S. Doering-Manteuffel: Das Okkulte

Cover
Titel
Das Okkulte. Eine Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung. Von Gutenberg bis zum World Wide Web


Autor(en)
Doering-Manteuffel, Sabine
Erschienen
Berlin 2008: Siedler Verlag
Umfang
352 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Dillinger, Oxford Brookes, Department of History

Das neue Buch von Sabine Doering-Manteuffel steht in der Forschungsliteratur zum Okkultismus ohne Parallele da. Die Autorin verfolgt das okkultistische Denken vom Beginn der Neuzeit bis zur Gegenwart. Dabei hält sie die Darstellung für die ganze Breite dieses Bereichs offen. Doering-Manteuffels Thema ist nicht der Okkultismus im engen Sinn esoterischer, theosophischer, spiritistischer oder neopaganer Weltdeutungen, die sich im 19. Jahrhundert formierten. Es geht ihr vielmehr um das Okkulte selbst, also um den hartnäckig florierenden Gegensatz zum Argumentations- und Wissensgebäude von organisierter und theologisch reflektierter Religion, von Wissenschaft und Staat. Das magische Denken und der Geisterglauben, Zukunftsdeutereien, die Beschäftigung mit scheinbar ‚unerklärlichen Phänomenen’ und elaborierten Pseudowissenschaften sind das Thema des Buches. Sichtbar gemacht und gedeutet werden diese durch das beste – Doering-Manteuffel würde wohl sagen: das einzige – Mittel, das sie in ihrer Gesamtheit erfassen kann: eine Mediengeschichte. Das Okkulte, so eine zentrale Feststellung, ist keineswegs, wie das Wort es nahe legt, das Verborgene. Es ist das Veröffentlichte. Wie groß das Publikum des Okkulten tatsächlich ist, muss freilich auch Doering-Manteuffel offen lassen. Ohne sich auf fruchtlose Spekulationen über den Rezipientenkreis magischer oder esoterischer Schriften einzulassen, hält die Autorin fest, dass diese durchgängig auf ein Massenpublikum ausgerichtet waren. Die Feststellung, dass zunehmendes Interesse an Okkultem zur Reaktion auf private und gesellschaftliche Krisen gehört, dürfte niemanden überraschen. In der Moderne ist Liminalität geradezu ein Charakteristikum von Magie. Doering-Manteuffel zeigt Okkultes jedoch auch als Unterhaltung, als Sensation, als Hobby. Vor allem deutet sie okkultes Pseudowissen als Ware, welche eine sich wandelnde Medienindustrie vertreibt.

Doering-Manteuffel strukturiert ihre Mediengeschichte des Okkulten chronologisch. Es geht ihr dabei nicht so sehr um eine durchgehende Erzählung als vielmehr darum, den Bedingungen der jeweiligen Epoche gerecht zu werden. Sie arbeitet daher mit jeweils gut ausgewählten Problemfeldern, die durch narrativ ausgebreitete Beispiele erläutert werden. Der Stoff wird in einer ausführlichen Einleitung und acht Kapiteln präsentiert.

Das erste Kapitel ist quasi eine Vorgeschichte, die vor Gutenbergs Erfindung einsetzt. Doering-Manteuffel untersucht, wie die mittelalterliche Alchemie von einem ganzheitlichen, Theologie, Philosophie, Naturwissenschaft und Kunst umfassenden Konzept infolge der Pestzüge zu einer Rezept- und Ratgeberliteratur heruntergebrochen wurde. So fragmentiert und banalisiert traten Teile der magia naturalis den Weg in magische Gebrauchsschriften an. Im zweiten Kapitel werden Teufelsschriften des 17. und 18. Jahrhunderts gesichtet, die nach Art von Erbauungsliteratur die Kraft des christlichen Glaubens gegen dämonische Anfechtungen feierten. Auch wenn diese Publikationen nicht mehr wie die älteren Dämonologien ins unmittelbare Umfeld der Hexenverfolgung gehörten, war der Teufel in ihnen doch noch sehr konkret und materiell gedacht. Befreit von der Verbindung zum Hexenglauben konnte der Teufelsspuk zum Vorbild für spätere Poltergeist- bzw. Spukhausnarrative werden. Man hätte hier freilich betonen können, dass ältere Geschichten um lärmende Geisterwesen – in der Regel verstanden als Totengeister – die Motive sowohl für die Publikationen über dämonische Heimsuchungen als auch spiritistisch-okkultistische Narrationen vorgaben.

