J. Jurt: Frankreichs engagierte Intellektuelle

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Titel
Frankreichs engagierte Intellektuelle. Von Zola bis Bourdieu


Autor(en)
Jurt, Joseph
Erschienen
Göttingen 2012: Wallstein Verlag
Umfang
288 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Andreas Gipper, Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Im vorliegenden Band versucht einer der besten deutschsprachigen Kenner der Materie, der Schweizer Romanist Joseph Jurt, dem deutschen Leser in weit ausgreifender Perspektive ein spezifisches französisches Phänomen nahe zu bringen. Es geht um Bedeutung und Einfluss, die kritische Intellektuelle seit langem in der französischen Gesellschaft genießen. Dieses Phänomen hat seit den 1980er-Jahren in Frankreich eine eigene Forschungsrichtung hervorgebracht, welche die traditionelle Ideengeschichte durch eine ‚histoire intellectuelle’, eine Art Intellektuellengeschichte zu ergänzen strebt. In diesem Rahmen sind in Frankreich eine ganze Reihe von synthetischen Darstellungen der Geschichte der französischen Intellektuellen entstanden (Charle, Ory, Sirinelli, Winock [1]), so dass das Phänomen auf der materiellen Ebene als mittlerweile recht gut erforscht gelten kann. Die kleine Geschichte der französischen Intellektuellen von Zola bis Bourdieu, die Jurt entfaltet, versucht diese Forschungen für deutschsprachige Leser aufzubereiten und strebt dabei methodisch danach, ihren Gegenstand um eine spezifisch feldtheoretische Perspektive zu bereichern.

Im Anschluss an die einschlägige französische Forschung sieht Jurt die Ursprünge für die spezifische öffentliche Rolle französischer Intellektueller in der Aufklärung und in den politischen Geltungsansprüchen, mit denen die Enzyklopädisten und der sogenannte ‚parti des philosophes‘ das neu entstandene Medium bürgerlicher Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert für sich zu nutzen verstanden. Zentrale Ikone dieses neuen Selbstverständnisses bürgerlicher Intelligenz und erfolgreichster Propagandist der damit verbundenen neuen Kommunikationsformen ist Voltaire, der insbesondere durch sein Eingreifen in spektakuläre Strafrechtsprozesse seiner Zeit (Calas, Sirven und de la Barre), das Verhältnis von Intelligenz und Öffentlichkeit neu definiert.

Dass diese Form intellektuellen Engagements mehr als 100 Jahre später im Rahmen der Dreyfusaffäre und mit Zolas Pamphlet ‚J’accuse‘ einen neuen Höhepunkt erreicht und sich nun mit dem Begriff ‚Intellektueller‘ auch ein neuer Sozialtypus artikuliert, hat komplexe sozialgeschichtliche Gründe. Zu Recht verweist Jurt hier auf die Erfolge der Alphabetisierung in Frankreich und die damit einhergehende Explosion des Zeitungswesens, er verweist aber auch auf die numerische Explosion des intellektuellen Feldes. Tatsächlich steigt die Zahl seiner Vertreter am Ende des Jahrhunderts dramatisch an und führt deren traditionelles Selbstverständnis nachhaltig in die Krise. Mit der Dreyfusaffäre etablieren sich die Intellektuellen, die sich in Unterschriftenlisten für die Revision des Dreyfusprozesses einsetzen, endgültig als soziale Gruppe mit einem spezifischen Gruppenbewusstsein. Auch wenn Frankreich bis heute das Kernland der Intellektuellen geblieben ist, so hat diese Entwicklung doch europaweite Auswirkungen und führt insbesondere zu einem Export des neuen Terminus in fast alle europäischen Länder. Nur am Rande sei in diesem Zusammenhang die Anmerkung erlaubt, dass sich der Terminus Intellektueller zwar unbestreitbar erst im Zusammenhang der Dreyfusaffäre durchsetzt, dass seine Entstehung in Frankreich aber offenbar mit dem Namen Claude-Henri de Saint-Simon verbunden ist, der den Terminus mehrfach zum Beispiel in seiner Schrift ‚Du système industriel‘ von 1821 verwendet. Dass der Terminus damit von seiner Genese her offenbar Teil einer soziologischen Theoriekonstruktion ist, welche geistige Arbeit nicht zuletzt als Produktivkraft entdeckt und daraus einen eminenten sozialen Herrschaftsanspruch für eine ganze soziale Schicht ableitet, wäre feldtheoretisch sicher ebenfalls eine Überlegung wert gewesen.

Im weiteren Verlauf der Darstellung skizziert Jurt nach der Dreyfusaffäre die großen Kapitel intellektuellen Engagements im Frankreich des 20. Jahrhunderts: die Zeit des Ersten Weltkrieges und des Kampfes gegen den ‚bourrage de crane‘, die Zwischenkriegszeit mit ihren Auseinandersetzungen um den entstehenden Faschismus und den spanischen Bürgerkrieg, die Kriegszeit im Spannungsfeld von Kollaboration und Widerstand und schließlich die Nachkriegszeit und das Phänomen Sartre als Inkarnation dessen, was Pierre Bourdieu in den 1980er-Jahren als totalen Intellektuellen bezeichnet hat. Jurt entfaltet dieses Jahrhundert französischer Geistesgeschichte außerordentlich kenntnisreich und in präziser und gut verständlicher Sprache. Und er tut dies mit dem souveränen Überblick, den eine jahrzehntelange intensive Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Facetten des Themas garantiert.

