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Titel
Partnerdienste. Die Beziehungen des BND zu den westlichen Geheimdiensten 1946–1968


Autor(en)
Krieger, Wolfgang
Reihe
Veröffentlichungen der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945–1968 12
Erschienen
Anzahl Seiten
440 S.
Preis
€ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Armin Wagner, Dresden

Die Unabhängige Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945–1968 (UHK-BND) mit Jost Dülffer, Klaus-Dietmar Henke, Wolfgang Krieger und Rolf-Dieter Müller behandelt in ihrem umfangreichen Forschungs- und Publikationsprojekt nicht allein nachwirkende Verflechtungen aus der Zeit des Nationalsozialismus, sondern fragt auch nach der konkreten Tätigkeit des mit seiner Zentrale in Pullach angesiedelten Apparates. An dessen Spitze – unter zunächst US-amerikanischer Führung, seit 1956 als Bundesbehörde – stand mit Reinhard Gehlen der frühere Chef der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) im Generalstab des Heeres.

Inzwischen liegen in der UHK-Reihe, die 2016 begonnen wurde, zwölf Bände vor. Warum hat nun ausgerechnet das neueste Werk aus der Feder von Wolfgang Krieger, dem Nestor der deutschen Geheimdienstforschung, zu einer auffallenden Kontroverse geführt, in der sich seine Mitherausgeber sogar von Teilen des Buches in öffentlicher Kritik distanzieren?[1] Im Folgenden soll zunächst auf den Inhalt (I.), dann auf die „Kollegenschelte“ sowie auf Stärken und Schwächen des Buchs eingegangen werden (II.).

I. Krieger konzentriert sich auf Zusammenarbeit und Abhängigkeiten zwischen Organisation Gehlen (Org)/ Bundesnachrichtendienst (BND) und den drei westalliierten Siegermächten Vereinigte Staaten von Amerika (USA), Frankreich und Großbritannien; ersteren werden 220 Seiten, letzteren jeweils 80 Seiten gewidmet. Das ist angesichts der Bedeutung, die U.S. Army und Central Intelligence Agency (CIA) als Finanziers und Kontrolleure von Gehlen gespielt haben, sachlich begründet. Der Autor moniert eingangs mit klaren Worten den Kleinmut von Bundeskanzleramt und BND, die ihn zu Streichungen und Schwärzungen im Text zwangen, und zwar sogar für Inhalte, die sich bereits in den 1986 veröffentlichten Memoiren des sowjetischen Spions Heinz Felfe oder in der New York Times und im SPIEGEL fanden (S. 25).

Methodischer Ansatz der Studie soll die Analyse der miteinander verwobenen Beziehungen sein, nicht das Hervorheben von Akteuren und Operationen (S. 28). Tatsächlich sind diese Betrachtungsebenen nur schwer zu trennen, und zum Beispiel der Beitrag über die Zusammenarbeit mit dem französischen Service de Documentation Extérieure et de Contre-Espionnage (SDECE) ist eng entlang der „Geschäftsträger“ dieser Kooperation, Harald Mors und Marcel-André Mercier, verfasst.

Für die US-Paten (und -Herren) Gehlens stand anfangs die Militäraufklärung in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) im Vordergrund. Zunehmend aber erhielten Org und BND Bedeutung als Instrument der sicherheitspolitischen Einflussnahme Washingtons in Bonn, als „Informationskorridor in das Innerste der westdeutschen Politik“ (S. 230) – wie schon Müller in seiner Gehlen-Biografie herausgearbeitet hat.[2] Trotz eines „Rituals“ der Gleichberechtigung blieb stets ein Abhängigkeitsverhältnis zu Lasten Pullachs bestehen. Für Frankreich und Großbritannien war die Kooperation seit 1947 beziehungsweise 1954 dagegen ein Weg, sich von den Amerikanern zu emanzipieren (Paris) oder die transatlantische special relationship eigenständig auf dem Kontinent zu ergänzen (London). Im Vergleich zur „Juniorpartnerschaft“ mit Frankreich (S. 411) bedeuteten die Kontakte mit den Briten trotz ihres späten Beginns den „Durchbruch zum Status eines ‚nationalen‘ Geheimdienstes“ und „vollwertigen Mitglied[s] im Klub der westlichen Auslandsgeheimdienste“ (S. 333).

