H. Rosenstrauch: Karl Huß, der empfindsame Henker

Cover
Titel
Karl Huß, der empfindsame Henker. Eine böhmische Miniatur


Autor(en)
Rosenstrauch, Hazel
Erschienen
Umfang
175 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Anton Tantner, Institut für Geschichte, Universität Wien

Die Handschriftensammlung des in Tschechien nur unweit der bayerischen Grenze befindlichen Schlosses Kynžvart bewahrt eine vierbändige Chronik der Stadt Eger (Cheb) auf, die zum Schluss ihres letzten Bands auf 14 Folios die Autobiographie ihres Autors Karl Huß enthält. Dieser mittlerweile im Online-Portal Manuscriptorium auch digital zugängliche Text[1] ist Ausgangspunkt für die faszinierende Studie Hazel Rosenstrauchs, der es gelingt, auf knapp 180 Seiten ein Panorama der zwischen Aufklärung und Romantik, zwischen Revolution und Reaktion oszillierenden Epoche um 1800 zu entwerfen und deren Lektüre die Konsultation langatmiger Handbücher und Überblicksdarstellungen ersetzen kann.

Dem Hauptprotagonisten von Rosenstrauchs Buch war es keineswegs in die Wiege gelegt, zum Autor gelehrter Abhandlungen und – ab 1827/28 – zum Kustos der Sammlungen auf dem Metternichschen Schloss Königswart zu werden, wurde er doch 1761 im damals habsburgischen Brüx (Most) als Sohn eines Scharfrichters geboren. Diesen unehrlichen und verfemten Beruf begann auch Huß auszuüben, und zwar bereits im Alter von 15 Jahren, als er unter Aufsicht seines Vaters einen Kirchendieb köpfte. Mit 18 übernahm er regulär die Scharfrichterstelle von Eger, verlor jedoch wenige Jahre später seinen Broterwerb, als 1787 in der Habsburgermonarchie die Todesstrafe – mit Ausnahme des Standrechts – für einige Jahre abgeschafft wurde. Die Stadt Eger stellte Huß zwar bald darauf wieder ein, der verhinderte Henker konzentrierte sich aber fortan aufs Sammeln von Münzen, Waffen und Gesteinen sowie das Verfassen seiner Abhandlungen, wozu auch eine Schrift über den Aberglauben zählte.[2] Er erwarb sich Ansehen bei seinen gelehrten Zeitgenossen und wurde mehrmals von Goethe aufgesucht. Huß, der sein Amt als Scharfrichter zum letzten Mal 1822 ausgeübt hatte, starb 1836 als Kustos auf Schloss Königswart.

Huß’ Lebenslauf – „[s]ein Weg vom Henker zum Kustos“ (S. 156) – galt schon den Biographen des 19. Jahrhunderts als memorierenswert, doch wussten diese zuweilen nur oberflächlich über ihn Bescheid. Das Biographische Lexikon des Kaisertums Österreich von Constantin von Wurzbach führt ihn z.B. als „Guß, Karl“ und mit fehlerhaften, unvollständigen Lebensdaten.[3] So ist es das Verdienst der Autorin, ihn vor dem Hintergrund ihrer umfassenden Kenntnis der behandelten Periode[4] in seiner Außergewöhnlichkeit darzustellen, denn der empfindsame und gelehrte Henker „passt nicht in seine Zeit, zumindest nicht in die Kategorien, die für die Jahre nach dem Wiener Kongress gefunden wurden. Als Gegner des Aberglaubens lässt er sich nicht als weltflüchtig charakterisieren, er hat keine Sehnsucht nach blauer Blume und Übersinnlichem, sondern bleibt der Aufklärung verpflichtet.“ (S. 154f.)

Die „böhmische Miniatur“ – so der Untertitel des besprochenen Werks – geht weit über die Darstellung eines Einzelschicksals hinaus und beinhaltet ihrerseits wiederum zahlreiche fein ziselierte Miniaturen, etwa über Unehrlichkeit, die josephinischen Reformen, Nationalitätenkonflikte oder Gespensterglauben. Selbst ein Abriss zur Lebensgeschichte Metternichs (1773–1859) findet darin seinen Platz, was sich zum einen damit erklärt, dass Rosenstrauch ursprünglich eine Biographie des habsburgischen Staatskanzlers verfassen wollte, zum anderen darin begründet liegt, dass sich der Lebensweg dieses Geschäftsführers der Konterrevolution mit dem des gewesenen Scharfrichters auf Schloss Königswart kreuzte; das Büchlein enthält somit in nuce eine jener Parallelviten infamer Menschen, deren Publikation Foucault in den 1970er-Jahren plante.[5]

