S. Externbrink (Hrsg.): Der Siebenjährige Krieg (1756–1763)

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Titel
Der Siebenjährige Krieg (1756–1763). Ein europäischer Weltkrieg im Zeitalter der Aufklärung


Hrsg. v.
Externbrink, Sven
Erschienen
Berlin 2011: Akademie Verlag
Umfang
296 S.
Preis
€ 79,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nadir Weber, SNF-Projekt „‚Verstaatlichung‘ von Aussenbeziehungen“, Historisches Institut, Universität Bern

Die transnationale Perspektive, die in der Geschichtswissenschaft seit einigen Jahren großgeschrieben wird, hat nicht nur bis anhin unbeachtete Verflechtungszusammenhänge der Vergangenheit ans Licht gebracht, sondern verhilft auch scheinbar verstaubten Themen wieder zu neuem Glanz. Dies gilt nicht zuletzt für den Siebenjährigen Krieg, dessen Deutung im 19. und frühen 20. Jahrhundert stark von nationalen Narrativen geprägt war. Gerade in der deutschen Geschichtsschreibung führte die jahrzehntelange Fokussierung auf die Person Friedrichs des Großen und die Behauptung Preußens als Großmacht nach 1945 zu einer weitgehenden Abkehr der Forschung von diesem Gegenstand, was sich in einem auffallenden Mangel an neueren Gesamtdarstellungen niedergeschlagen hat. In den letzten Jahren sind nun gleich mehrere Überblickswerke – darunter auch ein deutschsprachiges – erschienen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Geschichte des Siebenjährigen Krieges in seinen europäischen, transatlantischen oder globalen Zusammenhängen neu zu schreiben.[1] Der von Sven Externbrink herausgegebene Band reiht sich in diese Serie gleich in doppelter Hinsicht ein, indem er sowohl die europäischen wie auch die globalen Dimensionen des Konflikts hervorhebt. Inwiefern sich diese beiden Perspektiven im nicht näher definierten Begriff des „europäischen Weltkriegs“ sinnvoll verbinden lassen, bleibt dabei zunächst offen – es wird darauf noch zurückzukommen sein.

Die Beiträge der insgesamt zwölf Forscherinnen und Forschern aus Deutschland, England und Frankreich verteilen sich auf drei Kapitel, die bereits antizipatorisch die in der knappen, aber konzisen Einleitung skizzierten Perspektiven für die zukünftige Forschung (S. 22f.) abdecken: die globalen Dimensionen und die Interaktion einer Vielzahl unterschiedlicher Akteure und Interessen, die kulturellen Deutungen und Nachwirkungen sowie die alltagsgeschichtlichen Aspekte eines Krieges im Zeitalter der Aufklärung. Gleich zu Beginn des ersten Kapitels, das den internationalen Beziehungen und dem Staatensystem gewidmet ist, deutet Olaf Asbach den Siebenjährigen Krieges als „Knotenpunkt der Bündelung und Neuausrichtung frühneuzeitlicher Entwicklungstendenzen“. Er bilde damit zugleich den „Auftakt zu jenem historischen Zeitraum, in dem die in Europa generierten politischen und sozioökonomischen Strukturen und Dynamiken […] einen globalen Handlungs- und Interaktionsraum generieren, der von europäischen Interessen, Akteuren und Konflikten geprägt ist“ (S. 40). Zur Untermauerung dieser Aussage werden langfristige Prozesse wie die Entstehung einer spezifisch neuzeitlichen Rationalitätskultur und die Ausbildung eines europäischen Staatensystems mit eigenen Konfliktregulierungsmechanismen und deren Schwächen umrissen. Der anregende Beitrag öffnet einen weiten Horizont, der vom 16. bis ins 19. und 20. Jahrhundert reicht; bisweilen vermisst man dabei aber die konkreten Bezüge zum Ereignis des Siebenjährigen Krieges, der im Auge des Wirbelsturms großer Entwicklungen und Umbrüche seltsam unberührt verharrt.

