J. Paulus u.a. (Hrsg.): Zeitgeschichte als Geschlechtergeschichte

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Titel
Zeitgeschichte als Geschlechtergeschichte. Neue Perspektiven auf die Bundesrepublik


Hrsg. v.
Paulus, Julia; Silies, Eva-Maria; Wolff, Kerstin
Erschienen
Frankfurt am Main 2012: Campus Verlag
Umfang
336 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Christina Herkommer, Berlin

Dass „Geschlecht“ für zeitgeschichtliche Forschungen eine zentrale Kategorie ist (oder dies zumindest sein sollte)[1], unterstreichen Julia Paulus, Eva-Maria Silies und Kerstin Wolff in ihrem neuen Sammelband. Einleitend verweisen die drei Herausgeberinnen auf „gängige Interpretationsmuster“ zeithistorischer und sozialwissenschaftlicher Forschung zur Bundesrepublik – wie „Liberalisierung“, „Westernisierung“, „Strukturbruch“, „Generationalität“, „Erfolgsgeschichte“ etc. –, die nahezu durchgängig entwickelt wurden, ohne „Geschlecht“ in die Analyse vorrangig einzubeziehen. Im Zentrum des Buchs steht die Frage, ob solche Interpretationsmuster auch dann für zeitgeschichtliche Entwicklungen seit dem Zweiten Weltkrieg verwendet werden können, wenn eine geschlechtersensible Perspektive eingenommen wird. Der Sammelband ist in fünf thematische Sektionen gegliedert, die (fast) alle mit einem zusammenfassenden kritischen Kommentar abgerundet werden. Thematisch befassen sich diese Schwerpunkte mit „Nachkrieg und Geschlechterordnung“, „segregierte[n] Berufswelten“, „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, „Sexualitäten und Körper“ sowie „Partizipation und Protest“.

Im ersten Themenblock „Nachkrieg und Geschlechterordnung“ setzt sich Lu Seegers mit kriegsbedingt vaterlos aufgewachsenen Frauen und Männern auseinander. Während üblicherweise und unter Rückgriff auf konservative Geschlechterbilder lediglich die Auswirkungen des Vaterverlusts auf Söhne untersucht werden, zeigt Seegers, dass sich auch die gesellschaftliche Positionierung der Töchter durch den Verlust der Väter änderte. Die westdeutsche Entwicklung nach 1945 als „Erfolgsgeschichte“ darzustellen sei aus dieser Perspektive nicht mehr haltbar. Irene Stoehr befasst sich mit der westdeutschen Frauenfriedensbewegung der 1950er-Jahre und den politischen Handlungsspielräumen von Frauen während des Kalten Kriegs. Das Interpretationsmuster der „Westernisierung“ sei hier lediglich dann anwendbar, wenn allein die Arbeit bürgerlicher Frauenverbände analysiert werde. Für die ebenfalls einflussreiche Frauenfriedensbewegung passe dieser Ansatz hingegen nicht. In ihrem Kommentar geht Kirsten Heinsohn ebenfalls kritisch auf den Begriff der „Westernisierung“ ein. Es reiche nicht aus, eine Geschlechterperspektive in vorhandene Erklärungsansätze zu integrieren, „denn bisher hat ein Einschreiben in die allgemeine Geschichte nicht zum Umschreiben der herrschenden Paradigmen geführt“ (S. 99).

