C. Barber: Politics in the Roman Republic

Cover
Titel
Politics in the Roman Republic. Perspectives from Niebuhr to Gelzer


Autor(en)
Barber, Cary Michael
Reihe
Brill Research Perspectives in Ancient History
Erschienen
Anzahl Seiten
IX, 279 S.
Preis
€ 69,45
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jannik Lengeling, Abteilung für Alte Geschichte und Rezeptionsgeschichte der Antike, Universität Bern

Als deutscher Muttersprachler zähle ich nicht zu dem Publikum, an das sich das hier zu besprechende Buch von Cary Michael Barber (fortan B.) über „Politics in the Roman Republic“ richtet. Der Autor plädiert darin für „a recognition of the utility of past perspectives, a recentering of ‘dated’ (but still compelling) scholarship within the broader scholarly discourse, and the reconstruction (and reevaluation) of older historical frameworks” (S. 6), ohne jedoch die Fortschritte der modernen Althistorie bestreiten zu wollen. Vor allem aber möchte B. vier ältere deutschsprachige Autoren in die Diskussion zurückbringen, die ihm zufolge in der angelsächsischen Forschung aufgrund von Sprachbarrieren vergessen zu werden drohen: Barthold Georg Niebuhr, Theodor Mommsen, Friedrich Münzer und Matthias Gelzer. Der Verfasser beklagt, dass es an Literatur über diese Autoren mangele, die einem englischsprachigen Publikum leicht zugänglich wäre (etwa S. 12, Fn. 22), und möchte hier Abhilfe schaffen. Wenn ich hier dieses Buch rezensiere, obwohl ich nicht zum eigentlichen Adressatenkreis gehöre, dann in erster Linie aus Irritation.

In Kapitel 1 (S. 1–27) skizziert B. sein Problem, nämlich dass Niebuhr, Mommsen, Münzer und Gelzer der Vergessenheit anheim zu fallen drohen – schon diese Prognose mag überraschen; der polemische Ton der Einleitung richtet sich dann auch gegen keine konkrete Person. Kurioserweise reiht B. (S. 22–4) Zitate zahlreicher Autoritäten, jeweils mit Lobesworten bedacht, als allgemeine Rechtfertigung für die Beschäftigung mit älterer Forschungsliteratur aneinander, statt eine eigene Fragestellung zu entwickeln.

Es folgt ein „Prelude“, in dem B. unter anderem Girards Konzept der „generative violence“ vorstellt (S. 37–50). Zwar kommt er im Folgenden gelegentlich darauf zurück, doch bleibt der Erkenntnisgewinn gering – wo keine Fragestellung verfolgt wird, hilft auch keine Theorie. Kapitel 3 (S. 50–97) widmet sich dann Niebuhr. B. gelingt es in diesem Abschnitt, die Biographie des diskutierten Autors historisch zu kontextualisieren und so zu sinnvollen Einschätzungen von Niebuhrs Werk zu kommen.

Das längste Kapitel befasst sich mit Mommsen (S. 97–207). Eingangs zitiert B. gut zehn Seiten lang vorrangig Meinungen über den Nobelpreisträger und seine Werke (S. 97–109). Über Mommsens Leben und den geschichtlichen Hintergrund seiner Arbeiten weiß er jedoch erstaunlich wenig zu berichten, auch weil ihm Stefan Rebenichs Biographie1 nicht (rechtzeitig) zugänglich gewesen sei (siehe S. 12, Fn. 22). B. argumentiert hier, Mommsens „Römische Geschichte“ und sein „Staatsrecht“ seien „part of a complementary conceptual program“ (S. 205f.) und seien zusammen zu lesen. Für den Abschnitt, in dem B. Christian Meier und Mommsen einander anzunähern versucht (S. 189–200), wäre es hilfreich gewesen, zu wissen, was Meier selbst über Mommsen geschrieben hat.2 Zu Mommsens Werk hat B. letztlich wenig Neues zu sagen: Dass Mommsen auch für sozialgeschichtliche Forschungen wertvolle Anregungen bietet und nicht nur für juristischen Dogmatismus und eine staatsrechtliche Erstarrung der weiteren Forschung verantwortlich gemacht werden kann, hat bereits Simon Strauß in seiner Dissertation gezeigt, die B. trotz großer inhaltlicher Berührungspunkte offenbar nicht kennt.3

