P. Burke: A Social History of Knowledge, Vol. 2

Cover
Titel
A Social History of Knowledge. Volume 2: From the _Encyclopédie_ to Wikipedia


Autor(en)
Burke, Peter
Erschienen
Cambridge 2012: Polity Press
Umfang
VIII, 359 S.
Preis
£ 17.99 / $ 24.95 / € 18,30
Rezensiert für H-Soz-Kult
Katja Stopka, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Peter Burkes neues Buch setzt ein Werk fort, dessen erster Band im Jahr 2000 erschien. In diesem widmete sich der britische Historiker der Produktion, Zirkulation und Institutionalisierung von Wissen seit der Erfindung des Buchdrucks bis zur Etablierung der „Encyclopédie“.[1] Der zweite Band schließt zeitlich unmittelbar an den ersten Teil an: Burke versucht darin einen Überblick für die Phase von 1751 bis 2001, also von der Gründung der „Encyclopédie“ bis zum Online-Start von Wikipedia.

Wie schon im ersten Band fragt sich Burke wiederum, welches Wissen, welche Informationen wie und von wem mit welchen Mitteln gesammelt, verbreitet und genutzt wurden. In der Einleitung betont er, dass man sich die Prozesse von Wissensproduktion und -verbreitung keineswegs als ungestört und linear vorzustellen hat. Immer seien auch gegenläufige Tendenzen zu beobachten – und dies werfe weitere Fragen auf, etwa nach den Gründen für die Verschleierung oder Unterdrückung bestimmter Wissensbestände und Informationen. „Indeed, if this essay has a single thesis, it is the importance of the coexistence and interaction of trends in opposite directions, an equilibrium of antagonism that tips over into disequilibrium from time to time.“ (S. 2) Darin ist zugleich die bereits im ersten Band hervorgehobene These einer grundsätzlichen Pluralität von Wissen enthalten: Wissenskonglomerate seien in einem Gefüge aus Macht- und Konkurrenzbeziehungen miteinander verbunden (S. 5).

Gleichwohl hat Burkes Wissensgeschichte einen eingeschränkten Blickwinkel, insofern sie sich lediglich als eine Geschichte des abendländischen akademischen Wissens versteht – „a ‚social history of western academic knowledge‘“ (S. 5). Dass sie damit Teil eben jenes Machtgefüges bleibt, welches der Autor historisch beschreibt, liegt auf der Hand, wird im Buch allerdings weder analysiert noch problematisiert. Und das ist nur ein Beispiel für die Schwächen dieses vor allem durch seinen Faktenreichtum glänzenden historischen Abrisses. Was weitgehend fehlt, ist eine methodische und theoretische Reflexion des eigenen Unterfangens, das sich ja immerhin als „Social History of Knowledge“ versteht. Die Begründung etwa, inwiefern es sich bei dieser Wissensgeschichte um eine Sozial- oder vielleicht besser Gesellschaftsgeschichte des Wissens handle, bleibt Burke weitgehend schuldig; er konstatiert, dass die Studie auch „historical sociology of knowledge“, „historical ecology of knowledge“ oder „cultural history of knowledge“ hätte heißen können (S. 4).

Philipp Sarasin hat vor nicht allzu langer Zeit höchst instruktiv nach der Tauglichkeit einer Wissensgeschichte als Gesellschaftsgeschichte gefragt und sie als einen Denkrahmen vorgeschlagen, in dem Welt bzw. Gesellschaft von den diskursiven, medialen, personalen und institutionellen Formen des Wissens her beschrieben werden können, „weil Formen des Wissens in Verbindung mit ‚belief systems‘ und künstlerischer Expression erst Subjekte, Artefakte und Handlungen zu dem verbinden, was man ‚gesellschaftliche Wirklichkeit‘ nennen kann“.[2] Solche klugen Überlegungen sucht man bei Burke leider vergebens. Seine „Social History of Knowledge“ ist überwiegend eine Institutionen- und Verwissenschaftlichungsgeschichte, in der nachgezeichnet wird, wie über 250 Jahre hinweg die Entdeckung, Verwaltung und Distribution von Wissen möglich wurde – durch die Ausdifferenzierung in Universitäten, Forschungsstationen, Museen, Bibliotheken, Nachrichtendienste etc. Dies erweist sich als ein faktenreiches, aber wenig inspirierendes Unternehmen.