Der zweite Themenblock befasst sich mit den Berufswelten von Männern und Frauen nach 1945 und bezieht sich dabei insbesondere auf das Interpretationsmuster des „Strukturbruchs“. Christine von Oertzen betrachtet in diesem Zusammenhang Professorinnen in der Hochschulpolitik. Sie untersucht die Arbeit des 1950 gegründeten Deutschen Akademikerinnenbundes und stellt für die Zeit bis 1989 strukturelle Kontinuitäten fest, die eine einfache Einordnung weiblicher Hochschulpolitik in das analytische Schema des „Strukturbruchs“ fragwürdig erscheinen lassen. Auch Julia Paulus argumentiert in ihrem Beitrag zu Frauen in Ausbildungsberufen, dass die These des „Strukturbruchs“ nicht greife. Sie verweist insbesondere auf den Berufseinstieg von Jugendlichen nach 1945 bis Ende der 1980er-Jahre. Paulus kann zeigen, dass sich zwar das Bildungsniveau weiblicher und männlicher Jugendlicher zunehmend ausgeglichen darstellte, dass dies aber keineswegs zur Aufhebung der Unterschiede in Art und Wahl der Berufsausbildung führte. Christiane Eifert orientiert sich neben der These des „Strukturbruchs“ an den Analyseansätzen „Liberalisierung“, „Westernisierung“ und „Bürgerlichkeit“. Am Beispiel des westdeutschen Unternehmerinnenverbands verdeutlicht sie, dass die Entwicklung nach 1945 ambivalenter erscheint als bisher angenommen, wenn man eine gezielte Geschlechterperspektive einnimmt. Mechthild Bereswill ordnet die Beiträge mit ihrem Kommentar in einen soziologischen Diskurs zu Arbeit und Geschlecht ein, erwähnt die zeitgeschichtlichen Interpretationsmuster hingegen nur am Rande.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie steht im Zentrum des dritten Themenblocks. Sarah Summers befasst sich mit der Einführung des Erziehungsgelds in Westdeutschland und den Auswirkungen auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Sie verdeutlicht, dass sich die bundesdeutsche Familienpolitik nicht an westlichen Modellen außerhäuslicher Betreuung von Kindern orientierte, sondern an der Idee, Kinder würden am besten zu Hause von ihren Müttern betreut. Summers betrachtet das Interpretationsmodell der „Westernisierung“ in diesem Zusammenhang daher als unzureichend. Monika Mattes setzt die Entwicklung der Ganztagsschule in Bezug zur Frauenerwerbsarbeit. Sie belegt die Verknüpfungen zwischen Erwerbsarbeit, Bildung und bürgerlichen Geschlechterrollen. In Abgrenzung von der Hypothese des „Strukturbruchs“ betont auch sie die Persistenz bestehender Geschlechterstrukturen. Leider fehlt dieser sehr interessanten Sektion ein zusammenfassender und kritischer Kommentar.

Den vierten Themenblock „Sexualitäten und Körper“ eröffnet Eva-Maria Silies mit einem Beitrag zur Nutzung der „Pille“ in den 1960er- und 1970er-Jahren. Die „Pille“ habe keinen „Strukturbruch“ markiert – zu marginal seien die Auswirkungen auf das Geschlechterverhältnis gewesen. Hier könne jedoch das zeithistorische Interpretationsmuster der „Generationalität“ herangezogen werden, da sich die Erfahrungen von Müttern und Töchtern in Bezug auf Sexualität, Körper und Familienplanung durch die „Pille“ deutlich voneinander unterschieden hätten. Benno Gammerl untersucht Liberalisierungs- und Emanzipationstendenzen in Identitätskonzepten homosexueller Frauen und Männer. Er analysiert dazu Kontaktanzeigen in schwulen und lesbischen Zeitungen und Magazinen der 1970er- und 1980er-Jahre. Die dort sichtbar werdenden Identitätskonzepte lassen sich laut Gammerl nur bedingt in den Rahmen der Interpretationsmuster „Liberalisierung“ und „Emanzipation“ einfügen; auffällig sei stattdessen eine Fortdauer klassischer Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit. Peter-Paul Bänziger schreibt in seinem Kommentar – wie zuvor schon Kirsten Heinsohn –, dass es nicht ausreiche, vorhandenen zeitgeschichtlichen Interpretationsmustern eine Geschlechterperspektive hinzuzufügen, sondern dass „wesentlich andere Erzählungen“ formuliert werden müssten (S. 249).