Nach den weitschweifigen Ausführungen zu Mommsen nimmt sich Kapitel 5 über Gelzer und Münzer sehr knapp aus (S. 207–34); entsprechend werden die beiden Autoren hier als Vertreter einer „Social-Historical School“ (S. 208) zusammengeworfen. Wer nicht mit Münzer und Gelzer vertraut ist, könnte hier den Eindruck gewinnen, dass Münzer sozusagen nach Gelzer kam und seine Methodik übernahm, was nicht der Fall ist: Gelzer studierte bei Münzer in Basel. Für Münzers prosopographische Methodik in „Römische Adelsparteien und Adelsfamilien“ war natürlich die Arbeit an der Realencyclopädie grundlegend; und rein chronologisch gesehen verweist Münzer im Vorwort seines Buches auf einen Vortrag Ende 1910, in dem er bereits erste Ergebnisse vortrug;4 da hatte Gelzer gerade erst mit der Arbeit an der „Nobilität“ begonnen.5 Die Entwicklung der prosopographischen Methodik Gelzer zuzuweisen, ist ein Irrtum, den B. leicht hätte vermeiden können, hatte sich doch schon Gelzer selbst kritisch mit der Prosopographie auseinandergesetzt.6 Auf dieses – in der anglophonen Forschung allerdings durchaus verbreitete Missverständnis – hat etwa Karl-Joachim Hölkeskamp schon lange hingewiesen.7 Hinsichtlich Gelzers Distanzierung von Mommsen bietet B. hier erneut gegenüber Strauß nichts Neues. Dieser hatte auch bereits die Ähnlichkeiten bei der Behandlung der Sextinisch-Licinischen Gesetze von 367/6 registriert.8 Strauß’ Beobachtungen hat B. keine wesentlichen neuen Erkenntnisse hinzuzufügen (S. 212–6). Das Buch endet mit einer Art Ausblick auf Syme (S. 235–41; fast so lang wie der Abschnitt über Münzer, S. 224–34), bevor weitere Namen aufgezählt werden, um schließlich ohne ein wirkliches Fazit in der Gegenwart anzukommen.

B. erwähnt und zitiert zwar fleißig neuere internationale Forschung (das Literaturverzeichnis umfasst beinahe 30 Seiten, S. 246–74), hatte jedoch auf die einschlägige wissenschaftsgeschichtliche Literatur anscheinend kaum Zugriff. Neben den bereits erwähnten Lücken fehlen Münzers „Kleine Schriften“ mit der hervorragenden Einführung zu Münzers Werk und Wirkung von Hölkeskamp ebenso im Literaturverzeichnis wie die Münzer-Biographie von Kneppe und Wiesehöfer oder der Tagungsband mit Ergänzungen zur Biographie von 2017.9 Kenntnis der Literatur hätte B. möglicherweise vor mancher seltsamen Einschätzung bewahrt: Beispielsweise ist es sicherlich für alle, die sich schon einmal durch dessen trockene Prosa gekämpft haben, eine Überraschung, Münzer unter die Autoren eingereiht zu finden, deren Narrativ sich durch einen „dynamic style“ auszeichne (S. 237).

Trotz des nützlichen Kapitels zu Niebuhr taugt die Arbeit aufgrund solcher bibliographischer Lücken kaum zur wissenschaftsgeschichtlichen Reflektion, zumal der biographische und zeitgeschichtliche Hintergrund bei Mommsen, Münzer und Gelzer unterbelichtet bleibt. Dies ist wohl auch nicht der Anspruch des Buches. Doch für seine zentrale Aussage, dass nämlich diese vier Autoren immer noch wertvolle Beiträge für die aktuelle Forschung darstellen, bleibt B. ebenfalls überzeugende Argumente schuldig. Stattdessen heißt es: „The long shadow Mommsen casts should be allowed to diminish” (S. 204) – warum sollte man dann heute weiter Mommsen lesen, wozu B. doch eigentlich anregen möchte?

Gelegentlich deutet B. an, dass der fortbestehende Einfluss seiner vier Hauptautoren auf die moderne Forschung darin bestünde, dass die politische Hegemonie der römischen Elite überbetont wird. Leider wird dieser Gedanke nicht systematisch ausgeführt. Er steht, wenn weitergedacht, im Widerspruch zur zentralen Aussage des Buches, dass man die älteren Autoren weiterhin lesen sollte, da es für eine andere Sicht auf die römische Republik demnach eher notwendig wäre, sich von ihrem Einfluss freizumachen. Statt eigene Ideen und Argumente vorzubringen, tendiert B. jedoch dazu, sich in endlosen Zitaten zu ergehen, die den Lesefluss ebenso stören wie die überlangen Fußnoten. Teilweise wiederholen sich diese Zitate sogar (siehe etwa S. 197f. mit Fn. 433: Fließtext und Fußnote zitieren denselben Text). Oft vergleicht B. Positionen gegenwärtiger Forscher:innen mit denen seiner vier Heroen und versucht, Übereinstimmungen aufzuzeigen; manche dieser Vergleiche münden in Exkurse, die ohne Verlust gestrichen werden könnten (etwa S. 165f.). All dies macht die Lektüre sehr mühsam.