Mit seinen Befunden zu den Gründen für die nachrichtendienstlichen Defizite Pullachs argumentiert Krieger entlang von manchen bisherigen UHK-Ergebnissen: Die Org war in ihrem Kern kein Spionageapparat, sondern in der Nachfolge von FHO ein militärischer Lagedienst. Im Kalten Krieg erhielt aber neben der eingeübten Auswertung gerade die Beschaffung relevanter Informationen erheblichen Stellenwert. Der Dienst überwand nur sehr langsam die am Weltkriegsdenken geschulte „Panzerzählerei“, um die militärische und nachrichtendienstliche Revolution durch Kernwaffen, Raketen und Satelliten zu erkennen: weg von der grundsätzlichen Order-of-Battle-Aufklärung über die Vorwarnung vor überraschenden Angriffen (Early Warning Indicators) hin zum Interdiction Planning/Targetting gegen nukleare Kapazitäten und andere Hochwertziele des Gegners. Pullach musste lernen, dass Verwissenschaftlichung seit dem „Sputnik-Schock“ auch Gebot der geheimdienstlichen Stunde war, wofür das ab 1946 gewonnene Personal zu wenig Voraussetzungen mitbrachte.

Deutlich wird bei Krieger die unterschiedliche Geheimdienstkultur, die bei Org/BND im bürokratischen Charakter der FHO wurzelte, sich „im ländlichen Pullach oder im beschaulichen Bonn“ (S. 319) fortschrieb und wenig mit der Bereitschaft der Partnerdienste zu konkreten, verdeckten Operationen der handgreiflicheren Art anfangen konnte. Groß war gleichfalls der strukturelle Unterschied zu den Briten, bei denen der Auslandsdienst Secret Intelligence Service (MI6) für die Beschaffung mit menschlichen Quellen verantwortlich zeichnete, die Analyse aber in den für die Deutung kompetenten Ressortministerien erfolgte. Der BND dagegen geriet durch seinen Anspruch auf alleinige Auswertung der eigenen Spionage in Konkurrenz zu Auswärtigem Amt und Verteidigungsministerium. Dass gerade Paris und London beim Lernprozess zum „echten“ Nachrichtendienst handwerklich als Lehrmeister fungierten, gehört zu den Erkenntnissen dieser Studie.

II. Krieger, Pionier des Faches in der deutschen Geschichtswissenschaft, versteht sich als Angehöriger einer „realistischen Schule“ in der Geheimdienstforschung.[3] Diese Zuordnung entlehnt er offensichtlich der Schulbildung in der Theorie der Internationalen Beziehungen und meint damit hier eine sicherheitspolitisch geprägte Perspektive, in der Geheimdienste als notwendiger Baustein staatlicher Sicherheitsarchitektur begriffen werden.[4] Er unterscheidet sie von einer juristisch-bürgerrechtlichen Sicht, für die besonders die Analyse des historisch belegten repressiven Elements dieser Dienste (Gestapo, MfS) entscheidende Relevanz besitzt. Im Ergebnis bewertet er zum Beispiel die Inlandsspionage abweichend von seinem Kollegen Henke. Es habe sich zumindest anfangs – mit Bonner Zustimmung – um einen amerikanischen Auftrag für einen bis 1956 amerikanischen Dienst gehandelt (S.123). Auch nimmt Krieger den BND als westdeutschen Nachrichtendienst ernst, anstelle etwa von Müllers These, Gehlens Truppe habe einen solchen Dienst nur simuliert.[5] Klaus-Dietmar Henke ist der andere Kenner deutscher Geheimdienstakten, vom sozusagen entgegengesetzten Bestand her: als erster Leiter der Abteilung Bildung und Forschung in der Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU), damit mehr in der Sichtweise einer Geheimpolizei- als einer Nachrichtendienst-Forschung; Krieger würde wohl von der bürgerrechtlichen Position sprechen. In einem SPIEGEL-Interview hat Krieger die UHK-Kontroverse mit „ideologischen Differenzen“ erklärt.[6]