Dabei wird Jurts Intellektuellengeschichte auf der theoretischen Ebene von zwei spezifischen Fragen begleitet, die besondere Beachtung verdienen: 1. Inwieweit handelt es sich um ein spezifisch französisches Phänomen und worin unterscheidet sich dieses von der deutschen Situation? 2. Ist der öffentliche Einfluss der französischen Intellektuellen ein Auslaufmodell oder hat es Chancen, seinen bereits mehrfach proklamierten Untergang zu überstehen?

Beide Fragen sind verschiedentlich kontrovers diskutiert worden. Bereits 1978 hatte der Kölner Germanist Dietz Bering in seinem Buch „Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes“ die These vertreten, dass sich der Terminus in Deutschland niemals wirklich hat durchsetzen können. Stattdessen seien andere, positiver konnotierte Begriffe wie der Gelehrte und der Dichter hierzulande dominant geblieben. Bei aller partiellen Berechtigung, die Berings These zugestanden wird, bemüht sich Jurt freilich um ein nuancierendes Bild. Dabei insistiert er zu Recht in der Nachfolge Fritz Ringers Die Gelehrten[2] auf dem besonderen symbolischen Kapital, dass in Deutschland traditionell Hochschullehrern zukommt und von diesen auch immer wieder genutzt worden ist. Demgegenüber wird bis heute das Bild des französischen Intellektuellen wesentlich von Schriftstellern bestimmt, obwohl auch die Partei der intellektuellen Dreyfusanhänger im ausgehenden 19. Jahrhundert zahlenmäßig eindeutig von Universitätsangehörigen dominiert war.

Auch in Bezug auf die in den 1980er-Jahren vieldiskutierte These vom Tod des Intellektuellen, die insbesondere in postmodernen Kreisen (Lyotard, Le tombeau de l’intellectuel [3]) weite Verbreitung gefunden hat, ist Jurts Fazit nuanciert und abwägend. Tatsächlich hat gerade Jurts langjähriger Weggefährte Bourdieu gezeigt, dass engagierte Intellektuelle auch in der Gegenwart politisch wirksam sein können. Kaum zu bestreiten ist demgegenüber, dass das nicht zuletzt von Bourdieu selbst heftig kritisierte Modell des Sartreschen Intellektuellen, das den Intellektuellen zum Sprachrohr des Universalen und zum Sänger einer ‚großen Metaerzählung‘ machte, auf absehbare Zeit ausgedient hat.

Am Ende bleibt in Bezug auf dieses exzellente Bändchen lediglich zu beklagen, dass der Autor die feldtheoretische Perspektive, die er seinem Gegenstand im Anschluss an Pierre Bourdieu vor allem in den Schlusskapiteln angedeihen lässt, nicht systematischer auch im Verlauf der historischen Darstellung entfaltet hat. Das ist umso bedauerlicher, als Jurt selbst der Erste war, der 1995 einen ernsthaften und außerordentlich wertvollen Versuch unternommen hat, die Bourdieusche Feldtheorie systematisch für die Literaturgeschichtsschreibung fruchtbar zu machen (Das literarische Feld [4]). Insofern hätte tatsächlich niemand bessere Voraussetzungen mitgebracht, um die Geschichte der Intellektuellen in Frankreich mit ihren internen Kämpfen, ihren Autonomiedebatten und Abrenzungsfehden gegenüber benachbarten Feldern, ihren Konsekrations- und Exkommunikationsmechanismen systematisch als Feldprodukt und Feldeffekt zu beschreiben.

Anmerkungen:
[1] Christophe Charle, Naissance des intellectuels, Paris 1990; ders., La république des universitaires, Paris 1994; ders., Vordenker der Moderne. Die Intellektuellen im 19. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2001; Pascal Ory/Jean François Sirinelli, Les intellectuels en France de l'affaire Dreyfus à nos jours, Paris 2004; Jean François Sirinelli, Intellectuels et passions françaises, Paris 1996; Michel Winock, Le siècle des intellectuels, Paris 1997 (dt. Das Jahrhundert der Intellektuellen, Konstanz 2007).
[2] Fritz Ringer, Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine (1890-1933), München 1987.
[3] Jean François Lyotard, Le tombeau de l’intellectuel, Paris 1984.
[4] Joseph Jurt, Das literarische Feld. Das Konzept Pierre Bourdieus in Theorie und Praxis, Darmstadt 1995.

Zitation
Andreas Gipper: Rezension zu: Jurt, Joseph: Frankreichs engagierte Intellektuelle. Von Zola bis Bourdieu. Göttingen 2012, in: H-Soz-Kult, 26.10.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18583>.
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26.10.2012
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