Cover
Titel
Otto von Freising. Ein Intellektueller im Mittelalter


Autor(en)
Ehlers, Joachim
Erschienen
München 2013: C.H. Beck Verlag
Umfang
383 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult
Roman Deutinger, Bayerische Akademie der Wissenschaften, München

Eigentlich ist es erstaunlich, dass die Gestalt des Bischofs Otto I. von Freising (1138–1158) bislang keine umfassende biographische Würdigung erfahren hat. Schließlich gibt es zu Otto nicht nur eine mittlerweile ziemlich ausufernde Forschungsliteratur, sondern seit über fünfzig Jahren auch detaillierte Regesten, an denen sein äußerer Werdegang nachvollzogen werden kann. Einem Gesamtentwurf, der die verschiedenen Aspekte seiner Persönlichkeit und seines Werks zusammenführen sollte, sieht man deshalb mit großen Erwartungen entgegen.

Joachim Ehlers, ausgewiesen als einer der derzeit besten Kenner der Frühscholastik und Autor erfolgreicher und zurecht gelobter Bücher zur Geschichte des Hochmittelalters, hat diesen Gesamtentwurf nun gewagt, gibt aber schon durch den Untertitel seiner Biographie „Ein Intellektueller im Mittelalter“ zu verstehen, worin er die leitende Perspektive seiner Darstellung sieht. Er versucht, Ottos Persönlichkeit ganz von seinem literarischen Werk her zu verstehen, also aus seinen beiden historiographischen Werken, der Historia de duabus civitatibus und den Gesta Friderici. Die feinsinnige Interpretation dieser beiden Texte steht folglich im Mittelpunkt der Darstellung. Den bisherigen Deutungen erteilt Ehlers dabei eine klare Abfuhr: Nicht um eine theologische Begründung und Erklärung der Geschichte sei es Otto gegangen, vielmehr um die moralische Botschaft, die sich der Beobachtung des Auf und Ab in der Weltgeschichte abgewinnen lässt, nämlich sich auf dieses weltliche Spiel gar nicht erst einzulassen, sondern allein dem ewigen Gott zu dienen. Folgerichtig ist das resümierende Schlusskapitel überschrieben: „Ein Moralist im 12. Jahrhundert“ und gipfelt in der Charakterisierung von Ottos Werk als „depressiver Außenposten im wissenschaftlichen Optimismus der Frühscholastik“ (S. 265).

Von diesem Standpunkt aus wird dann auch der gesamte Lebensgang Ottos beurteilt. Habe er sich zunächst dem Willen seiner Familie gebeugt und das Studium in Paris vornehmlich zur Sicherung einer kirchlichen Karriere aufgenommen, sei sein Eintritt in das Zisterzienserkloster Morimond als radikale Abkehr von diesem aufgedrängten Lebensentwurf zu sehen. Passend ist deshalb das einschlägige Kapitel mit dem Titel „Die Flucht“ überschrieben (S. 15–47). Den Freisinger Bischofsstuhl habe Otto sechs Jahre später nur widerwillig und vornehmlich auf Drängen Bernhards von Clairvaux bestiegen: „Der Fluchtversuch war gescheitert“ (S. 140). Von der Politik habe sich Otto nach Möglichkeit fernzuhalten versucht; was er politisch dennoch auf diesem Feld unternahm, wird als abgerungenes Zugeständnis betrachtet. Selbst am Zweiten Kreuzzug habe er nicht aus Überzeugung teilgenommen, sondern nur, weil er sich „dem Unternehmen nicht entziehen“ konnte (S. 157). Der Kreuzzug wurde dann „die Katastrophe seines Lebens und Ursache seines frühen Todes“ (S. 156) – der freilich erst zehn Jahre später eintrat. Die Gesta Friderici habe Otto hauptsächlich verfasst, um seine bereits vorher aufgezeichneten philosophischen Überlegungen einem höfischen Publikum zugänglich zu machen und so für die Nachwelt zu sichern (S. 221). Folglich dienten die philosophischen Exkurse in den Gesta nicht, wie man gewöhnlich annimmt, dazu, die Interpretation der historischen Ereignisse argumentativ zu untermauern, sondern seien geradezu als eigentlicher Kern des Werks zu betrachten, dem sich die historische Darstellung unterzuordnen hat. Insgesamt müsse man sich Otto als „von Natur aus vorsichtig und zurückhaltend, als Bischof Vertreter der Institution, intellektuell zweifellos modern, spirituell (soweit wir das überhaupt wissen können) eher konservativ, letztlich unsicher und noch in der Todesstunde kompromißbereit“ (S. 244) vorstellen.