Huß ist für Rosenstrauch „kein Held und kein exemplarischer Fall, (...) weder normal, noch Volk“, er eignet sich ihrer Ansicht nach jedoch als „Ahn (...) [f]ür verfemte oder sich verfemt fühlende Individualisten, für Heimatlose und Außenseiter, für (...) Menschen mit Knäcksen im Lebenslauf und Leute, die in einer Zeit leben, deren Ordnung sich auflöst, ohne dass eine neue Ordnung erkennbar wäre“ (S. 157). Zur theoretischen Verortung ließen sich auch noch Edoardo Grendis Konzeption des „außergewöhnlich Normalen“[6] wie Jacques Rancières Überlegungen zum Anachronismus[7] bemühen, doch braucht es dies gar nicht, um die Leistung einer Historikerin zu würdigen, die einen Großteil ihres bisherigen Arbeitslebens an den Rändern des akademischen Betriebs verbrachte. Zu den Stationen ihrer Karriere zählten Beschäftigungen als Bankangestellte, Zeitschriftenredakteurin, Sozialarbeiterin, Lehrbeauftragte und auch Clownin, was ihren Blick auf das Leben der Außenseiter nur geschärft haben mag, denn Rosenstrauchs Interessen galten bislang nicht nur gelehrten Scharfrichtern, sondern auch häretischen österreichischen Kommunist/innen rund um die 1989 eingestellte Zeitschrift „Wiener Tagebuch“[8] und Hofnarren.[9] Es wäre wünschenswert, wenn die deutschsprachigen Geschichtswissenschaften über mehrere solcher Werke verfügten, die sprach- und stilbewusstes Schreiben mit wissenschaftlicher Akribie und Gelehrsamkeit zu verbinden wissen.

Anmerkungen:
[1] Karl Huß, Lebensgeschichte des Karl Huß, in: Ders., Chronik der Stadt Eger, Zámek Kynžvart: 29-C-4 (18909) Hs. Kynžvart 153, f.93 centies duodecies r – f.93 centies vicies quinquies v, Digitalisat bei manuscriptorium.com, (bislang) ohne Permalink, <http://www.manuscriptorium.com/apps/main/index.php?request=show_tei_digidoc&docId=set031101set1107&client=&dd_listpage_pag=93%20centies%20duodecies%20ruodecies%20r> (08.05.2013).
[2] Edition: Carl Huss, Die Schrift „Vom Aberglauben" von Karl Huß. Nach dem in der fürstlich Metternichschen Bibliothek zu Königswart befindlichen Manuskripte, hrsg. von Alois John, Prag 1910.
[3] Constantin von Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Bd. 6., Wien 1860, S. 42–44; <http://www.literature.at/viewer.alo?objid=11804&viewmode=fullscreen&scale=5&rotate=&page=50ate=&page=50> (06.06.2013).
[4] Als bisherige Veröffentlichungen Rosenstrauchs zur behandelten Epoche siehe u.a.: Hazel Rosenstrauch, Karl August Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens. Eine Jugend um 1800. Biographischer Essay, Berlin 2003; Dies., Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt, Frankfurt am Main 2009.
[5] Michel Foucault, Das Leben der infamen Menschen sowie: Klappentext, in: Ders., Schriften – Dits et Ecrits, Bd. 3: 1976–1979, Frankfurt am Main 2003, S. 309–332, 633.
[6] Für die deutschsprachige Geschichtswissenschaft popularisiert von: Hans Medick, Mikro-Historie, in: Winfried Schulze (Hrsg.), Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie, Göttingen 1994, S. 40–53, hier 46f.
[7] Jacques Rancière, Die Namen der Geschichte, Versuch einer Poetik des Wissens. Frankfurt am Main 1994, S. 49–59; vgl. auch zuletzt: Achim Landwehr, Über den Anachronismus, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 61 (2013), S. 5–29.
[8] Hazel Rosenstrauch, Beim Sichten der Erbschaft. Wiener Bilder für das Museum einer untergehenden Kultur. Eine Nacherzählung, 2. Aufl., Mannheim 1994.
[9] Hazel Rosenstrauch, Narrologien, in: Dies., Juden Narren Deutsche. Essays, Mannheim 2010, S. 38–47; für weitere Veröffentlichungen der Autorin siehe ihre Homepage: <http://www.hazel.rosenstrauch.com> (06.06.2013).

Zitation
Anton Tantner: Rezension zu: Rosenstrauch, Hazel: Karl Huß, der empfindsame Henker. Eine böhmische Miniatur. Berlin 2012, in: H-Soz-Kult, 14.06.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20289>.
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14.06.2013
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