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Titel
Edwin Redslob. Biographie eines unverbesserlichen Idealisten


Autor(en)
Welzbacher, Christian
Erschienen
Umfang
544 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Max Bloch, Berlin

Christian Welzbachers Biographie über Edwin Redslob hat bereits vor ihrem Erscheinen das Interesse an dessen kulturpolitischem Schaffen neu geweckt. So veranstaltete das Kunsthistorische Institut der Freien Universität Berlin im Januar 2009 eine zweitägige Tagung zum Thema „Der Reichskunstwart. Staatliche Kulturpolitik in der Weimarer Republik 1920 bis 1933“, die vor allem auf Welzbachers Initiative zurückging.[1] Wie er in einer Nachbemerkung seines Buches betont, hat der Autor selbst gegenüber Redslob einen durchaus „distanzierten, unpersönlichen Standpunkt“ eingenommen und strikte Neutralität gewahrt (S. 405f.). So wohlfeil derartige Bekenntnisse auch anmuten, so kann bei Lektüre des Buches von Heldenverehrung tatsächlich nicht die Rede sein. In munterem Plauderton, ohne langatmige kunsttheoretische Exkurse, folgt Welzbacher Redslobs Spuren mit einer mitunter ironisch aufschimmernden Reserve, die an jene „bübische Verschmitztheit“ (S. 398) erinnert, die er Redslob verschiedentlich attestiert. Bereits Kapitelüberschriften wie „Zwischen den Lehrstühlen“ oder „Der gefühlte Widerstand“ weisen dezent, aber deutlich auf ein nicht eben affirmatives Verhältnis des Autors zu seinem Forschungsgegenstand hin.

Edwin Redslob wurde 1884 in Weimar geboren. Der Geburtsort sollte für sein ganzes Leben von grundlegender Bedeutung sein: Die Weimarer Klassik, Goethe, der Humanismus – diesem Geist sah er sich, auch als „Moderner“, verpflichtet. Ihn zu neuer Form zu führen, begriff er als seine Mission. Weder Epigonie noch Bruch, sondern Anknüpfung und Fortentwicklung war sein Credo, und die Gründe für dieses Kunstverständnis wurden bereits in früher Jugend gelegt. Als ein aufgeweckter Knabe von einnehmendem Wesen wurde sein Potential von großen Geistern, die in Weimar wirkten, erkannt und gefördert: Christian Rohlfs, in Redslobs autobiographischen Schriften als „Meister Christian“ verklärt, Henry van de Velde und später auch Harry Graf Kessler nahmen sich des vielversprechenden jungen Mannes an, der durch solch prominenten Zuspruch Teil jenes „Netzwerks der Moderne“ (S. 111) wurde, das die Erneuerung der Kunst und die Erziehung des Volkes mit den Mitteln der Kunst sich zum Ziel gesetzt hatte. Ein anderer Weimarer Zeitgenosse hat sich ihm erst später durch das Studium seiner Schriften erschlossen: Friedrich Nietzsche, damals noch ein Weimarer Kinderschreck und „geistig umnachteter Riesenschnauzer“ (S. 39).

Redslob war ehrgeizig. Mit 28 Jahren übernahm er die Leitung des Erfurter Stadtmuseums und war damit der jüngste Museumsdirektor, den Deutschland bis dahin kannte. Er führte moderne Marketingstrategien, wie sie von Wilhelm von Bode in Berlin erprobt worden waren, auch in Erfurt ein und positionierte sein Haus durchaus erfolgreich in der Museumslandschaft des Reiches.

Von nachhaltiger Bedeutung sollte für Redslob die erste Begegnung mit dem Expressionismus sein, die in die Zeit des Ersten Weltkriegs fiel. Die Entdeckung der neuen Kunst kam tatsächlich einer Erweckung gleich. Nicht grundlos stellt Welzbacher seinem Buch einen Brief Ernst Ludwig Kirchners an Redslob voran, der Zeugnis einer nicht unproblematischen Männerfreundschaft ist. Redslobs emphatisches Bekenntnis zur künstlerischen Avantgarde stieß in Thüringen jedoch auf Unverständnis. In Stuttgart, wohin es ihn nach seiner Kündigung zog, begegnete er ähnlich gelagerten Vorbehalten. Und so trat er im Herbst 1920 eine Stelle an, die er mit unermüdlichem Gestaltungswillen, mit Arbeitswut und Schaffensdrang auszufüllen bestrebt war, deren tatsächlichem Gestaltungsspielraum jedoch enge Grenzen gesetzt waren: die erst kurz zuvor geschaffene Stelle eines „Reichskunstwarts“.