Reichlich empiriegesättigt kommen dafür die anschließenden Beiträge daher. Brendan Simms zeigt auf, wie stark die Londoner Außenpolitik im Vorfeld des Siebenjährigen Krieges noch von der Sorge um die Machtverhältnisse im „Empire“ – das heißt im Alten Reich! – und um die Sicherheit des exponierten Kurfürstentums Hannover bestimmt war. Lucien Bély verfolgt die Diplomatie des französischen Rivalen, die zum berühmten „renversement des alliances“ sowie zum „Familienpakt“ mit der spanischen Krone führte. Besonders lesenswert sind die Ausführungen von Michael Mann zu den Konflikten auf dem indischen Subkontinent und von Ulrike Kirchberger zum Verhältnis zwischen nordamerikanischen Indianern und britischen Kolonisten. Sie rücken beide nicht nur die weltumspannenden Zusammenhänge des Siebenjährigen Krieges in den Blick, sondern fragen auch explizit nach den Interessen und Zielen der nichteuropäischen Konfliktteilnehmer. Mann zeigt auf, wie in London nicht zuletzt aufgrund der von Mitarbeitern der East India Company zusätzlich geschürten Franzosenphobie tatsächlich zusehends Politik im Weltmaßstab betrieben wurde, während indes „von dieser globalen ‚Positionierung‘ zweier europäischer Mächte […] in Südasien niemand Kenntnis zu nehmen“ (S. 124) schien. Auch die verschiedenen am französisch-britischen Konflikt in Nordamerika beteiligten indigenen Gruppen verfolgten jeweils lokalspezifische Interessen; die wechselseitigen Perzeptionen zwischen britischen Kolonisten und indianischen Ethnien waren dabei nach Kirchberger abhängig von situativen Konstellationen und blieben entsprechend dehn- und wandelbar.

Die im zweiten Kapitel des Bandes untergebrachten Beiträge wenden sich den Kriegswahrnehmungen und -nachwirkungen in Politik, Literatur und Kunst zu. Sven Externbrink zeigt auf, dass Voltaire in seiner Korrespondenz die globalen Dimensionen des Konflikts schon früh erkannte und dass seine Kommentare zum Zeitgeschehen gewissermaßen als Vorübung zum „Candide“ verstanden werden können. Jörg Ulbert skizziert die Wirkungsgeschichte der „diplomatischen Revolution“ in Frankreich und relativiert damit auch deren Nachhaltigkeit. Beatrice Heuser verfolgt die unterschiedlichen Beurteilungen Friedrichs des Großen in der Strategieliteratur des 18. bis 20. Jahrhunderts. Der von ihr im Titel verwendete Begriff des Mythos bleibt dabei leider etwas unklar – sind alle früheren Deutungen, die von der heutigen Forschung nicht mehr vertreten werden, automatisch als politische Mythen zu betrachten? Besonders hervorzuheben ist der Beitrag von Joachim Rees zum Wandel des militärischen Ereignisbildes im Kontext des Siebenjährigen Krieges. In beeindruckender Weise gelingt es dem Autor aus kunsthistorischer Perspektive zu mehreren wesentlichen Fragestellungen des Bandes pointierte Deutungen vorzulegen, so zum Zäsurcharakter des Siebenjährigen Krieges (Niedergang des „roi guerrier“; Bildwerdung der Nachkriegszeit), seinen globalen Dimensionen, versinnbildlicht etwa im Bildprogramm von Schloss Arolsen, und den Spezifika der stark episodisch respektive szenisch geprägten Erinnerungskultur.