„Ideologische“ Motive weisen Dülffer, Henke und Müller indes zurück und stellen stattdessen auf handwerkliche Fehler und die Vernachlässigung wissenschaftlicher Standards ab. Ihre Stellungnahme bezieht sich dabei nur auf das erste Kapitel Kriegers über die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Zu den Problemen der Darstellung, so die Mehrheits-UHK in ihrem Memorandum, zählen schwere „Mängel ihrer Struktur, der Analyse und der Quellenauswertung“. Namentlich seien das besonders: die Über-Gewichtung der schon gut erforschten Org-Zeit im Vergleich zu jener des BND von 1956 bis 1968; Verkürzungen bei relevanten Sachverhalten, die noch dazu bereits in anderen UHK-Bänden thematisiert und zu wenig nachgewiesen würden, sowie ein fehlender analytischer Faden. Schließlich habe Krieger zu viele Quellen außer Acht gelassen, die in den US-National Archives und im Electronic Reading Room der CIA lange einsehbar seien. Unterlegt wird diese Kritik mit einer ganzen Reihe von konkreten Beispielen.

Nach Lektüre des Buches ist der Mängelliste in etlichen, womöglich zu vielen Punkten zuzustimmen – wenn auch nicht in allen. Wo es zum Beispiel heißt, die „komplette amerikanische Durchdringung“ des BND sei „im Text viel zu wenig“ herausgestellt, bleibt angesichts der problematischen Offenlegungspolitik unklar, was Krieger bei restriktiven Streichungsauflagen überhaupt erzählen durfte. Der Nutzen von Org und BND zur Infiltrierung der westdeutschen Politik durch Washington wird von ihm klar betont (zum Beispiel S. 83, 106, 145, 244). Und was ist von diesem Statement seiner internen Kritiker zu halten: „Die lustigen Bemerkungen zur politischen Inlandsspionage – wenn man sie in einem Beitrag über die CIA überhaupt traktieren möchte – sind peinlich, auch weil sie die breite Forschung von Henke nicht einmal ansatzweise einbezieht [sic]“? Abgesehen von der falschen Grammatik entspricht die Abqualifizierung als „lustig“ kaum wissenschaftlichem Sprachgebrauch und untermauert die Annahme, dass zumindest zwischen Krieger und Henke verschiedene Interpretationsansätze tief strittig sind. Zu den Partnerschaftsbeziehungen mit Paris und London steuert das Buch jedenfalls Neues bei. Die jüngst aufgeworfene Behauptung, ein begrenzter „Austausch von Unterstützungsleistungen“ zwischen BND und MI6 sei erst seit der Kanzlerschaft Helmut Schmidts gegeben, widerlegt das Buch.[7]

Lange vor Einrichtung der UHK hat Wolfgang Krieger eine Reihe von Vorarbeiten zur Geschichte der Org geleistet. Hat er nun die Chance gesehen, diese amerikanisch-deutsche Frühgeschichte noch einmal aus seiner Sicht zu erzählen? Im US-Kapitel jedenfalls ist er hinter den von den eigenen Kollegen erzielten Forschungsstand zurückgefallen und zeitlich im Rahmen des Publikationsprojektes gewissermaßen zu spät gekommen. Die drei einzelnen Teile des Werkes sind außerdem nicht besonders intensiv ineinander verwoben, sondern wirken wie schlicht aneinandergereiht. Misslich ist, dass das ohnehin knappe Gesamtfazit des Buches lieblos einfach an das Ende des Beitrages über die Beziehung zu den britischen Diensten gesetzt wurde –– hier hätte das (auch sonst nicht immer sorgfältige) Lektorat eingreifen müssen.

Tatsache ist aber gleichermaßen, dass die UHK-Reihe zur Gänze in sich kompositorische Mängel hat, was zu Wiederholungen führt und zu inhaltlichen Ungleichgewichten.[8] Übrigens hat Krieger, das gilt es festzuhalten, zu derlei Defiziten in anderen Bänden geschwiegen. Offenkundig gestaltet es sich schwierig, bei der Planung eines solchen Großprojektes genaue Trennschnitte zu setzen, wenn noch gar nicht klar sein kann, was sich aus der Quellenlage für jede einzelne Teilstudie ergibt. Dieses Problem des Designs im Großen spiegelt sich in Kriegers Buch im Kleinen. Neben Kritik am Handwerklichen (dort) und im Konzeptionellen (in der Reihe) treten, wie oben skizziert, unterschiedliche wissenschaftliche Zugänge und interpretative Divergenzen.

