Beiträge wenden sich archivarischen Praktiken mit und durch Bewegtbilder zu. Ausgehend von dem Disney-Cartoon „The Grashopper and the Ants“ (1934), der eine Tierfabel als Animationsfilm aktualisiert, beschreibt der Historiker und Germanist Dietmar Schmidt die mit dem Medienwechsel einhergehenden ästhetischen und semantischen Umdeutungen von Gemeinschaft durch die bewegungsinduzierte Vervielfältigung und serielle Erzählung. Der Film als ästhetische Aushandlungspraxis sozio- und nationalgeschichtlicher Ereignisse ist auch Thema der Überlegungen von Filmwissenschaftler Tobias Ebbrecht-Hartmann. Bezugnehmend auf Archivfilme aus den Jahren 1934 bis 2009, die sich einer eindeutigen Zuordnung zur zionistischen, israelischen und deutschen Filmgeschichte entziehen, beschreibt der Autor die archivarischen und historiografischen Praktiken, mithilfe derer Filme als Archive und Instrumente zur „Erforschung und Befragung historischer Filmdokumente“ (S. 75) operieren können. Die ethnologisch Forschenden Anja Dreschke und Martin Zillinger bereichern den Sammelband um eine Inblicknahme der (audio)visuellen Selbstarchivierungspraktiken von Trance-Ritualen marokkanischer Bruderschaften in Form eines einführenden Textes und einer Bildstrecke. Diese Praktiken haben in den vergangenen 35 Jahren nicht nur zu einer Medialisierung der Rituale, sondern aufgrund der unkontrollierten Zirkulation der Aufzeichnungen im World Wide Web auch zu Fehldeutungen geführt.

Die Wissenschaftlerin Carolyn Hamilton wendet sich in ihrem Beitrag, der gleichzeitig der einzig englischsprachige im Band ist, am Beispiel südafrikanischer Ahnenpraktiken dem immateriellen Erbe zu. Sie argumentiert, dass sich Ahnenversöhnung und Traumabearbeitung zwar von archivarischen Praktiken unterscheiden, diesen jedoch nicht unterlegen sind. Indem sie sich aufgrund verschiedener Tradierungsformen beständig verändern, erweisen sie sich im Unterschied zur herkömmlichen Archivierung für die Speicherung und Weitergabe von Alltagspraktiken und informellen Wissensbeständen sogar als zuträglicher.

Ausgehend von den Archivalien, Ephemera und Objekten im Deutschen Literaturarchiv Marbach, das rund 1.400 Vor- und Nachlässe umfasst, beschreibt die Literaturwissenschaftlerin Heike Gfrereis, wie in solchen Künstler/innenarchiven Bedeutungen freigelegt, gefestigt oder verworfen werden. Diese epistemischen Praktiken dienen ausgehend von Inhalt, Materialität und Gestalt der Bestimmung eines archivalischen Wertes, wodurch vermeintlich Nebensächliches eine Aufwertung erfahren kann.

Den Schlussakzent des Bandes setzt der Historiker Ludolf Kuchenbuch. Auf Basis der verhandelten Archivpraktiken und Materialbestände schlägt er einen erweiterten mediävistischen Ansatz vor, der die mittelalterlichen Schriftdokumente um Materialfunde anreichert. Auf diese Weise könnten sich den gegenwärtigen Entgrenzungstendenzen des Archivarischen historische Lesarten eröffnen, die die Wandlungsfähigkeit der Normen und Kriterien des Archivarischen zum Ausdruck bringen. Dies lässt sich auch als kritische Bezugnahme auf den Untertitel des Buches lesen, der den Begriff ‚Archiv‘ im Singular unbestimmt lässt.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Praktiken indigener, subkultureller und privater Archive den herkömmlichen Umgang mit Archiven herausfordern. Diese Herausforderungen sind vor allem methodischer Art, da sich die Auffassung von Archiven, Archivalien und Archivpraktiken an staatlichen, imperialen und firmeneigenen Archiven herausgebildet hat. In diesen Archiven haben alltagsgeschichtliche, kulturwissenschaftliche und immaterielle Zeugnisse in Form von Lauten, Bildern und Schriftstücken lange Zeit einen schweren Stand gehabt. Bewegtbilder und Töne wurden erst ab den 1930er- bzw. 1940er-Jahren für archivwürdig befunden, Ephemera wie Plakate, Flyer und Notizzettel finden oftmals nur zufällig Eingang in Archive. Ihnen ist ein Bedeutungsüberschuss gemein, der das vermeintlich sichere Wissen der Archive infrage stellt.

Ausgehend von der Medialität und (Im-)Materialität der untersuchten Archivalien sensibilisieren die Einzelstudien für das archivarische Problem des Ein- und Ausschlusses, das insbesondere im Fall von Minoritäten, immateriellem Erbe und Alltagspraktiken virulent wird. Durch Einbeziehung von Archivalien wie Tonträgern, Fotografien, Filmen, Oral History und Schriftstücken werden neue Blick- und Hörfelder geschaffen, die das Situative, Kontingente und bislang Unverfügbare herausstellen. Um Archive jedoch als Prozesse und das Archivarische als Kern des Archivischen aufzufassen, bedarf es außerdem eines veränderten Instrumentariums der archivarischen und forschenden Akteur/innen. Wissenschaftliche Verfahren wie das ‚Gegenlesen‘ (Lange, Hamilton) und künstlerisch-dokumentarische Verfahren wie Selbstinszenierung und Archivfilm (Hesse, Ebbrecht-Hartmann) eröffnen hier unterschiedliche Ansätze. Leider verbleiben die kürzeren Beiträge von Schmidt, Dreschke / Zillinger und Gfrereis diesbezüglich im Bereich des Deskriptiven. Hier wäre es vielversprechend gewesen, aufbauend auf den Phänomenbeschreibungen, für die Archiv-, Kultur-, Geschichts- und Medienwissenschaften weiterführende Forschungsfragen zu entwickeln.

Der Band „Laute, Bilder, Texte. Register des Archivs“ hat ausgehend von der archivarischen Auseinandersetzung mit Alltagsgeschichte, indigenen Kulturen und immateriellen Überlieferungen Sand ins Getriebe der Archive gestreut. Es ist zu hoffen, dass dieser Sand nicht einfach seitlich angehäuft wird, sondern ihm Weiterer folgt, um die Potenziale informeller und indigener Archive eingehender zu untersuchen.

Anmerkung:
[1] Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main 1981 (1969), S. 187.

Zitation
Stephanie Lauke: Rezension zu: Lüdtke, Alf; Nanz, Tobias (Hrsg.): Laute, Bilder, Texte. Register des Archivs. Göttingen 2015 , in: H-Soz-Kult, 02.08.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25124>.
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02.08.2016
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