Cover
Titel
Unbekannter Ivens. Triumph, Verdammnis, Auferstehung. Joris Ivens bei der DEFA und in der DDR 1948–1989


Autor(en)
Jordan, Günter
Erschienen
Umfang
679 S., 65 Fotos
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Günter Agde, Berlin

Der Niederländer Joris Ivens (1898–1989) war einer der bedeutendsten Filmdokumentaristen des vergangenen Jahrhunderts. In seinen Anfängerjahren legte er mit Filmen wie „Die Brücke“ (1928) und „Regen“ (1929) das Fundament für die europäische Film-Avantgarde der 1920er-Jahre. Damit formulierte er wesentliche stilistische Ansprüche an ein modernes operatives Dokumentarfilmverständnis, das sich in den folgenden Jahren internationalisierte und das bis heute Gültigkeit hat. Seine Art des politischen Dokumentarfilms trug erheblich dazu bei, diesen zu einer wirkmächtigen und dauerhaften Kunstform im Ensemble der darstellenden Künste zu entwickeln. Alle Filme Ivens‘ zeichnen sich durch öffentliches Engagement und Einmischung in soziale Belange aus. Ivens drehte immer dort, wo sich auf der Welt in den 1930er- bis 1960er-Jahren soziale Auseinandersetzungen in Konflikten zwischen Unterdrückten und ihren Oberen entluden. Brechts „Ändere die Welt, sie braucht es!“ nahm er wörtlich und schrieb es in alle seine Filme ein. So kam er in der Welt herum, nicht umsonst wurde er „der Weltenfilmer“ genannt. Er drehte in Indonesien, den USA, im spanischen Bürgerkrieg („Spanische Erde“, 1937 – den Kommentar dazu schrieb und sprach Ernest Hemingway) später im Vietnam-Krieg („Der 17. Breitengrad“, 1968) und auf Kuba. Und so wurde Ivens auch als Persönlichkeit weltweit zu einer wichtigen Bezugsgröße des internationalen Dokumentarfilmschaffens und zum Mobilisator für neu entstehende Kinematographien in ärmeren Ländern.

Sein Werk ist gründlich erforscht. In seiner Autobiografie gibt er selbst viele Auskünfte.[1] Eine frühe Annäherung an sein Werk entstand schon 1963 in der DDR mit vielen Selbstaussagen Ivens‘, die Wesentliches über sein Filmverständnis aussagen.[2] Die bislang gültigste Biografie schrieb sein Landsmann Hans Schoots.[3] Seit 2009 liegt auch eine 5-teilige DVD-Ausgabe der Filme vor, betreut von der European Foundation Joris Ivens, Nijmegen, eine einzigartige Quellensammlung in bester technischer Qualität.[4] Leider kann man sie nicht eine Gesamtausgabe nennen, weil in ihr alle diejenigen Filme fehlen, die Ivens in der DDR gedreht hat: weiträumige internationale Projekte mit großen Stäben, enormer Logistik und viel Geld. Die Produktion dieser Filme und ihre öffentliche Präsentation haben erhebliche propagandistische, aber auch große Zuschauerresonanz erfahren: „Freundschaft siegt“ (1952), über die III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin, „Friedensfahrt“ (1952), eine Sportreportage über die Radrenn-Friedensfahrt Warschau-Berlin-Prag 1952, die erste nach dem Krieg. Mit „Lied der Ströme“ (1954) und „Die Windrose“ (1957) zielte Ivens auf die Widerspiegelung sozialer Kämpfe, ihrer Siege und Niederlagen ab – mit einem pathetisch-illusionären Anspruch (wirklich alle Kontinente waren filmisch erfasst), ein früher Vorgriff auf filmische Globalisierung; schließlich ein Ausflug in die Spielfilmproduktion mit „Die Abenteuer des Till Ulenspiegel“ (1956), eine Koproduktion der Deutschen Film AG (DEFA) und der französischen Ariane-Film nach dem Roman von Charles De Coster. Der damalige Star Gérard Philipe hatte seinen Freund Ivens als Ko-Regisseur gewonnen. Die DEFA-Stiftung hat diese Lücke in den Ivens-Filmquellen nun nachgeholt und die fehlenden Filme in einer eigenen, technisch ebenfalls sehr guten DVD-Ausgabe nachgereicht.[5]

Die bisherige Ausblendung der DDR- bzw. DEFA-Arbeiten Ivens‘ durch die Filmgeschichtsschreibung wird durch die voluminöse Arbeit des Kleinmachnower Filmhistorikers Günter Jordan beseitigt, die dessen Tätigkeit in der DDR und bei der DEFA umfassend darstellt. Jordan erzählt diese Phase entlang der Produktionsvorgänge der genannten Filme. Das ist überaus spannend zu lesen, zumal erkennbar wird, dass Ivens mit diesen Filmen eine schöpferische Werkstatt installierte und dirigierte – ein Novum in der internationalen Dokumentarfilmproduktion. Seine fünf Jahre in der frühen DDR gehören zu seinen wichtigsten, nicht zuletzt, weil er über seine eigene Filmarbeit hinaus das Dokumentarfilmschaffen der DEFA stilistisch und methodisch entscheidend prägte. Von den insgesamt 680 Seiten des Buches sind 280 diesen Jahren und seinen bei der DEFA entstandenen Filmen gewidmet.