Mit diesem Bild von Ottos Leben und Persönlichkeit ist dem Autor zweifellos ein großer Wurf gelungen. Ganz unabhängig davon, wie man sich zu einzelnen Thesen stellt, erhält die Diskussion um die Deutung von Ottos Werken hier wichtige neue Impulse. Bemerken könnte man lediglich, dass die bisherigen Interpretationen manchmal keineswegs so radikal von den hier vorgestellten abweichen, wie Ehlers mit seinen ablehnenden, teilweise in den Anmerkungen versteckten Urteilen suggeriert, wohingegen etwa verschwiegen wird, dass die wichtige Erkenntnis, nicht Gott stehe „für Otto im bewegenden Zentrum der Geschichte, sondern der gut oder böse (meist böse) handelnde Mensch“ (S. 263) nicht von Ehlers selbst stammt, sondern von Peter Segl.

Das Unbehagen, das den Rezensenten bei der Lektüre zunehmend beschlichen hat, hat jedoch einen anderen Grund, und der liegt in der eingangs genannten leitenden Perspektive. Darf man Otto wirklich nur als einen der Welt überdrüssigen Intellektuellen beschreiben? Bietet uns sein Werk tatsächlich den Schlüssel zu allen Wendungen seines Lebens? Kann man den Klostereintritt des Zwanzigjährigen mit Überlegungen begründen, die Otto fünfzehn Jahre später als gereifter und welterfahrener Mann niedergeschrieben hat (S. 47)? Und kommt bei einer solchen Betrachtungsweise nicht Anderes zu kurz? Über vierzig Seiten hinweg (S. 48–88) wird das Paris des frühen 12. Jh. hinsichtlich Topographie und intellektuellem Milieu beschrieben, überaus kundig und auf dem neuesten Forschungsstand. Zweifellos wird man durch dieses Kapitel gründlich belehrt, aber war das im Rahmen gerade dieses Buchs in dieser Breite notwendig? Und warum gibt es nichts Entsprechendes zu Ottos Bischofsstadt Freising, in der er immerhin zwanzig Jahre lang gewirkt hat? Diese muss sich mit einem knappen historischen Rückblick begnügen (S. 132–139), die Konflikte des Freisinger Bischofs mit Herzog Heinrich dem Löwen und Pfalzgraf Otto von Wittelsbach oder auch mit dem Kloster Tegernsee werden nur beiläufig angedeutet. Hinsichtlich der Amtshandlungen Ottos als Freisinger Bischof, einschließlich der Gründung oder Reform von Klöstern und Stiften, bleibt es bei einer knappen, lieblos wirkenden Aufzählung (S. 143–149). Bei der Behandlung der Gesta Friderici tritt gegenüber der genauen Interpretation der (im Verhältnis zum Gesamtwerk eher kurzen) philosophischen Exkurse der übrige Inhalt des Werks völlig zurück. Allein die Hälfte des einschlägigen Kapitels (S. 243–260) ist dem Prozess gegen Gilbert von Poitiers gewidmet, noch dazu weniger der Darstellung Ottos als der Rekonstruktion des Vorgangs an sich. Ist der Rest der Gesta wirklich so uninteressant? Führt die gewählte Perspektive hier nicht geradezu zu einem Tunnelblick?

Insgesamt mischt sich folglich der Respekt vor der eindrucksvollen Interpretations- und Darstellungsleistung des Autors mit dem Eindruck der Unausgewogenheit in der Konzeption, die wichtige Aspekte im Leben des Freisinger Bischofs, gerade die politische Komponente seines Wirkens, unterbelichtet lässt. Ehlers hat zwar, so könnte man resümieren, ein großartiges, gründlich erarbeitetes, klug durchdachtes und eindringlich geschriebenes Intellektuellenporträt vorgelegt, eine wirkliche Biographie Ottos von Freising aber nicht. Somit zeigt der Untertitel des Buchs einerseits dessen große Stärke an, indirekt aber auch seine inhaltlichen Defizite.

Zitation
Roman Deutinger: Rezension zu: Ehlers, Joachim: Otto von Freising. Ein Intellektueller im Mittelalter. München 2013, in: H-Soz-Kult, 04.12.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21524>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.12.2013
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Land (Publikation)
Sprache (Publikation)