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Titel
Lust und Verwundbarkeit. Zur Zeitgeschichte der Sexualität in Europa und den USA


Autor(en)
Herzog, Dagmar
Reihe
Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts, Vorträge und Kolloquien 24
Erschienen
Göttingen 2018: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
283 S.
Preis
€ 15,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Karina Korecky, Institut für Soziologie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Als Dagmar Herzog 2017 von einer Schweizer Zeitung zu möglichen Gründen für den Wahlsieg Donald Trumps befragt wurde, beschrieb sie seinen Erfolg als Triumph aggressiver Männlichkeit, Verachtung all dessen, was als machtlos oder schwach gilt und Ablehnung der Abtreibung, dem „Herzstück der republikanischen Ideologie”.[1] Sexualität sei der Schlüssel zum Verständnis nicht nur der amerikanischen, sondern auch der europäischen Politik.

In ihrem 2018 erschienenen Buch setzt die amerikanisch-deutsche Historikerin ihre bereits in früheren Arbeiten überzeugend demonstrierte Verknüpfung von Sexual- und Gesellschaftsgeschichte fort. Der Sammelband, hervorgegangen aus einem Gastsemester am Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts, bildet dabei in sieben Aufsätzen, einem Interview und einer Bibliographie Herzogs beeindruckende Themenbreite ab: Geschichte der Sexualität in Deutschland und Europa, Holocaustforschung, Ideen- und Kulturgeschichte der Sexualwissenschaften und der Psychoanalyse sowie Disability Studies. Der Titel des Bandes Lust und Verwundbarkeit, ruft sowohl psychoanalytische Triebtheorien als auch postmodern-feministische Kritik an der Autonomie des Körpers auf. Besonders an Herzogs Arbeit ist dabei die Konjunktion, die im „und” sich versteckende, als solche nicht ausbuchstabierte, aber nahegelegte Verbindung dieser beiden oft antagonistisch begriffenen Pole der großen Theorie-Debatten um Sex im 20. Jahrhundert.

Wie in ihrem gesamten Werk ist auch im vorliegenden Buch die Präsentation ihres stets ausführlich recherchierten Materials motiviert von gesellschaftstheoretischen Fragestellungen. Herzog bezweifelt gängige Annahmen, verknüpft Text und Kontext und aktualisiert ihre Gegenstände als Beitrag zum Verständnis der Gegenwart.

Der erste Aufsatz liefert in Kurzfassung einige der Ergebnisse von Herzogs bekannter Studie über die Rolle von Sexualität im Nationalsozialismus und deren Debatte in der Nachkriegszeit.[2] Die sexuellen Verhältnisse wurden im Nachkriegsdeutschland zu erstrangigen Austragungsorten von „memory-management” (S. 11), von unterschiedlichen Positionierungen zum nationalsozialistischen Erbe, und damit hochgradig politisch determiniert. In den 1950ern hielt man nationalsozialistische Sexualität für enthemmt und wollte in Abgrenzung sexuell konservativ sein, in den 1960ern wurde sie – insbesondere in der Linken und der Frauenbewegung – als repressiv wahrgenommen, womit sexuelle Befreiung als antifaschistisch gelten konnte. Die Geschichte der Sexualität zu vernachlässigen hieße, wesentliche Elemente von Inhalt und Gewalt des Antisemitismus (der Weimarer Zeit und des frühen Nazi-Regimes) zu ignorieren, die Anziehungskraft des Nationalsozialismus zu verfehlen sowie die emotionalen Auswirkungen der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg nicht adäquat zu erfassen.

Die folgenden Aufsätze befassen sich mit sexualpolitischen Fragen der Nachkriegszeit. Unter dem Titel „Umstrittene Freiheit. Die 'Sexuelle Revolution' in Westeuropa” zeichnet Herzog jene Periode nach, die als Urknall sexueller Liberalisierung gilt. Mit Bezug auf die feministische Kritik an der Promiskuität in der Linken, der Foucault-inspirierten Kritik an der Kommerzialisierung des nicht zu befreienden, sondern schon längst befreiten Sex und der Wahrnehmung von allgegenwärtiger Präsenz der Sexualität bei gleichzeitigem Rückgang individueller Libido verweist Herzog auf die Ambivalenzen der Kämpfe um sexuelle Freiheiten.

Eine dieser Ambivalenzen beleuchtet sie näher im Aufsatz „Abtreibung, Behinderung, Christentum”. Zu den überraschenden Befunden gehört die Feststellung, dass es nicht wenige protestantische und sogar katholische Theologen und Laien gab, die in den 1960er- und 1970er-Jahren den Zugang von Frauen zum Schwangerschaftsabbruch mit religiösen Argumenten unterstützten. Die Gegenseite hatte sich noch nicht unter dem Schlachtruf des Lebensschutzes formiert, sondern war „Teil einer umfassenderen Feindseligkeit gegenüber Verhütung” (S. 46). Bemerkenswert ist außerdem die Beobachtung, dass es auch eugenische Argumente waren, die den Frauenbewegungen Westeuropas in ihrem Kampf um die Entkriminalisierung der Abtreibung zumindest teilweise zum Erfolg verholfen haben. Für die Diskussion der sich aus diesen Konstellationen ergebenden politischen Verwerfungen zwischen Frauen- und Behindertenbewegung, die zunehmend gegen die reproduktive Selbstbestimmung von Frauen ausgespielt werden, sei auf Herzogs Studie Unlearning Eugenics verwiesen.[3]