Nun der Reihe nach: Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Der erste und längste Teil („Knowledge Practices“) befasst sich mit der Konstituierung von Wissen, wobei es um Verfahren und Institutionalisierungen des Entdeckens, Sammelns und Ordnens, des Analysierens, Systematisierens und Klassifizierens sowie um die Prozeduren der Verbreitung und Verwendung von Wissen geht. Dass die auf den ersten Blick zeitlos anmutenden Wissensanreicherungstechniken bei näherem Hinsehen durchaus zeitgebunden sind, ist aus historischer Perspektive ein wenig überraschendes Ergebnis (S. 11). Dabei macht Burke in den Nachzeichnungen der Wissensformatierung bzw. -kategorisierung gern einmal Zeitsprünge von rund 200 Jahren auf anderthalb Seiten – so etwa, wenn er die königlich geförderten Entdeckungsreisen von Ländern und Meeren im 18. und 19. Jahrhundert kurzschließt mit den staatlich geförderten Expeditionen in den Weltraum (S. 17f.). Ähnlich oberflächlich bleibt seine Analyse der Speichertechniken sowie der Aufzeichnungs- und Distributionsverfahren, wenn er unterschiedliche Formen der Wissensgestaltung und -verbreitung aneinanderreiht („Speaking“, „Displaying“, „Writing“, „The Periodical Press“, „Books“, „Visual Aids“), ohne die Relevanz wechselnden Dominanzen dieser Kulturtechniken sichtbar werden zu lassen (S. 83–108). Was Burke unternimmt, ist eine tour de force durch die Prozesse der Akkumulation und Verwissenschaftlichung von Wissen in den Bereichen der Lebens-, Sozial- und Textwissenschaften (Expeditionen, Entdeckungen, Klassifizierungs-, Datierungs- Befragungs-, Beobachtungstechniken, Dechiffrieren, Rekonstruieren, Erzählen, Interpretieren). Dafür werden in überbordendem Maße Namen von Wissenschaftlern sowie von Institutionen und Publikationen genannt. Aufklärung über die Motivationen und Gründe, warum dieses Wissen zu welcher Zeit und in welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen Bedeutung gewinnen konnte, findet sich dagegen kaum.

Der zweite Teil („The Price of Progress“) widmet sich auf gerade mal 42 Seiten dem überaus spannenden Thema der Verlustgeschichte des Wissens. Jede Erfolgsgeschichte gesellschaftlichen Wissens hat als Kehrseite den Verlust, die Zerstörung und Unterschlagung ‚anderen‘ Wissens. Dass die Erfolgsgeschichte zugleich eine Herrschaftsgeschichte des Wissens ist, belegt Burke wieder mit zahlreichen Beispielen, die diesmal vorwiegend aus dem 20. Jahrhundert stammen. Er berichtet über Wissensverschleierungen von Geheimdiensten, Wissenszerstörungen in Kriegen, Wissensausgrenzungen durch politische Regime und Wissensüberalterungen durch beschleunigten technologischen Wandel.

Der dritte Teil eröffnet ein Panorama dessen, was Burke als „A Social History in Three Dimensions“ bezeichnet. Sich immer wieder auf die Pluralität von Wissen beziehend, unternimmt der Autor hier in geographischer, soziologischer und chronologischer Hinsicht den Versuch, die Etablierung von Wissen im Kontext seiner steten Veränderung zu beschreiben. Dies klingt vielversprechend, bietet aber erneut nur eine Aufzählung von Institutionalisierungen. Man erhält lexikalische Informationen über Gründungsorte und Gründungsdaten von Wissenschaftseinrichtungen, von Wissensentwicklungen und Schulen des Denkens in verschiedenen Regionen und Zeiten sowie schlaglichtartige Hinweise auf Demokratisierungsbestrebungen in der Bildungsförderung benachteiligter sozialer Gruppen.

Wer die Hoffnung haben mag, in diesem Band einen analytischen Einblick in den Wandel von Wissensdiskursen seit der Etablierung des Internet bzw. des World Wide Web zu bekommen – enthält der Titel doch immerhin das Stichwort „Wikipedia“ –, wird arg enttäuscht. Lediglich auf sieben Seiten werden Phänomene wie Open Access und kollaborative Wissensproduktion unter den Stichworten „democratization of knowledge“, „citizen science“ und „amateurization“ abgehandelt (S. 271ff.), wobei man nicht mehr erfährt als das, was ohnehin allgemein bekannt ist. Insofern lässt sich abschließend konstatieren, dass Burkes Wissensgeschichte leider vor allem das fehlt, was der Autor als Trend des Wikipedia-Zeitalter ausmacht: „reflexivity“ (S. 274). Es reicht nicht mehr aus, bloß zu resümieren, was Castells und Giddens schon in den 1990er-Jahren beobachtet hatten: „Discussions of the knowledge society ‚emphasize the increase in the ability of society to act upon itself‘. […] What is specific to the informational mode of development is the action of knowledge upon knowledge itself as the main resource of productivity.“ (S. 274)[3]

Anmerkungen:
[1] Peter Burke, A Social History of Knowledge. From Gutenberg to Diderot, Cambridge 2000 (dt.: Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft, Berlin 2001; rezensiert von Cord Arendes in: H-Soz-u-Kult, 22.07.2003, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-3-049> [20.02.2013]).
[2] Philipp Sarasin, Was ist Wissensgeschichte?, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 36 (2011), S. 159–172, hier S. 172; online unter <http://dtserv3.compsy.uni-jena.de/ws2011/ndlger/63361051/content.nsf/Pages/69247C7BE0AD56A9C125798F003FAF19/$FILE/Sarasin.pdf> (20.02.2013).
[3] Vgl. Manuel Castells, The Rise of the Network Society, Cambridge 1996, sowie Anthony Giddens, The Consequences of Modernity, Cambridge 1990.

Zitation
Katja Stopka: Rezension zu: Burke, Peter: A Social History of Knowledge. Volume 2: From the _Encyclopédie_ to Wikipedia. Cambridge 2012, in: H-Soz-Kult, 21.03.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17610>.