Die Dekriminalisierung von Magie als solcher im 18. Jahrhundert – der die Autorin mehr Aufmerksamkeit hätte widmen können – rückte nun die Möglichkeit in den Vordergrund, magische Handlungen als Betrug zu bestrafen. Dies geschah immer wieder, tat jedoch den Möglichkeiten für Magier, sich dem Publikum neu zu präsentieren, offenbar keinen nachhaltigen Abbruch. Das dritte Kapitel erläutert, wie im 18. Jahrhundert gerade in Städten ein Hintertreppengewerbe von Wahrsagern und ein neuer Büchermarkt entstanden. Nebenerwerbsbuchhändler boten massenhaft produzierte billige Schriften okkulten Inhalts an, die von einem erweiterten Lesepublikum nachgefragt wurden. Analog der aufgeklärten Reduktion der Religion auf die Ethik wurde das Mirakulöse verkürzt und entstellt. Alte Wundergeschichten wurden ihres theologischen Sinns beraubt und als Sensationen vermarket. Doering-Manteuffel stellt sich hier dem Überlieferungsproblem: Da seriöse Bibliotheken diesen magischen „Schund“ nicht ankauften, dürfte er heute nur noch zu einem geringen Teil fassbar sein.

Das 19. Jahrhundert präsentiert Doering-Manteuffel im vierten Kapitel als geprägt von der bewussten Aneignung und Abwandlung magischen Denkens. Wesentliche Arten dieser Aneignung waren die Romantik und der Spiritismus. Die Vieldeutigkeit der Vokabel ‚Geist’ verunklarte die Diskussion im deutschen Sprachraum und leistete damit okkultistischen Strömungen Vorschub. Als einen der unfreiwilligen Wegbereiter des Spiritismus sieht Doering-Manteuffel den Protestantismus, der die katholische Dreiheit von Himmel, Fegefeuer und Hölle aufgelöst und die Gläubigen mit einem allzu abstrakten Jenseitskonzept allein gelassen habe. Die okkultistischen Milieus des Kaiserreichs und der Einfluss des Ersten Weltkriegs auf diese werden im fünften Kapitel untersucht. Sie erwiesen sich großenteils als kleinbürgerlich geprägt. Sozial Schwache konnten sich den billigen Trost von Kartenlegen und Kaffeesatzlesen gerade noch leisten. Dass sich auch ‚Möchtegern’-Prominenz, wie der ‚Hof’ von Karl May, an diesen Aktivitäten beteiligte, bestätigte deren aussichtslose gesellschaftliche Position. Der Krieg steigerte das Interesse an magischen Dienstleistungen.

Anders als die komplexen und zunehmend publikumsfernen Bereiche von Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie bot der Glaube an das Okkulte stets einfache Antworten auf schwierige Fragen. Im 19. und 20. Jahrhundert präsentierten Okkultisten ihre Verkürzungen komplexer Probleme immer wieder aggressiv als Abkürzungen auf dem Weg zur Wahrheit. Zum Okkultismus gesellte sich die Verschwörungstheorie: Okkultistische Pseudowissenschaft wurde von Fachleuten abgelehnt. Diese wurden daraufhin flugs als Ignoranten oder sogar als Mitglieder einer Verschwörung denunziert, welche die wahre Erkenntnis um des eigenen Machterhalts willen behindern wollte. Im sechsten Kapitel geht Doering-Manteuffel okkultistischen Kosmologien mit naturwissenschaftlichem Anstrich nach. Im Vordergrund steht dabei die „Welteislehre“ von Hanns Hörbiger, die gewissen Anklang in der Führung der NSDAP fand. Das lag wohl weniger daran, dass sich einige Parteigänger Hitlers intensiv mit dem Okkultismus befassten, wie Doering-Manteuffel annimmt, sondern resultierte eher daraus, dass Hörbigers Lehre den Rassismus rechtfertigte. Hörbiger und seine Nachahmer, insbesondere Edgar Dacqué (nicht zu verwechseln mit Darré oder d’Alquen), setzten höchst eigenwillige Interpretationen von Mythen gegen die naturwissenschaftliche Forschung. Autoren wie Erich von Däniken gegenüber gilt gemeinhin die ungeschriebene akademische Regel, man solle sie ‚noch nicht mal ignorieren’. Ihre Thematik legt Doering-Manteuffel aber die Verpflichtung auf, sich mit Däniken auseinanderzusetzen. Die Autorin erfüllt diese Pflicht engagiert und belegt, dass seine Spekulationen denen Hörbigers erschreckend ähnlich sind.