In der zweiten Hälfte der Monografie beschreibt Jordan das spannungsvolle und in jedem Fall äußerst widerspruchsreiche Verhältnis zwischen Ivens und der DDR, fokussiert auf das Dokumentarfilmfestival Leipzig, an dessen Entwicklung und Bedeutung Ivens einen langjährigen, äußerst aktiven Anteil nahm. Dass das DOK Leipzig, wie es heute heißt, über die umfassende internationale Film-Information hinaus zur stabilen Drehscheibe des Erfahrungsaustauschs der Welt-Dokumentaristen wurde, ist vor allem ihm, seinem Ruhm und seinem Nachruhm zu danken.

Diese Beziehung war etliche Jahre lang gestört, sogar unterbrochen, als sich Ivens in den 1960er-Jahren der chinesischen Kulturrevolution zuwandte. Dort fand er, was seinem damaligen Revolutions- und Film-Verständnis entsprach, und drehte darüber einen mehrteiligen Filmzyklus von insgesamt 763 Minuten Länge: „Yü Gung versetzt Berge“. Diese Filme wurden in Leipzig nicht gezeigt, was Ivens nicht verstand.[6] Seine maoistisch eingefärbte Revolutions-Auffassung geriet zunehmend in Widerspruch zu Erscheinungen gesellschaftlicher Stagnation und Bürokratisierung, wie er sie sowohl in der DDR als auch in der Sowjetunion beobachtete und mit denen er sich nicht abfinden konnte. Hinzu kamen dogmatische Auffassungen einiger DDR-Kulturfunktionäre über ein modernes Dokumentarfilm-Verständnis, das sich in dem Widerspruch „Poesie versus Agitation“ ausdrückte.

Jordan stellt ausführlich dar, welche Verbündeten Ivens in diesen schwierigen Kämpfen hatte, welche er verlor und welche hinzukamen. Nicht so präzise hält es Jordan hingegen mit Gegnern und Antipoden Ivens‘: Hier bleibt er eigentümlicherweise verhalten und unscharf. Dabei wäre eine Personalisierung der „Gegenseite“ nur gerecht und hätte der historischen Wahrheit gedient. Jordan liebt seinen Helden grenzen- und, ja auch: kritiklos. Sein Enthusiasmus teilt sich mit. Nur so ist auch seine Detailversessenheit zu verstehen, noch jede Nebensächlichkeit zu erzählen, dazu Hunderte Fußnoten. Ein sachgerechtes Lektorat hätte hier eingreifen müssen, ebenso wie bei zahlreichen sprachlichen Entgleisungen, die seinem Anliegen schaden. Dennoch: Hier liegt das Porträt eines faszinierenden Menschen und charismatischen Künstlers vor, selbstbewusst, energisch, rastlos, auch autoritär, und dabei von bleibender Geltung.

Anmerkungen:
[1] Joris Ivens, Die Kamera und ich. Autobiographie eines Filmers, Reinbek 1974.
[2] Staatliches Filmarchiv der Deutschen Demokratischen Republik / Club der Filmschaffenden (Hrsg.), Joris Ivens, Berlin 1963.
[3] Hans Schoots, Living Dangerously. A Biography of Joris Ivens, Amsterdam 2000.
[4] Joris Ivens, Weltenfilmer. Filme 1912-1988, absolut Medien ARTE Edition 2009.
[5] Joris Ivens, Defa-Dokumentarfilme. Die Windrose / Freundschaft siegt / Friedensfahrt 1952 Warschau-Berlin-Prag. 2 DVDs, Icestorm Entertainment 2018 ; ferner ist auf DVD erhältlich: Lied der Ströme. Ein Film von Joris Ivens, absolut Medien 2015.
[6] Vgl. dazu Klaus Kreimeier, Joris Ivens. Ein Filmer an den Fronten der Weltrevolution, Berlin 1976.

Zitation
Günter Agde: Rezension zu: : Unbekannter Ivens. Triumph, Verdammnis, Auferstehung. Joris Ivens bei der DEFA und in der DDR 1948–1989. Berlin  2018 , in: H-Soz-Kult, 15.03.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29316>.
Redaktion
Veröffentlicht am
15.03.2019
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Sprache Publikation