Cover
Titel
Imaginierte Geographien. Der schwedische Reisebericht der 1980er und 1990er Jahre und das Ende des Kalten Krieges


Autor(en)
Mohnike, Thomas
Erschienen
Würzburg 2007: Ergon Verlag
Umfang
274 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
David Kuchenbuch, Institut für Geschichte, Universität Oldenburg

Thomas Mohnikes Analyse der "imaginierten Geographien" im Schweden der 1980er- und 1990er-Jahre beginnt mit einem Schlüsselstatement, zu lesen 2003 in der größten schwedischen Tageszeitung "Dagens Nyheter": "Niemand weiß mehr, was 'Schweden' ist." (S. 9) Wie Mohnike im Verlauf seines Buchs zeigt, weiß man zugleich aber sehr wohl, wo Schweden liegt – nämlich in Europa, einem vernetzten Europa mit einer gemeinsamen Geschichte in einer globalisierten Welt.

Mohnike untersucht in seiner Freiburger Dissertation schwedischsprachige Reiseberichte als "Medien geographischer Imagination" (S. 13), das heißt, er versucht am Beispiel eines literarischen Genres darzustellen, wie sich vorgestellte geographische Gemeinschaften verändern, wie kollektive symbolische Verortungen diskursiv ausgehandelt werden. Er geht dabei von der Grundannahme aus, dass man von der Literatur als Spezialdiskurs auf größere, allgemeine gesellschaftliche Diskurse schließen kann, auf "Strukturmerkmale von zur selben Zeit virulenten imaginierten Geographien" (S. 144). Diesbezüglich stützt er sich auf Theoretiker wie Edward Said, Benedict Anderson und Homi Bhaba, die gezeigt haben, dass literarische Medien Zugehörigkeit und Fremdheit, Identität und Alterität konstituieren.[1] Mohnike versteht mit dem Philosophen Bernhard Waldenfels die Reise in die Fremde als ein Erlebnis des Ordnungsbruchs: Die Begegnung mit dem exotischen Anderen, so heißt es etwas kryptisch, provoziere Antworten auf Fragen, die das Fremde selbst nicht stelle. Mohnike will also analysieren, ob und wie in schwedischen Reiseberichten Eigenes und Fremdes narrativ konstruiert beziehungsweise in Frage gestellt werden, und welche Selbstverortungen dabei beim Leser mal offen, mal implizit vorausgesetzt werden. Und er interpretiert seine Befunde als Indizien für die Veränderung der Selbst- und Fremdbeschreibungen im Schweden des späten 20. Jahrhunderts.

Dafür schlägt er vorab eine (nicht immer ganz trennscharfe) "Typologie der Alterität" vor. Diese differenziert zwischen völlig fremden, vermeintlich akulturellen Topographien (Wüsten, die Arktis etc.), zwischen "heterologen Kulturen", die nicht selten utopischen Charakter haben, und "homologen", also als verwandt beschriebenen Kulturen. Diese Unterteilung strukturiert das Buch – es beginnt mit der Analyse von Reiseberichten über die exotische Fremde und endet gewissermaßen bei den Schilderungen der Ankunft in Europa. Mohnike kontrastiert dabei jeweils Veröffentlichungen aus den 1980er- und frühen 1990er-Jahren mit solchen jüngeren Datums und arbeitet differenziert die Unterschiede zwischen ihnen heraus.

So zeigt er zum Beispiel anhand der Arktisschilderungen von Gunnar Brusewitz ("Arktischer Sommer") und Per Olof Sundmann ("Eismeer") von 1981 respektive 1982, wie hier die Besatzung des Eisbrechers "Ymer", zu der beide Autoren 1980 gehörten, als nationale Gemeinschaft gezeichnet wird, die einer rauen, bizarren und kaum beschreibbaren Umgebung trotzt. Das Expeditionsteam wird zur Allegorie des von Gleichheit und Gerechtigkeit geprägten Wohlfahrtsstaats Schweden – dessen bedrohte Neutralität zwischen den Blöcken des kalten Krieges nicht zuletzt deutlich wird, als man deutschen Kriegsschiffen begegnet. Berichte der 1990er-Jahre über ähnlich lebensfeindliche Gebiete wie die Polarregionen – insbesondere Wüsten – betonen demgegenüber stärker die Vielschichtigkeit der besuchten Orte, rekurrieren häufiger auf als "westlich" oder "europäisch" konnotierte Vorgängertexte und verorten den schwedischen Leser/Reisenden teils sehr kritisch in der Geschichte der "Eroberung" und kolonialen Ausbeutung dieser Gegenden. Zugleich markieren sie durch ihre offene Intertextualität den Inszenierungscharakter des "Eigenen".