„Partnerdienste“ bildet daher einen Baustein zur Geschichte des BND mit aufschlussreichen Einzelerträgen zur Kooperation Pullachs gerade mit den französischen und britischen Diensten. Es ist, was durchaus enttäuscht, nicht die große, in sich geschlossene Studie geworden, die vom Altmeister der deutschen Intelligence-Forschung zu erwarten gewesen wäre. Der Tonfall der Kritik daran bleibt gleichwohl befremdlich. Er beschädigt nicht nur den Autor, sondern die UHK an sich und wirft die Frage auf, ob diese die konzeptionellen Probleme eines so vielbändigen Vorhabens wirklich in den Griff bekommen hat.

Anmerkungen:
[1] Vgl. S. 7, Anm. 1; dazu die Stellungnahme von Jost Dülffer, Klaus-Dietmar Henke und Rolf-Dieter Müller vom Januar 2021 auf der UHK-Website mit dem verlinkten internen Memorandum vom 28. Februar 2020: http://www.uhk-bnd.de/wp-content/uploads/2021/01/KRIEGER-CIA-Kritik.pdf. Alle in der Besprechung erwähnten Zitate aus dem Memorandum siehe dort.- Polemisch und unlauter vernichtend die Besprechung von Willi Winkler, Pullacher Peinlichkeiten, in: Süddeutsche Zeitung online, 10.02.2021, https://www.sueddeutsche.de/politik/geschichte-des-bnd-pullacher-peinlichkeiten-1.5198662 (diese und alle folgenden Zugriffe zuletzt: 14.3.2021).
[2] Vgl. Rolf-Dieter Müller, Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik: Die Biografie, Band 1: 1902–1950, Band 2: 1950–1979, Berlin 2017; vgl. dazu die Rezensionen von Matthias Uhl, in: H-Soz-Kult, 11.12.2018, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-26609, und von Armin Wagner, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 9 [15.09.2018], http://www.sehepunkte.de/2018/09/31212.html .
[3] Vgl. Klaus Wiegrefe, Historiker über Deutschlands Geheimdienst: „Beim BND waren Massenmörder, da gibt es nichts zu beschönigen“, in: DER SPIEGEL, 31.01.2021, https://www.spiegel.de/geschichte/bundesnachrichtendienst-beim-bnd-waren-massenmoerder-da-gibt-es-nichts-zu-beschoenigen-a-1d7ec7ab-5fd0-442d-8446-0b00dd77d0a7.
[4] Vgl. z.B. Wolfgang Krieger, Der Staat soll alles können, aber nichts dürfen. Das Dilemma der Geheimdienste in Zeiten des Cyberwar, in: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft 4 (2015) 4, S. 118–125.
[5] Vgl. Klaus Wiegrefe, „Alle größeren Krisen verschlafen.“ Der Historiker Rolf-Dieter Müller erklärt, wie BND-Gründer Reinhard Gehlen im Osten versagte – und im Westen erfolgreich für Adenauer Politiker ausspionierte, in: DER SPIEGEL Nr. 50/2017, 09.12.2017, S. 60–62, hier S. 62.
[6] Vgl. Klaus Wiegrefe, Historiker über Deutschlands Geheimdienst: „Beim BND waren Massenmörder, da gibt es nichts zu beschönigen“ (wie Anm. 3).
[7] Vgl. Christoph Franceschini / Thomas Wegener Friis / Erich Schmidt-Eenboom, Spionage unter Freunden. Partnerdienstbeziehungen und Westaufklärung der Organisation Gehlen und des BND, Berlin 2017, S. 181. Das von Winkler (siehe Anm. 1) als Referenz benannte Buch bietet gerade in seinen kurzen und innerhalb des Werkes schwächeren Kapiteln über die Beziehungen zu Paris und London (S. 154–170, 171–188) kaum mehr als eine Aneinanderreihung von Einzelbeobachtungen ohne analytischen Tiefgang. Vgl. dazu die Besprechung von Andreas Hilger in: H-Soz-Kult, 13.07.2017, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-25872 .
[8] Vgl. auch die Rezension von Christopher Nehring zu Klaus-Dietmar Henke, Geheime Dienste. Die politische Inlandsspionage der Organisation Gehlen 1946–1953, Berlin 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 4 [15.04.2019], http://www.sehepunkte.de/2019/04/32644.html.

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14.04.2021
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