Kapitel Sieben untersucht die Kornkreise, ein weiteres hartnäckig ‚unerklärliches Phänomen’, dessen Entstehung doch so ermüdend offensichtlich ist. Doering-Manteuffel weckt das Interesse jedoch neu, indem sie vorschlägt, die Kornkreise im Kontext von belehrend-mirakulösen Geschichten aus dem 17. Jahrhundert zu sehen, in denen ein Teufel firmierte, der Korn in großen Kreisen abmähte. Weiter bringt sie die Kreisformen mit dem Glauben an den Reigentanz der Naturgeister in Verbindung. Wichtiger für das Verständnis der Kornkreise der Gegenwart ist jedoch ihre eigentümliche Vermischung von Okkultismus, Kunst und Umweltbewusstsein, die Doering-Manteuffel ausführlich nachzeichnet. Man ist beruhigt zu erfahren, dass Bauern sich mittlerweile gegen die Ernteschäden, die dieser Unfug jedes Jahr verursacht, versichern können.

Es ist den Aufwand nicht wert, den populären Bücherkult und sein dümmliches Sprüchlein ‚Lesen bildet’, zu kritisieren. Doering-Manteuffel baut das letzte Kapitel ihrer Mediengeschichte des Okkulten jedoch zu einem frontalen, und angesichts der Macht dieses Mediums, mutigen Angriff auf das Internet aus. Nicht nur, dass im Netz Esoterikprodukte vertrieben werden. Das Medium erweist sich als hochgradig anfällig für okkultistische Inhalte. Zum einen besteht die Gefahr der Selbstreferenzialität in zirkulären Verweisen bzw. Links, die Fehlinformationen produzieren. Zum anderen ist das Problem der Anonymität der Autoren bzw. der Leichtigkeit, mit der sich die Identität desjenigen, der Beiträge ins Netz stellt, verschleiern lässt, nicht zu lösen. Mehr noch: Die weitgehend ungeregelte Informationsproduktion im Internet führt zum Gegenteil von kritisch reflektiertem Wissen, nämlich zum Okkulten. Den Optimismus von Wikipedia weist Doering-Manteuffel als naive Übernahme aus kapitalistischen Ideologien zurück. Ebenso wenig, wie sich Märkte von allein regelten, blieben Wissensbestände wissenschaftskonform, wenn sie ‚Communities’ von anonymen oder schwer identifizierbaren Autoren überlassen würden. Richtiges und Falsches lasse sich nicht durch Mehrheitsentscheidung differenzieren. Doering-Manteuffel geht noch weiter: Das Internet sei das erste Medium, das nicht nur das Okkulte transportiere, sondern in sich selbst, in seiner Anonymität und Regellosigkeit, okkult sei. Hier ist Doering-Manteuffels Urteil sicherlich sehr hart, zumindest aus der Perspektive des keineswegs anonymen Autors dieser für das Internet bestimmten Rezension.

Doering-Manteuffel beweist, dass man bestens lesbare Bücher schreiben kann, ohne die Standards der Fachwissenschaft zu kompromittieren. Sowohl ihr Stil als auch ihr Anmerkungsapparat entsprechen höchsten Ansprüchen. Das einzige Manko ist, dass ein Literaturverzeichnis fehlt. Zwar findet sich alle verwendete Literatur in den Anmerkungen, gleichwohl hätte man sich einen Überblick in einer Bibliografie gewünscht. Das Register, das sowohl Orte und Personen als auch Sachlemmata verzeichnet, erhöht die Benutzbarkeit des Bandes. Der Text wird durch zahlreiche Abbildungen gut illustriert. Der Siedler Verlag demonstriert, dass man gebundene und sehr gut ausgestattete Bücher auch preiswert machen kann.

Sabine Doering-Manteuffels Mediengeschichte des Okkulten ist rundherum gelungen. Der Band verdient die Aufmerksamkeit der Fachwissenschaft und des breiten Lesepublikums uneingeschränkt.

Zitation
Johannes Dillinger: Rezension zu: Doering-Manteuffel, Sabine: Das Okkulte. Eine Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung. Von Gutenberg bis zum World Wide Web. Berlin 2008 , in: H-Soz-Kult, 16.07.2008, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10759>.
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16.07.2008
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