Hierbei handelte es sich um ein Kompromissprodukt. Die Hoffnungen, die sich vor allem von liberaler Seite ursprünglich auf eine nationale Kulturinstanz richteten, gingen nicht auf. Mit geringen Kompetenzen und kaum ausreichenden Mitteln versehen, war die Stelle de facto auf eine nur beratende Funktion zurechtgestutzt. Diesen Mangel glich Redslob durch Enthusiasmus und Erfindungsreichtum aus und wollte so seine Kernaufgabe, die „künstlerische Formgebung des Reichs“, erfüllen. Ihm ging es hierbei, wie Welzbacher betont, um den engen „Konnex zwischen Moderne und demokratischem Aufbruch“ (S. 134), um eine zeitgemäße Formensprache der Republik. Nicht von ungefähr war eine seiner ersten Amtshandlungen der Auftrag an Karl Schmidt-Rottluff zur Gestaltung eines neuen Reichsadlers. Und nicht von ungefähr scheiterte er hiermit am Widerstand der Mitentscheider. Das Ziel, den Expressionismus als republikanische Staatskunst zu etablieren, war somit von Anfang an in weite Ferne gerückt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Politiker, der in puncto Kunstverstand und Aufgeschlossenheit gegenüber der Moderne bei Welzbacher am besten wegkommt, Reichskanzler Hans Luther ist. Er sei „nicht nur ein versierter Berufspolitiker“ gewesen, sondern auch eine „kultivierte, gebildete Persönlichkeit“, „deren Erscheinung im parlamentarischen Umfeld herausstach“ (S. 143).

Am 1. März 1933 wurde Redslob von Reichsinnenminister Frick in den Ruhestand versetzt. Welzbachers Befund, dass er sich, wenn es nach ihm gegangen wäre, auch dem neuen Staat anstandslos zur Verfügung gestellt und dass insbesondere der „Tag von Potsdam“ unverkennbar seine Handschrift getragen hätte, erscheint bei alledem fraglich. Redslob wenn nicht als Ideen-, so doch als Formgeber der nationalsozialistischen Selbstinszenierungen – hier wird seine Rolle, bei allem Pomp, der auch die republikanischen Staatsfeiern gekennzeichnet hatte, schlichtweg überzeichnet. Ganz abgesehen davon, dass Redslob fraglos zu den Opfern der nationalsozialistischen Politik zu zählen ist. Daran ändert auch sein publizistischer Erfolg in den 1930er-Jahren nichts, zumal das Schreiben für viele kaltgestellte Republikaner – etwa auch für seinen Weggefährten Theodor Heuss – das letzte Refugium schöpferischer Arbeit blieb. Für Welzbacher hatte sich Redslob jedoch durch Werke wie „Des Reiches Straße“ zu einem „staatstragenden Autor“ (S. 266) entwickelt. Die von ihm angeführten Verbeugungen vor dem nationalsozialistischen Sprachgebrauch, die obligatorischen Huldigungen an den „Führer“, schließlich die deutlich antisemitischen Untertöne nehmen sich tatsächlich nicht sonderlich sympathisch aus, machen insbesondere Redslobs spätere Selbststilisierung zum „Antifaschisten“ und „Widerstandskämpfer“ mehr oder weniger unglaubwürdig, können aber auch als Tricks gewertet werden, um das Buch die staatliche Zensur passieren zu lassen. Ein „Nazi-Autor“, wie von der SED-Propaganda später behauptet, war Redslob deshalb nicht, auch wenn die überlieferten Zeugnisse oppositioneller Grundhaltung zwischen 1933 und 1945 – so lehnte er die Judenverfolgung aus christlichem Ethos ab – rar gesät sind.

Auch nach 1945 erscheint Redslob durchaus nicht als der demokratische Saubermann, als der er sich selbst zu profilieren suchte. Manche Äußerungen rücken ihn durchaus in die Nähe der zeitgenössischen Rechtfertigungsliteratur: So wenn er anlässlich einer Ausstellungseröffnung 1946 betonte, dass das unvergängliche Werk deutscher Künstler – er nannte hier vor allem Käthe Kollwitz – allein schon ausreichen würde, um das deutsche Volk zu „entsühnen“ (S. 316). Oder wenn er sich im Oktober 1945 zu dem Streit zwischen Thomas Mann und Frank Thiess dahingehend äußerte, dass sich das geistige Deutschland, das die nationalsozialistische Diktatur im Lande selbst überdauert habe und zu dem er sich selbst rechnete, es ablehnen müsse, „nun vom Schreibtisch eines einst deutschen Schriftstellers, auf den die warme Sonne Kaliforniens scheint, als befleckt erklärt“ zu werden (S. 334). All das änderte aber nichts daran, dass er nach 1945 wieder nahtlos da anknüpfen konnte, wo er 1933 hatte aufhören müssen. Als Mitbegründer der Berliner Zeitung „Der Tagesspiegel“, als Professor der Kunstgeschichte, als Rektor der Freien Universität, als Gründer eines Museums, als streitbarer Kommentator im Kalten Krieg, als Zeitzeuge und Deuter in eigener Sache wurde Redslob eine der populärsten Figuren im geteilten Berlin, bevor er, hochbetagt, 1973 verstarb.

Welzbacher hat sein Buch die „Biografie eines unverbesserlichen Idealisten“ genannt und damit einen treffenden Titel für eine mitunter allzu leichtfüßige, aber kenntnisreiche und gut zu lesende Lebensbeschreibung gefunden.

Anmerkung:
[1] Vgl. die Ankündigung „Der Reichskunstwart. Staatliche Kulturpolitik in der Weimarer Republik 1918 bis 1933“ <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin/termine/id=10647>.

Zitation
Max Bloch: Rezension zu: Welzbacher, Christian: Edwin Redslob. Biographie eines unverbesserlichen Idealisten. Berlin 2009 , in: H-Soz-Kult, 09.04.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11464>.
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09.04.2009
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