Ähnliche Verschiebungen arbeitet Mohnike auch für Reisen in "heterologe" und "homologe" Kulturen heraus: Tibet wird beispielsweise in Tomas Löfströms "Die Lange Reise nach Lhasa" (1984) noch als eine Art fremde Sozialdemokratie zwischen Ost und West gezeichnet und verweist als Sehnsuchtsort des Erzählers auf dessen schwedische Heimat zurück – ganz wie das um seine Freiheit kämpfende Afghanistan in den Dokumentationen Jan Myrdals aus den 1980er-Jahren. Myrdals eher fragmentarisches Mexikobuch von 1996 geht dagegen viel vorsichtiger mit Begriffen wie "Nation" und Ethnizität" um. Die vielen Europareisebücher der 1990er-Jahre, etwa Stig Claessons "Nach Europa – eine Wiederkehr" (1994) und Ulf Peter Hallbergs "Der Blick des Flaneurs" (1993), erzählen dann überwiegend anekdotenhaft von stark miteinander vernetzten europäischen Städten. Identität und Alterität schillern hier, denn ein Gefühl von Fremdheit wird allenfalls durch die Rekonstruktion einer vergessenen gemeinsamen europäischen Geschichte erzeugt.

Mohnike identifiziert im überwiegenden Teil der etwa Siebzig von ihm ausgewerteten Reiseberichte eine Tendenz, sich von großen politischen Themen wie der Blockauseinandersetzung zu lösen, vor allem aber von den Kategorien der Nation, der Völker, der klar definierbaren Kollektivsubjekte. Zunehmend wird die Verflechtung Schwedens (und der schwedischen Reisenden) in eine supranationale, europäische, transatlantische oder westliche Geschichte zum Thema. Diese ist oft eine gemeinsame Schuldgeschichte: Autor/innen der 1990er-Jahre sehen Kolonialismus und Holocaust als gemeinsame Hypothek der westlichen Zivilisation. Zugleich entlarven ihre Reiseberichte vermeintlich klar abgegrenzte geographische Entitäten als mediale Konstruktionen, sie interpretieren sie als temporäre Teilgebilde innerhalb einer sich unentwegt neu ordnenden, globalisierten Landschaft. Unterstrichen wird dies auch durch eine veränderte Bildverwendung. Während, so Mohnike, in den 1980er-Jahren die Authentizität des Reisererlebnisses oft mit Fotos ausgewiesen wird, verweisen die Cover späterer Veröffentlichungen, die oft stärker künstlerisch gestaltet sind, auf den Inszenierungscharakter des Geschilderten – leider lässt sich das anhand der allzu kleinen Reproduktionen der Buchumschläge nicht wirklich gut nachvollziehen.

Eine Frage lässt Mohnike unbeantwortet: Was macht eigentlich die ausgewählten Autoren der Nachwendejahre zu "schwedischen Autoren", wenn es doch Schweden nicht mehr zu geben scheint? Warum schreiben sie weiterhin vorrangig für ein schwedischsprachiges Publikum? Offenbar ist der Prozess, den Mohnike beschreibt, noch nicht abgeschlossen; es gilt also, sich weiter Gedanken über die Historisierung des Eigenen und des Anderen zu machen, und zwar nicht nur in Schweden und nicht nur in literarischen Diskursen. Ob Wechselwirkungen zwischen Reiseschilderungen und beispielsweise wissenschaftlichen und politischen Diskursen über die europäische oder die globale Identität bestehen, ob sich ähnliche Muster auch in anderssprachigen Texten ausmachen lassen, all das sind interessante Forschungsthemen. Mohnikes transparent geschriebenes Buch hält dafür wichtige Anregungen bereit.

Anmerkung:
[1] Mohnikes Studie stammt aus dem Kontext des Freiburger SFB 541 "Identitäten und Alteritäten" und dem Freiburger und Berliner skandinavistischen DFG-Projekt "Alterität der Literatur – Literatur der Alterität. Das Eigene und das Andere in den skandinavischen Literaturen".

Zitation
David Kuchenbuch: Rezension zu: Mohnike, Thomas: Imaginierte Geographien. Der schwedische Reisebericht der 1980er und 1990er Jahre und das Ende des Kalten Krieges. Würzburg 2007 , in: H-Soz-Kult, 08.12.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13674>.
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Veröffentlicht am
08.12.2009
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