Die Praxis der szenischen Verdichtung als Merkmal der Wahrnehmung und Repräsentation eines für die Zeitgenossen ansonsten in seiner Komplexität schwer fassbaren Konflikts hebt auch der im dritten, eher alltagsgeschichtlich ausgerichteten Kapitel des Bandes platzierte Beitrag von Marian Füssel zur Schlacht von Hochkirch 1758 hervor. Man findet darin zudem interessante Beobachtungen zu den Beschreibungsweisen von Schlachten in Selbstzeugnissen und zum „Zeremoniell der Information“ über militärische Ereignisse. Der vorgelagerte Beitrag von Sylviane Llinares zu den „menschlichen Aspekten“ der Mobilisierung in der französischen Marine fällt dagegen durch den weitgehenden Verzicht auf Anmerkungen bereits formal aus dem Rahmen und weist wenige direkte Bezüge zu den Fragestellungen des Sammelbandes auf.[2] Ralf Pröve zeigt schließlich in bemerkenswert prägnanter Kürze, wie im Kontext des Siebenjährigen Krieges neben den traditionellen Topoi der bellum-iustum-Lehre ein neues „Informationsdesign“ zur Delegitimierung des militärischen Gegners zur Anwendung kam. Dieses beruhte auf der Diffamierung und Ethnisierung der Kombattanten (ein Aspekt, der auch bei Rees ikonographisch bestätigt wird), der Anprangerung taktischer Kriegsführung im Rahmen des „Kleinen Krieges“ und der Auflistung von Übergriffen auf die Zivilbevölkerung. Zielpublikum solcher Informationen war nicht mehr primär die Welt des Adels und der Diplomaten, sondern eine gegenüber den Kriegen der Könige zusehends kritisch eingestellte bürgerliche Öffentlichkeit.

Insgesamt ist der überwiegende Teil der Beiträge dieses Sammelbandes von hoher Qualität, und obgleich es nicht in der Natur dieser Publikationsform liegt, ein systematisch-vollständiges Bild ihres Gegenstandes bieten zu können (etwa durch Berücksichtigung aller Kriegsschauplätze), eignet er sich zumindest für den französisch-britischen Konflikt durchaus auch als Nachschlagewerk. Was noch nicht abschließend geklärt sein dürfte, ist die Frage, inwiefern sich die über den Globus verteilten und vielfach nur lose miteinander in Beziehung stehenden militärischen Konflikte noch zu einem kohärenten Gesamtbild fügen lassen. Ist es wirklich gerechtfertigt, den Siebenjährigen Krieg als „Weltkrieg“ zu bezeichnen, als ersten der Geschichte gar, wie dies auch im vorliegenden Buch mehrmals getan wird (S. 14, 32, 38, 103)? Die Beiträge im Band belegen, dass die globalen Zusammenhänge der militärischen Konflikte einer aufgeklärten Elite in Europa sowie den Entscheidungsträgern in London und Versailles durchaus bewusst waren respektive zusehends bewusst wurden. Vieles deutet aber auch darauf hin, dass sich die außereuropäischen Akteure kaum für die erdumspannenden Dimensionen des bourbonisch-britischen Gegensatzes interessiert haben. Dies passt zur Feststellung, dass Ausbildungen eines globales Weltbildes in der Frühen Neuzeit weitgehend auf Europa beschränkt blieben[3], im Zeitalter der Aufklärung angereichert mit einem Gefühl zivilisatorischer Überlegenheit, das in mehreren Beiträgen in Bezug auf die Darstellung außereuropäischer Konfliktteilnehmer deutlich zutage tritt. Entsprechend ist der Siebenjährige Krieg in seinem Charakter als Weltkrieg wohl letztlich nur als eurozentrische Projektion fassbar; der scheinbar widersprüchliche Untertitel des Sammelbandes trifft diesen Punkt eigentlich ganz gut.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Franz A. J. Szabo, The Seven Years War in Europe, 1756–1763, Harlow 2008; Matt Schumann / Karl Schweizer, The Seven Years War. A Transatlantic History, London 2008; Marian Füssel, Der Siebenjährige Krieg. Ein Weltkrieg im 18. Jahrhundert, München 2010; Daniel Baugh, The Global Seven Years War, 1754–1763. Britain and France in a Great Power Contest, Harlow 2011.
[2] Wir vermissen in der „bibliographie indicative“ ferner einen Hinweis auf die grundlegende Studie von Jonathan R. Dull, The French Navy and the Seven Years’ War, Lincoln 2005, die seit 2009 auch in französischer Übersetzung vorliegt.
[3] Vgl. Jürgen Osterhammel / Niels P. Petersson, Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, 4. durchgesehene Aufl., München 2007, S. 45.

Zitation
Nadir Weber: Rezension zu: Externbrink, Sven (Hrsg.): Der Siebenjährige Krieg (1756–1763). Ein europäischer Weltkrieg im Zeitalter der Aufklärung. Berlin 2011 , in: H-Soz-Kult, 06.02.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11610>.
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06.02.2012
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