Im Beitrag zur Sexualpolitik in der Nachkriegszeit erinnert Herzog daran, dass angesichts des Backlashs in Europa gegen die Möglichkeiten der Abtreibung oder der gleichgeschlechtlichen Ehe sexuelle Rechte keinesfalls gesichert sind. Theoretisch sucht sie nach einem dritten Weg zwischen dem „Standardparadigma der Liberalisierung” und einer „reduzierten Version des Foucauldianismus” (S. 78, meine Übersetzung), die in jeder Verteidigung sexueller Freiheiten bloß eine neue Wendung allumfassender Macht oder des Neoliberalismus entdeckt. Am Ende des Aufsatzes diskutiert Herzog Adornos Text Sexualtabus und Recht heute von 1963. Dessen Gegenstände seien veraltet, aber der darin entwickelte theoretische und politische Zugang nicht: Adorno habe sich durch seine kritische Analyse der Vermarktung und Therapeutisierung des Sex auch nicht davon abhalten lassen „die umkämpfte Idee sexueller Rechte zu verteidigen” (S. 91, meine Übersetzung).

Die weiteren Beiträge befassen sich mit dem Schicksal der Psychoanalyse in den USA und Europa. Unzufrieden mit bisherigen Erklärungsmodellen für die konservative Verfasstheit der Psychoanalyse in der amerikanischen Nachkriegszeit schlägt Herzog in „Freud's 'Cold Wars'” vor, ihre populäre Verbreitung weit in die amerikanische Alltagskultur hinein als „Christianisierung” und „De-Sexualisierung” zu lesen.[4] Auch die notorische Homophobie und Misogynie der Psychoanalyse der 1950er- und 1960er-Jahre erklärt sich aus dieser Entwicklung. Während Freud selbst gegenüber (vor allem: männlicher) Homosexualität widersprüchliche Positionen vertrat, war er doch „wesentlich neugieriger und offener als seine Nachfolger” (S. 162). In „Marx und Freud, Masters und Johnson” blickt Herzog schließlich auf die deutsche Sexualwissenschaft, deren Interesse an der Psychoanalyse zu genau jenem Zeitpunkt anstieg, als es in den USA in den 1970er-Jahren schwand. Die mit der Neuen Linken verbündeten Sexualforscher entdeckten eine progressive und kritische Variante der Psychoanalyse und integrierten sie, gemeinsam mit ihren eigenen Forschungsarbeiten und den aus den USA stammenden Ergebnissen von beispielsweise Masters und Johnson, zu einer einzigartig innovativen Sexualwissenschaft.[5]

Das den Band abschließende Interview zu den für Herzog wichtigsten persönlichen, akademischen und politischen Einflüssen rundet die Sammlung zu einem intellektuellen Portrait ab. Es liefert auch Hinweise darauf, was die umfassende Fülle ihrer Forschungsthemen zusammenhält. Die Geschichte des Sex ist für Herzog nicht die Geschichte sexueller Handlungen im engeren Sinn und ebenfalls nicht nur, wie für die Psychoanalyse, die des zentralen Antriebs individueller psychischer Entwicklung und Dynamik. Zur Sexualität gehört auch, anknüpfend an Foucault, die Ausweitung libidinöser Bindungen auf politische Gegenstände und Konsumgüter. Sexualität vermittelt Staat, Gesellschaft und Individuum oder, in Foucaults Worten, „Wahrheit und Lüste”. Gleichzeitig abstrahiert Herzog aber nie ganz von der Ebene der konkreten sexuellen Handlungen und Triebe, wie es in der Foucault-Rezeption gelegentlich vorkommt. Herzog entwickelt eine eigene Form der Quellenmontage und -diskussion, eine Sprache zwischen Lust und Verwundbarkeit, die verdeutlicht: Es geht ihr nicht nur um eine neue Geschichtsschreibung der Sexualität, sondern um eine neue Geschichte überhaupt.

Anmerkungen:
[1] Daniel Binswanger, „Mit Sexualität lässt sich immer und überall Politik machen“. Interview mit Dagmar Herzog, in: Das Magazin, https://www.gc.cuny.edu/CUNY_GC/media/CUNY-Graduate-Center/Images/Programs/History/Faculty/Das-Magazin-2017_6.pdf (04.03.2019).
[2] Dagmar Herzog, Sex After Fascism, Princeton 2005; dt.: Die Politisierung der Lust, München 2005. Siehe die Rezension von Sven Reichardt, in: H-Soz-Kult, 14.04.2006,https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6566 (04.03.2019).
[3] Dagmar Herzog, Unlearning Eugenics. Sexuality, Reproduction and Disability in Post-Nazi Europe, Madison, Wisconsin 2018.
[4] Dagmar Herzog, Cold War Freud, Cambridge 2017. Siehe die Rezension von Patrick Bühler. In: H-Soz-Kult, 11.01.2018, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26830 (04.03.2019). Herzogs innovative historische Einbettung der Psychoanalyse als Praxis und Bewegung veranlasste die Historikerin Camille Robcis zu zwei wichtigen Fragen: „First, is there a correct way to read Freud? […] Second, are all of Freud’s concepts historicizable?” Siehe Camille Robics, Introduction to Forum. Dagmar Herzog’s Cold War Freud, in: Modern Intellectual History, https://www.cambridge.org/core/journals/modern-intellectual-history/forums/dagmar-herzog-s-cold-war-freud (04.03.2019).
[5] Deren Erbe die deutsche Wissenschaftspolitik allerdings zu verspielen droht. Volkmar Siguschs weltweit anerkanntes Institut wurde 2006 in Frankfurt am Main geschlossen. Siehe Magnus Klaue 2011 über den Niedergang der Sexualwissenschaften in Deutschland, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/niedergang-der-sexualwissenschaft-verhaltensmanagement-statt-triebschicksal-1578333.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0 (04.03.2019).

Redaktion
Veröffentlicht am
30.04.2019
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