Der abschließende Themenblock befasst sich unter den Stichworten „Partizipation“ und „Protest“ mit der Frauenbewegung nach 1945 sowie ihren Bezugs- und Abgrenzungspunkten. Kerstin Wolff fragt, „warum sich die autonome Frauenbewegung [der 1970er-Jahre] als geschichtslos erlebte“ und ob hier das Interpretationsmuster des „Strukturbruchs“ als Erklärungsmodell herangezogen werden könne. Wolff zeigt, dass die nach 1945 bestehenden Frauenverbände in erster Linie auf den bürgerlichen Forderungen der ersten Frauenbewegung aufbauten und dass die Erinnerung an radikalere Strömungen unterdrückt wurde. So empfand sich die Neue Frauenbewegung, die sich nicht in der Traditionslinie der bürgerlichen Frauenverbände sah, zunächst tatsächlich als geschichtslos. Das Aufkommen der Neuen Frauenbewegung sei nicht als „Strukturbruch“ zu interpretieren, sondern als Rückkehr zu einem Nebeneinander von radikaler und bürgerlicher Frauenbewegung. Elisabeth Zellmer untersucht die Funktion der Frauenbewegung für die „Demokratisierung“ und „Liberalisierung“ der westdeutschen Gesellschaft am Münchener Beispiel. Die Autorin verweist auf die Heterogenität der Frauenbewegung und die daraus resultierenden Schwierigkeiten, gemeinsam politische Entscheidungen zu treffen. Die Frauenbewegung sei weniger Triebkraft einer „Liberalisierung“ und „Demokratisierung“ gewesen; sie habe eher als „Thematisierungsagentin“ gewirkt (S. 295), die frauenrelevante Themen auf die öffentliche, politische Agenda gesetzt habe. Imke Schmincke schildert die Anfänge der Neuen Frauenbewegung und stellt fest, dass zwischen 1968 – dem Zeitpunkt des berühmt gewordenen Tomatenwurfs[2] – und 1971 – dem Zeitpunkt der „stern“-Abtreibungskampagne[3] – eine deutliche Verschiebung stattgefunden habe: von einer Bewegung mit dem Ziel gesellschaftlicher Veränderungen zu einer Bewegung, die sich subjekt- und körperbezogen zeigte. Konzepte wie „Liberalisierung“ oder „Westernisierung“ seien nicht dazu geeignet, diese Entwicklung ausreichend zu erfassen. Kristina Schulz unterstreicht das in einem abschließenden Kommentar: Die Neue Frauenbewegung lasse sich nicht als Teil oder gar als Motor eines „Strukturbruchs“ interpretieren – zu persistent war und ist die bestehende Geschlechterordnung. Dennoch sei die Frauenbewegung sehr wohl in der Lage gewesen, Geschlechterstrukturen zu hinterfragen und Alternativen aufzuzeigen.

Der Sammelband macht deutlich, dass die üblichen zeithistorischen Interpretationsmuster zwar häufig mit dem Gestus der Allgemeingültigkeit auftreten, aber geschlechtergeschichtliche Lücken haben, die nicht einfach im Rahmen der etablierten Konzepte „gefüllt“ werden können. Vielmehr müssen in einem nächsten Schritt neue Muster entwickelt werden, die es ermöglichen, ambivalente Entwicklungslinien zu untersuchen und damit einen umfassenderen Rahmen zu bieten – nicht nur bezogen auf Geschlecht, sondern auch im Hinblick auf andere gesellschaftlich relevante Kategorien wie Klassen- bzw. Schichtzugehörigkeit, Ethnie, Alter etc.

Anmerkungen:
[1] Vgl. als Überblick jüngst Kirsten Heinsohn / Claudia Kemper, Geschlechtergeschichte, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 4.12.2012, URL: <http://docupedia.de/zg/Geschlechtergeschichte> (21.12.2012).
[2] Bei dem „Tomatenwurf“ handelt es sich um die Reaktion der damaligen Studentin Sigrid Rüger auf die Nichtbeachtung bzw. auf die ausbleibende Diskussion eines Vortrags von Helke Sander vom „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ im Rahmen einer Delegiertenkonferenz des SDS im Jahr 1968.
[3] Die „Abtreibungskampagne“ in der Illustrierten „stern“ wurde 1971 von Alice Schwarzer initiiert. Mehr als 300 Frauen bekannten sich dazu, abgetrieben und damit gegen den Paragraphen 218 verstoßen zu haben.

Zitation
Christina Herkommer: Rezension zu: Paulus, Julia; Silies, Eva-Maria; Wolff, Kerstin (Hrsg.): Zeitgeschichte als Geschlechtergeschichte. Neue Perspektiven auf die Bundesrepublik. Frankfurt am Main 2012, in: H-Soz-Kult, 18.01.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19650>.