Als deutschsprachigen Leser hat mich zudem irritiert, dass B. „politisch Organismus“ [sic] (zuerst auf S. 129, siehe auch den Eintrag im Index, S. 277) aus irgendeinem Grund als zentralen Begriff bei Mommsen identifiziert und deshalb nicht übersetzt, so dass dieses sprachliche Kuriosum immer wieder aufblitzt. Wer ein ganzes Buch über deutschsprachige Wissenschaft schreibt, sollte solche Fehler vermeiden.

Einem Publikum, das des Deutschen nicht mächtig ist, die deutschsprachige Forschung näher bringen zu wollen, ist grundsätzlich ein begrüßenswertes Anliegen. Die Auswahl der Autoren und Werke passt jedoch nicht zu diesem Ziel, denn Niebuhrs und Mommsens „Römische Geschichte“, Münzers „Römische Adelsparteien und Adelsfamilien“ und Gelzers „Die Nobilität der römischen Republik“ sind allesamt in englischer Übersetzung verfügbar. Meines Erachtens wäre es wichtiger, rein englischsprachigen Leser:innen aktuelle fremdsprachige Forschungsergebnisse zu vermitteln, als den bereits etablierten Ruf dieser vier Althistoriker weiter zu festigen.

Anmerkungen:
1 Stefan Rebenich, Theodor Mommsen. Eine Biographie (Beck’sche Reihe 1730), 2. Aufl., München 2007 (zuerst 2002 erschienen).
2 Vgl. Christian Meier, Das Begreifen des Notwendigen. Zu Theodor Mommsens „Römischer Geschichte“, in: Reinhart Koselleck (Hrsg.), Formen der Geschichtsschreibung (Beiträge zur Historik 4), München 1982, S. 201–44.
3 Simon Strauß, Von Mommsen zu Gelzer? Die Konzeption römisch-republikanischer Gesellschaft in „Staatsrecht“ und „Nobilität“ (Historia Einzelschriften 248), Stuttgart 2017; dort auch schon S. 45f. zu Mommsens „Staatsrecht“ als Resümee früherer Arbeiten inklusive der „Römischen Geschichte“.
4 Friedrich Münzer, Römische Adelsparteien und Adelsfamilien, Stuttgart 1920, S. IX.
5 Vgl. zu dessen Entstehung Strauß, Mommsen zu Gelzer, S. 157.
6 Vgl. die Rezensionen der Bücher von Münzer und Scullard (Roman Politics 220–150 B.C.) in Matthias Gelzer, Kleine Schriften, Bd. 1, Wiesbaden 1962, S. 196–210.
7 Vgl. zuletzt auf Englisch und nochmals aktualisiert Karl-Joachim Hölkeskamp, Roman Republican Reflections. Studies in Politics, Power, and Pageantry, Stuttgart 2020, S. 34–7 (zuerst 2001 als Rezension der englischen Münzer-Übersetzung veröffentlicht).
8 Vgl. Strauß, Von Mommsen zu Gelzer, S. 84–91 zu Mommsen, S. 166f. zu Gelzer.
9 Friedrich Münzer, Kleine Schriften, hrsg. von Matthias Haake und Ann-Cathrin Harders. Mit einer Einführung von Karl-Joachim Hölkeskamp, Stuttgart 2012; vgl. jetzt neuerdings etwas positiver: Manfredi Zanin, Rileggere Friedrich Münzer. Römische Adelsparteien und Adelsfamilien cento anni dopo, in: Rivista Storica Italiana 133 (2021), S. 664–701; Alfred Kneppe / Josef Wiesehöfer, Friedrich Münzer. Ein Althistoriker zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, Bonn 1983; Matthias Haake / Ann-Cathrin Harders (Hrsg.), Politische Kultur und soziale Struktur der römischen Republik. Bilanzen und Perspektiven: Akten der internationalen Tagung anlässlich des 70. Todestages von Friedrich Münzer (Münster, 18.-20. Oktober 2012), Stuttgart 2017.

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